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Ein sauberer Todesfall, seltsame Affären und eine Heldin ohne Skrupel

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    Es ist ja nicht so einfach mit dem Krimischreiben. In welche Rolle schlüpft man nun? In die der Ermittler? Die der Täter? Oder die einer verwirrten Öffentlichkeit? Es gibt Autoren, die können sich nicht entscheiden und versuchen dann - wie Martin Lenz - zwei Geschichten in einer zu erzählen. Oder drei. Denn Verbrechen sind ja alles andere als das, was der moderne Mediennutzer meist glaubt: eindeutige Ereignisse.

    Was übrigens auch ein Grund dafür ist, dass das Krimi-Genre seit ein paar Jahren blüht und gar nicht genug Krimis geschrieben werden können, um das Leserinteresse zu befriedigen. Immer neue Spielformen entstehen, immer tiefer tauchen die Autoren nicht nur ins mühselige Handwerk der Kriminalisten ein, sondern auch in die psychologischen und sozialen Abgründe der modernen Gesellschaften. Kein Genre hält der Gesellschaft so den Spiegel vor, zeigt die schmutzigen Ecken genauso wie die moralischen Abgründe der feinen Gesellschaft.

    Oder – wie Lenz in diesem Fall – dem Leser ein paar wirklich kaputte Gestalten des heutigen Frankfurt. Im Mittelpunkt – auch wenn das anfangs so scheint – nicht das emsige Ermittler-Duo Ruppert und Horn, das sich nun mit dem etwas unerwarteten Tod eines frisch pensionierten Ressortleiters des Hessischen Rundfunks beschäftigen muss. Ein Fall, der erst einmal ganz einfach und sauber wirkt. Und er führt auch nicht in die korrupte Welt des deutschen Rundfunks, von Auftragsschiebereien oder politischer Einflussnahme. Schade, sagt sich das immer wache Gemüt des politisch geschulten Lesers.

    Erst recht, wenn so nebenbei auch noch ein Protagonist überall verkündet, er werde ein Buch über echte kriminelle Machenschaften veröffentlichen, die die Republik erschüttern werden. Davon erfährt man später auch etwas.

    Aber Martin Lenz ist einer, der eher mit dem analytischen deutschen Roman der 1950er und 1960er Jahre aufgewachsen ist. Das hatte damals Stil. Man denke nur an Franz Josef Degenhardt, der in seinen sozialkritischen Romanen die von Stereotypen geprägte Gesellschaft jener Zeit untersuchte, die heute so gern als „Wirtschaftswunder“ beschrieben wird. Seine Figuren führte er aus der Distanz und ließ seine Leser immer spüren, dass er von „diesem da“ sprach – einer dieser geplagten zeitgenössischen Gestalten, die sich verzweifelt bemühte, ihr eigenes Leben zu leben, und doch nicht aus ihrer Rolle, ihrer Stellung und der ihr zugewiesenen Position im sozialen Gefüge kam.

    Ein paar Jahrzehnte durfte man sich durchaus der Illusion hingeben, das einstige Schichten- und Kastengefüge der alten Bundesrepublik sei verschwunden, aufgelöst in einem großen Brei moderner Gleichmacherei. Aber das alte Schichtendenken hat sich nur maskiert und zeigt sich – in Städten wie Frankfurt wohl noch viel deutlicher als anderswo – wieder in alter elitärer Arroganz, aber auch in einem seit Jahren wieder radikalisierten Karriere-Denken. Dass derzeit in deutschen Provinzen die blanke Angst umgeht, das hat mit diesem Elitedenken zu tun, denn bis in die letzten Verästelungen der Gesellschaft hinein hat sich die Panik verbreitet, dass jeder, der es nicht schafft, sich „nach oben“ durchzuboxen, auf der Strecke bleibt, finanziell nie auf trockenes Land kommt und auch sonst nur noch das Gefühl haben darf, zu den Verlierern dieses Rennens zu gehören.

    Die Welt, die Martin Lenz schildert, ist so eine vom Karrieredenken besessene Welt. Und die zentrale Figur Ilona, die beim Hessischen Rundfunk schon ein Stück Karriere gemacht hat, ist ein Ausbund dieses Denkens, was dem Leser erst so langsam deutlich wird. Man will sich ja gern identifizieren mit der Hauptfigur. Gerade weil sie augenscheinlich heftig zu kämpfen hat nach der Entdeckung des Toten, etwa mit ihrer Herkunft in einem kleinen Kaff in der Nähe von Frankfurt, in dem die Gemüter kochen und wo die Dagebliebenen sich die Mäuler zerfetzen, nachdem Ilona sich auch noch im Fernsehen geoutet hat. Was für eine „Schande“ für ihren Vater, der da leben muss, in dieser kleinen Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten, wo jeder jeden kennt und jeder glaubt, über andere urteilen zu dürfen. Nirgendwo ist der Anpassungsdruck so groß wie in der deutschen Provinz. Und die Romane, die sich mit dieser piefigen und beklemmenden Welt beschäftigen, sind mittlerweile Legion.

    Ilona stellt sich dem zwar und macht dabei einige auch für sie überraschende Entdeckungen. Aber sie ist in diesem Buch nicht die einzige, die für den Ausbruch aus dieser Piefigkeit einen teuren charakterlichen Preis gezahlt hat. Das merkt der Leser spätestens, wenn der Autor ihre Gedanken über ihre Lebensgefährtin, ihre Kollegen, „Freunde“ und die Menschen wiedergibt, die jetzt im Leben ihres Vaters auf einmal eine Rolle spielen – Italiener und Polen.

