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Das Böse landet ab und zu auch mal im Krankenhaus

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    Es ist nicht gerade der Turm der Peterskirche auf dem Cover, um den die Raben kreisen, auch nicht der Kirche St. Trinitatis. Auch nicht der einer kleinen Kirche in der italienischen Provinz, wo man sich einen eifrigen Don Camillo vorstellen kann. Pater Thomas scheint es so langsam wie Don Camillo zu gehen – nur Peppone fehlt. Dafür landen andere heillose Zeitgenossen in seinem Refugium.

    Und das ist ein höchst christlich geführtes Krankenhaus. Auch wenn der Chef des Hauses sichtlich den Führungsstil eines Feldwebels hat. Selbst der Seelsorger wird abhängig von seinen Launen, weil das Haus einen Teil seines Gehalts bezahlt. So ganz in der Stille liefert der Leipziger Kriminalautor Steffen Mohr mit seinen Geschichten aus dem Wirkungsfeld von Pfarrer Thomas, der eigentlich zum bedürfnislosen Orden der Jesuiten gehört, eine kleine Kritik am heutigen Krankenhausunwesen mit seiner Patientendurchlauferhitzung und der Verwandlung des Personals in eine Art McDonald’s-Mitarbeiter, die nur noch nach Schablone arbeiten.

    Eigentlich werden da Personen wie die einfühlsame Schwester Janet und der Seelsorger, der den Nöten und Sorgen der Patienten zuhört, dringend gebraucht. Selbst für den Heilungsprozess. Aber menschliche Zuwendung kommt in den Kostenplänen nicht vor. Die deutschen Krankenhäuser haben schon einen langen Weg hinter sich hin zu Privatunternehmen, in denen es nur noch um Rendite geht und Umsätze für große Lieferfirmen.

    Ist das jetzt ein abwegiger Pfad? Mit Protestplakat wurde Pfarrer Thomas noch nicht gesichtet. Der schmächtige Mann ist geduldig im Nehmen. Nicht nur der Chef behandelt ihn wie einen Wischmob – ein Kollege seines Polizeifreundes Kommissar Merks benimmt sich genauso. Und das Verhalten einiger zwielichtiger Gestalten, die als Patient im Krankenhaus gelandet sind, ist auch nicht viel besser.

    Moderne Zeiten, könnte man meinen. Wo der Mammon regiert, werden die Sitten immer ungehobelter, rücksichtsloser und dümmer. Was dann Pfarrer Thomas die Sache leichter macht. Denn er kann nicht nur zuhören, seine Kenntnis der menschlichen Fehlbarkeiten und Abgründe haben ihn auch zu einem guten Detektiv gemacht. Vorbild ist ja unübersehbar Father Brown von Gilbert Keith Chesterton, auch wenn dieser Pater Thomas mittlerweile eher in die Fußstapfen von Don Camillo tritt und mit seinem obersten Herrn in aller Ernsthaftigkeit auch mal den richtigen Dialog sucht. Muss ja sein, wenn man sich schon so emsig für ihn bemüht, die Menschen etwas besser zu machen und vor allem zur Einsicht zu bringen.

    Auch deshalb lesen ja so viele brave Menschen Kriminalerzählungen. Der Wunsch, dass die Welt besser wird und die Bösewichte einsehen, was sie Böses angestellt haben, sitzt tief. Wobei Pater Thomas noch den Vorteil hat: Bei ihm können sie beichten, ihre schwer beladene Seele entlasten und vielleicht ein bisschen Vergebung bekommen.

    Wobei: So ein richtig alter Jesuit wie er im Buche steht, ist er auch nicht. Thomas hat eine Menge Verständnis dafür, wenn die Klagenden sich auch mal über die Gerechtigkeit des Herrn im Himmel auslassen und sich beschweren, dass sie Leid und Schmerz aushalten müssen. Man merkt bald: Das Mitleid von Pater Thomas hält sich in Grenzen. Auch wenn er so scharf gar nicht ist auf ein Sündengeständnis. Er will eigentlich nur wissen, wie die Lösung des mehr oder weniger verzwickten Falles aussieht. Wobei das Verzwickte selten der Fall selbst ist. Die meisten Verbrechen sind dumm, dilettantisch durchgeführt und auch gern völlig sinnfrei. Wie das versuchte Kidnapping eines stadtbekannten Fußballtrainers etwa oder der Diebstahl einer Zwei-Zentner-Goldmünze.

    Den neugierigen Pater interessieren eher die Motive. Wer die Motive kennt, kann meist auch den Fall lösen. Dass die gefährlichen Verbrühungen eines Rentners, der eben gerade in der Lotterie gewonnen hat, nicht unbedingt Zufall sein können, wird endgültig klar, als die bucklige Verwandtschaft im Krankenhaus anrückt. Und ganz ähnlich ist es wohl auch bei einer 93-jährigen Oma, bei der sich auf einmal gleich zwei verschollene Söhne melden. Heute hat man ja am besten eine Oma mit guter Rente, wenn man seine finanziellen Probleme in den Griff bekommen möchte.

    Was nicht heißt, dass sich nicht auch die Probleme überlagern. Der eine versucht seinen Burnout in den Griff zu bekommen, die nächste kämpft mit ihrer Selbstmordgefährdung. Was diesen Fall erst recht kompliziert macht, denn hier weiß der Kanarienvogel ganz genau, wie der Mörder heißt. Dirk. So wie Dirk Thomas. Da winde sich mal einer raus, wenn der Kanarienvogel alles gesehen hat.

    Fünf kleine Kriminalgeschichten sind in diesem Büchlein versammelt – einige recht schnell und unkonventionell aufgelöst. Das Schwerenötige und Bedeutungsschwangere ist nicht Mohrs Ding. Dazu ist er zu lange im Geschäft und weiß, dass Menschen aus den allerdümmsten Motiven kriminell werden können. Die, die eh schon auf der Ganovenlaufbahn sind, kennen eh kein Pardon mehr. Aber was will man erwarten in einer Gesellschaft, in der die Gier regiert und sich alles nur noch ums Geld dreht? Da hat sich wohl seinerzeit auch Giovannino Guareschi getäuscht – auch wenn sein Irrtum die herrlichen Don-Camillo-und-Peppone-Geschichten in die Welt gebracht hat. Der große Streit wird nicht zwischen überzeugten Kommunisten und tiefgläubigen Pfarrern ausgetragen, sondern zwischen den Gierigen und denen, die noch mit menschlicher Würde und wachem Kopf gegenhalten. Selbst im Krankenhaus, wo es augenscheinlich nicht nur um Leid und Trauer geht, sondern auch um den kleinen Moment sich meldender Gewissensbisse, die auch tückische Mitmenschen manchmal einholen. Zum Beispiel in Momenten, in denen sie mal stillgelegt sind und über ihre eigene Verletzlichkeit nachdenken müssen. Machen sie ungern. Wissen wir ja.

    So bekommt Pater Thomas ab und zu so ein bisschen Reue mit, wohl wissend, dass diese  rücksichtslosen Zeitgenossen trotzdem so weitermachen werden, wenn sie wieder auf eigenen Füßen laufen können.

    Die Hoffnung, es würde sich einmal ändern, stirbt nie. Man versteht schon, wenn Pater Thomas ab und zu arg ins Hadern kommt und gern wissen möchte, was sein oberster Herr dazu zu sagen hat.

    Steffen Mohr Pater Thomas ermittelt im Auftrag des Herrn, St. Benno Verlag, Leipzig 2017, 7,95 Euro.

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