Der Fall Wagner ist eigentlich genauso exemplarisch wie der Fall Bach. Das späte 19. Jahrhundert suhlte sich zwar in lauter Inszenierungen einer ritterlich-romantischen Vergangenheit. Aber mit den echten Erinnerungen an prägende Persönlichkeiten der eigenen Vergangenheit ging man – ratzfatz – völlig geschichtsvergessen um. Der Umgang mit dem Alten Johannisfriedhof ist nur allzu exemplarisch.

Auch Bach lag ja an der alten Johanniskirche begraben. Das wussten die Leipziger zwar – genauso, wie sie wussten, dass Käthchen Schönkopf auf dem Alten Johannisfriedhof begraben lag und Wagners Mutter, seine berühmte Schwester, sein Vater … und trotzdem schwelte über Jahrzehnte der Streit, ob man die Reste des einst imposanten Leipziger Friedhofs, auf dem über 600 Jahre rund eine Viertel Million Menschen begraben wurden, einfach planiert, öffentliche Gebäude drauf baut oder einen Park draus macht. Glück für Leipzig, dass die Diskussion in einem Patt endete, die Wegrasierer und Neubebauer sich genauso wenig durchsetzen konnten wie die Schar derer, die begriffen hatten, dass hier ein Stück Stadtgedächtnis zu retten war. Ein wichtiges. Andere Großstädte stellten damals ihre traditionsreichen Gottesäcker unter Denkmalschutz, weil sie die Erinnerung an ihre berühmten Mitbürger nicht ausradieren wollten.

Die Leipziger aber rissen nicht nur – zum bis heute anhaltenden Entsetzen aller Wagner-Verehrer – Wagners Geburtshaus am Brühl ab, sie rissen auch die alte Thomasschule mit der einstigen Wohnung Johann Sebastian Bachs ab. Und wenn die Häuser mit den Wohnungen Mendelssohns und der Schumanns nicht über Jahrzehnte als Wohnhäuser genutzt worden wären, die gerade so die Reise bis ins rettende Jahr 1990 schafften – auch sie wären verschwunden. Die meisten Leipziger Erinnerungstafeln an die Berühmtheiten der Stadt hängen an Bauten, die mit den einstigen Wirkungsstätten nichts mehr zu tun haben.

Logisch, dass sich der Richard-Wagner-Verband emsig bemüht, all das wieder ins Bewusstsein zu holen, was an echtem Zeitzeugnis zu Richard Wagner in Leipzig noch existiert. Am emsigsten ist dabei die Kulturwissenschaftlerin Ursula Oehme, die schon akribisch sämtliche Quellen zu Richard Wagners Jugend in Leipzig aufgearbeitet hat. Denn hier ist er ja nicht nur geboren, sondern auch aufgewachsen, hat seine ersten musikalischen Wagnisse begangen und eine durchaus beachtliche Karriere gestartet, auch wenn die ihn von Leipzig wegführte.

Und zu Wagners Jugend gehört natürlich seine ganze Familie, angefangen von seinem Großvater Gottlob Friedrich Wagner, in Müglenz geboren, der in Leipzig eine Laufbahn als Akzise-Einnehmer starten und seinen Kindern sogar ein Universitätsstudium finanzieren konnte. Die Familiengeschichte der Wagners ist eine Aufsteiger-Geschichte. Pech für Leipzig: Der 1795 Verstorbene wurde in Abteilung I des Johannisfriedhofs beerdigt, der damals noch nicht der Alte hieß, denn der neue Johannisfriedhof wurde erst im 19. Jahrhundert eröffnet (und noch viel schändlicher behandelt als der alte). Auf Abteilung I wurde vor 90 Jahren das Grassi-Museum errichtet. Die Grabstätte von Richards Großvater sei wohl auch schon 1850 nicht mehr auffindbar gewesen, schreibt Ursula Oehme, die sich in den vergangenen fünf Jahren sehr intensiv mit allen möglichen Wagner-Grabstätten auf Leipzigs altem Gottesacker beschäftigt hat.

