Im Schrank: Wie Hana bei allem Kummer auch noch völlig aus der Spur geriet

Für alle LeserEs ist ein widerspenstiges Buch, das die 1983 geborene Tereza Semotamová hier geschrieben hat und das der Verlag Voland & Quist zur Buchmesse mit dem Gastland Tschechien frisch gedruckt vorstellen konnte. Die Heldin zieht tatsächlich in einen Schrank. Und die Autorin braucht gar nicht lange, um eine Atmosphäre zu schaffen, die einem doch verflixt vertraut vorkommt. Unsere nächsten Nachbarn haben genau denselben Kummer wie wir.
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„unz.“ sagt mein Wörterbuch zum Wort Kummer: Es gibt keine Mehrzahl davon. Man darf – rein grammatikalisch – immer nur einen Kummer haben. Genauso wie einen Gram, aber viele Sorgen. Aber es wäre eine Untertreibung zu schreiben: Hana hatte viele Sorgen. Dann hätte Tereza Semotamová dieses Buch nicht schreiben müssen, das den Leser erst einmal ein wenig in die Irre führt, also mit Hana in den Schrank ihrer Schwester, den sie auf einen Hinterhof verfrachtet, um dort tatsächlich einzuziehen. Aber es ist nur ein Schrank von IKEA. Am Ende erleben wir noch mit, wie er vor den Unbilden des Wetters klein beigibt. Und Hana ihr Obdach auf Zeit verliert.

Es geht ihr wie so vielen von uns: Sie hat sich verlaufen im Leben, irgendwo die falsche Abzweigung genommen, ganz bestimmt den falschen Lebensabschnittsgefährten gewählt, auf die falsche Karte gesetzt. Wer jung ist, kennt das alles noch, mitsamt den beiden quälendsten Ängsten in diesem Alter: Niemals die große Liebe fürs Leben zu finden. Und beruflich keinen Anfang zu finden, auf der Strecke zu bleiben und vom rasenden Karussell zu fliegen.

Würden Leute, die Jobcenter-Gesetze schreiben, solche Bücher lesen (und der Verlag Voland & Quist hat einige davon im Programm), sie würden zutiefst erschrocken die Finger davon lassen und anfangen ein Institut zu bauen, das Menschen, die ihren Platz nicht finden können, hilft dabei, danach zu suchen. Ein Amt fürs Suchen und Finden quasi.

Wovon Hana natürlich nicht träumt. Tschechien hat genau dieselbe neoliberale Kopfwäsche hinter sich wie Ostdeutschland. Dieses Großreinemachen, um eine schöne saubere Landschaft zu bekommen, in der die Welt nur noch dem Ticktack der radikalen Marktwirtschaft gehorcht. Was nicht nur eine materielle Seite hat. Auch das wissen die jungen Leute besser als die vergrämten Alten, die auch nach 30 Jahren damit nicht glücklich werden und glauben, andere seien schuld.

Wie kann man einer Denkweise, wie Markt zu funktionieren hat, Schuld daran geben, dass man sich in diesem Dauerdruck zur Dauerbereitschaft nicht wohl und nicht anerkannt fühlt? Erst recht nicht, wenn man dabei nie auf einen grünen Ast, ein festes Fundament kommt, wenn schon eine gescheiterte Beziehung reicht, um das ganze provisorische Lebenskonstrukt zum Einsturz zu bringen?

Mitsamt den eigenen Vorstellungen von dem, was man kann, beherrscht und aushält. Es braucht ein Weilchen, bis man so eine Ahnung davon bekommt, was Hana so treibt. Denn tatsächlich ist sie nicht nur bildhübsch, sondern auch klug, begabt, ist eigentlich Künstlerin, hat auch eine zwar nervige, aber doch besorgte Familie. Eine Besorgnis, die ihr sogar viel zu viel ist. Man überliest den Moment beinah, der sie dazu bringt, den Schritt in die Beinah-Obdachlosigkeit zu tun. Denn sie ist vom Geschäftigsein der anderen überfordert – oder eher überlastet.

Etwas treibt sie, aber sie weiß nicht, wie sie damit umgehen soll. Eigentlich hat sie schon in dem scheinbar friedlichen Moment, mit dem die Geschichte mit dem Schrank beginnt, eine Flucht hinter sich, eine Flucht, mit der sie ein ganzes scheinbar erfolgreiches Leben beendet hat. Eigentlich schon ahnend, dass der Erfolg teuer erkauft war. Mit einer Partnerschaft, die sie zermürbt und gequält hat – und die auch zermürbend endet. So einer Partnerschaft, die dann in den Medien gern als „vergiftete Beziehung“ beschrieben wird. Obwohl es das nicht wirklich trifft. Denn solche Beziehungen gibt es viele. Auch weil viele Menschen in Partnerschaften eben doch keine Liebe suchen oder gar Partner, die sie bereichern, achten und wertschätzen.

