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Wo die Stadtmusikanten nie ankamen, der Märchendichter unglücklich war und Millionen Deutsche beim Abschied weinten

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    Für FreikäuferFangen wir heute mal mit etwas Schönem an. Einem der beliebtesten Märchen aus Grimms Hausmärchensammlung: den Bremer Stadtmusikanten. Die ja bekanntlich nie nach Bremen kamen, aber seit fast 200 Jahren trotzdem Werbung für die „unmusikalischste Stadt Deutschlands“ machen. Das soll zumindest der berühmte Stargeiger Niccolò Paganini so geschrieben haben, schreibt Steffi Böttger, die auch diese Hanse-Stadt besucht hat.

    Paganini hatte natürlich den Vergleich, denn vorher war er in sehr musikliebenden Städten wie Dresden, Leipzig und Frankfurt aufgetreten. Die Bremer Kaufleute waren von der furiosen Spielweise des Italieners wohl wirklich überfordert. Aber vielleicht war die Erwähnung Bremens in dem im Jahr 1819 erstmals publizierten Märchen von den „Bremer Stadtmusikanten“ ja auch ein kleiner Schabernack, den die Grimms hier mit unterbrachten. Denn die Tierfabeln, auf die dieses schöne Märchen zurückgeht, kamen vorher auch ohne Bremen aus.

    Heute aber stehen die vier Musikanten trotzdem als Plastik in Bremen und die Besucher rubbeln dem Esel eifrig die Vorderbeine blank, weil’s Glück bringen soll. So wie beim Faust in Leipzig der linke Schuh. Der berühmte Bremer Roland begrüßt die Leser des Stadtführers gleich auf dem Cover, erinnert also daran, dass die vier Musikanten natürlich auch noch einen anderen Grund hatten, warum sie eigentlich in die Freie Reichsstadt Bremen wollten: Freiheit. So wie in „Stadtluft macht frei“. Was Steffi Böttger natürlich auch erklärt, denn anders, als es in heutiger Berichterstattung über die ärmsten Bundesländer mit den größten Schuldenbergen meist anklingt, ist Bremen keine mausgraue Stadt.

    Im Gegenteil: Hier sind über 1.200 Jahre Geschichte zu sehen. Karl der Große interessierte sich für dieses Fleckchen in sächsischen Landen so sehr, dass er hier ein Bistum einrichtete, so dass allerlei standhafte Bischöfe die frühe Geschichte des Fleckchens an der Weser bestimmten und der Dombezirk über Jahrhunderte eine Enklave in diesem Städtchen war, über das noch heute allerlei fröhliche Witze mit den Stichworten Enklave und Exklave gerissen werden. Zu Recht. Immerhin ist es auch der einzige Stadtstaat, der mit Bremerhaven eine eigene Exklave besitzt (selbst gekauft übrigens, das muss hinzugefügt werden!), aber auch einen der größten deutschen Häfen. Der war mal berühmt durch die Auswandererschiffe, die hunderttausende Deutsche aus miserablen heimischen Verhältnissen hinüberbrachten ins Gelobte Land. Deswegen gibt es hier auch ein Auswandererhaus zu besichtigen. Empfehlenswert für all die Leute, die heute ihren Kleingeist über Flüchtlinge ausleben. Kleingeist, der nur eine Ursache hat: absolute Unkenntnis der eigenen Geschichte.

    Das kommt ja im Geschichtsunterricht meist nicht vor. Geschichtslehrer, die es besser wissen, dürfen sich gern melden. Und auch erzählen, wie viele Stunden sie über die Metternichzeit, die Restaurationsperiode in Deutschland und die miserablen Lebenszustände in den frühkapitalistischen Revieren (man erinnere sich an die schlesischen Weber und die Bergleute im Erzgebirge – aber das war in vielen deutschen Ländern nicht viel anders) gegeben haben. Und wie sie dabei über die massive deutsche Auswanderung erst recht nach der gescheiterten Revolution von 1848 erzählt haben. Haben sie ihren Schülern beigebracht, wie Not und Hoffnung zusammenspielten, wenn ganze Dörfer ihre Rucksäcke packten und in die USA auswanderten, weil die Verhältnisse daheim keine Hoffnung gaben?

    Hier in Bremerhaven kann man den Ausgewanderten nachspüren – und könnte in der großen Auswanderer-Datenbank möglicherweise auch Vorfahren finden, die da vor 150 Jahren die Nase voll hatten von einem Land, das ihnen keine Chance bot, und ihre letzte Habe verkauften, um mit dem Schiff von Bremerhaven ins Land der Träume zu fahren.

