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Wenn sieben Menschen ihr ganzes Geld zusammenschmeißen: Finanzcoop oder Revolution in Zeitlupe

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    Unsere Welt ist nicht so, weil Menschen dumm sind und besessen davon, eine Müllhalde zu hinterlassen, wenn sie abtreten. Sie ist so, weil keiner den Zwängen entkommen kann, weil eine zur furiosen Marktkonformität zwingende Gesellschaft jede Form des Andersmachens fast unmöglich macht. Obwohl sich viele Menschen danach sehnen. Und manche haben dann auch den Mut, etwas anderes zu probieren. Zum Beispiel eine Finanzkooperative zu gründen.

    Sich also auf eine Weise aufeinander einzulassen, wie es andere Menschen meist nur in ihrer Familie erleben. Und auch dort eher selten. Denn über Geld spricht man nicht, auch nicht am Kaffeetisch. Noch immer steckt das alte Alleinverdienermodell in den Köpfen, der Hauptverdiener opfert sich ganz dem Erwerbsleben und finanziert den kleinen Kosmos Familie, Frauen haben zwar mittlerweile auch ein eigenes Erwerbsleben, verdienen aber meistens weniger. Und wirklich zusammengeschmissen wird selten. Und meist sind es nur die Kinder, die erleben, dass ihre großen und kleinen Wünsche diskutiert und abgewogen werden.

    Etwas anders ist es in manchen Wohngemeinschaften, gerade dort, wo mal nicht nur lauter Egoisten zusammenkommen, sondern Gleichgesinnte, die auch deshalb zusammenziehen, weil sie sich ganz ähnliche Gedanken über das Leben, die Arbeit und die Gesellschaft machen. Und die auch nicht zum Tabu machen, aus welchem Elternhaus die Einzelnen kommen. Denn Kinder aus Elternhäusern, die ihnen keinen Euro Unterstützung zum Studium geben können, denken anders über Geld, Anschaffungen und Arbeit als Kinder, die gut versorgt sind und schon während des Studiums wissen, dass sie am Ende auch einen hochbezahlten Job bekommen.

    Aus einer solchen Wohngemeinschaft entstand auch diese Finanzcoop. Aus einer gemeinsamen Sparbüchse, in die alle Geld hineintaten, entstand ein gemeinsames Konto für heute sieben Menschen, die – mit ihren jeweiligen familiären Voraussetzungen – unterschiedliche Berufswege einschlugen und trotzdem ein Modell von Solidarität leben wollten, das eigentlich in der heutigen radikalen Marktwirtschaft nicht vorgesehen ist. Im Nachwort geht Bini Adamczak auf das Problem des Geldes ein, das eben nicht nur entäußerte Arbeit ist und den Tausch sämtlicher Arten von Arbeit und Produkten möglich macht, sondern auch eine Sprache. Eine Gesellschaft, die nicht über Geld redet, tut es auch deshalb nicht, weil über Geld gesellschaftliche Beziehungen hergestellt werden, letztlich Machtbeziehungen.

    Und eine Gesellschaft, die stillschweigend vor allem über das Geld miteinander kommuniziert, verwandelt logischerweise alles, wirklich alles, in eine Ware, verpasst ihm einen Wert. Und auf einmal wird alles, was nichts „kostet“, was es – auch aus simplen menschlichen Gründen – für umsonst gibt, geradezu entwertet und damit auch die Menschen, die damit zu tun haben. Das wird nicht erst im Nachwort deutlich, sondern schon in den einzelnen Texten der sieben Coop-Mitglieder, wenn sie über „Dinge besitzen, kaufen, teilen“, „Lohn, Arbeit, Leben“ oder „Alter, Rente, Utopien“ nachdenken. Man merkt, dass sie darüber in den 20 Jahren, in denen es ihre Finanzcoop gibt, oft und tiefgreifend gesprochen haben.

    Denn wenn alle ihr Geld auf ein gemeinsames Konto geben, dann sind sie voreinander quasi nackt. Dann weiß jeder, welcher Beruf deutlich besser bezahlt ist und wie schwer sich Selbstständigkeit in Deutschland leben lässt. Am besten verdienen in der Gruppe tatsächlich die beiden Ärztinnen, die natürlich auch über ihre Berufswahl nachdenken und den Idealismus, den sie damit verbanden – und die nun eigentlich erleben, wie auch dieser Beruf dem neoliberalen Sparwahn zum Opfer fällt, die Arbeitsbedingungen immer belastender und regelrecht zerstörend werden.

    Und man merkt, dass sie alle immer wieder darüber gesprochen haben, wie viel Freiraum eigentlich möglich ist für jeden einzelnen, seine Vorstellungen von einem guten Arbeitsleben umzusetzen. Und man merkt schnell: Viel Freiraum ist da nicht. Gerade die Kreativen und Selbstständigen in der Runde haben schnell gemerkt, dass sie weder mit ihrem Studium noch ihrer Berufswahl je ein gutes Einkommen erzielen werden. Einige dieser Existenzgründungen waren ohne die Finanzcoop gar nicht möglich oder wären viel schwerer gewesen und mit viel mehr Schulden verbunden.

    Erst am Ende fällt dann das Wort von der Revolution, einer langsamen Revolution, die erst einmal für all jene gilt, die Mitglied der Finanzcoop geblieben sind und die in diesem Miteinander-über-Geld-Reden auch einen grundlegenden solidarischen Gedanken leben – und damit auch das Gefühl, dass unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaftsweise nicht so sein müssen, wie sie sind. Aber ziemlich oft konstatieren sie auch, wie schwer es ist, den Zwängen zur Marktkonformität zu entkommen. Denn die Probleme von Absicherung im Krankheitsfall, einer bezahlbaren Wohnung oder eine Absicherung im Alter stellen sich trotzdem.

