Der Mann, dem selbst die Renaissance zu langsam ging

Leonardos Geheimnis: Das ruhelose Leben des Forschers und Malers Leonardo da Vinci

Für alle LeserAm 2. Mai jährt sich Leonardos Todestag zum 500. Mal. In den Buchläden stapeln sich die neuen Biografien. Der Mann aus Vinci beschäftigt die Gemüter noch immer wie zu Lebzeiten, vielleicht sogar noch mehr, weil er in so gar keine Schablone zu passen scheint, weder als Künstler, noch als Forscher. Seine unsortierten Aufzeichnungen erzählen von einem Mann, der selbst für das beginnende naturwissenschaftliche Denken 100 Jahre zu früh kam. Ein Genie? Oder doch ein Rätsel?

Und welches Geheimnis steckt in Leben und Werk dieses Mannes, der als uneheliches Kind 1452 in dem Nest Anchiano bei Vinci in der Nähe von Florenz geboren wurde? Auch Klaus-Rüdiger Mai spielt mit dem Topos. Er ist Germanist, Historiker und Philosoph. Mit Luther, Dürer und Gutenberg hat er sich schon drei anderen herausragenden Gestalten aus dieser Zeit gewidmet. Einer Zeit, die auch die Zeitgenossen schon als Renaissance begriffen, als Wiedergeburt des antiken Denkens, ausgelöst durch den Fall des Byzantinischen Reiches und die Emigration der byzantinischen Gelehrten, die über Jahrhunderte das Erbe der griechischen Antike bewahrt hatten, nach Italien.

Florenz war einer der Orte, wo dieses philosophische Erbe auf fruchtbaren Boden fiel. Unter den Medici blühte die Stadt, blühte die Wissenschaft, die Architektur, die Kunst. Als der junge Leonardo, dem schon die uneheliche Geburt den Eintritt in die Notarskanzlei seines Vaters unmöglich machte, deshalb zur Malerausbildung in die Werkstatt, die Bottega, von Andrea del Verrocchio kam, lernte er nicht nur all das, was man als Künstler in dieser Zeit lernen musste. Und das war nicht nur Farbenanfertigen und Malen. Das ist vielleicht die größte Einseitigkeit an der Da-Vinci-Rezeption der Gegenwart. Die meisten kennen ihn nur als Maler, haben was von der „Mona Lisa“ gehört, haben vielleicht auch den Allgemeinplatz vom Universalgenie gehört.

Aber die meisten haben auch keine Ahnung, wie Künstler im 15. und 16. Jahrhundert in den italienischen Städten arbeiteten. Und auch Mai kann das nur skizzieren, weil über die eigentliche Produktion der Bottegas bislang nur wenig bekannt ist. Diese Bottegas waren eben nicht nur die stillen Ateliers, die man von heutigen Künstlern kennt, sondern wirklich richtige Handwerksbetriebe, in denen auch Ziergegenstände für den Alltag, Kunstgewerbe, aber auch Kunst im Auftrag hergestellt wurde. Die Arbeitsteilung kennt man auch noch aus der Werkstatt der beiden Cranachs, über die deren Biografen in den letzten Jahren wieder so gewaltig staunten, weil sie diese „Fließbandarbeit“ mit tiefer Arbeitsteilung in der Werkstatt für etwas völlig Neues und nie Dagewesenes hielten.

Dabei war das Modell der Auftragswerkstatt in Italien schon lange ausgebildet, eben jenem Italien, das auf dem Weg des Frühkapitalismus dem ganzen restlichen Europa um 100 Jahre voraus war. Man bekommt es bei Mai in wichtigen Zügen mit, wie sehr das Bankwesen, das zunehmend technisierte Kriegswesen, der Handel und eine zunehmend planmäßige Städtearchitektur genau mit dieses frühen kapitalistischen Entwicklungen zu tun haben, die Italien in dieser Zeit zur Werkstatt eines neuen Zeitalters machte.

Eines Zeitalters, das nicht nur neue Freiheiten mit sich brachte, sondern begabten Menschen auch neue Entfaltungsräume ermöglichte. Da Vinci war ja nicht der einzige Renaissance-Künstler, dem diese Entwicklung erst den Raum gab, sich selbst zu verwirklichen, aus den starren Vorgaben der weltlichen und kirchlichen Auftraggeber auszubrechen und nach neuen Formen der künstlerischen Aussage zu suchen.