Sichtbar waren über die Jahre immer nur die Gräber von Wagners Mutter Johanna Rosine und seiner Schwester Rosalie, die anfangs von Rosalies Ehemann Gotthard Oswald Marbach gehegt wurden, später von den Kindern und Enkeln. Bis in diese traurige Zwischenzeit hinein, als der Friedhof säkularisiert wurde und die Anlage zunehmend verfiel, während sich die Stadt darüber stritt, was sie mit diesem Fleckchen Erde anfangen sollte.

Deswegen nimmt der Kampf um das neue Grabmal für Johanna Rosine und Rosalie einen recht großen Teil im Buch ein. Ein Papierkrieg, der etliche Jahre dauerte, aber auch indirekt vom Gesinnungswandel in Leipzig erzählt, denn was 1903 noch am Schweigen des Oberbürgermeisters abprallte, war 1910 auf einmal möglich. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass Leipzig daran dachte, den abtrünnigen Richard Wagner in der Stadt mit einem eigenen Denkmal zu ehren. Max Klinger hatte sich ja schon bereit erklärt. Das Denkmal wurde nie fertig. Aber wer sich an Wagners wichtigste Bezugspersonen in seiner Kindheit erinnern wollte, konnte fortan das Grabmal von Mutter und Schwester besuchen. Was es über beide zu wissen gibt, erzählt Ursula Oehme natürlich genauso kompakt dazu, wie sie es bei Richards Vater tut, den der Junge aber nie kennenlernte, weil Friedrich Wagner schon ein halbes Jahr nach der Geburt von Richard an den Folgen der Seuchen, die Leipzig nach der Völkerschlacht heimsuchten, starb. Als Polizeiaktuarius konnte er sich seiner Arbeit im von Verletzten und Sterbenden belegten Leipzig nicht entziehen.

Als Aktuarius war er ein genauso ordentlicher und dienstbeflissener Mann wie sein Vater. Aber er war auch von Theater und Literatur begeistert. Deswegen taucht er in den Aufzeichnungen von E.T. A. Hoffmann genauso auf wie sein sprachgewandter Bruder Gottlob Heinrich Adolph, Richards Onkel, bei dem Wagner später kurzzeitig Unterschlupf findet im Thoméschen Haus am Markt und der den jungen Richard auf die Spur der Nibelungen und der deutschen Romantik bringt. Wer den Kosmos der Menschen kennt, die der junge Richard in Leipzig um sich hatte, der weiß, aus welcher Quelle seine Musik und seine Opernfabeln stammen. Was lange vergessen war. Die emsige Arbeit von Ursula Oehme hat viel dazu beigetragen, diese ursprünglichen Quellen wieder bewusst zu machen. Und als im Wagner-Jahr 2013 auch noch „Die Feen“ in der Leipziger Oper aufgeführt wurden, konnte ein viel zu verspätetes Publikum auch erstmals eindrucksvoll sehen, was Leipzig verlor, als es diesen ersten spielbaren Erstling des jungen Komponisten ablehnte.

Was auch etwas verständlicher macht, warum Richard fortan so wütend war auf seine Geburtsstadt. Denn eines scheint sicher: Wagners Karriere hätte anders verlaufen können. Manchmal ist es ein schlichtes ignorantes „Nicht aufführbar“ eines Intendanten, das über komplette Lebenswege entscheidet.

