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Mit Steffen Raßloff in Windeseile durch 1.000 Jahre sächsische Geschichte

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    Auch der Rhino Verlag in Ilmenau hat eine hübsche kleine Mini-Buchreihe, so wie der Verlag für die Frau in Leipzig – nur noch nicht ganz so lange und auch im Format ein klein wenig größer. Aber in die Jacketasche passen die kleinen Bücher allemal. Denn sie sind ja ideal zum Unterwegs-Lesen. Etwa wenn man einmal kompakt wissen will, was für ein sonderbares Land dieses Sachsen eigentlich ist.

    Am Donnerstag, 9. August, um 11:30 Uhr, gibt es in der Thalia Buchhandlung „Haus des Buches“ in Dresden eine Präsentation dieser handlichen Neuerscheinung – zusammen mit einem neuen Wettiner-Büchlein. Womit man ja schon beim Thema ist: Über 800 Jahre Geschichte in diesem Fleckchen Land im Osten Deutschland sind von den Wettinern geprägt, jenem Markgrafengeschlecht, das seinen Ursprung auf die Burg Wettin nördlich von Halle zurückführt und mit den Eilenburger Burggrafen erstmals den Griff zur Vorherrschaft in diesem Eckchen des Heiligen Römischen Reiches wagte, das wir heute Deutschland nennen.

    Deswegen ist der größte Teil sächsischer Geschichte eigentlich Wettiner Geschichte. Die ganzen bis heute gefeierten sächsischen Mythen haben mit diesem Adelsgeschlecht zu tun – bis hin zu jenem 13. November 1918, als König Friedrich August III. mit den Worten abgedankt haben soll: „Dann macht doch euern Dregg alleene.“

    Mit sächsischem Zungenschlag. Natürlich. Die Könige und ihr Volk waren, von den Mythen her betrachtet, immer ein Herz und eine Seele. Selbst die Landesflagge ist ja das Ergebnis untertänigster Königsliebe: Mit grün-weißen Farben empfingen die Dresdner 1815 ihren aus preußischer Gefangenschaft zurückkehrenden König Friedrich August.

    Wobei den Wettinern eben nicht nur simple Machtpolitik vorzuwerfen ist. Im Gegenteil. Manchmal verschenkten sie Macht regelrecht, weil sie die familiären Erbschaftsfragen nicht hinbekamen – die großen sächsischen Teilungen sorgten letztendlich dafür, dass die Sachsen nach ihrem geliebten August dem Starken und seinem Pokerspiel um die polnische Krone aus dem Rennen um die großen Rollen im deutschen Reich aussteigen mussten.

    Ein insofern tragischer Konflikt, als er Sachsen mehrfach als Verlierer gegen den hasardierenden preußischen König Friedrich II. sah, immer wieder die reiche Handelsstadt Leipzig geplündert wurde und ausgerechnet dieses kriegslüsterne Preußen am Ende bis 1945 deutsche Geschichte bestimmte, so medial gewaltig, dass ein unüberhörbares Häuflein geschichtsbesoffener Deutscher heute immer noch glaubt, der preußische Weg sei der einzig richtige gewesen – und eben nicht der fatalste.

    Ein sächsischer Weg wäre anders verlaufen, da kann man sicher sein. Mit wesentlich weniger Militär, weniger Kriegen, aber ganz bestimmt mit einem geradlinigen Weg zu einer modernen Wirtschaft. Denn das hatten die sächsischen Markgrafen, Kurfürsten und Könige früh gelernt: Wie man die Wirtschaft im Land auf die Beine bringt.

    Natürlich erzählt Stefen Raßloff genau das. Er macht nicht viel Firlefanz um die sächsische Geschichte. Er ist Historiker und in der mitteldeutschen Geschichte zuhause. Seit seiner 2016 in der Edition Leipzig vorgelegten „Mitteldeutschen Geschichte“ kann jeder nachlesen, wie eng verknüpft die Geschichte der drei Bundesländer Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ist.

    Und eine der wichtigsten Klammern ist „Groß-Sachsen“, just jenes Kurfürstentum, das bis 1485 (der Leipziger Teilung) zu den mächtigsten Fürstentümern in Deutschland zählte. Hätte man damals das Ländchen Brandenburg in derselben Liga genannt, hätten alle Leute im Raum sich scheckig gelacht. Und auch noch bis zu Luther und dem sogenannten Schmalkaldischen Krieg galten die beiden Sachsen als ernsthafte Anwärter auf höchste Rollen im Reich.

    Es waren aber nicht die sächsischen Armeen, die das bewirkten, sondern der sächsische Reichtum – vor allem der aus dem Bergbau im Erzgebirge. Weshalb ja bekanntlich Freiberg die erste Großstadt (nach mittelalterlichen Maßstäben) in Sachsen war. Dresden und Leipzig wuchsen erst Jahrhunderte später in diese Rollen hinein. Aber fast keiner der Wettiner vergaß, dass man sein Land wirtschaftlich stabilisieren muss, wenn man es gut regieren will.

    Und das zeigten sie auch schon früh mit prächtigen Schlössern und Burgen, von denen die meisten heute noch in restaurierter Pracht zu sehen sind – vom Prachtschloss auf dem Meißner Burgberg über die Schlösser in Torgau und Colditz, bis zu Moritzburg, Hubertusburg und natürlich dem in den letzten Jahren so aufwendig restaurierten Dresdner Stadtschloss.

