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Wie Leipzig im Georgenhaus versuchte, seine armen Sünder zu korrigieren

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    Erst war es eine Bachelorarbeit im Geschichtsstudium an der Uni Leipzig, dann kam noch eine Masterarbeit obendrauf. Und dann fand Prof. Enno Bünz, dass die Geschichte eigentlich als Buch in die Reihe „Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Leipzig“ gehört. So ist es geschehen: Wer wissen will, was das Leipziger Georgenhaus mal war, kann jetzt zum Buch greifen.

    In einzelnen Aspekten war es auch schon in früheren Sammelbänden zur Leipziger Stadtgeschichte vertreten. Auch im Zusammenhang mit dem 1.000. Jahrestag der Ersterwähnung Leipzigs haben sich Leipziger Historiker mit der Frage abgemüht, wie die Stadt in der Vergangenheit mit Armenfürsorge, Waisenbetreuung, Bettlern, Alten und Kranken umging. Teilweise tauchte das Georgenhaus dann auch in der 800-Jahre-Geschichte des Städtischen Krankenhauses St. Georg auf. Aber Autor für Autor musste feststellen, dass er immer nur einen Teilaspekt dieser Einrichtung erfasst hatte, die 1671 neu geschaffen wurde, denn das Krankenhaus St. Georg hatte die Stadt im 30-jährigen Krieg mal wieder abreißen müssen, um Angreifern vor den Mauern keine Deckung zu lassen.

    Nach dem Krieg dauerte es dann ja wieder, bis die schlimmsten Folgen des Krieges überwunden waren. Doch die Stadtväter wollten mit dem kleinen Krankenhaus an der Pleiße nicht einfach weitermachen wie bisher. Die Zeit war reif für neue Projekte und in allen europäischen Großstädten wurden neue Formen der Sozialfürsorge ausprobiert. Das Modell war überall ganz ähnlich: große geschlossene Anstalten, in denen all das, was vorher vor allem durch kirchliche Einrichtungen abgedeckt war, konzentriert verwaltet werden konnte. Deswegen wurden all jene Autoren dem Thema nicht gerecht, die diese frühen Zuchthäuser nur unter dem Foucaultschen Aspekt von „Überwachen und Strafen“ betrachteten.

    Auch wenn die Städte versuchten, in diesen Häusern auch ihre psychisch Kranken und ihre Strafgefangenen unterzubringen. Logisch, dass Dörthe Schimke auf die vielen Quellen verweist, die den Fürsorge-Aspekt betonen. Denn auch wenn diese Anstalten streng reglementiert waren, boten sie dennoch jenen Stadtbewohnern ein Dach und eine Versorgung, die sonst nichts gehabt hätten: angefangen bei den vielen Waisenkindern dieser Zeit über die zum Betteln Gezwungenen bis zu den alten Menschen, die kein Einkommen mehr hatten.

    Und man staunt nur kurz, wenn man über die Motive der städtischen Magistrate stolpert, wie solche Häuser zu führen seien und welches Ziel sie eigentlich bezweckten. Denn diese Motive sind auch aus der Gegenwart vertraut, wo sie sich dann mit Floskeln wie „Fördern und Fordern“ maskieren, die – wie man weiß – in der Umsetzung dann doch wieder zu „Überwachen und Strafen“ verkommen sind, auch wenn die Verfechter dieser Thesen immer wieder den Glauben schüren, ihre Herangehensweise würde die Gezüchtigten und Erzogenen nach Ende ihrer Verwahrung befähigen, fortan aus eigener Kraft ihre Existenz sichern zu können.

    Ob das damals klappte, kann auch Dörthe Schimke nicht sagen. Denn auch wenn die Geschichte des Georgenhauses relativ gut in den Aktenbeständen überliefert ist, gibt es keine Statistiken darüber, ob die Menschen, die das Georgenhaus verließen, tatsächlich ein selbstständiges Leben führten. Aktenkundig wurden ja nur jene Menschen, die wiederholt im Georgenhaus landeten. Oder die Waisenkinder, denen der „Weg ins Leben“ nicht gelang. Was auch daran lag, dass sich die Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts streng über eine (gute) familiäre Herkunft definierte und auch die meisten Handwerkerzünfte keine Lehrlinge ohne familiären Leumund aufnahmen.

