Grübelst du noch oder atmest du schon?

Immortelle – Eine verschriftlichte Liebeserklärung an die Unsterbliche von Korsika

Für alle LeserImmortelle? Kenn ich. Jeder deutsche Dichter, der was auf sein sentimentales Gemüt hielt, hat sie bedichtet. Aber das stimmt so nicht ganz. Denn selbst die Immortelle, die Clemens Brentano im „Schnitterlied“ bedichtet, war wohl nur eine schöne bunte Strohblume. Die richtige Immortelle wächst im Süden. Auf Korsika zum Beispiel, wo Andrea Nabert ihre Liebe zu dieser duftenden Heilpflanze entdeckte.

Manchmal muss man einfach drüber stolpern, sonst geschieht es einem nie im Leben. Wäre es nur Korsika gewesen, hätten Andrea und Thomas Nabert (der die Fotos angefertigt hat) bestimmt irgendwann ein Korsika-Buch herausgebracht. Die Insel ist Menschen, die es wirklich noch urwüchsig mögen, natürlich ein ganz anderer Reisetipp als – nehmen wir mal: Mallorca oder Ibiza oder wo sonst noch das Itzibitzi-Volk hinfährt. Man wandelt auf den Spuren der Familie Bonaparte, kann raue Berge und karge Küsten erleben. Und fast überall blüht es sonnengelb. Denn die Immortelle mag karge Bögen. Selbst auf Felsgrund leuchtet sie. Und ihren Namen hat sie vom strahlend gelben Blütenkranz.

Denn Immortelle ist ja nur ihr zweiter Name, den sie trägt, weil sie auch noch nach der Ernte lange duftet und leuchtet, also quasi unsterblich scheint. Ihr ordentlicher lateinischer Name lautet – wie im Fall der auf Korsika zu findenden Exemplare – Helichrysum italicum. Oder auf Deutsch: Italienisches Sonnengold. Und als sich Andrea Nabert damit ein wenig länger beschäftigte, war sie nicht nur von der leuchtenden und duftenden Pflanze angetan, die ihr in Korsika auf Weg und Steg begegnete.

Sie fand auch auf der Insel den kleinen ökologischen Landbaubetrieb von Albrecht und Sophia Keyserlingk. Seit 1990 destilliert Albrecht Keyserlingk Duft- und Heilpflanzen, seit 1991 auch die Immortelle, die inzwischen auch auf extra angelegten Immortellenfeldern angebaut wird, um die wilden Bestände der Insel zu schützen. Etliche Fotos in diesem Band sind natürlich in diesem Betrieb entstanden. Viele Informationen zum Öl, seinem Gehalt, seiner Destillation und seiner Wirkung ebenfalls. Obwohl Andrea Nabert längst auch allerlei Fachpublikationen zur Immortelle zitieren kann. Denn ihre heilende Wirkung ist ja kein Geheimnis mehr. Längst sind auch hunderte Wirkstoffe in ihrem Öl nachgewiesen.

Aber die eigentliche Faszination ist wohl der Duft. Ein sehr vielfältiger Duft, den man sich mit dem Öl, mit dem Hydrolat oder selbst mit der getrockneten Pflanze in die Wohnung holen kann. Sofern man freilich öfter in den Süden fährt oder es gar schafft, die Immortelle im eigenen Garten – oder wohl besser im Topf – anzusetzen. Denn die Kälte in unseren Breiten mag die Pflanze nicht. Und nass mag sie es auch nicht. Trotzdem soll es begabte Gärtnerinnen und Gärtner geben, die die goldblühende Pflanze tatsächlich auch im hiesigen Steingarten zur Blüte gebracht haben.

Das Buch ist – reich bebildert – eine Liebeserklärung an die Immortelle und ein Versuch, ihre Heilwirkung und ihre lindernden Wirkungen zu schildern. Darin stecken zehn Jahre intensiver Beschäftigung, immer neue Reisen nach Korsika, vorzugsweise Ende Juni, wenn die Immortelle in voller Blüte steht und geerntet wird. Und da Andrea Nabert alles Mögliche ausprobiert hat, was man mit der Immortelle, dem Öl oder dem Hydrolat anfangen kann, ist das Buch auch noch gespickt mit Rezepten, wie man sich zum Beispiel Massageöl zubereiten kann, eine schöne Mischung für die Duftlampe (um an schönen Abenden einfach mal runterzukommen vom täglichen Stress) oder gar eine „Mischung gegen Verbitterung und Grübelei“. Das, was der modern aufgeputschte Zeitgenosse ja eigentlich täglich braucht und so selten nutzt.

