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Die Pariser Friedenskonferenz und die blutigen Folgen für die Völker Europas und in Nahost

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    Für FreikäuferDies ist ein wundersames Buch. Es ist so ähnlich, als wenn man im Laden eine 500-Gramm-Packung Waffeln kauft – und dann sind Pralinen drin. Die Waffeln sind in diesem Fall sämtliche Zutaten auf dem Titel: Taumel, Schicksalsjahr 1918 und der abgebildete Spartacusaufstand. Wirklich drin sind: 1919, Europa und die Katastrophe der modernen Nationalstaaten. Ein noch viel spannenderes Thema.

    Und soweit ich das sehe, hat sich bislang noch niemand mit diesem Thema so beschäftigt wie der Journalist Kersten Knipp. Sein Vorteil ist vielleicht auch gewesen, dass er bestens weiß, was da gerade im Nahen Osten passiert – und warum das passiert. Darüber hat er auch schon veröffentlicht. Und warum das mit dem Zerfall der vier großen Reiche im 1.Weltkrieg und der Pariser Friedenskonferenz von 1919 zu tun hat. Und mit jenem legendären 14-Punkte-Programm, mit dem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson die Grundlage legte für die Friedenskonferenz von 1919 – und für die Hoffnung der Völker der Erde auf Selbstbestimmung.

    Alles positiv konnotiert. Hier hat der Völkerbund seine Wurzeln. Aber hier hat auch der 2. Weltkrieg seine Wurzeln und der seit 100 Jahren anhaltende Nahost-Konflikt ebenfalls. Der seine Ursache im Vertrag von Sèvres, einem der Teilverträge aus der Pariser Friedenskonferenz, hat. Der berühmteste ist der Vertrag von Versailles. Von dem hören Schüler im Geschichtsunterricht meistens noch – aber eigentlich im engen Fokus der deutschen Geschichte. Quasi als Mirakulum für die innerdeutsche Geschichte – und als einer der Konfliktpunke, aus denen dann das Nazi-Reich und der 2. Weltkrieg entstanden.

    Dass in Paris gleich mehrere solche Vertragspakete abgeschlossen wurden, die im Grunde riesige Landstriche neu ordneten, wird meistens nicht mehr erwähnt. Und dass die „Verlierer“ des Weltkriegs genauso wenig mitverhandeln durften wie die verabscheuten Bolschewiken in Moskau, ebenfalls nicht. Dabei war Wilsons Wunsch ein großer: Er wollte eine neue, stabile Friedensordnung für Europa. Die vier großen Reiche (Deutschland, Russland, Österreich-Ungarn und das Osmanenreich) waren zerschlagen bzw. besiegt. Sie hörten fortan auf, der Ordnungsrahmen in riesigen Teilen Europas und des Nahen Ostens zu sein.

    Länder und Völker, die jahrhundertelang Teil dieser Imperien gewesen waren, meldeten ihren Anspruch auf Selbstbestimmung an. Ganz zentral in Knipps Erzählung die Länder Polen und Tschechoslowakei, exemplarisch für das damalige Entstehen junger Nationalstaaten – und genauso exemplarisch für das heutige Hadern dieser Länder mit ihrer Rolle in Europa. Von anderen Ländern wie Serbien hat Knipp dann irgendwann doch lieber Abstand genommen, ihre Geschichte zu erzählen. Es hätte den Rahmen des Buches gesprengt.

    Dafür ist das Kapitel Osmanisches Reich prägnant vertreten – typisch für das, was der Wilsonsche Ansatz in Paris für verheerende Folgen hatte. Denn die Grundidee bei der Neuschöpfung dieser neuen Staaten war eine Formel, die bis heute so simpel wie eingängig wirkt – im Detail aber die schrecklichsten Folgen gezeitigt hat.

    Denn die Grenzlinien dieser Länder waren ja allesamt nicht historisch gewachsen. Immerhin waren das gewachsene Vielvölkerstaaten, regelrechte Flickenteppiche der Sprachen, Kulturen und Religionen. Das traf auf Russland genauso zu wie auf Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich, aber selbst auf das Gebiet des wiederentstehenden Polens.

    Und so beeindruckt natürlich die Stelle im Buch, an der Knipp Wilsons Frau schildern lässt, wie sie ihren Mann in Paris mit all den anderen bedeutenden Politikern auf einer riesigen Karte knien sah, wie man dort feilschend und debattierend die neuen Grenzverläufe einmalte. Nicht die einzige Karte, die in Paris gemalt wurde. Hunderte Karten sind so entstanden, große mit ganz Europa drauf und viele Detailkarten, in denen um jedes Dorf, jeden Fluss, jede Stadt gefeilscht wurde. Und verblüfft stellt Knipp fest, wie in diesem Feilschen schon früh der Nationalismus von Staaten sichtbar wurde, die noch gar nicht existierten.