Und Leonardo war unverbildet. Zwar merkt Mai an, dass ihm später im Leben immer wieder die damalige universitäre Bildung fehlte. Aber was ihm nicht fehlte, waren die unbändige Neugier auf alles, was er sah, und das riesige Bedürfnis herauszubekommen, wie es funktionierte. Damit war er nicht einzig in seiner Zeit. Aber so unersättlich wie kein anderer Zeitgenosse. Und er war damit geschlagen, denn so, wie ihn die Neugier auf das Funktionieren der Welt antrieb, wäre er wohl der erste naturwissenschaftliche Forscher der Geschichte gewesen – wenn es dafür überhaupt schon einmal die Voraussetzungen gegeben hätte. Aber die gab es nicht. Weder gab es die nötige Systematik, noch die Forschungseinrichtungen, noch auch nur den Ansatz einer wissenschaftlichen Akademie.

Die Akademien, die es zu seiner Zeit gab, waren humanistische oder philosophische Akademien. Sie waren im Grunde die Keimzelle des neuen Denkens, das sich binnen weniger Generationen von der Vormundschaft der Kirche emanzipierte und – aufbauend auf die antiken Autoren – mit frischem Blick auf die Welt sah. Steckt hier Leonardos Geheimnis?

Vielleicht nicht einmal das: Eher ein neuer Blick auf Gott, das Weltall und den ganzen Rest, um es einmal so zu formulieren. Denn wenn man das Nachdenken über Schöpfer und Schöpfung nicht mehr nur dem Papst überlässt, gerade in einer Zeit, in der das Schöpfertum des Menschen eine neue Blüte erlebte und gesellschaftlich erst als Wert und Triebkraft entdeckt wurde, dann öffnet sich auch das religiöse Denken in ganz andere Dimensionen, wie Klaus-Rüdiger Mai in Bezug auf Leonardos Skizze des vitruvianischen Menschen schreibt: „Sucht man also nach Leonardos Religion, dann findet man sie genau hier. Das Weltall ist ein riesiger Körper, wie auch die Erde einen großen Körper darstellt und der Mensch als Körper gedacht wird. Weltenkreis, Erdenquadrant, Mensch – so begegnet man in dieser Zeichnung der Analogie der drei Welten, die möglich ist, weil diese drei das Werk des Schöpfers sind.“

Was dann auch bedeutet – und Leonardos Skizzenbücher mit den vielen Skizzen und Kurznotizen erzählen genau davon – dass die Welt Gottes für den Menschen erkennbar und erforschbar ist. Und dass sie voller Analogien ist und voller Wirkprinzipien, die sich mit Untersuchungen und Beobachtungen erkennen lassen.

Wobei Leonardo ja noch weiterging: Er versuchte die erkannten Prinzipien ja auch gleich noch in funktionsfähige Apparate zu verwandeln. Mai macht genau diese Ungeduld bei da Vinci deutlich, den sichtlich ein Leben lang das tiefe Bedürfnis antrieb, einfach nur forschen und experimentieren zu dürfen. Und daran eigentlich immer gehindert zu sein, weil er auch einen Broterwerb brauchte, weshalb er sich auch den schlimmsten Herrschern seiner Zeit andiente als Architekt oder Militäringenieur. Er gestaltete prunkvolle Feste aus, war auch noch musikalisch begabt und als kluger Unterhalter gefragt.

Da wirken all die Geschichten über die Kunstwerke, die er nicht vollendete oder an denen er jahrelang malte, nur auf den ersten Blick verwirrend. Schon der Biograf Giorgio Vasari konnte damit nicht umgehen, wo doch die anderen begnadeten Künstler ihrer Zeit – von Botticelli bis Michelangelo – alles dafür taten, die Wünsche ihrer Auftraggeber zu erfüllen und mit möglichst großen Aufträgen ordentlich Geld zu verdienen.

Und dieser da Vinci machte sich rar, floh gar, wenn er merkte, dass er das Bild nicht würde malen können, das für ihn das Thema erst zur Vollendung brachte. Die Ansprüche an sich selbst kollidierten mit den Erwartungen seiner Auftraggeber. Und Mai erzählt sehr akribisch, was das für jedes einzelne Gemälde von da Vinci bedeutete, welche Rolle dabei das geballte antike und religiöse Wissen seiner Zeit spielte. Denn auch da Vincis Bilder sind Erzählungen, sehr komplexe Erzählungen, in denen weder die Farbwahl noch der Hintergrund Zufälligkeiten oder nur Staffage sind, auch nicht Gesten noch Blicke und schon gar nicht dieses androgyne Lächeln der Mona Lisa, die wahrscheinlich der echten Lisa del Giocondo, die Leonardo ursprünglich malen sollte, kaum noch ähnelt.

