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Das Leben des berühmten Stülpner Karl als große Foto-Roman-Erzählung

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    Im Erzgebirge ist er wohl nie aus der Erinnerung der Menschen verschwunden. Und außerhalb wurde er spätestens mit der legendären Verfilmung mit Manfred Krieg als Stülpner Karl berühmt. Mehrere Biografien über das Leben des „Robin Hood des Erzgebirges“ sind auch erschienen. Und trotzdem ließ die Gestalt den Fotografen Kai Kretzschmar alias Kai von Kindleben nicht los. Er wollte den Wildschützen unbedingt in Aktion versetzen.

    Einen Darsteller fand er in Eyck Eggener als Stülpner Karl. Aber das blieb nicht der einzige „Held“ in dieser Geschichte. Von Anfang an schwebte dem Fotografen wohl eine große Bildgeschichte vor, die das komplette Leben des erzgebirgischen Wildschützen nacherzählen soll. Also eine Art Foto-Roman. Auch wenn die Grundlage des Buchs dennoch die Nacherzählung des abenteuerlichen Burschen ist, der eigentlich nicht auf die schiefe Bahn wollte, wie das so schön heißt.

    Natürlich lebt die Geschichte von den Erinnerungen, die der alte Stülpner selbst in seinem Biografen hat und was andere schon zu seinen Lebzeiten über die berühmten Räubertaten veröffentlichten. Ob nicht eine Menge Räubergarn dabei ist, weiß man ja nicht. Aber es steckt auch eine Menge Wahrheit über diese Zeit darin, die nur ein absoluter Nostalgiker wie Neo Rauch noch als „heil“ empfinden kann.

    Heil war damals gar nichts. Und wer als vaterloser Junge aufwuchs wie Karl, hatte nicht unbedingt mit einer heilen und freudvollen Zukunft zu rechnen. Und mit dem Wohlwollen der Obrigkeit schon gar nicht. Die Erlebnisse mit der Rekrutierung für die sächsische Armee hätten ganz ähnlich auch Johann Gottfried Seume oder Johann Christian Woyzeck erzählen können. Nicht nur der Gerichtsdirektor Günther war sich sicher, dass es sein gutes Recht war, über Leib und Leben der Untertanen verfügen zu dürfen. So fern war die Arroganz des Adels und seiner Verwaltungsbeamten dem nicht, was man in Stülpners Geschichte erzählt bekommt.

    Wer gar noch seine Existenzgrundlage verlor und (aus-)wandern musste, war schnell rechtlos und vogelfrei, wenn er dabei immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Was ja später auch ein gewisser Karl May, der aus ähnlichen Verhältnissen kam, erleben sollte.

    Mit der Stülpner-Geschichte lebt ein Stück sächsischer Geschichte fort, die in Geschichtsbüchern gern glattgebügelt wird. Historiker erzählen gern nur die Königsebene – und drücken dann, wenn es um die edlen Herrschaften geht, ordentlich auf die Tränendrüse. Deswegen steht im Zentrum der sächsischen Selbststilisierung ausgerechnet ein König August, unter dem das Leben eines Bauern, Tagelöhners oder gar Heimatlosen alles andere als märchenhaft war.

    Und auch deshalb lebte Stülpners Lebenserzählung fort und wurden die Bücher über seine „Heldentaten“ schon zu seinen Lebenszeiten gern gelesen. Vieles ist nicht verifizierbar. Das, was die Leser und Zuschauer sich vor Freude kringeln lässt, ist nun einmal Stoff, der nicht in Akten und Urkunden festgehalten wird. Möglich, dass auch schon zu Stülpners wildesten Zeiten der Volksmund sich seine eigenen Geschichten dazu ausdachte, in den Wilderer und Schmuggler etwas hineindichtete, was der Mann gar nicht ausfüllen konnte.

    Aber auch das erzählt eine Wahrheit: das selbst aus den Robin-Hood-Geschichten bekannte Sehnen des einfachen Volkes nach einem, der es wagt, sich mit der Obrigkeit anzulegen und dabei schlau ist wie Reinecke Fuchs. So schlau, dass er den Häschern und Spitzeln immer wieder entkommt und den als boshaft und grausam empfundenen Beamten immer wieder einen Tort antut. Eine Art Eulenspiegel. Einer von uns, der es denen mal so richtig zeigt.

    Was bekanntlich mächtig in die Hose gehen konnte. Etliche der Untaten, deretwegen nach Stülpner gefahndet wurde, konnten durchaus mit dem Tod bestraft werden. Wer sich außerhalb der streng gegliederten Gesellschaft stellte, musste mit allem rechnen. Die Freiheit war Hoffnungskraut und bedrohte Vogelfreiheit. Einiges davon erzählen schon die ersten Kapitel in Stülpners Leben. Die ganze Stülpner-Geschichte hat Kai von Kindleben noch nicht inszeniert.