    Und da ist er bei dem Findelkind dieser Konferenz. Denn mit der Idee, dass jedem Land eine möglichst homogene Bevölkerung zuzuordnen sei, wurde das Konstrukt des modernen, homogenen Nationalstaates eigentlich geboren.

    Selbst die Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts hatten sich nicht so rigide auf eine homogene Bevölkerung kapriziert. Doch jetzt auf einmal wurde neu sortiert. Eine scheinbar naheliegende Idee. Aber im Detail entstand etwas, womit auch Wilson nicht gerechnet hatte: Die neuen Staaten waren nicht so homogen, wie es sich die Kartenzeichner ausgemalt hatten. Auf einmal verwandelten sich Bevölkerungsgruppen, die bislang friedlich nebeneinander gelebt hatten, in Mehrheitsbevölkerung und in Minderheiten, die eigentlich ins benachbarte Land gehörten. Neue Regierungen entwickelten binnen kurzer Zeit all das, was den modernen Nationalismus so unerträglich macht. Eine neue Ideologie war geboren. Deutschland war damit ganz und gar nicht allein.

    Und da Knipp tausende Quellen in dutzenden Ländern Europas studiert hat, kann er das gewaltige Bild einer Tragödie zeichnen, die im Grunde der Katastrophe des 1.Weltkrieges das Wasser reichen kann. Auch der – von Knipp eher den Bolschewisten zugerechnete – russische Bürgerkrieg bis 1922 erweist sich auf einmal als Teil dieses modernen, mit Waffengewalt ausgetragenen Nationalismus, in dem auch die Deutschen fleißig mitmischten. Überall tobten solche Bürgerkriege, gab es Vertreibungen, Eroberungen, Völkermorde. Knipp kommt auf Millionenzahlen von weiteren Opfern. Zu denen dann noch Millionen Flüchtlinge und Kriegsgefangene gehörten.

    Der Nationalismus erwies sich von Anfang an als eine ausgrenzende und aggressive Ideologie – aber auch als das, was vielen Menschen einen neuen Rahmen gab. Denn die Gewissheiten des 19. Jahrhunderts waren ja mit dem Weltkrieg in Klump geschossen worden. Die Menschen sahen sich auf einmal einer zertrümmerten und heillosen Welt gegenüber, in der der Nationalstaat so etwas wie einen rettenden Rahmen bildete. Zumindest für jene, die qua Geburt, Sprache und Religion problemlos zu Bürgern dieser neuen Staaten wurden. Wer aber den neuen Minderheiten angehörte, musste damit rechnen, dass er sich im Status der völligen Rechtlosigkeit wiederfand.

    Erst wenn man mit Knipp quasi aus der Vogelperspektive betrachtet, was da ab 1919 in Osteuropa, Südeuropa und dem einstigen Osmanischen Reich vor sich ging, sieht man, wie hier die Grundlage gelegt wurde für mittlerweile 100 Jahre lange ethnische und religiöse Konflikte und natürlich den nationalistischen Furor, der ja nicht nur in Deutschland tobte, sondern auch in Österreich, Italien, Spanien, Ungarn, in der jungen Türkei und im späteren Jugoslawien …

    Wobei man so nebenbei auch merkt, warum Wilson und die anderen Mächtigen der Pariser Friedenskonferenz gerade auf diese Lösung für das europäische Problem kamen. Denn Vielvölkerreiche sind für eine kapitalistische Marktwirtschaft nicht besonders gewinnbringend. Sie lassen sich schwerer instrumentalisieren als moderne, „bereinigte“ Nationalstaaten. Der Nationalstaat erweist sich als kompatibler. Auch wenn das 1919 womöglich keiner der Verantwortlichen so sah. Die großen Vier wollten die Welt ein Stück weit ordentlicher machen, klarer und effizienter als die alten Reiche. Die Gespenster dahinter sahen nur die Klügeren. Sie warnten vergeblich.

    Im Epilog geht Knipp dann auch noch auf die Versuche der Europäer ein, die Sache wieder etwas zu korrigieren. Was mit dem Völkerbund noch nicht geschah. Im Gegenteil: Die Herren Hitler und Mussolini nutzten diese Bühne, um den versammelten Nationen öffentlich den Stinkefinger zu zeigen. Ihre Argumentation taucht heute wieder auf, wenn Populisten, die im Grunde richtige Nationalisten sind, all ihre Häme über die EU ausgießen.

