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Mit Konstantin Hermann einmal quer durch die sozialistische Phase des nicht-existenten Sachsen

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    Die beiden Bücher ähneln sich: Der eine, Martin Kaule, hat „Sachsen 1945 – 1989“ unter die Lupe genommen, der andere, Konstantin Hermann, „Sachsen 1949 – 1990“. Es steht auch beide Male „Historischer Reiseführer“ drauf. Aber tatsächlich hat Hermann etwas vollkommen anderes gemacht. Es ist eher ein kompaktes Geschichtsbuch geworden, das an vielen Stichworten erläutert, wie das war im Sachsen der Nichtstaatlichkeit.

    Denn zwischen 1952 und 1990 existierte Sachsen ja schlichtweg nicht, befand sich in einem quasi Zustand der Abwesenheit, auch wenn es vielen Bewohnern der Region trotzdem präsent war. Denn eine Identität als Bewohner der künstlich geschaffenen Bezirke Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt gab es ja nicht wirklich. Dazu waren sie zu jung. Der große Atem der Geschichte war – na ja – irgendwie sächsisch, auch wenn Konstantin Hermann im Überschwang gleich von 850 Jahren ungebrochener Tradition ohne Aufteilung oder Angliederung an andere Gebiete schwärmt. Das war ja bekanntlich anders. Und die Gelehrten streiten sich noch immer, ob die Leipziger Teilung von 1485 nicht erst den preußischen Aufstieg ermöglicht hat, der dann im 19. und 20. Jahrhundert seine militaristischen Folgen zeitigte.

    Aber Geschichte ist ja nicht ganz so geradlinig, sie nimmt Kurven, eiert herum, manchmal staut sie sich auch auf und schwemmt dann wieder alles weg. So ganz frei ist die Geschichtsschreibung ja nicht von dem Glauben, Staatslenker würden den Wagen tatsächlich lenken und wissen, wo sie hinwollen. Der zugehörige Liedtext aus der hier beschriebenen Zeit: „Du hast ja ein Ziel vor den Augen …“

    Hätte man einen der Nicht-Sachsen aus der Zeit von SBZ und DDR gefragt, welches Ziel das wohl sei, wäre außer angelerntem Wortmüll aus dem Staatsbürgerkundeunterricht wohl nicht viel gekommen. Na gut, 1990 dann vielleicht auch so ein Ding wie „Deutsche Einheit“, eher seltener: Wiederherstellung Sachsens als Land. Denn auch das stimmt: Man hatte zwar eine durchaus wahrnehmbare sächsische Identität, aber die Wiederherstellung der alten, 1952 aufgelösten Länder, stand so zwingend nicht auf dem Programm. Und wie genau da im Frühjahr 1990 Druck aufgebaut wurde, die alten Länder wieder auferstehen zu lassen, deutet Hermann nur an, wenn er auf eine eher windige Idee aus dem Dresdner Bezirkstag zu sprechen kommt. Wo irgendjemand Anfang 1990 davon geredet hat, das Land wieder gründen zu wollen.

    Aber das wollte die frisch renovierte CDU dann doch nicht den Alten überlassen und Arnold Vaatz preschte vor mit einem Verfassungsentwurf für den wiederzugründenden Freistaat.

    Seitdem wird wieder geheimattümelt, was das Zeug hält. Den so wichtigen Moment, darüber nachzudenken, wie ein modernes Bundesland eigentlich zugeschnitten sein könnte, hat man gründlich verpasst. Denn Rückbesinnung auf Geschichte ist zwar ganz hübsch. Aber was kommt dabei heraus, wenn die Menschen ihre Geschichte gar nicht kennen? Denn der Glanz des Augusteischen Zeitalters ist ja mittlerweile mehr Legende als echte Geschichtsbeziehung. Irgend so eine Art Anhänglichkeit an den König schwang auch in der Biedenkopf-Ära ja noch mit. Aber so etwas zeugt nicht gerade von kritischer Geschichtssicht und schon gar nicht von rationaler Beziehung zu Politik. An den ersten Freistaat Sachsen, den es von 1918 bis 1933 gab, dürfte 1990 kaum noch jemand eine persönliche Erinnerung gehabt haben.

