Für FreikäuferGanz ursprünglich war das mal so eine Art Tagebuch. Nicht so eins, wie es Leute schreiben, die darin ihre Verabredungen notieren, das aktuelle Wehwehchen und dergleichen Vergängliches. Sondern so eins, in dem der Autor seine Einfälle notierte. Hinten im Anhang findet man diese Ursprungsfassungen als Faksimile. Und weiß dann zumindest eins: Mindestens drei Jahre hat dieser Stauffer an diesem Buch gearbeitet und fleißig gesammelt.

Das hätte auch schiefgehen können. Andere Leute haben ihr Leben lang nicht so viele Einfälle. Manche auch gar keine. Was auch an etwas liegt, auf das Stauffer irgendwo da auf den 350 Seiten in einer der 500 Notizen oder der 350 Anmerkungen zu sprechen kommt. Was einem, der seinen Kopf jeden Tag zum Denken benutzt, ja auffällt: Dazu braucht man Ruhe. Denkruhe. Dazu muss man sich rausnehmen können aus dem ganzen Geplärr, das die Leute ringsum ständig veranstalten. Und mit dem sie sich vor allem von einem fortwährend ablenken: vom Nachdenken, Reflektieren, Kombinieren, Beobachten, Erstauntsein.

Stauffer ist ein großer Stauner, auch wenn er erst mal ein Schweizer ist. Und zwar einer von der normalen Sorte. Also so ungefähr wie unsereins. Manchmal nicht wirklich auszuhalten, wenn man merkt, mit wie viel banalem Zeug man sich so jeden Tag beschäftigt, völlig sinnfreiem Quatsch. Der aber das Denken des durchschnittlichen Wohlstandsbürgers ausfüllt mit seiner ganzen Sorge um Steuern, Haus, Wetter, Krankheiten, Was-die-Nachbarn-Sagen, Karriere, Ja-nicht-auffallen usw. Wüsste man nicht, dass er Schweizer ist, man könnte ihn auch für einen Mittelsachsen halten – oder auch nicht. Dazu ist er nicht verbissen genug. Und die Berge fehlen wohl. Berge, die auch mal hübsch für ordentliche Täler sorgen, in denen dann eigentümliche Dialekte entstehen können, die ihre ganze Schönheit dann entfalten, wenn Stauffer darin Dialoge über Banker, Steuerhinterzieher und andere Frivolitäten der Gegenwart gestaltet.

Man merkt schon: Er löckt gern wider den eidgenössischen Stachel und gegen die Selbstgefälligkeit der Bankennation. Sind also nicht nur die Deutschen, die sich gern in den Ärmel schwindeln. Und die allerlei wattiges Zeug reden, statt über die Dinge zu reden, die wirklich wichtig sind.

Aber was ist wichtig?

Heimat zum Beispiel, die letzten Tage überall plakatiert von Leuten, die nicht eine Minute drüber nachgedacht haben. Sonst wüssten sie, dass das ein verfänglicher Begriff ist. Oder Stauffers Anmerkung Nr. 106 zitiert, die sich auf eine ganz typisch schweizer-deutsche Lebensbeziehung bezieht: „Ich mache aus meinem Portemonnaie meine zweite Wohnung. Ich öffne es und fühle mich wie zu Hause.“

Geht es Ihnen auch so?

Dann sind Sie hier richtig, Mitten in der Mitte dessen, was der Normaleuropäer als Heimat begreift: seine Pinkepinke. Und aus der Anmerkung dazu, die das ganze Gefühlige wegpustet: „Heimat sei, wenn man, ohne hinzuschauen, wisse, was da ist, respektive, was nicht da ist.“ Stauffer beschreibt das als Wahrnehmungsfaulheit.