Es ist ja nicht das erste Buch, das sich mit der wohltuenden Wirkung von Pflanzen beschäftigt. Sogar in der Küche kann man die auch als „Currykraut“ bekannte Immortelle nutzen – man darf sie nur nicht mit Curry verwechseln. Das ist etwas anderes. Aber zum Würzen ist das Currykraut, wenn man’s vorsichtig angeht, dennoch geeignet. Und das Lieblingsrezept der Autorin scheint ja sowieso der Immortellentee zu sein: Einfach einen Halm der blühenden Pflanze mit heißem Wasser übergießen und dann die Stille der Insel Korsika genießen. So ungefähr. Warum fährt man sonst nach Korsika?

Es wird wohl so sein, dass zumindest die noch Lebendigen unter uns die Aufgeschlossenheit für unsere heilende Blütenwelt wieder entdecken könnten. Samt ihrer beruhigenden Wirkungen bei seelischer Überhitzung. Ein bisschen Öl auflegen, einatmen, herunterfahren. Und dann den Urlaub vielleicht auf einer stillen Insel verbringen, wo es mehr Geschichte als Touristen gibt.

Andrea Nabert „Immortelle. Porträt einer wilden Duft- und Heilpflanze, Pro Leipzig, Leipzig 2018, 15 Euro

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 59 ist da: Zwischen Überalterung und verschärftem Polizeigesetz: Der Ostdeutsche, das völlig unbegreifliche Wesen

RezensionenNaturheilkundeReiseliteratur
Print Friendly, PDF & Email
Leserbrief

Hinweise zum Leserbrief: Bitte beachten Sie, dass wir einen Leserbrief nur veröffentlichen, wenn dieser nicht anonym bei uns eintrifft. Außerdem möchten wir darauf hinweisen, dass eine Teilnahme an Verlosungen des L-IZ Leserclubs mit dem Leserbrief nicht möglich ist.

Ihr Name *

Ihre E-Mail-Adresse *

Betreff

Ihre Nachricht *

Bild/Datei hochladen

Wären Sie mit der Veröffentlichung als Leserbrief einverstanden? *

 


Schneller informiert mit dem L-IZ-Melder
Weitere Nachrichten:Bewegungsmelder | Wortmelder | Rückmelder | Sport | Polizei | Verkehr





Weitere aktuelle Nachrichten auf L-IZ.de

Polizei durchsucht Wohnungen der „Thügida“-Anführer – auch Alexander Kurth betroffen
Alexander Kurth (Die Rechte) bei LEGIDA. Foto: Alexander Böhm

Foto: Alexander Böhm

Für alle LeserUnter den zahlreichen rechtsradikalen „Bürgerbewegungen“, die sich in den vergangenen Jahren im Osten Deutschlands gegründet haben, gehört „Thügida“ zu den bekanntesten und aktivsten. Doch die mittlerweile als „Volksbewegung“ auftretende Organisation könnte weiter an Bedeutung verlieren. David Köckert, eine der Führungsfiguren, sitzt seit Monaten in Untersuchungshaft. Am Dienstag, den 19. Februar, durchsuchte die Polizei im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Köckert mehrere Wohnungen – auch die des Leipziger Neonazis Alexander Kurth.
365 Euro im Jahr: Ökolöwe sammelt Unterschriften für Wiener Modell im Leipziger ÖPNV
Moderne XL-Straßenbahn am Augustusplatz. Foto:Ökolöwe

Foto: Ökolöwe

Für alle LeserDie jüngste Vorlage zum Luftreinhalteplan hat es wieder vor aller Augen geführt: Mit kosmetischen Maßnahmen löst Leipzig weder seine Luftschadstoffprobleme noch die im Verkehr. Und im ÖPNV ist seit dem letzten Luftreinhalteplan 2009 viel zu wenig passiert. Jetzt hängt auch der neue Nahverkehrsplan wieder nach. Und der Ökolöwe Leipzig appelliert dafür, in Leipzig das attraktive Wiener Modell einzuführen.
Ulf Schirmer macht 2022 Schluss: Oper Leipzig sucht neuen Intendanten
Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer. Foto: Alexander Böhm