    Und auch deshalb ist Hermanns Buch kein Reiseführer, sondern eher Geschichtsbuch

    In sechs großen Kapiteln arbeitet er auf, wie gründlich die Region nach Gründung der DDR 1949 und Abschaffung der Länder 1952 umgekrempelt wurde, nicht nur in den Verwaltungsstrukturen, die mit selbstständigen Verwaltungseinheiten von heute nichts zu tun hatten. Die Bezirke waren ja kein Teil eines demokratischen politischen Systems, sondern nur Direktionseinheiten für eine komplett zentralisierte Regierung. Alle wesentlichen Entscheidungen fielen in (Ost-)Berlin – bis hin zur Komplettplanung für die Wirtschaft.

    Tatsächlich wird selbst damit, dass sich Hermann ganz und gar auf das Territorium des ehemaligen Sachsen in der DDR konzentriert, sichtbar, wie ein völlig durchplantes und durchherrschtes Land entsteht, wie zuerst die Parteien gleichgeschaltet wurden, dann die Verwaltungseinheiten, die Hochschulen und Schulen, wie die Landwirtschaft von allen „kapitalistischen“ Elementen befreit wurde und ebenso die Industrie, Handel und Handwerk. Ganz bewusst wollte Hermann kein Buch schreiben, das zu den zahlreichen Zeugnissen der Architektur in der DDR führt. Das hat Martin Kaule in seinem Buch ja schon sehr eindrucksvoll getan.

    Trotzdem sieht man diese Bauten natürlich auch in Hermanns Buch, weil sich hier nun einmal die 40 Jahre Geschichte verorten lassen – seien es die Bauten für SED-Bezirksleitungen, die Bunker für Armee oder MfS, die Konzerthallen, Universitätsbauten oder die riesigen Neubaugebiete. Es ist eher überraschend, dass in dieser scheinbar so heruntergewirtschafteten DDR tatsächlich so viele typisch „ostmoderne“ Bauten entstanden, von denen viele heute noch stehen und genutzt werden, einige sogar mit großem Aufwand saniert wurden, weil sie selbst längst wieder Teil des gebauten Gedächtnisses sind.

    Auch bei Hermann wird sichtbar, dass der wirtschaftliche Niedergang der DDR so zwangsläufig nie war, wie er im Nachhinein erschien. Gerade die drei Bezirke, die aus dem alten Land Sachsen geschnitten wurden, galten als das wirtschaftliche Herzstück der Republik. Und gerade da, wo der Staat nicht rigoros hineinregierte, konnten etliche Betriebe bis in die 1960er Jahre hinein selbst auf Weltniveau mithalten. Doch dann erwies sich die Planwirtschaft letztlich als fatal, klafften Anspruch und Realität immer weiter auseinander. Noch heute stehen da und dort heroische Arbeiter- und Studentendenkmäler herum, die vom staatlich verordneten Glauben an den Sieg in irgendeiner fleißig erarbeiteten Zukunft erzählen. Aber daneben stehen dann all die Erinnerungsstätten, die Zuchthäuser, Hinrichtungsstätten, MfS-Gefängnisse und Jugendwerkhöfe, all die Instrumente, mit denen die am stalinschen System geschulten Funktionäre glaubten, Menschen korrigieren und formen zu können.

    Wobei natürlich auch eine Frage auftaucht

    Gab es eigentlich so etwas wie eine ostdeutsche Identität, außer dieses Wissen darum, im ärmeren Teil Deutschlands gelandet zu sein und mit Produkten Vorlieb nehmen zu müssen, die – gemessen am Fortschritt – eher nur noch peinlich waren? Das muss wohl auch den Mächtigen irgendwie geschwant haben, sonst hätten sie nicht ab den 1970er Jahren begonnen, die alten Identitäten wieder zu fördern – die preußische in Berlin samt Friedrich II. und Bismarck-Biografie. Und in Sachsen die Rückbesinnung auf August, Porzellan und Barock. Andererseits gehörte auch der Arbeitsplatz zur ostdeutschen Identität – das Land lebte Vollbeschäftigung, auch wenn die Arbeitsproduktivität nicht mehr wettbewerbsfähig war und die Industrie immer größere Teile des Landes in eine Mondlandschaft verwandelte.

