Ein zutiefst ironischer Ausflug mit Willi Weglehner hinter die Kulissen von Schlager, Showbiz und Volksmusik

Keine Sause ohne Brause oder Amadeus‘ atemberaubende Reise in die Welt der falschen Stars

Für alle LeserWir sind nicht allein. Man könnte heulen vor Glück, es gibt da drüben, jenseits der innerdeutschen Kontrollgrenze, tatsächlich noch Menschen. Auch in Bayern. Solche, die sich trauen, sich einen „bis dato bekennenden 68er“ zu nennen, und das antike Bildungsideal noch für etwas Wertvolles halten. Man ahnt schon: Willi Weglehner, 1948 in Thalmässing, Mittelfranken, „gootlob nachgeboren“, ist Lehrer. Lehrer im Ruhestand. Nimmer ruhend, denn er schreibt seitdem emsig Romane voller Spaß am Träumen.

Denn was sein Held Friedhelm Haberfeld alias Amadeus Brause alias Amadeus M. hier erlebt, ist ein Traum. Einer, von dem viele träumen: Einmal nur berühmt werden mit einem tollen Song, einem ganz besonderen Sound, einmal ein Star sein.

Unsere Welt ist so. Sie macht die Menschen närrisch und treibt sie in die Hatz nach Ruhm und Geld. Nur dass es Amadeus tatsächlich passiert, der eigentlich nur ein kleiner Sachbearbeiter am Amtsgericht in Günzburg ist, der sich nebenbei als Musiker auf Volksfesten und Familienfeiern was dazuverdient. Er singt, was gewünscht wird. Auch das Kufsteinlied, wenn’s verlangt wird. Noten lesen hat er nie gelernt. Er lernt nach Gehör. Und so kommt manches etwas anders heraus, als es erwartet wird. Den Leuten gefällt es – bis auf einen, der stänkert und den armen Sänger regelrecht stalkt, bis der entnervt mit seinem Kumpel Knut nach Mallorca entflieht.

Wo die Geschichte dann erst richtig losgeht, denn Mallorca ist ja so etwas wie das 17. Bundesland, wo Millionen Deutsche versuchen Urlaub zu machen und dann doch wieder nur in sentimentaler Sehnsucht nach heimischer Volksmusik ersaufen. Was übrigens der Punkt ist, wo sich die erfundene Geschichte um Amadeus mit der realen Geschichte von Willi Weglehner kreuzt, denn der Titel „Palma di Mallorca“, den Amadeus aus allen Fenstern und Radios hört, stammt von Willi Weglehner – gesungen hat ihn Chris Wolf. Und wer den Clip dazu auf Youtube anschaut, hat das seltsame Gefühl, dass sich da augenscheinlich zwei begabte Knaben zusammengetan haben, um die deutsche Schlageritis so richtig auf den Arm zu nehmen.

Und dabei geht es auch in „Keine Sause ohne Brause“, auch wenn die Karriere des Amadeus Brause zwar in Mallorca noch einmal erstaunliche Triumphe feiert, aber dann kommt Didi dazwischen, ein landesweit bekannter Produzent, der weiß, wie man Stars und Hits am laufenden Band macht. Regelrecht macht. Man lernt nachher noch einige seiner Methoden kennen, wie man das macht. Und wie in Deutschland Hits und Verkaufserfolge organisiert werden. Denn mit guter Musik oder talentierten Musikern hat das alles nichts zu tun. Es ist längst eine eigene Medienblase, in der sich das schwere Geld mit der Eitelkeit mittelmäßiger Sängerknaben und der Gier hochbezahlter Senderangestellter trifft.

Die Ähnlichkeiten sind nicht unerwünscht, schreibt Weglehner zur Warnung. Man merkt schon, dass er all diese Typen mag wie ausgelatschte Stiefel. Denn sie sind überall. Sie verstopfen mit ihrem Gejaule alle Fernsehkanäle, röhren aus den Radios und werden gehandelt, als wären sie Beethoven oder Mozart. Und ihr Gesülze passt leider genau zum üblichen deutschen Heimatgesülze, das seit 1948 bestimmt, was zwischen Alpen und Alpen als Heimat zu gelten hat. Genau das, was im „Kufsteinlied“ zu hören ist. Und Didi findet noch mehr solcher tränendrückender Gassenhauer aus der Schlagerwundertüte der 1950er Jahre, die er für seinen neu kreierten Star Amadeus M. aufpeppen und aufpoppen lässt, bis sie irgendwie wie ein heutiger, mediterraner Party-Hit klingen.

Und Amadeus spielt mit. Vorerst, weil ihn das doch irgendwie reizt und er lange an die Zauberkünste Didis glaubt, der scheinbar Karrieren aus dem Nichts schaffen kann. Ein echter Zampano des Schlagers. Es braucht wirklich erst Nina, die Amadeus nach und nach dazu bringt, diese bunte Glitzerwelt des Showbiz nicht immerfort mit rosaroter Brille zu sehen. Sie selbst hat schon erlebt, wie schnell Didi seine Künstler fallen lässt, wenn sie ihm zu nervig werden.

