Wer waren eigentlich die Menschen im Haus des berühmten Autors aus Deutschland?

Seven Palms: Francis Nenik gräbt die ungeschriebene Geschiche des Thomas-Mann-Hauses aus

Für alle LeserEr schreibt und schreibt und schreibt. Nur dass sein „Tagebuch eines Hilflosen“ sich schon lange nicht mehr hilflos liest. Francis Nenik, der die Regentschaft Donald Trumps täglich mit einem Tagebucheintrag begleitet, analysiert den Mann im Weißen Haus, seine Politik und den Zustand der USA so trocken und faktenreich, dass man eigentlich nur noch das Gefühl haben kann: Mit diesen USA ist kein Staat mehr zu machen. Und irgendwie muss auch Thomas Mann so ein Gefühl gehabt haben, als er 1952 sein geliebtes Haus in Los Angeles verließ und nach Europa zurückkehrte.

Über dieses Haus schreibt Nenik. Und er tut es auf seine unverwechselbare Art. So, wie man es schon aus seiner Hasso-Grabner-Biografie kennt. Da stolpert er über ein Thema, einen Namen, eine Lebensgeschichte, schaut in die verfügbaren Lexika und merkt: Kein Mensch kümmert sich darum. Die Geschichte verschwindet einfach, das Schicksal eines Menschen verweht. Weil es all jene, die auswählen, was scheinbar wichtig ist, einfach ignorieren. Wen interessiert schon ein unpassender Mensch wie der Genosse Hasso Grabner?

Mittlerweile eine ganze Reihe Leute. Denn mit der Grabner-Geschichte hat Nenik gezeigt, was man finden kann, wenn man den verwehenden Spuren eines Menschen folgt. Und in diesem Buch geht er jetzt nicht anders vor. Auch weil er ein wenig sauer ist auf die üblichen Germanisten und Literaturwissenschaftler, die aus jedem Tagebucheintrag von Thomas Mann fette, überflüssige Bücher machen, sich aber nicht die Bohne dafür interessieren, wer all die Menschen eigentlich sind, die in den Tagebucheinträgen oft nur beiläufig auftauchen.

Das mit den Berühmten ist leicht – von Franz Werfel über Theodor Adorno bis Arnold Schönberg, die bei den Manns in Princeton und dann im neu gebauten Haus am San Remo Drive Nr. 1550 verkehrten. Es sind die berühmtesten Namen der deutschen Emigrantengemeinde in L.A., deren ungekrönter König Thomas Mann war.

Aber wer hat eigentlich das Haus gebaut, das sich Thomas und Katia Mann 1941 in Pacific Palisades bauen ließen und das das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland 2016 kaufte? Der Leipziger Fotograf Sebastian Stumpf hat es 2017 fotografiert. Seine Bilder bereichern dieses Buch. Sie zeigen die Räume, in denen das passiert, was Francis Nenik in emsiger Recherche und viel Kommunikation mit hilfreichen Recherchepartnern in den USA herausgefunden hat.

Und herausgefunden hat er es, weil er sich Fragen stellte, die sich in Deutschland nicht mehr viele Leute stellen. Heinz Knobloch war so einer, der so an Themen heranging. Weil er sich mit einem „Weiß ich nicht“ oder „Keiner weiß was“ nicht zufriedengab. Und auch nicht mit dem Kult um Berühmtheiten wie Rosa Luxemburg, die ja dieser Tage wieder Thema ist, da sich ihr 100. Todestag gejährt hat. Aber wer organisierte eigentlich die Termine der Ruhelosen? Wer schrieb ihre Reden und beantwortete ihre Korrespondenz? Wer war die Frau, die hinter ihr die Fäden zusammenhielt? „Meine liebste Mathilde“ heißt das Buch, das daraus 1985 entstand.

