Acht faszinierende Porträts zum Hören und ein paar kleine Improvisationen von David Timm

Das Buch zu den faszinierenden Frauen im Kosmos von Felix Mendelssohn Bartholdy hat Brigitte Richter 2014 im Eudora Verlag veröffentlicht. Es hat nichts von seiner Faszination verloren, denn Mendelssohn hatte das Glück, in einer Zeit zu leben, in der Frauen auch öffentlich völlig neue Rollen zugestanden wurden. Das viel geschmähte Biedermeier war auch geprägt von einem Stück Emanzipation.
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Damit konnte nicht jeder umgehen. Brigitte Richter zitiert in ihrem Buch so manche Kritiker-Stimme der Zeit, die sich geradezu peinlich ausließ, über das öffentliche Auftreten begnadeter Künstlerinnen, ihre „weibliche Wirkung“ und das mögliche Missfallen der Männerwelt. Dabei blühten Kunst und Literatur in dieser Zeit auch gerade deshalb, weil selbstbewusste Frauen mitmischten – und zwar nicht nur als Musen, wie das im klassischen Ideal eher der Normalzustand war. Aber wenn man sich die essayistische Literatur zur deutschen Romantik anschaut, dann kommen die Autoren selten über Mörike, Eichendorf und Spitzweg hinaus. Und das janusköpfige Gesicht der Zeit sehen sie auch nicht – den beginnenden bärbeißigen, nationalistischen Strang der deutschen Geschichte auf der einen Seite mit seiner verschrobenen Tugendtümelei, und auf der anderen Seite der Beginn einer weltoffenen, kulturreichen und selbstbewussten Welt, die bis heute Gegenentwurf geblieben ist zu einer von Nationalismus und biederen Kaufmannstugenden geprägten Selbstwahrnehmung der Deutschen.

Und kaum einer hat das neue Selbstbewusstsein – auch in Partnerschaften mit Frauen – zu seiner Zeit so selbstverständlich gelebt wie der in einer musikalischen Familie aufgewachsene Felix Mendelssohn Bartholdy. Deswegen tauchen ja auch seine Mutter und seine Schwestern hier auf – herzliche, gebildete und herausfordernde Persönlichkeiten. So etwas prägt. Und so konnte Brigitte Richter insgesamt 29 Frauen porträtieren, die im Leben und in der Arbeitswelt von Felix Mendelssohn Bartholdy eine Rolle spielten. Natürlich jede Menge Musikerinnen darunter, die Mendelssohn nicht nur bewunderte, sondern mit denen er zusammen auch gern auftrat, die er nach Leipzig ins Gewandhaus einlud oder die er besuchte, ohne sich von ihrem Können einschüchtern zu lassen, wie es anderen Männern so oft geht. Denn da stecken ja die eigentlichen Ängste, die Konkurrenzängste, von denen ein Großteil der Männerwelt geplagt ist. Bis heute.

Was übrigens nicht nur auf Frauen zutrifft – die Panik sitzt tief, weshalb sich Männer, egal wie sie wirken, auch so gern und konsequent mit zweit- und drittklassigen Beratern und Chargen umgeben. Man muss wirklich so tief hineintauchen in Geschichte, um eine Ahnung dafür zu bekommen, was eigentlich passiert, wenn Männer keine Angst haben. Männer wie dieser Mendelssohn Bartholdy, der sich seines Könnens immer bewusst war, ohne dabei dem Zwang zu unterliegen, besser sein zu müssen als alle anderen (ein Problem, das ja bekanntlich der eingeschüchterte Richard Wagner sein Leben lang mit sich heurmschleppte und an Mendelssohn besonders böse ausexerzierte). Im Gegenteil: Mendelssohn blühte regelrecht auf, wenn er mit den Besten seiner Zeit zusammen musizieren konnte – und da er auch noch eine richtig gute Erziehung hatte (wer bekommt die heute noch in unseren rüpelhaften Zeiten?), hielt er nie Lob und Anerkennung zurück. Seine Briefe sind voll davon. Was ihn faszinierte, das wollte er teilen – und sei es nur mit Worten.