Das große Geheimnis ist wohl eher ein unbändiger Entdeckungsdrang, verbunden mit der Verzweiflung eines Hochbegabten, der seine Zeit immer wieder einem Fürsten verdingen musste, um überhaupt forschen zu können. Doch diese Abhängigkeiten machten ihn auch zum Spielball der Mächte. Denn er lebte mitten in einer Zeit gewaltsamer Umbrüche, begegnete Gestalten wie dem Mailänder Herrscher Ludovico Sforza oder dem rücksichtslosen Cesare Borgia. Aber zu den Akteuren der Zeit gehörte auch Niccolo Macchiavelli, der mit seinem Buch „I Principe“ den absoluten Klassiker für rücksichtlose Politiker schrieb, oder der Predigermönch Girolamo Savonarola, der das eben noch so weltoffene, moderne Florenz in einen Ort verwandelte, in dem die Menschen nur zu bereit waren, wieder zu religiösen Eiferern zu werden und all das Neue auf den Scheiterhaufen zu werfen.

Gerade das ist ein Ereignis, das einem ebenfalls sehr heutig anmutet, genauso wie Leonardos unbändige Forschungslust. Denn Savonarola, das ist die Gegenbewegung, der Aufstand der Vergangenheit, die all das Einengende, Verbohrte und Sittenstrenge, das man gerade überwunden hatte, wieder als Heilmittel für die Welt verkauft, die von den Veränderungen verunsicherten Menschen in Angst und Schrecken versetzt und aus dem Schrecken fürchterliche Macht gewinnt.

In dieses Florenz konnte Leonardo natürlich nicht zurückkehren.

Was Mai gelingt, auch indem er Leonardos Bilder als bildgewordene Geschichten liest, die sich aber ohne Hintergrundwissen nicht lesen lassen, ist auch das Streben dieses Mannes sichtbar zu machen, der bei allem, was er tat, immer an die Nachwelt dachte. Denn irgendwie wollte er nichts hinterlassen, was in seinen Augen nicht vollendet war, würdig also, auch noch in 500 Jahren vom Anspruch dieses Malers zu künden, der in seinem Herzen ein Forscher war, einer, der wirklich wissen wollte, „was die Welt / im Innersten zusammenhält“. Wobei das „zusammenhält“ bei Goethe ja nur ein schlechter Reim ist. Bei Leonardo wird es deutlicher, wie er im Wasser und in den Wolken die Triebkräfte sucht, die die Dinge in Bewegung setzen.

Deswegen sind seine Bilder auch nicht statisch, sondern voller Bewegung und Bezüge. Was man sieht, ist nur das Ergebnis vieler Ereignisse, die aufeinander wirken, und die der Maler im Bild komprimiert – so wie in seinem berühmten „Abendmahl“.

Mai schildert diesen Ruhelosen, der sich nicht anpassen wollte (oder auch nicht konnte), ganz zentral als einen Suchenden, als einen, der sich nicht zufrieden gab mit halben Sachen, dem Üblichen, Gefälligen und Erwartbaren. Vielleicht kommt einem das deshalb wie ein Rätsel vor, weil es – auch in der Kunst – viel zu viel Gefälliges und Halbgemachtes gibt, das uns als Kunst verkauft wird, obwohl es oft nur Dutzendware ist.

Und so stehen die Schlangen vor da Vincis Bildern und versuchen zu entschlüsseln, was diese so beeindruckend macht. Und Biografen stehen vor diesem rastlosen Leben und versuchen dessen Rätsel zu lüften. Aber wenn sie gut sind, erfassen sie das Rumoren und Blühen einer ganzen Epoche. Denn Mai schafft es, den Kontext der Zeit einzubeziehen. Man bemerkt, dass um Leonardo herum durchaus ein kleiner Kosmos ähnlich ambitionierter Menschen zu finden war.

Aber keiner war mit seiner Neugier so drängend und beharrlich wie dieser Leonardo da Vinci, der möglicherweise auch gerade deshalb, weil er von keinem Studium verbildet war, offen war für den schlichten Gedanken, der selbst heute noch vielen Menschen zu kompliziert ist: Dass man die Wirkungen in der Welt durch Forschen und Beobachten begreifen kann, dass die ganze Natur (oder eben Schöpfung) vor uns ausgebreitet ist wie ein offenes Buch. Nur dass sich die einen bemühen, dieses Buch zu lesen – und die anderen predigen von den Kanzeln in drohendem Ton, dass das verboten sei.

Dieser Leonardo ist noch immer erstaunlich modern. Und das steckt selbst in diesem Lächeln, das bei genauerem Hinschauen keines ist.

Klaus-Rüdiger Mai „Leonardos Geheimnis. Die Biographie eines Universalgenies“, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2019, 25 Euro

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