Wie Hitler zum Heiland gemacht wurde

Eine Spurensuche nach den „Deutschen Christen“ und zwei fanatischen Pfarrern im Wieratal

Für alle LeserWenn man erst mal dran zupft am Knäuel Geschichte, dann kommt so mancher Faden zum Vorschein, den man nicht unbedingt erwartet hat. Für Joachim Krause, der einst für DDR-Rockgruppen wie Lift, Klaus Lenz, die Puhdys und Panta Rhei Texte schrieb, begann alles mit dem Dachbodenfund des Briefwechsels seiner Eltern aus der Nazi-Zeit, als alle beide jung waren – und ganz anders, als sie der 1946 geborene Sohn später kennenlernte. Und ein Faden der Geschichte führt ins ach so schöne Wieratal.

Die Dörfer heißen hier Hinteruhlmannsdorf (heute Engertsdorf), Niederwiesa, Oberwiesa und Flemmingen. Dieses Gebiet dicht hinter Altenburg grenzt direkt an Sachsen. Und es wäre Krause auch nicht sonderlich aufgefallen, würde es nicht in der Literatur als Ursprungsort der „Deutschen Christen“ gelten. Was ab 1927 mit zweien der radikalsten Pfarrer der NS-Bewegung zu tun hat, die sich aus Bayern in das schon damals als deutlich rechtsradikalere Thüringen hatten versetzen lassen. Wenig später sollte Thüringen das erste Land im Deutschen Reich werden, in dem die Nationalsozialisten mitregierten. Und diese beiden Pfarrer – Siegfried Leffler in Niederwiera und Julius Leutheuser aus Flemmingen – würden sich zu diesem Zeitpunkt  längst einen Namen gemacht haben bei der Radikalisierung ganzer Kirchgemeinden.

Leffler würde sich später auch noch einen Namen machen als Mitgründer des „Instituts zur Erforschung (und Beseitigung) des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, das die evangelischen Landeskirchen auf der Wartburg gründeten. Und Krause fragte sich zu Recht: Was war da los im Wieratal? Warum gibt es dazu keine Literatur? Warum redet niemand darüber?

Und da ist man mitten in einem Teil der ostdeutschen Geschichte, der 40 Jahre lang einfach nicht existierte. Und danach scheint sich auch kaum ein Historiker dafür interessiert zu haben. In der DDR war die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus nicht gefragt. Man hatte ja den Antifaschismus zur Staatsdoktrin erkoren. Man hatte auch schon seine eigenen Sauereien auf dem Kerbholz. Aber man tat einfach so, als wären all die neugebackenen Menschen, Genossen und Mitläufer niemals Nazis gewesen, Schuld trugen andere.

Nichts ist in der Geschichtsbewältigung so fatal wie das Schweigen. Denn wer die Geschichte verschweigt, setzt sich auch nicht mit ihren psychologischen Folgen auseinander. Der stellt sich auch nicht seiner Schuld und seinen eigenen Verletzungen. Ergebnis ist immer ein Volk von Duckmäusern und Schein-Heiligen. Gezwungenermaßen. Das deutet sich nur an, wenn Joachim Krause versucht, das zu rekonstruieren, was zwischen 1927 und 1945 im Wieratal passierte, wie zwei radikalisierte Pfarrer (beide erwartbar mit Erfahrung aus dem 1. Weltkrieg) darangingen, das Kirchenleben in den Dörfern radikal umzukrempeln und schon weit vor der offiziellen Gründung der „Deutschen Christen“ die Gottesdienste auf Nationalsozialismus zu trimmen – mitsamt Führerkult und Landsknechtsliedern.

Wirklich erklären kann es natürlich auch Krause nicht, wie ganze Kirchgemeinden es fertigbrachten, ihren protestantischen Glauben in diese seltsame neue Hitlerverehrung umzumünzen. Aber das liegt eher an der kargen Quellenlage. Denn schon mit den frühen Protokollen der Nachkriegszeit begegnet er dem kirchlicherseits geäußerten Willen, sich mit der Schuldfrage nicht zu beschäftigen. Man begegnet einem ganz ähnlichen Phänomen, wie man es aus der frühen „Geschichtsbewältigung“ der BRD kennt: Die Leid- und Opferrolle wurde überbetont – die Schuld wurde ganz offiziell abgewälzt auf die kleine Elite des NS-Staates, die in Nürnberg vor Gericht stand. Alle anderen waren ja nur kleine Befehlsempfänger oder waren einem anonymen Walten unterworfen, das ganz übermächtig Leid und Tod über Deutschland gebracht hatte.