Francis Nenik gehört in die große Schule, aus der auch Heinz Knobloch stammt. „Orte erzählen keine Geschichten. Und wenn doch, dann sind es nicht die, die man erwartet“, schreibt er, nachdem er (als heimlicher Besucher) das Haus durchflogen hat. Wir wissen jetzt schon, wie es aussieht. Wir wissen, wer drin wohnte. Aber solche Fragen stellt sich Nenik gar nicht. Nenik will wissen, wer dieses Haus gebaut hat, wer es entworfen hat, wer im Dienstmädchenzimmer schlief und den Garten pflegte. Und all das verrät ihm keines der dicken Bücher zu Thomas Manns Exil in den USA. Er muss selbst suchen. Und im Anhang erzählt er auch, wer ihm alles dabei geholfen hat.

Denn dazu musste er nicht einmal über den Großen Teich fliegen. Das Internet-Zeitalter macht es möglich und viele Archive und Datenbanken sind Online, in denen man nach Namen suchen kann. Wenn man Namen hat. Nur die wenigsten dieser Namen stehen in einem der Tagebücher des Zauberers, die er auch in seinem neuen Haus, das nach sieben Palmen auf dem Grundstück „Seven Palms“ heißt, weitergeführt hat. Jede Menge Futter für Literaturforscher, wie es scheint. Aber keiner von ihnen hat nach den Menschen gesucht, die hier das Essen auftrugen (Herr Mann ließ sich bedienen, er wahrte auch im Exil seine großbürgerlichen Lebensformen), den Dackel betreuten, wenn die Manns mal nicht da waren, die Zimmer putzten und das Unkraut im Garten beseitigten.

Sogar Friedrich Schiller taucht auf. Er ist der Erste, den Nenik im Buch mit einer Geschichte verbinden kann. Eigentlich Frederick Schiller, der nur kurz auftaucht in Manns Notizen. Der Romanschriftsteller schien eher irritiert von dieser überbordenden Freundlichkeit seines Nachbarn. Dass Schiller Journalist und Kriegsreporter war, Nenik gräbt es aus. Wahrscheinlich hätte sich auch Thomas Mann gewundert, wer da alles in seiner Nachbarschaft wohnte. Wenn er sich denn dafür interessiert hätte. Natürlich taucht auch Thomas Mann selbst auf. Die Szenen sind ja nicht erfunden. Der immerfort Schreibende hat ja auch selbst festgehalten, wie er sich abkapselte und Abstand wahrte.

Und dass er sich abschotten konnte, dafür sorgte Katia, die Nenik in einem eigenen Kapitel in ihrer Rolle als Hausfrau und Managerin des Unternehmens Thomas Mann würdigt. Denn um die Kalamitäten des Alltags kümmerte sich der „famous author“ nicht. Diesen Job hatte Katia schon in München übernommen. Und sie war es auch, die entschied, wer den Auftrag bekam, das Haus zu entwerfen und zu bauen, die die Dienstboten einstellte und dirigierte, die sich um Einkäufe und Speiseplan kümmerte, die einen Teil der Korrespondenz übernahm, das Geld verwaltete und die Einladungen aussprach. Es ist ein Zeitgemälde, das so entsteht, das Leben der gehobenen Mittelschicht im ersten Teil des 20. Jahrhunderts, wie es nicht nur die Manns lebten in Deutschland, der Schweiz und den USA, sondern auch ihre gut situierten Nachbarn.

Nenik nimmt seine Leser mit und erzählt, wie er Spuren verfolgt, Namen findet und versucht, diesen Namen eine Geschichte zuzuordnen. Einwanderungslisten helfen ihm. Aber auch die Klatschspalten der damaligen Zeitungen, wo auch die Männer auftauchen, die Thomas Mann das noch unbebaute Grundstück in Pacific Palisades verkauften und die ihm ihre Pläne für den Hausbau vortrugen. Manchmal reichen ein paar Worte aus damaligen Steuererklärungen, die eine Profession, ein Leben sichtbar machen, selbst dann, wenn es sonst keinerlei Spuren dieser Menschen mehr gibt. Die meisten Menschen verschwinden tatsächlich spurlos, binnen kürzester Zeit.