    Natürlich waren diese Zuchthäuser des 17. Jahrhunderts ein modernes Experiment, die all das bündelten und versuchten, kostengünstig zu verwalten, was vorher als kleinteilige (Armen-)Fürsorge in den Städten schon praktiziert wurde. Diese Häuser aus der Perspektive der Gegenwart zu bewerten, in der alle Einzelfunktionen längst von spezialisierten Einrichtungen übernommen wurden, verfehlt das Thema. Was Dörthe Schimke übrigens sehr intensiv diskutiert. Denn was solche – für die Zeit völlig neuen – geschlossenen Einrichtungen für Probleme hatten, konnten die verantwortlichen Kommunen und Landesherrschaften ja erst lernen, als sie existierten. Als das Georgenhaus noch neu war, glaubten tatsächlich einige Leute, so eine Einrichtung könnte ihren Betrieb selbst erwirtschaften und der Stadt sogar noch Überschüsse.

    Auch das gehört zum guten Glauben des damaligen Bürgertums, das erstaunlich den Illusionen des heutigen Bürgertums ähnelt, dass Arbeit die beste Erziehung ist und Menschen, die man zu harter und zeitausfüllender Arbeit zwingt, auf diese Weise lernen, in Freiheit ebenso hart ihren Lebensunterhalt zu erarbeiten. Übrigens ein Punkt, den Schimke gar nicht weiter ausbaut, weil er eine Denkhaltung verkörpert, die man in dem Satz „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ zusammenfassen könnte. Nur: Der galt auch im 18. Jahrhundert nur für einen winzigen Teil der stark von Standesbewusstsein geprägten Gesellschaft. Wer in Armut geboren wurde, hatte nicht viele Möglichkeiten, sich sein täglich Brot zu erwerben und landete fast immer in Not- und Teuerungszeiten genau da, wo die Stadt helfen musste: in Fürsorge.

    Schimke hat die Herkunft und die Berufe der Georgenhausinsassen sehr akribisch unter die Lupe genommen und kommt genau zu dem Ergebnis: Der größte Teil der Insassen stammte aus den armen Bevölkerungsschichten Leipzigs und es waren größtenteils Armutsdelikte und Existenznöte, die Menschen in die Obhut dieses Hauses brachten, in dem es tatsächlich so streng zuging wie in einem Gefängnis. Stark religiös überformt, wie das damals die Norm war. Das christliche Arbeitsethos war direkt gekoppelt mit einer als Strenge verstandenen christlichen Sittenlehre. Es war ja auch die Zeit des aufkommenden Pietismus, der auch die Sichtweise auf diese Erziehungshäuser prägte und dessen Vertreter der Überzeugung waren, dass der Mensch nur ein sittenstrenges Leben führen müsste, dann würde er auch nicht in Not geraten.

    Es dauerte trotzdem ziemlich lange, bis sich aufklärerische Kritik an diesen Häusern durchsetzte. Etwas, was Dörthe Schimke am Georgenhaus sogar sehr exemplarisch diskutieren kann. Denn in der Zeit des bis heute legendären Bürgermeisters Carl Wilhelm Müller wurden nicht nur die ersten Leipziger Bürgerschulen gegründet, Karl Gottlieb Plato entwarf auch eine Schulordnung für eine (Waisen-)Schule im Georgenhaus, die sich erstmals deutlich von der reinen religiösen Unterweisung der Vorzeit abhob und den Kindern tatsächlich wichtige Grundlagenkenntnisse für ein bürgerliches Leben vermitteln sollte.

    Aber wie das so ist mit weisen Räten: Sie glaubten tatsächlich, die Lehrerstelle im Georgenhaus nur halb so gut bezahlen zu müssen wie ein Lehrerstelle an der Bürgerschule: Ergebnis war eine absehbare Fluktuation und ein schneller Abbruch der Qualität. Selbst das erinnert an die knauserige Gegenwart und eine Landespolitik, die bis heute glaubt, die doppelte Lehrerleistung fürs halbe Geld bekommen zu können.

    Und dabei ist das ja nun wirklich eine ganz unemotionale Aufarbeitung der Fakten zur Geschichte dieses Multi-Zweck-Hauses am Brühl, das bis 1871 das Stadtbild prägte, da aber schon die meisten seiner Funktionen verloren hatte. Die Waisenkinder nahm man kurz vorher aus dem Haus, weil man endgültig begriffen hatte, dass man den Kindern nichts Gutes tat, wenn man sie mit Strafgefangenen und psychisch Kranken in ein Haus sperrte. Die Altenfürsorge wurde genauso spezialisiert wie der nun zunehmend mit medizinischem Wissen grundierte Umgang mit Geisteskrankheiten. Und den Strafvollzug übernahm konsequenterweise das Land.