    Da Rassloff Gas gibt, wird das Lesen fast zu einem Zeitraffer, wenn er flott erzählt, wie sich die Wettiner die Lausitz erwarben, wie sie das kaiserliche Pleißenland an sich brachten und vom böhmischen König das ganze Elbsandsteingebirge mit dem Königsstein. Und wie sie hernach viele hübsche Landesstücke wieder verloren – zu einem mächtigen Teil an die gierigen Preußen, zu einem viel eindrucksvolleren Teil an die Vettern aus der ernestinischen Linie, die dann in Thüringen für eine immer weitere Zersplitterung des Wettiner Besitzes sorgten, sodass Thüringen am Ende ein Flickenteppich kleiner, aber hochgradig kulturinteressierter Landesherrschaften wurde.

    Dass hier Leute wie Bach und Goethe zu Ruhm kamen, war nur folgerichtig. Und die Thüringer wissen das – ihnen ist der dicke Vetter in Dresden noch sehr vertraut. Während man in Sachsen meist das Gefühl hat, hinter der Grenze wohnen nur noch fremde Leute. Ist ja mit Sachsen-Anhalt genau dasselbe, obwohl mindestens das Lutherjahr 2017 gezeigt hat, dass das zur Zeit des Reformators eine Welt war. Die Grenzen haben uns Bürokraten in den Kopf gehämmert.

    Deswegen holt Raßloff natürlich an einer Stelle etwas aus – wo es um den sächsischen Herzogstitel geht, der ja ursprünglich mal den richtigen Sachsen in Niedersachsen gehörte, über das Kleinherzogtum Sachsen-Wittenberg aber dann gen Osten wanderte.

    Denn eigentlich haben die meisten Sachsen gar keine (nieder-)sächsischen Wurzeln, sondern sorbische. Was Raßloff natürlich auch betont. Tausende Ortsnamen erinnern noch daran, dass hier slawische Menschen fischten, ackerten und Pferde züchteten, als die Thüringer schon lange Teil des Frankenreiches waren.

    Das Schöne an solchen Überflügen ist: Man sieht wieder, dass Geschichte eigentlich eine fortwährende Veränderung ist. Und dass das, was heute als fix und fertige Touristenware verkauft wird, Ergebnis von 1.000 Jahren Verschmelzungsprozessen ist. Und von fleißiger Arbeit. Bis in die 1920er Jahre hinein war Sachsen das industrielle Vorzeigeland Deutschlands. Aber auch das lässt Raßloff natürlich nicht weg – erst kamen die dummdreisten Nazis und machten vieles davon kaputt, dann geriet der wiedergegründete Freistaat in die SBZ, wurde zu drei Bezirken filetiert und war 1989 nicht ganz zufällig Schauplatz für zwei wichtige Handlungsorte der Friedlichen Revolution. Oder mehr. Raßloff betont dabei die Weltoffenheit von Leipzig und Dresden als Erklärung. Aber der Anblick einer heruntergewirtschafteten Industrie wiegt ganz bestimmt genauso schwer.

    Deswegen stimmt seine These leider nicht, die evangelische Kirche sei „ein zentraler Handlungsträger“ der Friedlichen Revolution gewesen. War sie aber nicht, auch wenn es eine Handvoll engagierter Pfarrer war, die ihre Kirchen zu zentralen Handlungsorten gemacht haben. Dann stimmt der Maßstab wieder. Auch wenn sich die jüngere Geschichtsschreibung sehr stark auf die christliche Geschichte in Sachsen fokussiert hat. Das war natürlich fällig, weil es bis 1989 überhaupt nicht opportun war. Aber das darf nicht den Anschein erwecken, dass die Sachsen so grundhaft religiös waren, wie das nun so oft gemalt wird. Dann hätte es nämlich auch die Reformation so nicht gegeben, die etwas ganz Wichtiges im sächsischen Charakter ansprach, was ja dann in der Luther-Verehrung als „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ überliefert ist.

    Der Fleiß und die unübersehbaren Erfolge haben Sachsen auch zu einem Land gemacht, in dem die Fürsten früh schon alles für bestmögliche Bildungsanstalten taten. Mit dem Ergebnis, dass Sachsen ein Land voller Erfinder, aber auch voller kritischer Köpfe war. Und ist. Man denke nur an Lessing, Seume, Blum, Liebknecht und Erich Kästner. Aber dieser Geschichtsstrang wird heute gern ausgeblendet. Man geht lieber in die Kirche, statt ins Lesecafé.

    Dass die Städte im Land längst wieder vorbildlich saniert sind, erwähnt Raßloff natürlich auch. Man hat ja bestimmt das Büchlein in der Hand, wenn man in eine solche sächsische Spielzeugstadt fährt. Nur ist das halt nur hübsche Hülle. Der Inhalt fehlt eigentlich noch. Denn wir haben ja nun (Vorsicht: Jahrestag am 13. November!) seit 100 Jahren keinen König mehr. Wir müssen das Ding wieder selber machen. Und dazu fehlt es noch ein bisschen am alten sächsischen Stolz, Fleiß und kritischen Geist.

    Die Schmuckschatulle mit dem Goldenen Reiter obendrauf ist hübsch – aber das ist nicht die Zukunft. Zeit, sich umzudrehen und loszugehen und die schmucke Schatulle wieder mit Inhalt zu füllen.

    Steffen Raßloff Kleine Geschichte Sachsens, Rhino Verlag, Ilmenau 2018, 5,95 Euro.

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