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Wie der Pfarrer Johannes Ackermann in den Mühlen der Nazi-Kirchen-Zeit zermahlen wurde

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    Die Edition am Gutenbergplatz Leipzig (EAGLE) hat auch eine Reihe "EAGLE Essay", wo vor allem Texte erscheinen, die sich mal nicht mit den eher wissenschaftlichen Themen beschäftigen, sondern mit Zeit- und Wissenschaftsgeschichte. Da hinein gehört auch die Geschichte des Pfarrers Johannes Ackermann.

    Gerhard Ackermann ist sein Sohn. Zwei Jahre alt war er, als sein Vater irgendwo da an der Ostfront in einem Todeskommando starb, möglicherweise niedergestreckt durch die Kugeln der eigenen Leute. Aber wie kommt ein Pfarrer aus Tannenberg in den Krieg? Ein Parteigänger der Nazis war der 1900 geborene Johannes Ackermann ja nicht. Tatsächlich war er Anhänger der Bekennenden Kirche, jener Bewegung, die mutige Pfarrer gründeten, als sich die Deutschen Christen den Nazis andienten und all Jene verfolgten, die ihren Glauben so nicht zu Markte tragen wollten. Das wird auch in größeren Geschichtsdarstellungen oft als reiner Kampf um die richtige Einstellung erzählt. Doch wie sehr Pfarrer wie Johannes Ackermann dabei von den eigenen Kirchenoberen schikaniert wurden und am Ende regelrecht aus dem Amt gedrängt, das wird erst sichtbar, wenn man sich wie Gerhard Ackermann ernsthafter mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt, sich in die Archive begibt – und zwar nicht nur die der sächsischen Justiz, sondern auch die der Kirche.

    Und die Evangelische Kirche in Sachsen gab in der Nazi-Zeit kein gutes Bild ab. Kaum irgendwo sonst waren die Deutschen Christen so stark und so rücksichtslos in der Zusammenarbeit mit dem NS-Apparat, kaum irgendwo sonst wurden Pfarrer, wenn sie sich der Gleichschaltung widersetzten, so sehr drangsaliert. Ganz zentral ist die Szene, in der der NS-Gauführer Martin Mutschmann 1935 die inhaftierten Pfarrer im KZ Sachsenburg besucht und glaubt, er könne sie mit einer drohenden Rede zu gehorsamen Deutschen Christen machen. Unter den Inhaftierten: Johannes Ackermann, in seiner Gemeinde Tannenberg durchaus ein beliebter Pfarrer, aber spätestens seit 1933 den Mitläufern in der Gemeinde ein Dorn im Auge. Von Anfang an wird er ausspioniert und angeschwärzt – mal bei der Kirchenleitung, mal bei der Gestapo. Und die Anschwärzer haben die Macht auf ihrer Seite. 1939, als Ackermann eigentlich längst rehabilitiert ist, die letzte Anklage niedergeschlagen, sieht er sich dennoch einem Kirchenapparat gegenüber, der ihn ausgrenzt, der seine Pfarrstelle besetzt hat und alles dafür tut, ihn kaltzustellen.

    Da staunt man eher beim Lesen, mit welchem Verständnis der Autor über die Vorgesetzten spricht, die nach dem Krieg so taten, als hätten sie die ganze Zeit nur versucht, die Kirche zu retten, obwohl sie unübersehbar alles getan haben, um Männer wie Johannes Ackermann zu zermürben, zu schikanieren und auch dann noch in Angst und Schrecken zu versetzen, als selbst die Gestapo nichts mehr gegen den Standhaften vorbringt. Gerhard Ackermann versucht das Ganze mit den Verwerfungen der NS-Diktatur zu erklären. Aber das trifft hier nicht mehr zu: Hier haben Kirchenmänner alles getan, einen Kollegen nicht nur aus dem Amt zu drängen, sondern auch menschlich zu vernichten. Vielleicht im Verein mit den Obernazis von Tannenberg. Aber Gerhard Ackermanns Suche in den Tiefen seiner Familiengeschichte führt ihn eben auch in ein besonders gleichgeschaltetes Sachsen, in dem ein Schicksal wie das von Johannes Ackermann eben nicht die Ausnahme war. In Mutschanns Reich liefen augenscheinlich die Rachsüchtigen und Missgünstigen zu ganzer Form auf.