    Zuchthäuser wie das Georgenhaus sind also greifbare Übergangsgebilde in die Moderne, die aber auch deutlich machen, wie wenig modern der heutige Umgang mit Armen und Fürsorgebedürftigen noch immer ist. Im Grunde zeigen diese Gebilde ja auch, wie falsch verstandene Aufklärung Formen annimmt, die eher den Missstand verschlimmern als die betroffenen Menschen aus ihrem Dilemma zu erlösen.

    Schimke geht auch darauf ein, dass alle Versuche, solche Zuchthäuser tatsächlich als geschlossene Anstalt zu betrachten, fehl gehen. Dazu waren sie – auch über das Dienstpersonal und die Spendenbereitschaft der Bürgerschaft – viel zu sehr mit dem städtischen Leben verbunden, auch wenn ihre Insassen stigmatisiert waren und als  Fürsorgefälle aus dem städtischen Kosmos ausgegrenzt. So betrachtet, waren diese Häuser auch ein städtischer Versuch, die mit Verordnungen nicht regelbaren Probleme der Stadt unter Kontrolle zu bringen und abgesondert zu verwalten. Ein Bestreben, das sich in entsprechenden Ratsakten sehr deutlich ausspricht.

    Und auch das kommt einem vertraut vor, wenn eine Stadt wie Leipzig heute wieder neue Bettelordnungen erlässt. Da wird der – eigentlich wirklichkeitsverweigernde – Versuch sichtbar, sich der Probleme durch Verbot und Abweisung zu entledigen. Der nächste Schritt ist dann der Bau eines Zucht- und Armenhauses. Mit Lösungskompetenz oder gar einem Schritt „aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ hat das nichts zu tun.

    Aber vielleicht geht es auch nur mir so, dass ich beim Lesen dieser sehr diskussionsfreudigen Aufarbeitung von 200 Jahren Georgenhaus permanent an die bürokratischen  Zuchtmeistereien der Gegenwart denke. Aber die Motivationen ähneln sich viel zu sehr, als dass man die Parallelen nicht sieht. Und während Aufklärung sich lange und oft mit heftigsten Widerständen bemühte, dieses alte, von Vorurteilen geprägte Ständedenken aufzulösen und zu überwinden, ist es heute mit dem alten pietistischen Ingrimm wieder auf dem Vormarsch. Was übrigens – Dörthe Schimke deutet es ja nicht nur an – aufs Engste mit gesellschaftlicher Ausgrenzung, sozialer Abschottung und wirtschaftlicher Chancenlosigkeit zu tun hat. Was eigentlich die Wirklichkeit hinter dem Schimmel Neoliberalismus ist.

    Und wem das Buch noch zu trocken ist, der kann ja bei Charles Dickens weiterlesen. Das englische Bürgertum war ja nicht die Spur weniger zuchtmeisterlich und (in diesem Fall) puritanisch als das deutsche. Gerade weil das Georgenhaus kein in sich abgeschlossener Kosmos war, wird deutlich, wie sehr das Denken der städtischen Obrigkeit die Wirkungsweise dieser Einrichtung bestimmte – nämlich immer im ungelösten Widerspruch zwischen der (christlich motivierten) Fürsorge und der bürokratisch grundierten Strafpraxis.

    Natürlich fehlen die Fälle von „erfolgreichen“ Abgängen aus dem Georgenhaus. Zumindest in den Akten des Hauses sind sie nirgendwo sichtbar. Was trotzdem die Frage aufwirft: Gab es überhaupt erfolgreiche Lebenskarrieren nach Verlassen dieses Hauses? Man zweifelt wohl zu Recht, denn eine (Straf-)Praxis, die so rigoros auf die Unterordnung des Anstaltsinsassen zielt, ist beim besten Willen keine gute Vorbereitung auf ein selbstbestimmtes Leben. Kann es nicht gewesen sein.

    Aber vielleicht finden ja unsere emsigen StadthistorikerInnen tatsächlich Beispiele und Schicksale, die dieser Vermutung widersprechen. Es wäre mal ein neuer Aspekt in einer mehrhundertjährigen Korrektionsgeschichte des amtswaltenden Bürgertums. So hieß das damals wirklich: Wer aus dem Raster fiel, musste korrigiert werden. Und sage keiner, das habe sich seit 1871 auch nur die Spur geändert.

    Dörthe Schimke Fürsorge und Strafe, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2016, 39 Euro.

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