Eine Denkfigur, die bis heute lebendig ist. Denn dass heute wieder die alten nationalistischen Töne hörbar werden, hat genau damit zu tun: Mit einem Überleben der alten Stereotype und Denkweisen eines sich als auserwählt behauptenden Systems. Dieser elitäre Spuk sitzt vielen Enkeln der Täter noch immer im Kopf. Logisch, dass viele, die das damals als Kinder erlebten, lieber nicht drüber reden wollten. Eine Geschichte, mit der man sich nie wirklich auseinandersetzen konnte, wird zur Scham. Es liegt ein falsches Schweigen drüber. Die einen wollen mit den Aktionisten von damals nicht in Verbindung gebracht werden, die anderen empfinden es als unsägliches Familienkapitel. Trotzdem schaffte es Krause, einige Familien doch dazu anzuregen, auf die Dachböden zu steigen und in alten Familienalben zu kramen.

Was sogar manch erstaunliche Entdeckung mit sich brachte. Denn auch unter denen, die dem Nationalsozialismus verfallen waren, gab es einige, die es später zutiefst bereut haben – einer schrieb sogar seine Erinnerungen, die lange im Familienbesitz aufbewahrt wurden. Auch weil er über die Folgekapitel ebenfalls nicht sprechen durfte – die Inhaftierung im nun von den sowjetischen Besatzern betriebenen KZ Buchenwald, die Deportation nach Russland und die Zwangsarbeit in Kasachstan. Was übrigens zum großen Schweigen über die DDR gehörte und ihre letztlich fatale Gründungsgeschichte.

Die meisten Hinweise fand Krause dann in alten Kirchen- und Gemeindeprotokollen, in Kirchenzeitungen und dem glorifizierenden Erinnerungsbuch, das der Volksschullehrer Kurt Thieme über die Zeit noch im NS-Reich veröffentlichte und dessen Tonfall noch heute all die Selbstüberhöhung, das aufgemotzte Heldentum und die breitbrüstige Kriegerromantik enthüllt, mit der sich die NS-Sprache schmückte. Auch das kommt ja heute wieder – wo kein Inhalt ist, da wird in heroischem Ton drauflosgeschwärmt. Und hätte man nur die NS-Quellen zu der Zeit, man würde sich in einem Deutschland wiederfinden, in dem alle Männer ständig mit irrem Blick in eine lodernde Zukunft marschierten, Bauern seit Jahrhunderten wacker die Scholle beackerten und die Gegner von SPD, KPD und so weiter nur ein kleines, störendes Häuflein …

Erst die Wahlergebnisse entlarven dieses Selbstbild, das Rechtsausleger von sich heute wieder malen – mitsamt ihrer Besessenheit, sich zum Volk und zum Volkswillen hochzustilisieren. Erst der kritische Blick auf die Mitgliederlisten der Gemeinden zeigt Krause, dass ganz und gar nicht alle mitmachten. Auch wenn in diesen kleinen Dörfern der Zwang zur gegenseitigen Kontrolle groß war. Deswegen haben sich ja Nazis auf dem Land immer besonders wohlgefühlt. Hier fiel auf, wer nicht mitmachte. Und man ahnt nur, was für ein Druck es war, als die beiden nationalistischen Pfarrer ausgerechnet die Kirchgemeinde zum Ort der Gleichschaltung machten. Da werden Phrasen wie „abseits stehen“ schnell brandgefährlich, erst recht, wenn diese beiden seltsamen Pfarrer nicht nur die NSDAP salonfähig machen und die Honoratiorenschaft des Ortes zuallererst einbinden, sondern auch gleich noch einen SA-Zug gründen, der bei einigen martialischen Festveranstaltungen zum Einsatz kommt.

Man darf die Selbstbeweihräucherung aus den Schriften der Zeit nicht unhinterfragt lassen. Die Nazis sind ja bis zuletzt nicht heruntergekommen von ihrem pathetischen Wagnerton. Ihre „Weltanschauung“ funktioniert nur als geschlossene Blase. Das ist heute immer noch so. Und dass sie vor allem mit dieser gestiefelten Bedrohung agierten und das Feigste im Menschen herausforderten, wird selbst da sichtbar, wo es um die Zahlen der „Deutschen Christen“ und der ihnen anhängenden Pfarrer geht. In Sachsen war der Anteil sehr hoch – reichsweit aber eher überschaubar. Auch wenn der Rest der Kirche nicht wirklich widerständig war. Das waren nur die wenigsten – solche Aufrechten wie Dietrich Bonhoeffer, die auch bereit waren, für ihre Menschlichkeit mit dem Leben zu bezahlen. Selbst die „Bekennende Kirche“ war keine Widerstandsbewegung. Darauf geht Krause am Ende noch dezidiert ein, wo es um die Frage geht, wie die protestantische Kirche selbst mit ihrer Mitschuld umging. Denn sie war – Martin Niemöller hat es ja auf den Punkt gebracht – eine der wenigen Institutionen, die ab 1933 überhaupt noch widersprechen konnte. Und es nicht tat.