    Hermann kann gar nicht anders, er kommt in alle unvereinbaren Widersprüche dieses Landes, das auch daran scheiterte, dass die Regierenden einen echten gesellschaftlichen Diskurs ab 1953 komplett unterbanden. Bis in die Literatur und die Musik wurde hineinregiert und vorzensiert. Das Moderne steht neben dem fast feudal Rückständigen, der Traum vom Weltraumflug und der totalen Beherrschung der Natur neben der prekären Versorgungslage und dem Verfall der historischen Städte. So manches Neubauprojekt blieb auf halber Strecke unvollendet, weil das Geld alle war.

    Und man staunt: Im Grunde kann Hermann auch zu jedem Kapitel eine Adresse nennen, wo man die einzelnen Erzählstränge in einer Gedenkstätte, einem kleinen Museum, einer Sammlung auch besichtigen kann. Oder recherchieren, so wie in der Staatlichen Landesbibliothek, wo Dr. Konstantin Hermann als Abteilungsleiter tätig ist. Im Grunde hat er hier ein kleines Geschichtsbuch geschrieben, das dem Neugierigen erklärt, wie der Sozialismus „in den Farben der DDR“ eigentlich funktionierte, wie er versuchte, „neue Helden“ zu schaffen und „das Alte“ aus den Innenstädten herauszuretuschieren. Ein Sozialismus, der aber auch mit Honeckers Unterschrift unter die Schlussakte von Helsinki 1975 an den Punkt kam, an dem er sich selbst infrage stellen musste.

    Denn die Bürgerbewegung, die seit der Niederschlagung des Aufstands von 1953 fast mundtot gemacht worden war, definierte sich ab da vollkommen neu und berief sich dabei direkt auf die Charta der Menschenrechte. Vielleicht ist es genau der Punkt, von dem ab alles auseinander lief – bis zu diesem Herbst 1989, in dem so deutlich wurde, dass die Funktionäre längst verlernt hatten, „mit dem Volk“ zu reden. Deswegen wirken all die Orte und Gebäude, die Hermann erwähnt, auch auf seltsame Weise ahistorisch, gebaut für eine Utopie, zu deren Umsetzung allen Beteiligten die Kraft und der Verstand gefehlt haben. Denn wenn sich Regierungen gezwungen sehen, Geheimdienste, Polizei, Armee, Kampfgruppen und Wehrkunde derart umfassend auszubauen, dann haben sie schon längst das Vertrauen in ihre eigene Vision verloren. Dann propagieren sie eine tote Vision, von der sie nicht wissen, wie sie da hinkommen sollen.

    Dass dann ausgerechnet Leute völlig ohne Vision und mit einem verklärten Blick aufs alte Sachsen ihre Nachfolger wurden, ist vielleicht nur logisch, aber irgendwie auch völlig unzeitgemäß. Deswegen wirken auch so viele Versuche, die untergegangene DDR für alles Mögliche verantwortlich zu machen, so überheblich. Als wären jetzt stolze Riesen an der Regierung, die mit Recht arrogant auf die besiegten Zwerge hinabschauen. Dabei war die DDR noch nie so sehr Geschichte wie heute. Man kann ihre Relikte so emotionslos besichtigen wie die Relikte des aufwendig restaurierten Dresdner Barock oder der Lutherzeit.

    In vielen Städten fallen sie nicht mal auf, weil sie der zum Teil ebenso scheußlichen Moderne in Westeuropa ähneln. Denn auch das fällt auf beim Blättern durch Hermanns Buch: Dass die DDR selbst in diesem Punkt völlig zwiegespalten war – einmal in dem Versuch, einen völlig eigenen „nationalen“ Weg zu gehen und alles anders zu machen als der Westen – und zum anderen, ja mitzuhalten bei den rasenden Entwicklungen der Moderne, deren Tempo und Formen nun einmal der Westen vorgab. Auch so etwas kann ein Land zerreißen.

    Konstantin Hermann Sachsen 1949 – 1990, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2016, 14,95 Euro.

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