Oder die Spuren finden sich an völlig unvermuteten Orten – so etwa in den Zeitungen der Deutsch-Jüdischen Gemeinde, mit der die Manns auch Kontakt hatten. Den Architekt findet Nenik, der eigentlich kein ordentlicher Architekt ist, aber viel gefragt. Er findet den Inneneinrichter, mit dem die Familie Mann sogar eine Freundschaft unterhält. Sogar den Inhaber des Fotostudios, das ganze Serien von Manns Haus und der Familie Mann angefertigt hat, lässt er am Himmel kreisen. Regelrecht zur Detektivarbeit wird die Suche nach dem japanischen Ehepaar, das zwei Jahre lang im Hause Mann angestellt ist. Die Suche führt ihn ins Deportationslager der kalifornischen Japaner, die allesamt interniert wurden nach dem Überfall Japans auf Pearl Harbour.

„Seven Palms“ wird zu einem Kosmos, einem richtigen kleinen Unternehmen, dessen Regie Katia Mann führte, die auch die Klempner und Elektriker bestellte, wenn mal wieder was kaputtging. So ganz wetterfest war das Haus wohl nicht. Wie es scheint, versagte so manches im Haus ausgerechnet in jenen letzten Jahren, als das Wetter in L.A. rauer wurde und wochenlanger Regen auch den Schriftsteller deprimierten. Aber das war auch schon die Zeit, als die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära begonnen hatte und Thomas Mann fürchtete, dass der Faschismus jetzt, wo er in Deutschland besiegt war, in den USA auferstehen könnte.

Zehn Jahre lebte er mit seiner Familie in diesem Haus, das er sich extra hatte bauen lassen, als er noch glaubte, für immer in Amerika zu bleiben. Immer wieder lebten auch sein Bruder Heinrich und seine ebenso berühmten Kinder Klaus, Erika und Golo in den Gästezimmern im Obergeschoss, saßen mit am großen Tisch oder mussten – Erika zumeist – einspringen, wenn das Dienstpersonal mal wieder gekündigt wurde. Was eh eine Frage war, die Nenik intensiv beschäftigte: Wie kam es, dass das Dienstpersonal im Hause Mann so häufig wechselte? Und: Wer waren eigentlich die Dienstboten?

Indem Francis Nenik die Geschichte des Hauses rekonstruiert, macht er einen Kosmos von Menschen sichtbar, der in den gewöhnlichen Büchern über Thomas Mann nie vorkommt. Alles Menschen, die für den abgeschotteten Autor aber zum Alltag gehörten, die seinen Kosmos am Laufen hielten, auch dann, wenn er sich schmollend zurückzog oder schriftlich übers Essen meckerte.

„Ich werde das Blaue vom kalifornischen Himmel herunterlügen“, kündigt Nenik seine Spurensuche an. Und in manchen Kapiteln braucht er natürlich Phantasie, um die Bruchstücke zu verbinden. Aber es ist keine zusammenphantasierte Geschichte draus geworden, sondern eine lebendige Rekonstruktion der Welt, in der Thomas und Katia Mann zehn Jahre lang lebten. Einer Welt, die in Thomas Manns Tagebüchern meist nur als immergleiche Schreibroutine auftaucht. Als hätte sich der große Zauberer tatsächlich nur widerwillig mit den Kalamitäten draußen vor der Tür seines Heiligtums beschäftigt.

Und gerade weil er so dürftig davon berichtet, verblüfft der Kosmos, den Francis Nenik hier entdeckt und zeichnet. Dichter, wie es aussieht, übersehen meist das, was direkt vor ihren Augen geschieht. Und wenn sie gar noch so erzogen sind wie Thomas Mann, wissen sie oft gar nicht und vermuten es wohl auch nicht, was für eine eindrucksvolle Person sich etwa hinter der fleißigen Myrtle verbirgt, die Mann nur mit ihrem Vornamen erwähnt.

