Der Leipziger Lychatz Verlag hat sich in den letzten Jahren ein durchaus bemerkenswertes Kinder- und Jugendbuchprogramm aufgebaut. Teils mit renommierten Autoren der klassischen Schule, teils mit Autoren, die hier versuchen, ihnen wichtige Themen für junge Leser zu erzählen. Denn eines stimmt nun mal: Die Sensibilität für unsere Mitmenschen wird in der Kindheit gelegt.

Und die wirklich wichtigen Geschichten gibt es eher selten als Kinderfilm, dafür immer öfter als Buch. Auch wenn es auf den ersten Blick wie eine Kriminalgeschichte daherkommt: Kinder als kleine Detektive, kennt man das nicht schon?

Aber irgendwie erwartet man es auch. Denn Kinder dürfen noch neugierig sein, vorlaut, offen für Fragen und Entdeckungen. Und sie werden in diesem Buch auch nicht erst aktiv, als Olivers Hund gestohlen wird. Denn eigentlich ist das Ganze eine Geschichte über Akzeptanz. Fast hätte ich noch geschrieben „und Ausgrenzung“. Aber warum eigentlich? Ist eine Welt vorstellbar, in der Akzeptanz von Anderen das Selbstverständliche ist?

Fast möchte man zweifeln, wenn man heute verbissene „Wutbürger“ und erzürnte Politiker erlebt, die sich nur noch mit einem Thema beschäftigten: Abgrenzung, Ausgrenzung, Abschiebung, der forcierten Abwehr alles Fremden. Und man fragt sich die ganze Zeit: Was müssen die für eine Kindheit gehabt haben? Angstlos kann die nicht gewesen sein, geprägt von lebensoffenen und ermutigenden Eltern und Erziehern schon gar nicht. Auch die Radikalisierung der Erwachsenen hat ihre Wurzeln in der Kindheit.

Und so ist auch dieses Buch ein Gegenentwurf, der davon erzählt, wie Schulkinder der Tatsache begegnen können, dass eines von ihnen anders ist – gefährdet in diesem Fall, denn Oliver hat Diabetes und wäre beinah dran gestorben, als er mitten im Fußballspiel einfach umfiel. Doch diese Kinder und ihre hilfsbereiten Eltern reagieren nicht abwehrend und erschrocken, sondern organisieren Hilfe und Unterstützung, erst recht, als sich herausstellt, dass die beste Hilfe für Oliver darin besteht, einen extra geschulten Diabetes-Hund zu kaufen. Die Freundschaften zerbrechen nicht, sondern Olivers Problem wird zur Aufgabe für das ganze Dorf. Logisch, dass sich das Ganze zu einer großen Geschichte über das Helfen entwickelt, über Neugier und das Lernen von Verständnis. Was den Kindern in Elke Bannachs Geschichte nicht schwerfällt, denn sie sind – was viele Kinder in dem Alter noch sind – von Grund auf neugierig und lösungsorientiert. Auch dann noch, als Olivers Hund eines Tages gestohlen wird und selbst die Polizei nicht weiß, wie sie der Diebe habhaft werden kann.

Da wandelt sich die Geschichte hilfsbereiter Klassenkameraden in eine kleine Detektivgeschichte. Denn wo die Polizei nicht weiter weiß, haben die Zwillinge Greta und Lukas ihre Detektivgeschichten verinnerlicht und wissen, wie man vorgehen muss, befragen die Nachbarn, untersuchen Spuren und verfolgen die Hinweise bis zur Tankstelle, wo die Diebe vorgefahren sein müssen.

Ein bisschen traurig darf der Leser freilich sein, denn wie genau die Ganoven am Ende geschnappt werden, das muss beim Passendmachen der Geschichte irgendwie der Löschtaste zum Opfer gefallen sein. Oder die Autorin hat es selbst nicht mehr ausgehalten, Oliver seinen Hund wiederzugeben und die ganze Aufregung für ihre kleinen Helden zu einem freudigen Abschluss zu bringen. Aber wie gesagt: Eigentlich geht’s ja nicht so sehr um das Detektivspiel, sondern um die Selbstverständlichkeit, mit der zumindest Kinder mit den Abenteuern und Katastrophen ihrer Altersgefährten umgehen können und wie das funktioniert. Was dann eigentlich die Botschaft an diverse Altgewordene ist, die breitbäuchig ihren Frust auf Alles zu Straße tragen, was nicht in ihr engherziges Lebensbild passt. Dass die das lesen, darf man zwar bezweifeln. Aber die Geschichte dürfte auch all jene Kinder und ihre mit- und vorlesenden Eltern ermutigen, die sich eine andere Welt sehr gut vorstellen können, eine, in der man sich hilft, wenn Hilfe gebraucht wird, wo man zuhört und zumindest zu verstehen versucht, was dem anderen passiert ist. Und wo man nach der Aufregung auch die Freude teilt. Das ist nichts Neues und erst heute Erfundenes. Aber man kann es gar nicht oft genug und nicht früh genug erzählen.

Elke Bannach Greta und die Hundefänger, Lychatz Verlag, Leipzig 2016, 9,95 Euro.

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