Foto: Alexander Böhm

Für alle LeserDie Oper Leipzig sucht einen neuen Intendanten. Wie die Stadt am Montag mitteilte, wird Ulf Schirmer seinen Vertrag über Juli 2022 hinaus nicht verlängern. Die Trennung sei im Einvernehmen erfolgt und trage der weiteren privaten Lebensplanung des Opernchefs Rechnung.
Fluglärmaktivisten stellen ihre Minimalforderungen für die Leipziger Stadtratswahl vor
Flugzeug beim Flug übers Leipziger Stadtgebiet. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserNicht nur Landtagswahlen sind in diesem Jahr in Sachsen. Leipzig wählt in diesem Jahr am 29. Mai auch einen neuen Stadtrat. Und es gibt gefühlt noch viel mehr große und schwierige Themen, die den Leipzigern auf den Nägeln brennen, als zur letzten Stadtratswahl. Einfach auch deshalb, weil in den vier Jahren nichts wirklich Helfendes passiert ist. So geht es auch beim Fluglärm zu. Und augenscheinlich haben das mittlerweile mehrere Parteien auf der Liste und fragen bei den Fluglärminitiativen an, was denn nun eigentlich gemacht werden soll.
Grüne schnüren ein richtiges Bio-Landwirtschafts-Paket für Leipzig
Im Projektgebiet von „stadt PARTHE land“. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserSeit Jahren laufen die Diskussionen um die Umweltschäden in der und durch die intensive Landwirtschaft, zuckt der Landwirtschaftsminister die Schultern, wenn es um Nitrat im Grundwasser, belastete Flüsse, schwindende Artenvielfalt und Bodenverluste geht. Und tut nichts. Leipzig als Besitzer von immerhin noch 1.800 Hektar landwirtschaftlicher Fläche könnte etwas tun. Mit acht Stadtratsanträgen wollen die Grünen die Leipziger Verwaltung dazu bewegen, es auch wirklich zu tun.
Chance auf renommierte Literaturpreise für zwei sehr aufmerksame Autorinnen
Luise Boege. Foto: Tobias Neumann

Foto: Tobias Neumann

Für alle LeserManchmal klappt es, da erreichen auch Bücher, die in der L-IZ besprochen wurden, die Aufmerksamkeit der großen Buchpreis-Jurys. Das ist gerade in zwei sehr eindrucksvollen Fällen der Fall: Anke Stelling wurde mit ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Am 22. Februar kann man die Autorin auch im Schauspiel Leipzig erleben. Und der kleine Leipziger Verlag Reinecke & Voss freut sich über die Nominierung seiner Autorin Luise Boege für den BDI-Literaturpreis „Text und Sprache“.
Grüne wollen wissen, warum die Stadt die Beschlüsse zur Biolandwirtschaft einfach nicht umsetzt
Schöner saftiger Ackerboden im Leipziger Norden. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEs war in den vergangenen Jahren immer wieder Thema im Stadtrat: Der Leipziger Stadtrat beschloss mutige Vorgaben zum Ausbau des Biolandbaus, zu Hecken und Biotopschutz. Sogar im Integrierten Entwicklungskonzept (INSEK) der Stadt tauchen die Ziele auf. Aber die Realität zeigt das Gegenteil: Augenscheinlich fühlt sich kein einziges Leipziger Amt bemüßigt, die Stadtratsbeschlüsse auch umzusetzen. Die Grünen legen deshalb ein dickes Antragspaket vor. Und wir reisen zurück ins Jahr 2007.
Linke-Stadträtin: Es ist zynisch, Geflüchtete gegeneinander auszuspielen
Die Mission Lifeline Crew am 4. August 2018 bei der Seebrücke-Demo in Leipzig. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserErst stutzt man, dann schüttelt man den Kopf – und dann fragt man sich: Ist diese CDU-Fraktion jetzt endgültig durchgedreht? Was treibt eine biedere Bürgerfraktion in Leipzig dazu an, einen menschlichen Antrag der Linksfraktion einfach völlig auszuhöhlen und aus einem Hilfsantrag für Menschen, die aus dem Mittelmeer gerettet wurden, einen ideologischen Antrag zu machen, mit dem nun aus Venezuela Geflüchtete in Leipzig aufgenommen werden sollen? Was hat das miteinander zu tun?
„Kästner2019“: Schaubühne startet Themenreihe zu Erich Kästner
Die Schaubühne Lindenfels in der Karl-Heine-Straße. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Am 23. Februar, zu Erich Kästners 120. Geburtstag, startet die Schaubühne Lindenfels eine Themenreihe zu dem bedeutenden Künstler. Bis zur Europawahl am 23. Mai und auch darüber hinaus werden Kästners Werke auf Bühne und Leinwand, aber auch in die Stadtgesellschaft getragen. Den Auftakt macht die erste Verfilmung von „Emil und die Detektive“.
Neandertaler ernährten sich am liebsten von Rentieren und Pferden
Zahn einer erwachsenen Neandertalerin aus Les Cottés in Frankreich. Foto: MPI f. evolutionäre Anthropologie/ A. Le Cabec