    Und warum das so ist, sieht man an den Fotos, für die der Fotograf nicht nur authentische Schauplätze (oder solche, die ihnen ähneln) aufsuchte. Er steckte seine Protagonisten auch in die Originalkostüme der Zeit, machte sich als genau dieselbe Mühe, wie sie sich Ausstatter bei großen Historienfilmen machen. Bis ins Details sollte alles stimmen – von der Uniform über die Häuser und Küchen bis hin zu Gewehr und Pulverhorn. Erst wenn man das sieht, ahnt man, mit welchem Aufwand von Kindleben jede einzelne Szene ins Bild gesetzt hat.

    Und da er nicht nur den einsamen Karl agieren lassen wollte, kommt ein richtig großes Ensemble von Darstellern zusammen, die alle wichtigen Figuren in Stülpners Lebensgeschichte verkörpern – seine beiden Mit-Schmuggler Satzunger und Hühnel, den fiesen Gerichtsdirektor, Soldaten, Müller, Nachbarn, die Mutter, den fürsorglichen Onkel und natürlich Christiane, seine Braut, die er in diesem Band noch nicht heiraten kann, weil er sich im Dorf nicht blicken lassen darf.

    Aber es kommen etliche der herrlichen Szenen drin vor, die auch in der siebenteiligen Fernsehserie von 1973 die schönsten Höhepunkte waren. Fast zum Finale in diesem Buch ist das die Belagerung der Burg Scharfenstein. Und es hat sich nichts geändert: Man freut sich noch immer über den Sturz des Gerichtsfrons Wohlleben, die Ratlosigkeit der eingesperrten Obrigkeit und die Flucht der Uniformierten hinter die dicken Mauern der Burg. Sind das nun schon schöne Anekdoten aus alter Zeit, die einen einfach erfreuen? Oder steckt noch immer eine ganz ähnliche Zwiespältigkeit dahinter, die diesen Stülpner zum Symbol einer Freiheit macht, die man auch in heutigen Verhältnissen vermisst?

    Denn dass die Sachsen ein schwieriges Verhältnis zur Obrigkeit behalten haben, ist ja offenkundig. Genauso wie das schwierige Verhältnis einer ratlosen Obrigkeit zu den Sachsen. Wer ist hier eigentlich renitent? Kann es sein, dass Stülpner auch der exemplarische Gegenentwurf zur sächsischen Amts- und Königsherrlichkeit ist und deshalb bis heute so beliebt? So beliebt, dass manche Leute lieber das Stülpner-Grab in Großolbersdorf besuchen als das schöne Schlösschen in Pillnitz?

    Das sind so Fragen, die am Wald- und Wegesrand so auftauchen. Einige Fotos sind eindrucksvolle Landschaftsaufnahmen, die ein wenig diese Sehnsucht nach echter Natur und ganz großer Freiheit atmen. Einer Freiheit, die ja bekanntlich mit Besitz- und Jagdrechten belegt ist. Irgendwem gehört das ja immer. Und irgendwer hat das Sagen. Und ob das wilde Leben des Stülpner Karl wirklich so romantisch war, darf man natürlich bezweifeln.

    Wahrscheinlich war es verdammt hart und bitter. Das deutet auch von Kindleben an, wenn er Karls Wanderungen durch Süddeutschland erzählt. Wahrscheinlich steckt hinter vielen wilden Heldengeschichten um diesen Stülpner tatsächlich die blanke Not. Aber selbst dann funktionieren diese Geschichten aus einer Landschaft, in der sich die Armen und Geschurigelten schon deshalb helfen, weil man es ohne diese Hilfe gar nicht ausgehalten hätte.

    Es steckt also ziemlich viel in dieser Gestalt, die halb historisch und halb legendär ist und gerade deshalb auch eine bis heute funktionierende Projektionsfläche für Hoffnungen, Sehnsucht nach Freiheit und Mit-Menschlichkeit, die sich im grauen und gebundenen Alltag oft nicht finden und ausleben lassen. Vielleicht auch ein Stück jener sächsischen Renitenz, die zuweilen zum Anarchischen neigt. Zumindest für ein Momentchen, einen Urlaub lang zum Beispiel im sonst so zuckergesüßten und engelbeschneiten Erzgebirge.

    Kai von Kindleben Stülpner Karl. Der Robin Hood des Erzgebirges, Sutton Verlag, Erfurt 2018, 19,99 Euro.

    Ich glaub‘, mich streift das Glück … Die Weihnachts-LZ ist da

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