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Ein Buch über den langen und schmerzhaften Weg einer Ankunft in Deutschland

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    Das Buch muss unbedingt noch einmal Aufmerksamkeit bekommen, fand Kerstin Rost vom Engelsdorfer Verlag. Erschienen ist es schon 2012. Aber durch die große Flüchtlingsdebatte ist es so aktuell wie damals. Und es wird auch seine Aktualität nicht verlieren, egal, wie laut die Hardliner im Land schreien. Denn wer flüchtet, flieht ja nicht nur aus Schrecken und Not.

    Der lässt sich auf eine völlig neue Welt ein. Nicht nur auf das, was die Schreihälse des Tages gern als Kultur bezeichnen. Wer aufbricht aus einem Land, in dem der Terror herrscht, ein Bürgerkrieg tobt, die Existenzgrundlage zerschossen wird oder restriktive Gesetze Menschen ins Abseits drängen, der ahnt bestenfalls, was für eine Aufgabe vor ihm steht. Die Flucht, die für die Meisten schon zur Strapaze wird, ist erst der Anfang. Und selbst wenn ein Land wie die Bundesrepublik dann Asyl gewährt, ist nur die erste Hürde geschafft. Denn damit ist der lange Weg zur Integration erst eröffnet.

    Und viele schaffen diesen Weg nicht, scheitern an Sprachbarrieren, konzentrieren sich ganz aufs Geldverdienen und finden – ganz wie der Vater von Devakumaran Manickavasagan – nicht die Kraft, sich auch noch auf die neue Kultur und die fremde Gesellschaft einzulassen.

    Devakumaran Manickavasagan schildert das Ankommen in unserer Gesellschaft aus Sicht der Kindergeneration. Sein Vater war einst als Erster von Sri Lanka aufgebrochen, als die dortige Regierung begann, die Tamilen zu verfolgen und sich die Situation auf einen Bürgerkrieg hin zuspitzte. Manickavasagans Mutter sollte wenig später selbst in die Leiden dieses Bürgerkrieges geraten, als sein Vater in Deutschland versuchte, eine Existenz für seine Familie zu schaffen und die Frau und die Töchter nachzuholen. Doch Integration bedeutet eben nicht nur, eine Arbeit zu finden und Geld zu verdienen, das, was viele dieser Ankömmlinge in Deutschland logischerweise als erstes tun, denn man macht sich ja nicht auf den Weg, um dann in Deutschland in einer irgendwie gearteten „Hängematte“ zu liegen, selbst wenn es Wellenreiter der Abschottung in der Diskussion um Zuwanderung immer wieder behaupten.

    Die meisten Migranten tun, was Migranten schon immer als erstes getan haben: Sie versuchen, sich eine unabhängige Existenz zu schaffen, auch von staatlichen Alimenten unabhängig, denn gute Erfahrungen mit Staatsapparaten haben sie fast alle nicht gesammelt. Das neue Land ist für sie eine Zufluchtinsel, auf die sie, so bald das möglich ist, ihre Familie nachholen. Und weil man in der Regel nicht allein migriert, sondern mit vielen anderen Leidensgenossen, die von Unterdrückung und Verfolgung genauso betroffen sind, bilden sich im Land der Zuflucht oft auch kulturelle Inseln, Landsmannschaften, wo sich Menschen aus einer Herkunftsregion versammeln, ihre alten Traditionen pflegen, die Herkunftssprache sprechen, aber auch die alten Regeln weiterpflegen, all die Dinge, die für Menschen, die aus ihrer Herkunftsheimat vertrieben wurden, eine Art Ersatzheimat bilden.

    Auch Devakumaran Manickavasagan hat das so erlebt und hat darunter als Kind gelitten, denn all das wirkte auf ihn fremd und bedrückend. Vor allem auch deshalb, weil er als Schüler in deutschen Schulen eine völlig andere Welt kennenlernte. Eine freiere Welt, mit deutlich mehr Liebe der Eltern zu den Kindern und viel mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Man sieht es ja als Einwohner dieser mittlerweile etwas altbackenen Bundesrepublik nicht mehr so, wie modern und weltoffen unsere Kultur eigentlich geworden ist, verglichen mit den meisten Gesellschaften dieser Erde. Auch die tamilische Gesellschaft ist eine durch und durch patriarchalische, mit vielen anderen Gesellschaften im indischen Raum vergleichbar. Der Mann ist Ernährer der Familie, hat dafür zu sorgen, dass das Geld hereinkommt. Seine Stellung im Berufsleben bestimmt den Stand. Selbst das alte Kastendenken hat sich bis ins deutsche Exil mitgeschleppt. Und zu solchen patriarchalischen Gesellschaften gehört auch der streng geregelte Umgang zwischen Eltern und Kindern – die Eltern sprechen nicht über Gefühle. Der Patriarch im Haus regelt alles – bis hin zur Hochzeit der Kinder.

