Cornelia Lotters Roman über die dramatischen Folgen falscher Erinnerungen und eines schlimmen Verdachts

Mit Krimis hat sie sich einen Namen gemacht. Mit Krimis, die vor allem die Abgründe in den Mittelpunkt stellen, die im Menschen schlummern. Die Cornelia Lotter gar nicht erfinden muss. Sie machen unsere Gesellschaft zum Pulverfass. Erst recht, wenn es dabei um scheinbar selbstverständliche Dinge geht wie Vertrauen, Sicherheit und Erinnerung. Kann man Erinnerungen fälschen? Ja.

Es ist ein heikles Thema, das die Leipziger Autorin für diese Buch aufgegriffen hat: „false memories“. Erinnerungen, die keine sind, sondern Bilder und Selbstkonstrukte, die erst durch eine falsch gehandhabte Psychotherapie entstehen. Nämlich dann, wenn Therapeuten durch falsche Fragen und Deutungen den von ihnen Betreuten Dinge nahelegen, die scheinbar deren Probleme, Leiden und Frustrationen erklären. Denn wenn Menschen psychisch leiden – aus den unterschiedlichsten Gründen – dann suchen sie dafür natürlich nach Erklärungen und Ursachen.

Und wenn die nicht im eigenen Umfeld oder im eigenen Verhalten gefunden werden können, dann neigen Menschen dazu, sie in früher Kindheit zu vermuten, in verdeckten Erinnerungsschichten, an die man sich scheinbar nur nicht erinnern kann. Also müssen sie aufgedeckt werden. Der Wunsch erzeugt das Ergebnis. Der Therapeut drängt auf ein Resultat – der Patient möchte die Lösung für sein Problem.

Was dramatische Folgen haben kann, wie in diesem Buch für Ann-Marie, die als Lehrerin arbeitet und nun endlich wissen will, warum sie sich in ihrem Leben so unglücklich fühlt und ihre Beziehungen immer wieder scheitern. Bei einer Heiltherapeutin sucht sie die Lösung für das sie zunehmend belastende Problem. Und auch wenn sie die Therapie mit einer Menge Skepsis angeht, mündet das Ganze in einen bitterbösen Brief an ihre Eltern, in dem sie ihrem Vater Missbrauch in früher Kindheit vorwirft.

Eine Spirale des Misstrauens, der Ratlosigkeit, der zunehmenden Verzweiflung kommt in Gang, denn Hans-Martin weiß, dass er sich an seiner Tochter nie vergangen hat. Aber er kann sich nicht wehren. Seine Tochter verweigert den Kontakt, Hilfsvereine weisen ihn sofort ab – denn der Verdacht genügt. Mit Tätern spricht man nicht. Der Hintergrund ist real. In den USA sorgte das Thema in den 1980er Jahren für Furore, als scheinbar immer mehr Väter entlarvt wurden, die sich an ihren eigenen Kindern vergangen haben sollten. Berge von Büchern erschienen dazu. Die moderne Therapie schien ein ganzes Dunkelfeld verheimlichter Übergriffe aufgetan zu haben. Bis viele dieser Väter, deren Ruf, Familie und oft auch der Job zerstört wurden, sich wehrten und Therapeuten, die für diese falschen Erinnerungen der Kinder verantwortlich waren, mit Klagen überzogen.

Seitdem ist diese Welle der Mutmaßungen deutlich zurückgegangen und eine sachliche, wissenschaftlich fundierte Psychotherapie hat wieder Raum ergriffen. Denn auch und gerade wenn es um Pädophilie geht, verschwinden die Erinnerungen der Opfer nicht. Es sieht wohl eher so aus, dass sich solche Übergriffe gerade wegen ihrer Grenzverletzung und Gewalttätigkeit tief einbrennen ins Gedächtnis. Man muss sie nicht aus verdrängten Erinnerungen erst wieder zu Tage holen. Oder rekonstruieren, wie das in einigen Passagen des Buches anklingt.

Was diese falsch rekonstruierten Vergangenheiten anrichten, das bekommen auch Hans-Martin und seine Frau Ingrid zu spüren. Denn das Misstrauen droht auch ihre Ehe zu zerstören, ihre Gesundheit und ihre Arbeitsfähigkeit. Sie beginnen auch an sich selbst zu zweifeln, denn der Verdacht wiegt schwer. Es ist wohl das Schlimmste, was man den eigenen Kindern antun kann. Und Ingrid weiß es sogar aus ihrer Arbeit im Jugendamt, dass man bei so einem Verdacht nicht wegschauen darf, sondern handeln und eingreifen muss. Aber sie weiß auch, wie leicht der Missbrauchsvorwurf selbst missbraucht werden kann. Gerade dann, wenn scheinbar leichtere Vergehen nicht ausreichen, Frauen und Kinder aus einer Familienhölle zu befreien. Mehrere Fallbeispiele aus der Realität hat Cornelia Lotter mit eingewoben in ihre Geschichte, die durchaus ein Ritt durch die Hölle ist, auch wenn die Helden am Ende erfahren, dass sie noch Glück hatten. Andere haben den psychischen Druck, die Zerstörung all dessen, was für sie einmal Familie war, nicht ausgehalten, sind krank geworden an dem Verdacht oder ganz zerbrochen.

Was das Dilemma nicht leichter macht, denn wie löst man so ein Drama, wenn die „Lösung“ eines Problems noch weit schlimmere Folgen hat?

Und wenn für die falsch Verdächtigten kein Ansprechpartner existiert, weil das Gesetz vor allem die Therapeuten schützt und ihre Patienten?