Nicht umsonst bemühten sich die Nationalsozialisten, auch die Kirche gleichzuschalten. Es fiel ihnen viel zu leicht. Und auch deshalb herrschte wohl im Wieratal so lange Schweigen, denn wer sich noch ein Herz bewahrt hat, der war sich seines Mitschuldigwerdens durchaus bewusst. Weder die nahen Außen-KZs mit ihren Zwangsarbeitern waren den Menschen entgangen, noch die Todesmärsche, die die SS noch 1945 veranstaltete. Aber wohin mit den Schuldgefühlen, wenn schon die neuen Machthaber ihre Weltsicht über alles stülpen und nicht mal die Kirche darüber reden will?

Aber was zeigt das Beispiel Wieratal eigentlich? Dass die Menschen hier besonders nazistisch waren? Oder eher doch, wie wichtig es ist, wie Pfarrer, Lehrer und Bürgermeister agieren? Denn sie haben sehr viel Einfluss auf die Stimmung im Dorf. Vielleicht wurden die uniformierten Mai-Umzüge und Lindenpflanzungen ja von den Menschen damals anders empfunden. Heute wirken sie nur noch martialisch, gleichgeschaltet und wie ein Zwang, dem sich niemand entziehen konnte.

Da denkt man natürlich an Krauses Buch „Fremde Eltern“, wo man authentisch miterleben kann, wie das Denken der Nazi-Zeit selbst in den Briefen der Jungverliebten aufscheint. Wie es selbst ihre Lebensentscheidungen beeinflusst und sie eifrigst bemüht sind, den Erwartungen zu genügen, die der uniformierte Staat überall postuliert. Im Grunde zeigt Krauses Spurensuche im Wieratal gerade zwischen 1927 und 1933, wie sich ideologische Gleichschaltung eigentlich abspielt, wie sie sich einpflanzt ins Dorfleben, Denkweisen prägt und Menschen dazu bringt, sich anzupassen.

Noch so eine Schattenseite vom „Volk“. Denn tatsächlich möchten ja Menschen akzeptiert und respektiert sein. Die wenigsten halten es aus, ausgegrenzt und angefeindet zu werden.

Nur so ein Gedanke, der einem kommt, wenn man sich vorstellt, in so einem 1.000-Einwohner-Dorf wie Oberwiera zu leben – und der Pfarrer wird zum Nazi, der Bürgermeister wird zum Nazi, die Lehrer werden zu Nazis und auf einmal werden Kriegslieder gesungen in der Kirche und das Gerede beginnt und das Tuscheln, wer nicht dabei ist …

Und allein schon das 70-jährige Schweigen zeigt Krause noch etwas anderes, nämlich wie lange solche Prägungen durch eine Ideologie nachwirken und wie schwer sich die Betroffenen tun, sich dem Thema zu stellen, wenn das in der „neuen Zeit“ auch wieder nicht opportun ist.

Und es bleibt natürlich frappierend, wie leicht es Leuten wie Leffler und Leutheuser fiel, einfach das alte protestantische Selbstverständnis in ihren Gemeinden zu entkernen und anstelle der Christusverehrung den Hitlerkult zu setzen. Am Ende erlosch das Kirchenleben sogar komplett. Einige wichtige Veröffentlichungen im Westen der Republik haben sich durchaus schon mit diesem ziemlich finsteren Kapitel der Evangelischen Kirche beschäftigt. Im Osten gibt es dazu noch nicht wirklich viel Material. Zumindest zeigt Krause hier anhand historischer Dokumente sehr anschaulich, dass Ostdeutschland auch im NS-Reich kein unbeschriebenes Blatt war. Und dass es auch hier Orte und Regionen gab, die sich nicht gegen die Einvernahme durch die Nazis wehrten.

Warum das im Einzelnen genau so war, dazu fehlt noch manche Studie. Auch zur Psychologie der Geschichte, die von vielen Historikern gern als übermächtiges Fatum geschildert wird, ohne wirklich auf Machtverhältnisse und Abhängigkeiten zu schauen. Im Wieratal wird einiges davon sichtbar. Nicht alles. Aber so viel, dass man ein Gefühl dafür bekommt, wie leicht neue Bevormundungen und Anpassungszwänge eine Dorfgemeinschaft verändern. Erst recht, wenn bombastische Worte wie „Volksgemeinschaft“ und „Heldentum“ fallen. Diese ganzen Verführungsvokabeln, mit denen Menschen zum Mitmachen gedrängt werden, die ohne all die pathetischen Verführer einfach ihre Felder bestellt und das Vieh gefüttert hätten. Ohne den Drang in sich zu verspüren, ihre Knochen gleich wieder im nächsten Krieg hinzuhalten.

Joachim Krause Im Glauben an Gott und Hitler, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2018, 12 Euro.

Zurück in die Zukunft oder doch lieber endlich drüber reden? – Die neue LZ Nr. 53 ist da

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