    Mit Leipzig hat die Geschichte natürlich auch zu tun, denn hier hat Johannes Ackermann studiert und sein Lizenziat erworben, das „Lic.“ vor seinem Titel, das ihm die Lehrberechtigung erteilt. In Leipzig lebte auch sein Patenonkel, Alfred Ackermann-Teubner, der damalige Leiter des Teubner Verlages.

    Am Ende spannt sich die kleine Familienforschung Gerhard Ackermanns über ein ganzes Jahrhundert. 1939 geboren, hat es ihn selbst nicht ruhen lassen, die Geschichte seines Vaters, den er eigentlich nie kennenlernen konnte, zu vervollständigen. Die Mutter – Julie – hatte die Kinder zwar ganz im Sinn ihres Vaters erzogen, ihnen auch ihre Sicht auf die Geschichte mitgeteilt, von der sie am Ende wohl den größten Teil zu tragen hatte, denn als Johannes Ackermann irgendwo in den Weiten Russlands erschossen wurde, blieb sie mit sechs Kindern zurück, suchte eine Zukunft in ihrer Heimat in Ostwestfalen. Auch sie stammte aus einer Pfarrerfamilie, auch diesen Teil der Geschichte beleuchtet der Autor, der am Ende konstatieren kann, dass er seinem Vater – wenn auch über zuweilen sehr fremde und amtliche Quellen – doch näher gekommen ist. Manchmal hinterfragt er die Beweggründe des Mannes, den er großenteils eher distanziert Pfarrer Ackermann nennt, manchmal ist ihm dieser selbstbewusste Eigensinn vertraut.

    Manchmal fragt man sich auch als Leser, ob man nun den Interpretationen des Autors folgt, der manche Windung des Vaters den staatlichen Stellen des NS-Reiches gegenüber nicht nachvollziehen kann. Aber man kennt ja die ganze Zeit den Ausgang, man weiß, wie sehr Willkür in Mutschmanns und Hitlers Reich alle Staatsakte bedingte. Und man hat ja gesehen, wie schnell diese Schöpfer eines neuen Kultus auch die widerständigen Pfarrer ins KZ schickten. Und immer war da auch Ackermanns wachsende Familie, die er am Ende – aus dem Amt gedrängt – wohl immer schwieriger ernähren konnte. Man sieht ihn eigentlich immer kämpfen um seine Familie, um sein Amt, aber auch um den Widerspruch zwischen seinem Glauben und der Verbiegung, die die neuen Karrieristen von ihm forderten.

    Am Ende meldete er sich da lieber freiwillig in den Krieg, wo er auf denselben Typus traf, diesmal in Uniform. Und man merkt beim Lesen, welche Mächte tatsächlich walten, wenn ein ganzer Staatsapparat den Blutgierigen und Herzlosen in die Hände fällt.

    Man lernt ein bisschen auch über die Laschheit mancher Historiker, die den Kampf zwischen Deutschen Christen und Bekennender Kirche gern verharmlosen und so tun, als hätten sich die „renitenten“ Pfarrer doch nur anpassen müssen. Obwohl alle Geschichten, die dazu wirklich recherchiert werden, von einer gewaltigen Mühle erzählen, in der alles zermahlen wurde, was sich nicht andiente und mitmarschierte. Und oft genug waren es eben diese Angedienten, die hinterher in Ämtern blieben oder aus subalternen Positionen in die frei gewordenen Spitzenpositionen rückten, die dann eher die windelweiche Version der Geschichte erzählen ließen und natürlich ansonsten immer nur das Beste wollten.

    Und das prägt bis heute auch einige Teile der deutschen Geschichtsschreibung noch. So dass es nach wie vor hochaktuell ist, solche Schicksale ans Licht zu holen und Menschen wie Johannes Ackermann immer aufs Neue zu würdigen – was die Gemeinde Tannenberg übrigens auch tut, auch mit einer Platzbenennung, die an den mutigen Pfarrer erinnert.

    Gerhard Ackermann In Acht und Bann: Lic. Johannes Ackermann (1900-1942), Edition am Gutenbergplatz Leipzig, Leipzig 2015, 19,50 Euro.

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