In unterschiedlichem Schärfegrad bekommt man auch noch ein paar andere solcher Beziehungen in Hanas kleinem Kosmos mit, manchmal einfach als Erinnerung eingestreut, als Gespräch, als Traumsequenz oder beinah verwirrende Szene, von der man nicht recht weiß, wo man sie zeitlich einordnen soll und ob es wirklich Hana ist, die das erlebt hat. Solche Szenen, in die sich vieles von dem verwandelt, was wir in unserem Leben schon alles erlebt haben und von dem wir meist hoffen, dass wir uns nie wieder daran erinnern müssen.

Und dann sitzen wir wie Hana im Schrank und die Szenen sind wieder so präsent, als steckten wir noch immer mittendrin. Wir sind sie also gar nicht losgeworden.

Und Hana hat natürlich einen sehr aufmerksamen Blick auf solche Beziehungen, so, wie man die Dinge, die in einem selbst wühlen, auch in der Umwelt genauer betrachtet, manchmal hellsichtig, manchmal überkritisch. Aber meist – wie Hana – eingefangen in die eigenen unbewältigten Kümmernisse, das, was in einem noch nicht ausgeheilt ist, noch immer gärt und jede klare Entscheidung verhindert. Sodass wir zu Getriebenen werden, Entscheidungen fällen, die eigentlich – auf die kalte Effizienz unserer Wirtschaftswelt gedacht – überhaupt keinen Sinn machen.

Und sich auch Hana nicht erschließen. Als lebte sie in ihrem eigenen Traum und stellte nur mit jener beiläufigen Verwunderung, die für Träume so typisch sind, fest, was ihr da gerade geschieht. Sie ist da und irgendwie doch nicht da, irgendwie auf der Flucht und dennoch offen für neue, freundliche Begegnungen. So merkt sie auch, dass für sie überhaupt nicht alle Messen gesungen sind. Ihr Leben ist noch voller Möglichkeiten. Das ist die rationale Ebene. Aber die tröstet nicht.

Genauso wenig wie der fast bürokratisch agierende „Promi-Psychologe“ tröstet und hilft, als sie ihn besucht. Noch eine irreale Situation mehr in ihrer Geschichte. Eine, die einem aber doch wieder vertraut vorkommt. Es sind genau diese rationalen Menschenabarbeitungsroutinen einer auf „Effizienz“ getrimmten Welt, die fortwährend irreale Situationen erzeugen. Wundert es uns, dass auch Kafka und Werther auftauchen in diesem Buch, zumindest als Zitat?

Im SMS-Gespräch mit ihrem Freund Voijta benennt Hana im Grunde, worum es die ganze Zeit geht: „Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles.“

Natürlich ist das Werther, dem es in Goethes Briefroman ganz ähnlich geht. Nur dass er seine Hoffnung, sich selbst irgendwann finden zu können, die ganze Zeit auf Lotte richtet. Und damit natürlich scheitert und schon gar nicht sich selbst findet. Während Hanas Leben im Schrank Sequenz um Sequenz das Bild all der Kummer vervollständigt, die sie belasten, denen sie durch die Flucht ins selbst gewählte Schrankdasein auch versucht auszuweichen. Aber wenn man ausweicht, begegnet man sich natürlich selbst. Gerade dann. Und wenn es nur wilde Traumsequenzen sind, die einen daran erinnern, was doch irgendwie falschgelaufen ist, wo man im falschen Zug saß und falsch ausgestiegen ist.

Zum Glück gibt es – zumindest für Hana – Menschen, die sich kümmern. Auch wenn das nicht bedeutet, dass am Ende alles Paletti ist. Denn der Druck bleibt ja, dass man in dieser Gesellschaft stets gezwungen ist, irgendwie richtig zu funktionieren. Und dass man sich Hänger eigentlich nicht leisten darf, dann geht’s sofort hinab in Regionen, in denen es ganz elementar wird. Und fürchterlich feucht.

Tereza Semotamová Im Schrank, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2019, 22 Euro.

Warum die neue Leipziger Zeitung geradezu einlädt, mal über den Saurier Youtube nachzudenken

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