Um das Buch kommt, wer ein Gefühl für diesen modernen Aspekt des Zeitalters, das als Biedermeier eigentlich falsch verstanden ist, bekommen möchte, eigentlich nicht herum. Hätten es Alexander Gamnitzer und Mo Krüger komplett einlesen wollen, wäre ein mehr oder weniger dickes CD-Buch daraus geworden mit 10 oder 14 Stunden Hörfreude. Denn das ist der Text von Brigitte Richter nun einmal, was nicht unbedingt selbstverständlich ist. Nicht jeder Sachbuchautor kann so lebendig und einfühlsam erzählen und die Fundstücke aus den Archiven aneinander passen, so dass ein Schicksal sichtbar wird. (Und so beiläufig die Frage aufkommt: Warum hat eigentlich noch niemand diesen Mendelssohn-Stoff kongenial verfilmt? Dieses ruhelose Leben mit seinen vielen Reisen quer über den Kontinent, immer wieder nach London – der eigentlich von Mendelssohn geliebten Stadt, dieses permanente Unterwegssein zu Begegnungen, Gesprächen, Konzerten, Besuchen, dem Familienleben, den Umzügen, dem Organisieren, Dirigieren, Komponieren und die wachsende Familie war ja auch noch da  … Alles in 39 knappe Jahre gepresst. Wer kriegt in 39 Jahren überhaupt mal 26 faszinierende Frauen zusammen, Mutter, Schwestern und Geliebte eingeschlossen? Das muss man erst einmal bewältigen, ohne nervös zu werden. Was vielleicht zu schaffen ist – wenn man sich einfach mitreißen lässt und dem Strom des Lebens vertraut.

Was bei Felix wohl auch hieß, dass er an entscheidenden Punkten nicht abbremsen und auf seine Gesundheit achten konnte.

Aber wie gesagt: Das passt nicht alles auf zwei CDs mit einer Gesamtspielzeit von 100 Minuten. Da musste ausgewählt werden. Und so haben es von den 29 immerhin noch acht begnadete Frauen aus dem Leben von Felix Mendelssohn Bartholdy auf die Scheiben geschafft – von seiner Mutter Lea über seine geliebte Schwester Fanny und die seinerzeit weltberühmten Wilhelmine Schröder-Devrient, Marcia Garcia de Malibran und Lise Cristiani bis hin zur jungen englischen Königin Victoria, die der Musiker in London besuchte. Beim Vorlesen entfalten die Texte ihre ganze tiefe Zuneigung zu diesem Mann und seiner offenherzigen Art, mit Frauen umzugehen.

Fast hätte man erwartet, dass dann zu den einzelnen Porträts auch jeweils die Mendelssohnschen Kompositionen auftauchen, die im Text erwähnt werden. Aber da hat sich der Verleger noch eine Kurve mehr ausgedacht: Er hat David Timm, den Leipziger Universitätsmusikdirektor, Jazzer und Improvisationskünstler ins Boot geholt. Zwischen den einzelnen Porträts improvisiert der auf dem Klavier fröhlich drauflos – mal ist es ein Lied von Felix Mendelssohn Bartholdy, mal was von Beethoven, von Mozart oder Schubert. Er spielt mit den Motiven und man kann sich gut vorstellen, dass das bei Mendelssohns zu Hause ganz ähnlich war, wenn mal einer Zeit hatte und Muße, um ein bisschen vor sich hin zu improvisieren auf dem Klavier.

Das beißt sich also nicht und versucht auch nicht, die Texte zu übertrumpfen. Und wer das CD-Doppel besitzt, kann so hörend auch doppelt eintauchen in diese Welt, die sich so deutlich unterscheidet vom steifen und biederen, was man von anderen deutschen Komponisten des 19. Jahrhunderts so weiß. Man ahnt, dass unser Land ein ganzes Stück anders sein könnte – weniger verbissen, weniger grantelig und weniger frauenfeindlich. Wenn es uns geglückt wäre, damals in eine andere Spur der Geschichte zu kommen. Es hat nicht sollen sein. Und nun stehen wir da und auf den großen Posten sitzen graue Herren, die nicht mal ahnen lassen, wie eine Welt wäre, in der Frauen so selbstverständlich als kongenial begriffen werden, wie es für diesen Mendelssohn das ganz Normale war.

Brigitte Richter Frauen um Felix Mendelssohn Bartholdy, Hörbuch nach dem Buch von Brigitte Richter, 2 CD, Eudora Verlag, Leipzig 2016, 19,90 Euro.

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