Was natürlich nicht Platz hat in der Geschichte, ist die Tatsache, dass es nicht nur auf diesem Feld „false memories“ gibt. Der Mechanismus ist eigentlich bekannt. Viele unserer Erinnerungen sind in Wirklichkeit nur spätere Rekonstruktionen, weil wir uns selbst an die eigentlichen Ereignisse nicht mehr erinnern können. Sie sind überblendet von Millionen späterer Ereignisse, von Bildern aus Familienalben, den Erzählungen der Eltern, gerade wenn es um ganz frühe Kindheitserlebnisse geht. Unser Gehirn ist ständig dabei, die Dinge neu zu ordnen, zu komprimieren, wichtige Erzählstränge zu festigen, Dinge, die kaum noch abgerufen werden, irgendwann einfach zu „vergessen“ oder umzuwandeln, in andere Bilder und Erinnerungsfetzen einzuweben. Tatsächlich konstruieren wir uns unsere Vergangenheit immer wieder neu. Was erhalten bleibt, sind die wirklich einschneidenden Erlebnisse, das, was uns am tiefsten verletzt, am meisten verblüfft und bewegt hat.

Cornelia Lotters Buch ist im Grunde ein erzählerischer Appell an alle, die mit dem Phänomen konfrontiert werden – vor allem an alle im Staatssystem und im Gesundheitswesen, die eine gar nicht einfache Aufgabe haben, wenn sie einschätzen sollen, wie belastbar Missbrauchsvorwürfe sind. Das Problem scheint auch eher weniger im völlig überforderten staatlichen Therapiesystem zu stecken, sondern im großen Feld der freien Heilberufe, wo es da und dort eben doch Therapeuten gibt, die dem Patienten viel zu sehr eine Lösung anbieten wollen. Denn wenn da unten, tief versteckt in verdrängten Erinnerungen, ein möglicher Missbrauch als Lösung der Probleme liegt – warum nicht darauf hinarbeiten?

Aber so einfach ist ja unsere Psyche nicht. Außer, dass wir oft genug geneigt sind, so einfache Erklärungen zu akzeptieren und alle Schuld bei einem anderen zu vermuten, der uns das angetan hat. Den Mechanismus kennt man selbst aus dem ganz normalen gesellschaftlichen und politischen Leben. Wenn jemand anders der Sündenbock ist, dann muss ich mich mit meinem eigenen Leiden nicht mehr weiter beschäftigen. Dann ist eben der Andere schuld daran. Ich muss nicht mehr meine Kraft darauf verwenden, die Lösung bei mir selbst zu suchen.

Das löst zwar nichts, entlastet aber auch nicht, wie Cornelia Lotter zu erzählen weiß. Die Betroffenen leiden weiter und sind in gewissem Maße auch weiter auf der Suche nach Menschen, die für sie eine mütterliche Rolle übernehmen. Das gibt dann wenigstens Trost und Zuwendung für den Moment – und verstärkt die im Grunde kindliche Haltung, der Konfrontation mit den eigentlichen Ursachen für das eigene Leid auszuweichen.

Die tatsächlich oft darin liegen, dass wir das falsche Leben leben, den Ansprüchen anderer zu genügen versuchen. Was dann sogar – wie in diesem Fall – der Vater selbst sein kann. Ein falsches Wort im falschen Moment kann auch eine lange und verheerende Wirkung entfalten, wenn es nicht relativiert wird. Gerade in einer Gesellschaft wie der unseren, die ihre Mitglieder sowieso schon einem enormen Leistungsdruck aussetzt. Versagen lässt sie eigentlich nicht zu, Schwäche ebenso wenig, die Verweigerung von Einsatzbereitschaft auch nicht.

Man liest es zwischen den Zeilen (auch wenn die Lösung am Ende eine andere ist), dass die Rahmenbedingungen unserer Leistungsgesellschaft selbst schon krank machen  können – und zwar gerade all jene, die nicht gegenhalten können, die eigentlich zum Funktionieren erzogen sind und dann verzweifeln, wenn das Dauerfunktionieren den eigenen Körper ruiniert und die eigene Seele im Dauerzustand des Unglücklichseins ist. Nicht ohne Grund boomen die psychotherapeutischen Angebote in unserem Land, suchen immer mehr Menschen Hilfe in einer Therapie.

Und wenn dann etwas tief Verdrängtes scheinbar die logische Erklärung für alle Leiden ist, dann beginnt ein Teufelskreis. Dann sorgt die falsche Erklärung für neue Zerstörungen. Glück im Unglück für Ann-Marie und ihre Eltern ist, dass sie wissen wollen, was da wirklich vor sich geht, dass sie sich durchs halbe Internet und große Buchstapel arbeiten, weil der Zweifel sie nicht loslässt.

Der Leser aber muss natürlich mit dem Schlimmsten rechnen, so wie Hans-Martin, der sich schon Verhaftung und Gerichtsprozess ausmalt in seinen schlimmsten Träumen, die Zerstörung seiner ganzen kleinen Welt. Der aber auch den Mut hat, sich mit den Schicksalen anderer Männer zu konfrontieren, denen es ähnlich ging. Und geht, denn wirklich im öffentlichen Bewusstsein hierzulande ist das Thema noch nicht. Ein Buch also auch, das sensibel machen soll für ein Thema, das bislang kaum Aufmerksamkeit hierzulande erfahren hat.

Cornelia Lotter „Durch die Hölle“, Cornelia Lotter, Leipzig 2016, 9,90 Euro.

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