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Im Schatten glitzernder Türme bei Goethe, Börne und den Geistesblitzern der Frankfurter Schule

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    Nach Frankfurt? Kann man wirklich in eine Stadt reisen, die als Bankenhauptstadt, Flughafencity und mit lauter protzigen Wolkenkratzern in den Schlagzeilen ist? Eine Stadt der Banker, manchmal auch der Demokratie und der zweitwichtigsten Einkaufsmeile? Irgendwie schon, stellt man fest, wenn man mit Ralf Zerback erst mal losgerannt ist vom Hauptbahnhof, flugs durchs Bahnhofsviertel. Da wollten wir ja auch nicht hin.

    Wobei es sicher vorstellbar ist, dass es irgendwo einen emsigen Underground-Verlag gibt, der Stadtführer speziell für Liebhaber des rotlichternden Milieus herausgibt, in dem das Frankfurter Bahnhofsviertel gleich nach der Hamburger Reeperbahn kommt. Aber wie gesagt: Das ist nicht das, was Ralf Zerback zeigen will. Und die vielen glitzernden Banken-Tower kommen eigentlich auch nur aus zwei Gründen vor: Erstens stehen sie ständig irgendwo am Weg herum, auch dann, wenn man nur mal ein lauschiges Plätzchen oder ein nettes Café sucht. Und zweitens, weil man auf einige ganz offiziell hinauffahren kann. In Frankfurt klettert man nicht auf Kirchtürme, wenn man das Ganze mal von oben sehen will, sondern fährt auf die Aussichtsplattform eines dieser Türme, deren Namen sich kein Schwein merken kann – was irgendwie ja auch ein wenig an das kleine, beschauliche Leipzig erinnert, wo das Ding da am Augustusplatz auch hundert Namen hat. Aber die meisten Leute nennen das Bauwerk Uni-Riese oder MDR-Hochhaus, weil das groß oben dransteht.

    Wer jetzt aber glaubt, mit Zerback geht es nur von Turm zu Turm, der irrt. Denn tatsächlich zeigt er jenes Frankfurt, das auch den Frankfurtern jahrzehntelang abhandengekommen war. Nach dem Bombenhagel im 2. Weltkrieg war auch hier alles zerdeppert und im Rathaus herrschte die allgemeine Abreißeritis – wie in so vielen westdeutschen Städten: Das Alte muss weg und was Neues hingebaut. Nur da und dort war man bereit, ein historisch wertvolles Relikt zu erhalten, weil es – wie zum Beispiel die Paulskirche – wichtig war für die frisch wiedergefundene Demokratie. Beim Goethehaus war es schon anders. Da entbrannte, wie Zerback schreibt, nach dem Krieg eine erbitterte Auseinandersetzung, ob man das Haus ganz wegreißt oder wieder aufbaut. Dabei war ausgerechnet Goethe ganz bestimmt nicht schuld am Nazi-Reich. Aber irgendwie war dieses radikale Alles-muss-weg-Denken allgegenwärtig. Zerback meint, die „Traditionalisten“ hätten damals gewonnen. Was schon verblüfft: Hat das etwas mit Traditionalismus zu tun, wenn man markante Orte der Geschichte und der Kultur bewahrt, saniert und wieder aufbaut? Hat das nicht viel mehr mit dem zu tun, was die „Modernisten“ immer wieder vergessen? Dass Menschen Orte der Identifikation und der Erinnerung brauchen? Sonst werden Städte kalt, anonym, nicht zum Aushalten? Wir wollen jetzt mal keine nennen. Die Stadtbaumeister im Westen wissen schon, wo die schlimmsten Abrisse passiert sind und heute der Wind durch kahle Citys pfeift.

    Die Frankfurter haben lange mit sich gerungen, anfangs immer sehr punktuell gekämpft – wie bei der Alten Oper und der Hauptwache (noch so ein Ort, den aufmerksame Schüler aus dem Geschichtsunterricht kennen). Oder 1978 dann mit der historisch nachgebauten Häuserzeile am Römerberg. Noch arg belächelt, aber schon ein Vorbote des nächsten Jahrhunderts, in dem dann die Stadtverordnetenversammlung den Wiederaufbau der Altstadt beschloss. Wofür auch allerlei Gesichtsloses aus der Nachkriegszeit wieder verschwinden musste, während die alte Bebauung zum Teil rekonstruiert wurde, zum Teil in der ursprünglichen Proportion ergänzt. Noch ist nicht alles fertig, weshalb Teile des Rundgangs erst einmal mit einer stadtplanerischen Animation illustriert sind. Aber man ahnt, worum es den Frankfurtern geht.

    Man kann zwar viel erzählen über die wunderbar lange Geschichte so einer Stadt – immerhin waren die Römer schon hier, woran ein ganzer Archäologischer Garten erinnert, die Merowinger hatten hier eine Burg, Ludwig der Fromme ließ sich hier eine Pfalz bauen. Da war das noch Fränkisches und Ostfränkisches Reich und im kleinen Libsi sprach man noch ordentliches Sorbisch und dachte gar nicht daran, sich den nervenden Franken anzudienen oder gar christianisieren zu lassen.