Das macht der Bursche immer wieder. Manchmal sind es simple Feststellungen aus dem Alltag, die dann in der Anmerkung Kobolz schlagen und ihre ganze Heimtücke entfalten. Manchmal denkt er über Gehörtes oder in der Zeitung Gelesenes nach. Manchmal versucht er scheinbar banale Alltagssituationen auszuspinnen, so dass sich kleine, groteske Geschichten daraus entwickeln. Wobei man nicht weiß, ob es jetzt eine dieser phantasievollen Geschichten ist oder ein Traum, den er schnell notiert hat. Das geht bei ihm fließend ineinander über, wechselt ab mit kurzen, skurrilen Dialogen, die ihn und seine Mitwelt in seltsamer Wechselbeziehung mit einer Umwelt zeigen, die eigentlich sehr irritierend ist. Gar nicht heimatlich.

Nur: Das scheinen die meisten Menschen gar nicht mehr zu bemerken. Ihnen fehlt dieses verdutzte Grübeln. Etwa über Statusangaben bei Facebook oder die aufdringlichen Verkaufspraktiken in den heutigen Ladengeschäften, oder ein wimmelndes Häuflein Bauarbeiter, die ein Haus bauen, Ehepaare im Zug, die um ihr Kind kämpfen, als wäre es die Bestätigung ihres Herrschaftswillens, oder die seltsamen Anforderungsprofile für eher lächerliche Jobs im Bildungswesen.

Auch wenn der Verlag andeutet, Stauffer hätte mit dem Buch etwas ganz Neues erfunden, stutzt man und fühlt sich an heimliche Verwandte dieses Autors erinnert, die aus ihrer Befremdung gegenüber dem üblichen Treiben ihrer Mitwelt dicke Bücher gemacht haben voller Gedanken, Nachdenklichkeiten, Fragmente.

Mindestens drei fallen einem beim Lesen ein. Blaise Pascal zum Beispiel, dessen „Pensées“ die Philosophen so ernst genommen haben, dass man meint, man brauche einen Doktortitel und tiefe lateinische Kenntnisse, um dessen „Gedanken“ lesen zu können. Dabei hat er es nicht anders als Stauffer gemacht und sich an vielen Tagen hingesetzt und versucht, aufzuschreiben, was ihm so durch den Kopf ging.

Das ist schon Philosophie. Aber es ist kein Denkschema. Was man merkt, wenn man die anderen beiden geistigen Verwandten Michael Stauffers bedenkt: Georg Christoph Lichtenberg mit seinen „Sudelbüchern“ und Walter Benjamin – zum Beispiel mit seiner „Einbahnstraße“. Alles Leute, die das Angeregtsein des Tages zum angeregten Nachdenken genutzt haben, zum Ausformulieren dessen, was ihnen durch den Kopf ging.

Denn darum geht es.

Denken kann jeder. Die meisten unterlassen es aber lieber, haben dafür keine Zeit. Nehmen sich nicht raus aus dem Moment und stutzen auch nicht. Was dazu führt, dass sie fortwährend nur nachplapppern, was alle plappern. Über Heimat zum Beispiel, Volk oder Autos. Sie kommen gar nicht darauf, dass man über all diese Dinge stutzen darf und über die eigene Beziehung zu sich selbst und den anderen. Und den Dingen sowieso. „Schreiben ist wie den nächtlichen Sternenhimmel anschauen“, schreibt Stauffer. Bestimmt kann man das in der Schweiz noch. In Leipzig sieht man vom nächtlichen Sternenhimmel ja nichts, weil alle möglichen Leute alle möglichen Ecken mit hellem Licht bestrahlen müssen. Könnte sich ja was verstecken im Dunkeln.

Also sehen wir nichts. Schon gar nicht den Sternenhimmel.

