16 Fälle von Kidnapping und die durchaus berechtigte Frage nach dem Leid der Opfer und der Angehörigen

Ein neues Thema im Reigen der Tatsachenberichte aus dem Militzke Verlag: Entführung, Menschenraub, Geiselnahme. In deutschen Medien sorgen die Entführungsdramen spätestens seit den 1970er Jahren und den gewalttätigen Aktionen der RAF für oft wochen- und monatelanges Aufsehen. Die Öffentlichkeit fiebert mit. Aber sind Kidnappings eigentlich eine besondere Art von Kriminalität?
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Im Strafgesetzbuch sind mehrere Tatbestände dazu definiert: Menschenraub, Verschleppung, Freiheitsberaubung, Geiselnahme und erpresserischer Menschenraub. Und einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt Stefan Ummenhofer auch nicht. Das würde ziemlich bald den Rahmen so eines Buches sprengen, wenn man nur bedenkt, wie viele Straftaten, die als Mord oder gar Mordserie die Republik beschäftigt haben, mit gewaltsamen Entführungen vonstatten gingen. Tatsache ist eher, dass politische Entführungen – von denen die Entführung des Berliner CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz 1975 durch ein „Kommando 2. Juni“ ins Buch gefunden hat – eher selten sind im Vergleich mit jenen rabiaten Entführungen, bei denen es in der Regel immer nur um Geld ging.

Und weil davon in der Regel die Reichen der Republik betroffen waren, sind die Fälle auch entsprechend spektakulär geworden – ob das nun die Entführung eines der ALDI-Brüder, Theodor Albrecht, 1971 war, die Oetker-Entführung von 1976 oder die Entführung von Jan Philipp Reemtsma im Jahr 1996. Entsprechend gigantisch waren auch die Lösegeldforderungen. Daraus allein schon hätte Ummendorfer ein spektakuläres Buch machen können. Aber das war nicht ganz seine Absicht. Denn tatsächlich sind auch diese Entführungen der namhaften Reichen nur die Spitze des Eisbergs. Und oft sind es auch nicht die berühmten Erben selbst, sondern ihre Ehefrauen oder Kinder, die am hellerlichten Tag entführt werden. Oft sind es aber auch Zufallsopfer, Menschen, von denen die Ganoven nur mutmaßen, da könnte man genügend Geld erpressen.

Es sind eher die Fälle der Unbekannteren und Namenlosen in diesem Buch, die deutlich machen, was für ein grausames und herzloses „Geschäft“ die Entführung von Menschen ist. Auch in Deutschland, obwohl das Land eindeutig im Vergleich mit anderen Ländern – in diesem Buch beispielsweise Italien und die USA – ein von Kidnappern weniger geplagtes Land ist. Was auch damit zu tun hat, dass Entführungen in der Bundesrepublik zu 90 Prozent aufgeklärt werden. Damit rangiert die Aufklärungsquote gleich hinter Mord und Totschlag, wo die Polizei 95 Prozent Aufklärungsrate aufweisen kann. Kidnapping lohnt sich also nicht, stellt Ummenhofer fest. Was nur zum Teil zutrifft, denn oft genug bleiben große Beträge der Lösegelder auch nach Verhaftung und Verurteilung der Täter verschwunden, ganz so, als hätten die Ganoven fest damit gerechnet, für 12 oder 15 Jahre eingebuchtet zu werden und hinterher dann doch von der Beute leben zu können.

Entsprechend brutal gingen die meisten Täter freilich vor. Und die seinerzeit viel diskutierte „Luxusvariante“ der Entführung von Jan Philipp Reemtsma ist ganz gewiss nicht der Normalvorgang, auch wenn die Täter in diesem Fall relativ „professionell“ vorgingen, um an eine 30-Millionen-Mark-Beute zu kommen. Der Fall zeigt aber auch, dass auch das Verhalten des Opfers eine Rolle dabei spielt, ob eine Entführung eskaliert. Und mehrere Fälle in diesem Band erzählen eben auch davon, dass die Erpresser ihre Entführungsopfer schon in den ersten Stunden oder Tagen der Entführung getötet haben. Manche sogar in eiskalter Überlegung wie in „Familienbande“, ein Fall von 1991. Tatsächlich hat man es auch bei Entführungen mit ähnlich eiskalten Tätern zu tun wie bei Mordfällen – deswegen gehen die Taten auch oft so nahtlos ineinander über. Viele spektakuläre Mordfälle in der Bundesrepublik haben als Entführung begonnen.