    Devakumaran Manickavasagan zeigt dabei sehr viel Verständnis für seine Eltern, versucht auch seinen Vater zu verstehen, der sich vollkommen aufs Geldverdienen gestürzt hat und nie geschafft hat, die Beziehung zu seiner Frau zu ändern. Selbst gegenüber den Kindern galten noch die alten Erziehungsmethoden, die auch Gewalt mit einschlossen. Und dazu dann die Mutter, die für den Sohn in der Rückbesinnung eindeutig unter dem Trauma des erlebten Bürgerkrieges litt, darüber aber mit niemandem sprechen konnte. Und auch wenn Menschen so ihre alten Normen und Verhaltensweisen mitbringen, heißt das nicht, dass sie nicht ebenso seelisch leiden, wie das Menschen aus Europa tun.

    Das hat auch Devakumaran Manickavasagan erlebt, der noch als Jugendlicher versucht hat, den Erwartungen seiner Eltern und der tamilischen Gemeinde gerecht zu werden, ein Studium der Betriebswirtschaftslehre aufnahm und dann doch mit heftiger Erschütterung registrieren musste, wie sehr ihn der frühe Tod seiner Mutter aus der Bahn geworfen hat. Das war dann der Beginn für ihn, sich nicht nur mit der eigenen Leidensgeschichte zu beschäftigen, sondern überhaupt mit der Frage, wie Menschen aus anderen Kulturkreisen es bewältigen, sich in eine gänzlich andere Gesellschaft wie die deutsche zu integrieren, wie sie Brücken schlagen, neue Regeln aufnehmen und sich von ihren alten Ritualen und Gesellschaftsnormen zu verabschieden. Das fällt vielen schwer. Es gibt zwar viele Angebote, die deutsche Sprache zu lernen und den Weg in einen Job zu finden.

    Aber dass es schon allein an Hilfsangeboten zur Trauma-Bewältigung fehlt, das wird ja jetzt gerade wieder mit den Flüchtlingen aus dem Bürgerkriegsland Syrien zum Thema. Wie aber Menschen aus völlig anderen Lebenskulturen den Weg finden, sich in die auf den ersten Blick verstörend offene Gesellschaft in der Bundesrepublik einzulassen, das ist eher selten Thema von Forschung, von Praxis schon gar nicht. Die Gefahr, so Devakumaran Manickavasagan, dass auf diese Weise in sich abgeschlossene Gesellschaften entstehen, ist groß. In der ersten Generation sowieso. Denn gerade für die flüchtende Elterngeneration ist das Beibehalten der alten Kultur- und Gesellschaftsregeln auch ein Halt in einer fremden Welt.

    Doch spätestens die Kinder – so Devakumaran Manickavasagan – leiden unter dem Zwiespalt. Oft wachsen sie in Familien heran, die wie abgeschottet von der Welt draußen sind. Kontakte gibt es nur innerhalb der alten Kultur. Doch spätestens in der Schule werden sie mit anderen Erwartungen, anderen Umgangsweisen und anderen Lebensvorstellungen konfrontiert. Und Mancher wird dabei regelrecht zerrissen, denn die Eltern oder gar die eigene Landsmannschaft enttäuschen will man ja auch nicht.

    Devakumaran Manickavasagan verknüpft seine Erinnerungen immer auch mit seinen eigenen Therapieerfahrungen, versucht die potenziellen Leser dabei mitzunehmen und zu ermutigen, sich ebenso intensiv der eigenen Heilung zu stellen. Denn in erster Linie spricht das Buch natürlich Migrantenkinder an, die ähnliche Erfahrungen wie er gemacht haben und Zuspruch brauchen, wirklich den Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu gehen.

    Aber auch für Leser der Gastgebernation ist die Geschichte lehrreich, denn sie macht nachvollziehbar, wie sehr die Zufluchtsuchenden zwischen den Kulturen unterwegs sind und wie lange sie darunter leiden können, wenn der Abschied von der Herkunftsgesellschaft auch familiäre Beziehungen beeinträchtigt. Die „Gesellschaft“, von der der Autor spricht, ist in seinem Fall immer die Gesellschaft der Tamilen im Exil. Und wer als Kind den Schritt in die neue, die Gastgeberkultur, wagt, riskiert dort schnell zum Außenseiter zu werden und ausgegrenzt zu werden. Was den Eltern half, sich ein Stück Identität zu bewahren, wird für die Kinder zum bedrückenden Korsett.

    Die Empfehlungen, die Devakumaran Manickavasagan gibt, sind klar: Zwischen den Welten kann niemand leben. Einen Weg zu sich selbst findet man nur, wenn man sich auf die neue Welt auch einlässt.

    Und – das ist dann die Ergänzung für uns, die Gastgeber – wenn wir die Türen öffnen und sie nicht immer wieder zuschlagen, wenn Menschen, die hier Asyl suchen, auch wirklich Tritt fassen wollen. Da ist das ganze Trara von einer „Leitkultur“ völlig fehl am Platz. Da geht es vor allem um Respekt und Empathie. Und ein gewisses Wissen darum, wie viel Arbeit das für Menschen bedeutet, die ihre Herkunftsländer verlassen mussten und die natürlich herauswollen aus dem Glashaus der alten Regeln und Rituale, das so leicht zum Gefängnis wird, wenn sie es nicht schaffen.

    Devakumaran Manickavasagan Im Glashaus gefangen zwischen Welten, Engelsdorfer Verlag 2012, 11,50 Euro.

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