Oder uns selbst. „Man kann sich selber beobachten, um sich selbst auf die Spur zu kommen, um zu merken, wie wenig man eigentlich denkt und wie wichtig es wäre, sich selber noch mal neu zu erfinden.“

So ungefähr hat das auch Pascal gemacht. Deswegen lesen sich seine „Gedanken“ so schwer. Er bringt einen dazu, durchs Unterholz zu laufen, über Stock und Stein, abseits der ausgetrampelten Pfade. Anders als Goethe, dieser Spaziergänger auf gefegten Gassen: „Abseits, wer ist’s …“

Pascal natürlich. Auf der Suche nach dem, was er eigentlich wirklich denkt über die Dinge. Denn was wir meistens reden, denken wir nicht. Weil man Gedachtes eigentlich nicht hinplappern kann. Es ist so verfitzt. Und braucht meist etwas mehr Worte, Farbe und Anstrengung. Bei Stauffer merkt man die Anstrengung nicht so sehr. Dazu hat er wohl auch ein bisschen bei Lichtenberg abgeguckt, wie der das gemacht hat. So leicht, mit listigem Blinzeln, so scheinbar ganz beiläufig. Hatte Lichtenberg auch ein paar Schönschreibhefte?

Weiß man nicht.

Aber Stauffer hat seine über die Jahre gesammelten Einträge ganz sichtlich gesiebt, sortiert. So, wie man auch von Lichtenberg immer nur eine Auswahl der besten Sachen bekommt. Gibt es eigentlich von Lichtenberg irgendwo eine Komplettausgabe seiner Sudelbücher? Mir ist noch keine untergekommen. Aber Stauffer macht es ja vor: Nicht jeder Einfall ist so gut, dass er es dann vom Notizbuch auch in den Computer und dann ins gedruckte Buch finden muss. Und meistens hat er sie noch einmal durchgearbeitet, aber das schöne Zufällige gelassen. Man stolpert ja nicht jeden Tag über dasselbe.

Und zu vielen hat er Anmerkungen geschrieben, die oft viel länger sind als der Text, zu dem sie stehen. Denn manchmal kommt man ja, wenn man später über seine zuweilen recht absonderlichen Einfälle stolpert, erst recht auf Gedanken, tun sich Folgerungen auf, das Gehirn kommt in Schwung und hat lauter neue Assoziationen.

Das Ungewöhnliche regt zum Weiterdenken an. Deswegen sind die Anregungen oft noch viel spannender, zum Beispiel, wenn er über den Satz noch einmal nachdenkt: „Was dem Teilhaben schadet? Nicht teilzuhaben aus Angst, Ärger, Zorn, Wut, Missgunst – all das kann Teilhabe blockieren.“

Wie gesagt: Es geht den Schweizern nicht viel anders als den Sachsen. Wir kriegen nur meist nicht viel davon mit, weil auch hier beiderseits gilt: Man weiß über die Anderen meist nur die üblichen Vorurteile. Und die üblichen Medien werden meist nur munter, wenn die üblichen Vorurteile bedient werden.

Wer freilich erwartet, Stauffer legt sich – wie der Buchtitel verspricht – jeden Morgen hin und guckt erst einmal, wie sich das Firmament erleuchtet, der wird nicht fündig. Es sei denn, er akzeptiert, dass sich das Universum auch in uns und unserer alltäglichen Umgebung auftut, die wir meistens nicht sehen, weil wir damit umgehen wie mit dem Begriff Heimat. Siehe oben.

Die Buchpremiere findet übrigens erst am 1. November in Zürich statt. Aber zur Buchmesse ist Michael Stauffer mit seinem Verlag in Frankfurt präsent. Und das Buch ist sowieso schon da. Für alle, die so das Gefühl haben, dass es auch in unseren Zeiten mal wieder einen Lichtenberg braucht. Ganz ohne Attitüde. Mit aufmerksamem Blick für die Details, die jeden Tag sichtbar machen, wie seltsam wir uns eigentlich verhalten. Und das meistens nicht mal merken, wenn es uns keiner sagt.

Michael Stauffer Jeden Tag das Universum begrüssen, Voland & Quist,Dresden und Leipzig 2017, 22 Euro.

Die LEIPZIGER ZEITUNG ist da: Seit 15. September überall zu kaufen, wo es gute Zeitungen gibt

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