    Die Wirkmacht des alten Nationalismus ist noch immer präsent – und je verunsicherter ganze Bevölkerungsgruppen sind, umso leichter sind sie für diese scheinbar klare und einfache Ideologie zu gewinnen. Auch weil die EU nun einmal nicht als nationaler Heimatrahmen funktioniert. Sie ähnelt viel eher den alten Reichs-Ideen, die über Jahrhunderte die unterschiedlichsten Völker in einem Rahmen versammelt hatten.

    Die EU brauche dringend ein besseres Selbstbild, findet Knipp. Sie kann die Nationalstaaten nicht ersetzen. Aber sie kann ihnen den gemeinsamen Rahmen geben, der sie auch als Staatengemeinschaft mit gemeinsamen Ideen wieder handlungsfähig macht. Oder überhaupt erst einmal handlungsfähig. Denn oft wirkt die EU nur halbfertig. Man will nicht in die Ersatzrolle der USA fallen, will aber auch die alten Großmachtgelüste zähmen. Und gleichzeitig hat man es mit lauter nationalen Befindlichkeiten zu tun, die einzuordnen sind.

    Knipp lässt es bei Anregungen. Ihm ging es ja um etwas völlig anderes. Ihm ging es um das Panorama einer Zeit, das in den Schulgeschichtsbüchern so meist nicht vorkommt. Interessierte Leser finden es bei Joseph Roth, bei Stefan Zweig, bei Isaak Babel oder Bulgakow. Wir haben uns an den Zustand gewöhnt, dass Menschen in scharf abgegrenzten Nationalstaaten leben, dort alle eine einheitliche Sprache sprechen und einen ganzen Kult der Nationalsymbole haben. Völlig vergessen ist, wie jung dieser Zustand ist und wie er seit 100 Jahren immer neue Konflikte anheizt. Die uns allesamt etwas angehen. Denn dass es in Syrien und dem Irak, in Palästina und der Türkei brennt und brodelt, hat nun einmal mit dem Vertrag von Sèvres zu tun.

    Diese Geschichte ist viel größer als die oft genug wiedergekäute Geschichte der deutschen Nazis. So groß, dass Kersten Knipp das ganze Jugoslawien-Kapitel lieber draußen ließ und auf vieles, was zu diesem riesigen, blutigen Panorama gehört, wegließ. Aus dem simplen Grund: Die Fülle des Stoffes hätte ihn erschlagen. Ein Stoff, den man nur sieht, wenn man die oft sehr introvertierten deutschen Sichtweisen verlässt.

    „Geschichte ist immer wieder eine Einübung in Bescheidenheit“, schreibt er am Ende.

    Was nicht nur für den Autor gilt, sondern auch für den Leser, der in diesem Buch in unerhörter Dichte findet, was er anderswo in der Literatur zu dieser Zeit nicht findet: Wie viele Völker und Menschen unter dieser Geburt des modernen Nationalismus gelitten haben, wie viel Blutzoll sie dafür zahlten. Und wie aktuell das alles heute noch – oder wieder – ist.

    Denn es ist dieser alte Nationalismus mit seinen scheinbar kontrollierbaren Grenzen, der Europa jetzt zu zerreißen droht.

    Kersten Knipp Im Taumel, Theiss Verlag, Darmstadt 2018, 29,95 Euro.

    Das Tagebuch des Leipzigers Heinrich Oskar Kunitzsch aus dem Ersten Weltkrieg

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    1 KOMMENTAR

    1. Danke für die wie immer ausführliche und gut erklärende Besprechung. Gerade über die „Vertragspakete“ und ihre Folgen ist in letzter Zeit aber einiges veröffentlicht wurde. Leicht zugänglich und in seinem Ansatz sehr differenziert finde ich die Artikel von Daniel Gerlach, den Chefredakteur der Zeitschrift „Zenith – Zeitschrift für den Orient“.
      Er hat vor nicht allzu langer Zeit ein, wie ich finde, sehr informatives Interview zu den Verträgen gegeben, die rumd um 1918 geschlossen wurden, wobei der Fokus auf dem 1916 gemachten Sykes-Picot-Abkommen liegt und dessen Bedeutung für die heutige Politik. Zentral dabei die Aussage (die der hiesigen These zumindest in Teilen widerspricht:)
      „Das Argument, der Westen habe irgendwie unsinnige Grenzen gezogen, die dazu geführt haben, dass Staaten entstanden sind, mit denen sich die Menschen in der Region nie identifiziert haben, ist nur zum Teil zutreffend. Es gibt und gab später auch einen sehr ausgeprägten irakischen, syrischen, jordanischen oder auch libanesischen Nationalismus. Es gab Menschen – und zwar eine kritische Masse –, die sich mit den neu entstandenen Nationen identifiziert haben, zum Teil auch mit deren Grenzen.“
      Das ganze Interview findet sich hier:
      http://katapult-magazin.de/de/artikel/artikel/fulltext/der-suendenbock-der-autokraten/

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