Foto: MPI f. evolutionäre Anthropologie/ A. Le Cabec

Für alle LeserImmer wieder brandet unter Wissenschaftlern der Streit auf, ob denn nun der Mensch am Verschwinden der großen Säugetiere schuld sei, als er sie nach dem Ende der letzten Eiszeit massiv bejagte. Denn da starben sie alle aus – ob Riesenhirsch, Wollnashorn oder die Festlandspopulationen des Mammuts. Zu viele Jäger sind des Mammuts Tod, könnte man sagen. Nun stellt sich heraus: Auch der Neandertaler hat zu seinen Lebzeiten fleißig mitgejagt.
Polizei behindert Medien am Rande einer Neonazidemo in Dresden
Gegendemonstranten 15. Februar in Dresden. Foto: Marco Arenas

Foto: Marco Arenas

Für alle LeserSchon im vergangenen Jahr sah sich die Polizei nach einer rechtsradikalen Demonstration rund um den 13. Februar in Dresden mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Unter anderem soll ein Beamter die Hinweise von Journalisten auf Gewalt gegen Gegendemonstranten ignoriert haben. In diesem Jahr waren es die Journalisten selbst, die während ihrer Arbeit von Polizisten behindert wurden. Zahlreiche Videos belegen das. Die Opposition bekräftigt deshalb ihre Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht.
Meineid-Prozess gegen Ex-AfD-Chefin Petry hat begonnen
Frauke Petry,hier noch bei einer AfD-Veranstaltung. Foto: Alexander Böhm

Foto: Alexander Böhm

Für alle LeserDie ehemalige AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry möchte im kommenden Spätsommer mit ihrer „Blauen Partei“ erneut in den sächsischen Landtag einziehen. Laut Wahlumfragen stehen die Chancen dafür nicht gut. Ein am Montag, den 18. Februar, gestarteter Prozess am Landgericht Dresden könnte ihre Chancen sogar auf Null reduzieren. Sollte Petry wegen Meineids zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr verurteilt werden, dürfte sie bei der Wahl nicht antreten.
Auch Leipzigs „verbrannte Orte“ bekommen jetzt ein Gesicht
Das Volkshaus in der Karl-Liebknecht-Straße. Archivfoto: Ralf Julke

Archivfoto: Ralf Julke

Für alle LeserIn die historische Erzählung eingegangen als tiefer Sturz der einstigen Dichternation Deutschland ist der 10. Mai 1933, als in Berlin und mehreren Hochschulstädten Deutschlands mit großem Pomp Bücherverbrennungen inszeniert wurden. Oft ist nur diese Inszenierung im Gedächtnis der Menschen noch lebendig. Und in Leipzig galt lange Zeit die Feststellung, hier habe es am 10. Mai keine Bücherverbrennung gegeben. Eben weil es die Buchstadt Deutschlands war. Aber das Projekt „Verbrannte Orte“ kann jetzt eine etwas andere Geschichte erzählen.
Baumfällungen von Sachsenforst bei Gundorf und Dölzig waren mit den Naturschutzbehörden abgestimmt
Baumfällungen im Kanitzsch. Foto: NuKLA e.V.

Foto: NuKLA e.V.

Für alle LeserFür eine gewisse Aufregung sorgten in jüngster Zeit die Baumfällungen im Kanitzsch bei Gundorf und im Dölziger Waldgebiet, beide bewirtschaftet vom Staatsbetrieb Sachsenforst. Beide Waldgebiete aber liegen auch im geschützten Leipziger Auensystem. Da kann man doch nicht einfach die Eichen fällen, fand der NuKLA e.V., der die gefällten Baumriesen mit einigem Entsetzen sah, und Anzeige erstattete. Aber so funktioniert das nicht, teilt uns Sachsenforst mit.
Warum härteres Vorgehen gegen Suchtbetroffene die Sucht nicht aus der Welt schafft
360 Kilogramm Drogen, gefunden im Fall Shiny Flakes. Foto: Alexander Böhm

Foto: Alexander Böhm

Für alle LeserWer sich auch nur ein bisschen mit unserer Wirtschaftsweise beschäftigt hat, der weiß, dass sie davon lebt, immer neue Süchte und Begehren zu erzeugen. Ein Großteil aller Waren sind reine Lustprodukte. Und viele lösen Süchte aus, die nur noch mit immer größeren Dosen kurzfristig beruhigt werden können. Umso schizophrener ist die Unterscheidung von legalen und illegalen Drogen und der Glaube sächsischer Ordnungspolitiker, die illegalen Süchte mit Polizeigewalt „bekämpfen“ zu können. Ein Thema für René Jalaß.