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Mörderisches Mozart-Kind oder Der tödliche Größenwahn des smarten Herrn Briggs

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    Man muss die Verbrecher nicht verstehen. Auch nicht die, die Sebastian Knauer in seinen Musik-Krimis agieren lässt. Mal werden sie wegen geheimnisvoller Bach-Kompositionen übergriffig, nun muss auch noch Mozart herhalten. Und wüsste man nicht, dass es tatsächlich Menschen gibt, die sich von ihren Leidenschaften tatsächlich so weit treiben lassen, dass sie zum Mörder werden, man würde diesen Steven Briggs nicht allzu ernst nehmen. Wie im normalen Leben halt.

    Denn Briggs ist das, was einem heutzutage gern als smarter Selfmademan vorgestellt wird, einer, der weiß, wie man an das dicke Geld kommt, ein polyglotter Geschäftemacher, der um die ganze Welt reist, um seine Deals einzutüten und dabei richtig viel Geld zu machen. Denn er knüpft die Fäden dort, wo es Unternehmen und Regierungen offiziell nicht dürfen oder gar scheinheilig so tun, als hätten sie damit nichts zu tun. Würde man diese Verlautbarungen ernst nehmen, dürften auch deutsche (Hightech-)Waffen nicht überall genau dort auftauchen, wo die finstersten Autokraten herrschen und/oder blutige Bürgerkriege toben.

    Wir sind ja die Guten und haben mit alledem nichts zu tun. Und die ach so friedfertigen Amerikaner auch nicht. Aber diese Welt, in der der smarte Herr Briggs seine Termine macht und mit lächelnden Krokodilen konferiert, streift Knauer nur am Rande. Auch wenn sie viel von dem erklärt, was diesen undurchschaubaren Mann ausmacht. Denn wer so selbstverständlich bereit ist, tödliche Waffen und Systeme auch noch an die schlimmsten Machthaber zu vermitteln und dabei die saubere Schauseite des reisenden Geschäftsmannes nie durchlässig werden lässt, der wird auch in seinem anderen Leben nicht aufhören, sich zu verstellen und eine Rolle zu spielen.

    Tatsächlich hat er noch zwei andere Leben. Das eine ist das mit seiner phlegmatischen Ehefrau Ellen, die den Luxus, den seine Geschäfte ermöglichen, genießt, aber lieber nicht genauer wissen will, mit wem er sich da trifft. Und das dritte ist dann sein Leben als mozartliebender Stefan Sand, der nicht nur einen Landsitz gleich bei der schönen Mozart-Stadt Salzburg unterhält und auch noch eine gemeinnützige Stiftung betreibt, sondern auch sein Faible für Mozart und Mozarts Musik zu einer gewissen Besessenheit hat werden lassen. Wobei er diese Besessenheit mit System betreibt, denn er hat sich in den Kopf gesetzt, dabei eine begnadete Musikerin dazu zu bringen, für ihn einen neuen Mozart zu gebären. Einen echten, mit echtem Erbgut des so früh verstorbenen Komponistengenies.

    Die moderne Genetik macht schon einiges möglich. Etliches davon ist haarsträubend und wohl zu Recht beängstigend, wobei die kalte Professionalität diverser Wissenschaftler, die da so emsig versuchen, Menschen zu klonen, wohl noch beängstigender sein darf als das eigentliche Vorgehen. Denn es erzählt von derselben emotionslosen Kälte, mit der auch im Dritten Reich an Menschen „geforscht“ wurde.

    Und man muss schon zu sich selbst eine erhebliche emotionale Distanz haben, um diese Art, Menschen „zu machen“, sogar für normal zu halten und so zielstrebig wie Sand alias Briggs darauf hinzuarbeiten, eine junge Musikerin zum Mitmachen zu bewegen. Wobei das ja so abwegig nicht ist. Denn auch hinter anderen derartigen Experimenten stecken ja oft schwerreiche Personen, die Dinge schon nur deshalb bezahlen und vorantreiben, weil sie machbar sind und Forscher sich mit Geld kaufen lassen.

    Hinter dieser scheinbar so einsam agierenden Gestalt Stefan Sand steckt durchaus eine Welt der (All-)Mächtigen, denen moralische Skrupel ziemlich fremd sind und für die Menschen, die nicht in ihrer Klasse zu Hause sind, eher Verfügungsmasse sind. Was man sich kaufen kann, kauft man sich halt.

    Nur dass Briggs tatsächlich ein einsamer Wolf ist, fest überzeugt von seiner Cleverness und Überlegenheit. Und das strahlt er auch aus. Damit beeindruckt er die jungen Musikerinnen, die er anspricht, nachdem sie ihm als begnadete Mozart-Interpretinnen aufgefallen sind. Für drei ist diese Begegnung schon tödlich ausgegangen. Denn der Mann mit seinem Mozart-Faible hat irgendwann verlernt, auf seine eigenen Gefühle zu hören und Beziehungen respektvoll zu beenden. Ob es an einer verkorksten Kindheit liegt? Knauer deutet es nur an.