    In Ilona Stölkens Buch „Das deutsche New York“ kann man nachlesen, was aus vielen dieser Auswanderer wurde. Denn das vermitteln Lehrer oft auch nicht: Es sind die Mutigsten, Fleißigsten und Arbeitsamsten, die auf diese Weise losziehen in gelobte Länder. Die USA sind keine erfolgreiche Nation geworden, weil lauter Faulpelze hingefahren sind.

    Natürlich ist Bremerhaven heute auch für riesige Containerterminals bekannt. Und es sind nicht mehr die deutschen Auswanderer, die hier auf ihr Schiff warten, sondern deutsche Nobelkarossen. Und noch ein Produkt hat Bremen als Hafen berühmt gemacht: der Kaffee.

    Was zu besichtigen ist. Und das hat dann Steffi Böttger bestimmt besonders gefreut, denn so spannende Böttchergassen hat kaum eine Stadt zu bieten. Erst wenn man diese scheinbar mittelalterliche Gasse aufsucht, merkt man, dass sie ein Kunstprodukt ist, mit dem der Kaffeeimporteur Ludwig Roselius in den 1920er Jahren der Moderne einen Ort mitten in Bremen verschaffte. Das Kaffeeimperium, das Roselius gehörte, ist heute noch als Kaffee HAG bekannt. Und in der von Bildhauer und Architekt Bernhard Hoetger geschaffenen Gasse findet man dann auch das beeindruckende Paula-Modersohn-Becker-Museum. Mit der Musik hatte es Bremen nicht so, aber mit der bildenden Kunst auf jeden Fall.

    Mit der Buchkunst übrigens auch. Denn aus Bremen kamen zwei der wichtigsten Gestalten für die Leipziger Buchzeit der Moderne: Anton Kippenberg und Ernst Rowohlt.

    Mit den berühmten Autoren wird es dann schon schwieriger, weil sie entweder aus blanker Not einen Beamtenjob in Bremen annehmen mussten (wie der berühmte Adolf Freiherr von Knigge) oder sich unglücklich verliebten und schnell wieder abreisten – wie der jung verstorbene Wilhelm Hauff, dessen „Phantasien im Bremer Ratskeller“ noch heute beliebt sind – genauso beliebt wie seine Märchen. Dem Bremer Ratskeller brachte es märchenhafte Werbung. Der Besuch lohnt sich auch heute noch, stellt Steffi Böttger fest – und der Leser merkt, dass ein Tag wohl auch nicht für Bremen reichen wird, wenn man überall mal reinschnuppern möchte, wo es interessant ist. Ins stolze Rathaus etwa oder ins Übersee-Museum, wo man „die ganze Welt“ tatsächlich im Kleinen hat: Kaufleute, die aus aller Welt importieren, haben natürlich auch riesige Schätze an Kulturwerken aus aller Welt gesammelt. Den Dom St. Petri lässt die Autorin natürlich nicht aus, denn hier kann man auch in 900 Jahre alte Krypten hinuntersteigen und nebenan echte, selbst gemachte Mumien besichtigen. Das fand sogar Goethe toll – auch wenn er augenscheinlich ausgerechnet in Bremen nicht gewesen ist. Jedenfalls wird davon nichts erwähnt. Genauso wenig wie Johanna Spyri, die zwar verwandtschaftliche (pastorale) Beziehungen zu Bremen hatte, ihre Heidi aber durch die Alpenlandschaft springen ließ.

    Dafür war Mario Puzo da – als Soldat, und ein gewisser Neander, den die einen als Kirchenlieddichter kennen und die anderen als Namensgeber für ein berühmtes Tal bei Düsseldorf.

    Und aus gutem Grund weist die Autorin auch mehrfach darauf hin, wie gründlich die Hafenstadt Bremen im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. Da bekommt man erst eine Vorstellung davon, wie groß der Wiederaufbaufleiß danach war. Deswegen ist manches nur Kopie – sieht aber aus wie echt. Anderes wurde glücklich durch den Bombenhagel gerettet. Und etliche Schirmchen auf den Fotos verraten, dass es auch in Bremen viele schöne Freisitze gibt. Es lohnt sich, mehr als einen Tag mitzubringen, um diese immerzu (immer zu) stolze Stadt zu betrachten, die immer wieder mal aus der Hanse flog und doch schnell wieder reingeholt wurde. Gerade weil sie jahrhundertelang Freie Reichsstadt war, haben die Bremer Kaufleute einen Stolz entwickelt, der selbst den Leipziger Bürgerstolz des 19. Jahrhunderts etwas kleinformatig wirken lässt. Vielleicht macht es auch der Hafen. Hier musste nicht extra ein Kanal gebaut werden, um ans Meer zu kommen, nur ab und zu mal ein neuer Hafen. Das prägt wohl.

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