Oft deuten Mordfälle darauf hin, dass hier etwas „entgleist“ ist – entweder weil das Opfer sich wehrte oder zu fliehen versuchte oder die Täter auf einmal nicht weiter wussten. Denn dass Entführungen „professionell“ durchgeplant sind, ist die Ausnahme. Oft herrscht bei den Taten reiner Dilettantismus, was die Lebensgefahr für die Opfer um ein Vielfaches erhöht. Und lange Zeit hatte die Polizei in Deutschland ein Problem, dem seit den 1970er Jahren deutlich zunehmenden Kidnapping überhaupt Paroli bieten zu können. Fälle wie der Fall Joachim von 1958 waren bis in die 1970er eher die Ausnahme.

Man könnte auch sagen: Mit wachsender Globalisierung und immer mehr offenen Grenzen ist auch Deutschland zunehmend zum Tummelplatz der hartgesottensten Ganoven geworden, die über Grenzen hinweg operierten und oft nach erfolgter Tat in fern gelegenen Ländern untertauchten.

Es ist nicht das einzige Kriminalitätsfeld, auf dem die technischen und institutionellen Möglichkeiten der deutschen Polizei nicht immer mit den Möglichkeiten der international agierenden Ganoven auf einer Höhe waren. Trotzdem findet man auch in diesem Buch einige Fälle, die zeigen, dass europa- und weltweite Fahndungen mit entsprechendem Aufwand und Geduld oft doch noch zur Ergreifung der Täter führten.

Aber eines können alle Polizeierfolge nicht wieder gut machen: die Leiden der betroffenen Opfer und ihrer Familien. Denn die Tage des Kidnappings, die teilweise brutale Behandlung und die lange Ungewissheit erschüttern Opfer und Angehörige oft fürs Leben, graben sich tief in die Psyche ein und können für ein ganzes Leben für starke Beeinträchtigung im Alltag sorgen. Das wird bei der spektakulären Berichterstattung über solche Fälle oft ausgeblendet oder bewusst ignoriert, weil einige Medien lieber mit spektakulären Schlagzeilen aufmachen, als nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie sehr sie das Leben der Opfer damit gefährden können. Und in jüngerer Zeit kommt noch ein weiterer Umstand hinzu: Wenn Geschichten im Internet ihre Runde machen, sind auf vielen Plattformen jegliche journalistische Regeln außer Kraft gesetzt und es werden auch noch Gerüchte, persönliche Details aus der Familie oder sogar blanker Hohn und Verachtung publik gemacht, die es so im rein gedruckten Medienzeitalter nicht gab.

Das mussten Betroffene oft schon in den 1990er Jahren erfahren. Aber in der Gegenwart dominiert diese Art der Wortmeldung aus den menschlichen Abgründen ja mittlerweile sogar wichtige politische Diskussionen, ohne dass den handelnden Politikern überhaupt bewusst ist, was sich da geändert hat und wer hier mit wildem Geschrei auf einmal die Meinungsführerschaft übernommen hat. Wer da tatsächlich Häme und Beleidigungen über Menschen ausschüttet, die gerade tiefste persönliche Verletzungen erlebt haben, ist meist nicht nachzuvollziehen. Aber Vieles deutet darauf hin, dass nicht nur die Wir-haben-gar-nix-gemerkt-Betreiber von Facebook auf der menschlichen und rechtlichen Ebene komplett versagen, sondern auch so manches andere „Social Media“-Portal und so manches Medium, das für Klickzahlen alles tut und Diskussionen den wütendsten Kleingeistern überlässt.

Ein kleines Achtungszeichen am Rand dieser 16 meist sehr verzwickten Fälle, unter denen sich auch einige befinden, bei denen die Ermittler auch seit Jahren noch nicht wissen: War es wirklich nur Kidnapping oder Rache oder geplanter Mord? Oder gar etwas, was eigentlich nicht ins Strafgesetzbuch gehört, wie der Fall des ersten Verfassungsschutz-Chefs Otto John oder die Entführung eines polnischen Flugzeugs 1978 nach Tempelhof.

Stefan Ummenhofer Entführt und verloren?, Militzke Verlag, Leipzig 2015, 16,90 Euro.

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