    Aber wir leben ja in einer Gesellschaft, in der Typen wie Knauer regelrecht gefeiert werden. Die Fähigkeit zum Geldmachen gilt irgendwie als die größte aller Fähigkeiten. Und dementsprechend benehmen sich ja auch all diese Genies des schnellen Geldes, arrogant, selbstherrlich und rücksichtslos. Warum fällt mir gerade da die schräge Debatte um „Tempo 130“ auf deutschen Autobahnen ein? Kann es sein, dass wir von Typen regiert werden, die genauso wie Briggs ticken und auf niemanden, der langsamer fährt, Rücksicht nehmen?

    Und dass deshalb auch so viele begnadete Menschen auf den guten Willen dieser Schnellfahrer angewiesen sind? Auch und gerade junge talentierte Musikerinnen, die sich in einem unbarmherzigen Musikgeschäft vermarkten müssen und dabei gegen die Besten aus aller Welt konkurrieren. Auch deshalb sind die beiden junge Frauen, die Briggs alias Sand als nächste auf dem Kieker hat, wohl bereit, sich auf diesen Charmeur und Mozart-Kenner einzulassen.

    Mozart-Musik gibt es auch. Denn Knauer hat sich mit Spezialisten zusammengehockt, damit die Fakten auch stimmen. Man könnte sich eine eigene Mozart-CD anlegen mit den von Knauer stimmungsvoll zitierten Musikstücken – bis hin zu „Missa solemnis“ und dem Requiem d-Moll, mit dem Briggs am Ende, als er sich ertappt und in die Enge getrieben fühlt, seinen Abgang untermalt.

    Vorher wurden die Wiener Kommissarin Larissa Bost und der Hamburger Detektiv Pit Koch aktiv, die in diesem Krimi quasi Hand in Hand arbeiten, auch weil Knauer der deutschen Polizei nicht unbedingt zutraut, besonders schnell und kooperationsbereit zu sein. Und sein Hamburger Privatdetektiv macht auch ein paar Dinge, die die Polizei nicht darf, kommt damit dem Doppelleben des seltsamen Mozartliebhabers schneller auf die Spur, auch wenn es noch kurz vor Romanende so aussieht, als würde der smarte Mörder der Polizei doch noch durch die Lappen gehen.

    Oder, was auch ein paar Seiten lang für ärgste Befürchtungen sorgt, die nächste Musikerin umbringen. Aber in dem Mann steckt noch ein Kern Menschlichkeit. Begegnen wir ihm bei seinen nonchalant hingezauberten Ausflügen mit Maria und Tina in Amerika als durch nichts zu erschütternden Sunnyboy, der Geschäft und Privat sauber zu trennen weiß und all seine Aufmerksamkeit den jungen Frauen widmet, so scheint in ihm am Ende etwas aufzureißen, gerät irgendwie der unerschütterliche Geschäftsmann mit diesem Besessenen in Clinch, der meint, er müsse sich unbedingt eine begnadete Musikerin besorgen, um mit ihr ein Mozartkind zu machen. Etwas, was er jetzt augenscheinlich tatsächlich als Manie begreift.

    Womit er ja nicht besser ist als so viele andere Unbeherrschte in dieser Welt, die blind und besessen einer Sache folgen, die sie zu kleinen oder großen Tätern macht. Wobei ja schon die Profession, der Briggs nachgeht, darauf hindeutet, wie sehr gerade dieses Manische Grundlage unserer Welt ist, diese Unerbittlichkeit, wenn es um die Verfügung über das Leben anderer Menschen geht.

    So gesehen ist dieser einsame Briggs/Sand ein typischer Musterknabe unserer Zeit, der sich nicht nur Menschen glaubt kaufen zu können, sondern auch Gerechtigkeit. Was ihm ebenfalls beinah zu glücken scheint. Aber an der Stelle ist gerade die Wiener Kommissarin unerbittlich, wird ganz im Sinne des Lesers aktiv, der natürlich um Leib und Leben der jungen Musikerinnen bangt.

    Und sich zugleich natürlich fragt: Wie kann man für Mozarts Musik eigentlich derart zum Verbrecher werden? Das geht doch nicht zusammen? Kaum ein Komponist hat so offensiv die pure Freude am Leben in Noten gesetzt – und bekanntlich die biedere Wiener Gesellschaft damit zutiefst erschreckt. Neidisch machen kann einen so etwas, auch davon träumen lassen, dass es noch einmal so ein Genie geben möge. Aber deshalb zum Mörder werden?

    Unmöglich, ist Knauers Fazit. Quasi übernimmt er es am Ende selbst, seinen Helden zu richten – und zwar standesgemäß: im Angesicht der Hamburger Elbphilharmonie.

    Sebastian Knauer Mörderisches Mozart-Kind, Ellert & Richter Verlag, 16,95 Euro.

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