Aber sie hat sich nicht abservieren lassen, sondern gelernt, wie man Verträge liest und in welchen Klauseln der Betrug steckt. Klauseln, die auch der in Strafsachen erfahrene Amadeus nicht findet, weil er sie nicht sucht. Er ist bis auf den tiefsten Grund naiv. Auf eine wohltuende Art naiv. Wenn Nina die Sache nicht in die Hand genommen hätte, wäre er einfach ausgenommen worden wie eine Weihnachtsgans, ausgenutzt und wahrscheinlich irgendwann entsorgt. Dann nämlich, wenn Didi und seine Kumpel vom Fernsehen mit ihm keine Supergewinne mehr einfahren würden.

Am Ende spielt zwar ein berühmter Privatsender die wichtigste Rolle, wenn es um die heute überall zelebrierten Talente-Shows geht, bei denen junge Leute nur allzu bereit sind, sich völlig bloßzustellen in der simplen Hoffnung, doch einmal irgendwie berühmt zu werden. Aber die Öffentlich-Rechtlichen sind nicht besser. Sie funktionieren nach demselben Prinzip und die Skandale um bestechliche Redakteure, die „was drehen können“, wenn einer nur ein bisschen Geld für die Kaffeekasse beisteuert, sind so lang noch nicht her.

Aber man kann auch die ganzen Musiksendungen nehmen, die etwas bedienen, was viel mit Business und Heimatsülze zu tun hat, aber wenig mit richtig starker Musik. Dass das deutsche Fernsehen mal eine Bühne für die wirklichen Talente im Land werden würde, davon träumt nicht nur Willi Weglehner nicht mehr.

Sein Buch ist eine lustvolle, da und dort sehr ironische Abrechnung mit diesem Business und mit den selbstverliebten Leuten, die sich da als Kulturwächter der Nation gerieren. Und mit Amadeus hat er einen Burschen geschaffen, der alle Gaben mitbringt, in diesem Geschäft so regelrecht zum Clown zu werden (was er am Ende auch wird). Und zuletzt so richtig zu scheitern. Es ist auch ein Buch über die falschen Träume vom Ruhm, die dieses Show-Business die ganze Zeit verkauft, weil sich das an ein geblendetes Publikum so gut verkaufen lässt. Denn nicht nur die untalentierten Mütter der untalentierten Kinder sind wie verhext von dem Wahn, ihre Kinder müssten unbedingt „ins Fernsehen“ und dann von frenetisch klatschenden Millionen gefeiert werden.

Und irgendwie ist es ja nach 60 Jahren Show längst so, dass die meisten Leute tatsächlich daran glauben, dass das Fernsehen die Bühne der Wirklichkeit ist. Und keine Vorspiegelung falscher Tatsachen rund um die Uhr.

Amadeus hat Glück, weil Nina dieses Geschäft kennt und weiß, wie die Herren Meinungsmacher die Millionen scheffeln und Knebelverträge formulieren. Sie nimmt ihn zuweilen hart am Schlafittchen. Aber Amadeus ist einer, der merkt, dass ihr das ernst ist. Und so treibt das Buch eben nicht auf die eigentlich erwartbare Katastrophe zu, sondern nimmt etliche Wendungen, die zuletzt auf die Rettung hinauslaufen. Denn wer auch nur ein bisschen Selbstachtung hat, dem geht es wie Amadeus und Nina – der will irgendwann raus aus dieser inszenierten Scheinheiligkeit. Und weil Nina clever ist, schaffen sie es auch.

Man ist mit dem kleinen Gerichtsachbearbeiter praktisch zu Gast in einer Welt, in der Millionen glauben zu Hause zu sein, weil sie jeden Tag darin eintauchen und dort ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit geprägt wird. Kein Wunder, wenn es dann auf den Straßen von Typen wimmelt, die sich kraftmeierisch geben wie Didi und die doch nur mit all dem prahlen, was sie in diesem Show-Kosmos aufgeschnappt haben. Musik, Geschmack, Anspruch – alles das sind Dinge, die man kaufen kann. Oder verkauft bekommt.

Nicht ohne Grund spricht Didi immer nur von den „consumern“, die beschissen werden wollen. Davon lebt er. Davon lebt eine ganze millionenschwere Branche. Und davon leben auch die großen deutschen Medienkonzerne – und nicht nur der eine im Buch. Sie produzieren Wunschbilder und Traumschlösser. Und sie haben seit über 70 Jahren an dem gebastelt, was heute die dümmsten Seppel in der Politik als Heimat zu verkaufen versuchen. Auch der deutsche Heimatminister.

Denn wenn die Leute, die diesen ganzen künstlichen Gefühlssalat konsumieren, über Heimat so denken, wie es die deutsche „Volksmusik“ immer wieder neu inszeniert, dann ist man wirklich im Tal der Deppen gelandet. Und spätestens die nächtlichen Alpträume sagen einem in aller Dringlichkeit: „Nur raus hier!“

Und so geht die Geschichte mal glücklich aus für Amadeus und Nina. Und man legt das Buch froh beiseite, weil man nun weiß, dass es wenigstens noch einen Bayern gibt, der sich von diesem Kuhglockengebimmel und Kufstein-Gejodel nicht narrisch machen lässt.

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