    Hoppla, sagt man sich so beim Lesen, da hat man ihn auf frischer Tat ertappt: den arroganten, allseits waltenden ganz gemeinen und normalen deutschen Alltagsrassismus, der vor allem eines ist: tiefste Verunsicherung in der eigenen Rolle.

    Das wird spätestens an der Stelle deutlich, als Ilonas Vater mit einem Frankfurter Taxifahrer sein Feldbusch-Abenteuer hat, eine kleine Anekdote eigentlich, in der Lenz die Suche des Mannes nach dem richtigen Umgang mit der zusehends komplizierter gewordenen Welt deutlich macht. Immerhin musste er eben schon das Outing seiner Tochter verdauen. Jetzt versucht er den Fahrer, der dann auch noch verrät, dass er Wurzeln in Marokko hat, mit der heute so typischen deutschen „Lockerheit“ zu nehmen – doch die ganze Fahrt über ist er von der Panik besessen, nun ja nicht irgendwelche rassistischen Vorurteile gucken zu lassen. Es ist wohl eine der schönsten Stellen, in der die moderne deutsche Schizophrenie deutlich wird: Im persönlichen Umgang ist Rassismus (zumindest für die meisten Bürger) völlig tabuisiert. Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft aber mit lauter rassistischen Vorurteilen getränkt, die auch fest eingebaut sind in unser alltägliches Karriere- und Elite-Denken.

    Von einem wirklich selbstverständlichen und vorurteilsfreien Umgang mit Menschen aus anderen Ländern sind wir meilenweit entfernt. Und im kleinen Spielfeld Unterpfeffersheim wird deutlich, wie das fortlebt und wirkt – auch dann, wenn eigentlich Italiener und Polen längst diejenigen sind, die die Wirtschaft in diesem Nest am Laufen halten. Wenn auch – wie in diesem Fall – mit nicht ganz durchsichtigen Geschäften. In einer Gesellschaft, die so wenig bei sich ist, reduziert sich die gepflegte Gemeinsamkeit dann nur noch auf zwei Dinge: auf die berufliche Karriere und aufs Geld (und den Besitz). Das ist dann die bundesdeutsche Gesellschaft in nuce.

    Und man merkt, dass sich der 1933 in Halle an der Saale geborene Autor, der nach seinem Studium 1957 in den Westen wechselte, diesen etwas kritischen und leicht verstörten Blick auf diese Gesellschaft bewahrt hat, auch wenn er ein paar Jahre im hessischen Schuldienst tätig war. Oder vielleicht auch gerade deshalb. Und nun im höheren Alter verarbeitet er seine skeptische Sicht auf die hessische Provinz in Büchern, die irgendwie die Anlage zum Krimi haben, aber noch viel stärker zur Analyse der Verwerfungen in einer Gesellschaft neigen, die ihre eigentlichen Probleme gern versteckt und in der sich Typen wie Ilona als die Gewinner sehen, weil sie sich sicher sind, dass Skrupel bei der Karriere nur stören. Sehr bildhaft durchgespielt im spürbaren Bruch ihrer Beziehung mit Jennifer, die das Zerstören von Ameisenhügeln und das qualvolle Töten von Katzen und Fröschen („So ist nun mal die Welt.“) überhaupt nicht vertragen kann.

    Und so nebenbei wird auch die ganze verkopfte Diskussion des Westens über ein kaputtes Sex- und Liebesleben sichtbar, das sichtlich eine Menge mit dieser Besessenheit von Karriere und Erfolg zu tun hat, mit dem ständigen pekuniären Blick auf Partnerschaft, Sicherheit und Selbstdarstellung. Da wird in elitären Runden über „Treue“ gefaselt – aber im realen Leben traut niemand dem anderen. Eine Atmosphäre aus Neid, Missgunst und Vorurteilen entsteht. Ilona lebt mittendrin.

    Man versteht Kommissar Ruppert sehr gut, dass er gerade diese Ilona nur zu gern zur Hauptverdächtigen in seinem Fall gemacht hätte. Und es deutet auch einiges darauf hin, dass Ilona am meisten profitiert in einem Gespinst von Andeutungen und Halbwahrheiten, in dem auch ihre Schwangerschaft eine Rolle spielt, von der bis zum Schluss nicht klar ist, ob die tatsächlich existiert.

    Noch etwas verwickelter wird die ganze Geschichte, weil auch noch das Homosexuellen-Milieu eine Rolle spielt. Was dann die Lösung des Falls etwas enttäuschend macht. Aber das gehört wohl auch zur Wirklichkeit: Zum Täter werden am Ende eher die ratlosen Gestalten vom Rand der Gesellschaft, während die Cleverles, die sich in die richtige Position manövriert haben, den eigentlichen Reibach einstreichen und Ermittler wie Ruppert und Hold eher mit dem Gefühl zurücklassen, dass sie wohl doch irgendetwas übersehen haben müssen. Auch Ruppert sagt am Ende „So ist das Leben.“ Aber er sagt es völlig anders als der gefühllose Schwager, der Jennifer so entsetzt hat. Es steckt nicht dieses rücksichtslose „Fressen und Gefressenwerden drin“ (hinter dem sich ein gut Teil des bürgerlichen Sozialdarwinismus versteckt), sondern die freundliche Botschaft des älteren Ermittlers, dass man ja „eigentlich einen Fahndungserfolg feiern“ könnte. Aber nur eigentlich. Denn da, wo Hilde Horn gern weiterermittelt hätte, ist die unsichtbare Grenzlinie gezogen. Wenn der Täter gefunden ist, darf auch die Frage nicht weiterverfolgt werden: Und wer hat eigentlich die Spielfiguren geführt?

    Martin Lenz Kein Sekt für Ilona, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2015, 13,90 Euro.

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