2013 gelang es Ursula Oehme dann auch, die Grabstelle zu finden, an der 1813 Richards Vater beerdigt wurde. Das war eine akribische Detektivarbeit in den alten Begräbnisbüchern. Seitdem kann man die Gräber dreier namhafter Angehöriger Richard Wagners auf dem Alten Johannisfriedhof besuchen. Und man sollte natürlich auch die Grabmale Marbachs und der Brockhaus’ nicht weglassen, auch wenn die Familie Brockhaus hier nicht begraben liegt. Die reiche Verlegerfamilie war sich so sicher gewesen, dass der Neue Johannisfriedhof der neue Traditionsfriedhof der Stadt Leipzig werden würde, dass sie auch die Gebeine des Verlagsgründers Friedrich Arnold Brockhaus umbetten ließ. Doch 1970 wurde der – im Krieg zum Teil zerstörte – Friedhof aufgelöst und in den Friedenspark verwandelt. Einige Grabmäler historisch wichtiger Persönlichkeiten wurden zwar zum Alten Johannisfriedhof umgesetzt, doch auch davon gingen viele durch Diebstahl und Vandalismus verloren. Nur ein kleiner Teil ist im seit 1995 wieder öffentlichen Johannisfriedhof als Lapidarium zu besichtigen. Brockhaus deshalb, weil Richards Schwester Ottilie den Brockhaus-Sohn Herrmann heiratete. Der Hausstand der beiden war für Richard Wagner immer wieder Rettungsanker und Unterkunft, wenn er in Leipzig weilte. Hier fand er Trost, aber oft genug auch echte finanzielle Unterstützung.

Man hat also auf diesem kleinen Friedhofs-Rest einen großen Teil der Wagner-Geschichte kompakt vor Augen. Auch wenn die Gräber etwa der jung verstorbenen Geschwister von Richard nicht mehr auffindbar sind. Und auch das Grab seiner anderen Schwester Louise, die den anderen Verleger-Sohn Friedrich Brockhaus heiratete, ist so wenig in Leipzig zu finden wie das seines Bruders Albert oder seiner Schwester Cäcilie, der Tochter aus der Ehe seiner Mutter mit dem Schauspieler Ludwig Geyer, der auch für Richard ein zweiter Vater war.

Gerade dieser neue Blick in die Familie, in der Richard aufwuchs, zeigt, in welch einem von Kunst und Musik geprägten Haushalt Richard aufwuchs. Seine Geschwister wählten praktisch alle den Weg auf die Bühne, brillierten als Schauspieler und Musiker.

So nebenbei erfährt der Leser natürlich auch, wie schwer sich Leipzig tat, den Alten Johannisfriedhof als Ort der Erinnerung zu begreifen. Leipzig war oft und gern eine vergessliche Stadt, riss ab, was alt war und baute noch größer und moderner hin, was neues Geld versprach. Das Bürgertum war zwar oft genug stockkonservativ – aber lange Zeit völlig unbeleckt von einer echten städtischen Erinnerungskultur. Was man übrigens heute noch vielen Anekdoten um die selbst erfundene Stadtgeschichte anhört. Die tatsächliche Leipziger Geschichte war immer eine andere. Und erst seit sich einige Autoren und Forscher ernsthafter mit den wirklichen Spuren der Stadtentwicklung beschäftigen, wird diese Geschichte greifbarer, gewinnt zunehmend Raum neben der oberflächlichen Märchenerzählerei.

Und dazu gehören nun einmal auch die Missverständnisse, Vergesslichkeiten und Verluste, wenn es um all die Berühmtheiten geht, mit denen sich Leipzig heute schmückt. Richard Wagner und seine Familiengeschichte gehören eindeutig zu diesem vergesslichen Part. Aber solche Bücher wie das hier gehören natürlich dazu, der Vergesslichkeit ein Stück weit abzuhelfen und all jenen, die wirklich mehr wissen wollen über den Beginn von Richard Wagners Geschichte, einen Weg zur Erinnerung zu zeigen. Der führt in diesem Fall nicht in die Oper und auch nicht an den Brühl, sondern auf den Alten Johannisfriedhof.

Ursula Oehme Die Ruhestätten der Familie Wagner, Sax Verlag, Markkleeberg 2016, 16,80 Euro.

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