Nenik findet ihren vollständigen Namen heraus. Überhaupt – die Namen. Wer die richtigen Namen findet, findet auch die richtigen Geschichten – etwa zu Ted Löwenstein, den Nenik anfangs auf den Passagierlisten der Fluchtdampfer einfach nicht finden kann. Oder den von Koto und Wataru Shimidzu, dem japanischen Paar, das zwei Jahre im Hause Mann lebte.

Auf einmal ist dieses – auf den Fotos von Sebastian Stumpf so still wirkende – Haus voller Leben und Geschäftigkeit, hört man das Läuten zum Essen, sieht man die beiden Gärtner, die Nenik namhaft machen kann, beim Arbeiten im Garten, sieht man Katia Mann die Anweisungen geben und Erika Mann als Ersatzköchin in der Küche. Alles dreht sich wie ein Räderwerk um den Mann, der sich in seinem Arbeitszimmer selbst vom kalifornischen Himmel abschottet, um an der Joseph-Trilogie weiterzuarbeiten, am „Doktor Faustus“ (wegen dem er sich mit Arnold Schönberg verkracht) und an „Der Erwählte“.

Alles Bücher, die so gar nichts mit diesem Stückchen Erde nicht weit vom Sunset Boulevard zu tun haben. Darin war Thomas Mann unübertrefflich: die Wirklichkeit völlig ausblenden und ausschließen zu können, wenn er seine großen Bücher schrieb. Um die Wirklichkeit kümmerte sich Katia – zusammen mit den Menschen, deren Biografien Francis Nenik hier oft aus nur bruchstückhaften Funden rekonstruiert. Und es ist, als drehe er dabei einen Film, in dem die Kamera all die Menschen beim Ein- und Ausziehen, Arbeiten, Planen, Malern und Reparieren zeigt, so ein richtiger amerikanischer Film mit lauter fleißigen Menschen. Nur einen bekommt man nur selten zu Gesicht, und dann meistens sehr einsam und von Katia selbst von den aufdringlichen Besuchern abgeschirmt: Thomas Mann.

Und es ist ein spannender Film, mit lauter Überraschungen, Seitensträngen und auch vielen Todesfällen – einige davon bekannt und tragisch, so wie der von Schönberg, Heinrich Mann oder Klaus Mann, andere kaum noch greifbar, weil die Protagonisten einfach aus den Spalten der Zeitung verschwinden, in Steuerakten nicht mehr auftauchen und in keiner Tagebuchnotiz des Berühmten, als wären sie nicht wichtig gewesen. Es wimmelt in dieser Geschichte zu einem berühmten Haus regelrecht – sogar ein paar Ameisen und Ratten kommen vor. Man fragt sich sogar: Warum hat Thomas Mann eigentlich darüber nicht geschrieben?

Aber er hat sich – wie wir nun wissen – für vieles davon gar nicht interessiert. Es tangierte seine Welt nicht. Und so haben wir zwar die Geschichte des Hochstaplers Felix Krull bekommen, aber nicht die von Myrtle Chatman. Und es hätte ein großer Roman werden können, wie es aussieht. Nur war das weder der Stoff noch die Welt, in der der Zauberer lebte. Er ist an so vielen guten Geschichten einfach vorbeispaziert, ohne zu ahnen, dass sie gleich neben ihm stattfanden. Das ist die kleine Trauer, die einen beschleicht, wenn man mit Francis Nenik die Spuren verfolgt rund um ein Haus, das erst durch all diese Menschen Gestalt und Leben bekam.

Francis Nenik, Sebastian Stumpf „Seven Palms. Das Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades, Los Angeles“, Spector Books, Leipzig 2018, 28 Euro

Das aberwitzige und kantige Leben des Überlebenden und Schriftstellers Hasso Grabner

RezensionenEssayLiteraturgeschichte
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