    Zerback vergleicht den Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden und des Berliner Schlosses – wenn er sich da mal nicht irrt. Auch in der Dimension. Tatsächlich kommt der Wiederaufbau Alt-Frankfurts dem Wiederaufbau Alt-Dresdens gleich (wenn sich die Frankfurter die Idee nicht gar selbst in Dresden geholt haben) – während die Berliner auf so eine Idee schon in den 1970er Jahren kamen. Irgendwie halten Stadtbewohner die Geschichtslosigkeit moderner Städte nicht aus. Nicht nur Touristen lieben – wie es Zerback nennt – Altstadtflair. Häuser, die schon beim Anblick Geschichten erzählen und manchmal auch berühmte Bewohner hatten. Denen man gern begegnet. Man kann allein wegen Goethe nach Frankfurt fahren, keine Frage – das Goethehaus soll ja sogar erweitert werden.

    Andere Leute würden wegen eines gewissen Heinrich Hoffman hinfahren – nicht den von Fallersleben, sondern den Psychiater, der vor 160 Jahren den „Struwwelpeter“ schrieb. Das Museum kann man besuchen. Unsereins würde ja eher wegen Ludwig Börne hinfahren, der genauso wie die Rothschilds aus der Frankfurter Judengasse stammte und genauso nach Paris verschlagen wurde. Aber nicht wegen des Geldes, sondern wegen seiner spitzen Feder: Er war einer der besten Feuilletonisten jener Zeit, die die Schafsköpfe gern Biedermeier nennen, die Revolutionäre gern Vormärz (Stichwort: Hauptwache), die von Zensur und staatlichen Verfolgungseifer Betroffenen eher Metternich-Zeit. In Paris traf er sich mit dem anderen großen Exilierten: Heinrich Heine. Auch der ist in Paris begraben.

    Aber ein Börne-Museum sucht man vergeblich unter den vielen, vielen Frankfurter Museen. Ein Museum für die berühmtesten Töchter der Stadt ebenfalls: Bettina von Arnim und Anne Frank kommen von hier. Ralf Zerback vergisst es nicht zu erzählen.

    Eine Stadt, die schon immer mit Geld viel Geld verdient hat, die kann sich trotzdem jede Menge Museen leisten, dagegen sieht alles, was Leipzig zu bieten hat, geradezu wie Spielzeug aus: Städel, Schirn, Senckenberg, Museum für Moderne Kunst, Museum für Komische Kunst … ja „Pardon“ und „Titanic“ und Neue Frankfurter Schule kommen von hier, nicht zu verwechseln mit der Frankfurter Schule, die (anders als die Leipziger) keine Malerschule ist, sondern eine Philosophenschule. Es gibt Leute, die reisen wegen Horckheimer, Marcuse, Adorno und Habermas nach Frankfurt (und trinken auch noch ein Gläschen auf einen gewissen Schopenhauer). Noch heute. Denn noch immer sitzt diese Denkerschule ziemlich einzigartig da in deutschen Landen – als Denkanregung, die die meisten Fernsehmoderatoren fürchterlich überfordern würde.

    Es ist eine dieser vielen Begegnungen, die dem Leipziger Reisenden zeigen, dass man an der Pleiße – historisch bedingt – wohl doch eine Liga tiefer spielt, auch wenn man 1991 gern das „Mainhattan des Ostens“ geworden wäre.

    Ein Grund für den Frankfurter Erfolg ist natürlich die lange Geschichte als Freie Reichsstadt und als Schauplatz für Kaiserkrönungen. Da entsteht ein sehr selbstbewusstes Bürgertum, das nicht erst zur Landeshauptstadt schielt, wenn es etwas auf die Beine stellen will. Dem Ein-Tag-Besucher bereitet das logischerweise Probleme, denn diese Vielzahl von Museen, die schafft keiner an einem Tag. Es sei denn, er fährt mit dem ICE nur schnell mal zum Schnuppern an den Main und landet dann kurz vorm Wieder-ab-Flug in der Fressgass oder in Sachsenhausen, was freilich auch nicht bedeuten muss, dass man seinen Zug noch schafft.

    Aber das ist ja sowieso nur eine Idee von Verleger Mark Lehmstedt, weil die Leute heute alle keine Zeit mehr haben und meist nur einen Tag für eine ganze solche Stadt eingeplant haben. Tatsächlich sind diese Stadtrundgänge „an einem Tag“ eher ein Appetitanreger: Sie zeigen, was man gesehen haben sollte. Und da auch lauter Öffnungszeiten und Besichtigungszeiten und Cafés für unterwegs drinstehen, ist es der Wanderer, der vor der Entscheidung steht: Jetzt schnell durchwetzen und alle 50 Stationen mit qualmenden Sohlen „schaffen“ oder nächste Woche gleich wiederkommen und irgendwo eine preiswerte Herberge finden, damit man sich wenigstens die wichtigsten Museen auch mal von innen anschauen kann? Der klügere Wanderer nimmt sich die Zeit und lässt erst mal die ganze Eile raus bei Apfelwein (ähm Äppelwoi) und Eisbein.

    Ralf Zerback Frankfurt an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2017, 5 Euro.

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