    Neben all den anderen Themen, die man oft in der Gruppe erst besprechen muss: Ist denn jetzt für den einen der Kauf eines neuen Druckers drin? Kann sich jemand jetzt einfach mal eine Reise in die Karibik gönnen? Auf einmal werden auch ökologische Diskussionen geführt und sieben Leute können ziemlich gründlich sein, wenn es um die Frage nach dem Sinn aller Anschaffungen geht. Während eines nie infrage steht: Dass sie alle regelmäßig Geld für die Fahrt zum gemeinsamen Treffen ausgeben, denn sie wohnen mittlerweile alle in unterschiedlichen Städten.

    Mit der Journalistin Kerstin ist auch eine Ostdeutsche dabei, die die ostdeutschen Urerfahrungen mit Geld und Arbeit einbringen kann. Aber sie gehört auch zu jenen, die nicht auf reiche Eltern rechnen konnten, die aber auch gelernt hat, dass man eigentlich gar nicht viel braucht im Leben, um das Gefühl zu haben, gut versorgt zu sein.

    Selbst den Ärztinnen geht es so. Und so ein bisschen spürt man auch die tiefe Verbundenheit dieser sieben Menschen, von denen einige auch eigene Familien gegründet haben – anfangs tatsächlich ein problematisches Diskussionsthema. Aber mittlerweile gehören die Partner schon beinah dazu – zumindest jene, die verstehen und akzeptieren, dass es neben ihrer Familie auch noch die große Gruppe von Menschen gibt, die sich schon lange kennen und die auch gelernt haben, über das Wesentliche im Leben nachzudenken und darüber zu reden.

    Nur ein Buch hätten sie darüber wohl nie geschrieben, wenn sie der Verlag nicht dazu ermuntert hätte. Und so sind neun thematische Kapitel entstanden, in denen sie das gemeinsame Wirtschaften analysieren, das eben dabei nicht stehenbleibt. Denn das Gemeinsame hat ihnen ja auch gezeigt, dass es sehr wohl möglich ist, wenigstens aus dem eingepflanzten Konkurrenz- und Konsumdenken des radikalen Marktes auszusteigen und den finanziell Schwächeren in der Gruppe dabei zu helfen, ihre Vorstellungen von einem selbstbestimmten Leben zu verwirklichen. Genau das, was unsere neoliberal aufgeheizte Gesellschaft ja nicht mehr leistet. Sie hat sich in den vergangenen 20 Jahren zunehmend entsolidarisiert. Der Egoismus regiert und gerade die wertvollen, menschlichen Arbeitsplätze wurden dem Effizienzdruck zum Fraß vorgeworfen.

    Aber Menschen, die permanent in Angst leben, dass sie ihre Arbeit verlieren und dann finanziell am Abgrund stehen, werden abhängig und süchtig. Die haben keine Freiräume mehr, sich eine andere Art Leben vorzustellen. Das – und nichts anderes – zerfrisst unsere Gesellschaft.

    Das empfinden auch die Sieben sehr deutlich. Nicht jede Verhandlung über das Geld ist leicht. Aber sie reden dabei über wirklich belastbare Gründe, warum manche teure Anschaffung vielleicht doch nicht so dringend ist. Und da und dort merkt man, dass auch dieses Kooperations-Projekt mit feinen Fäden wieder mit anderen Projekten verbunden ist, dies es längst gibt in Deutschland – seien es Tauschringe, seien es solidarische Initiativen oder gar das Nachdenken über Grundeinkommen. Auch über Grundeinkommen denkt man anders nach, wenn man eigentlich menschlich erfüllende Berufe ergreifen möchte, Berufe, in denen man Gutes tun kann, Menschen hilft und die Natur eben nicht noch mehr belastet.

    Und damit wird auch deutlicher, was Geld eigentlich bewirkt in unserer Gesellschaft – nicht nur als Machtmittel, mit dem die Reichen ihre Interessen in allen Gesellschaftsbereichen durchsetzen, sondern auch als Mittel zur Verunmöglichung. Denn je mehr Lebensbereiche vom „Markt“ bestimmt werden, umso weniger Wahlmöglichkeiten verbleiben den Menschen, ein Leben außerhalb der Renditezwänge zu leben. Und desto schwieriger wird es, beim Zerstören unserer Welt nicht mitzutun, also bis ins Privatleben hinein fremdbestimmt zu sein.

    Da geht dann natürlich all das vor die Hunde, was eigentlich menschliches Leben ausmacht: Verständnis und Hilfsbereitschaft.

    Sich dann auf so eine Gemeinschaft einzulassen, das erfordert ganz bestimmt ein gewisses Selbstbewusstsein und den Willen, es wirklich anders machen zu wollen und es mit Menschen zu tun, deren Denken einem vertraut ist und die auch die eigenen Wünsche ernsthaft diskutieren. Und je mehr die Sieben darüber nachdenken, umso deutlicher wird, dass das schon Politik ist und ein Gegenentwurf zu dem, was wir gesellschaftlich seit 20 Jahren erleben. Und zwar kein unmöglicher, nur einer, der ins kapitalistische Denkmodell einfach nicht reinpasst, wie Jan sagt.

    Dem sehr wohl bewusst ist, dass solche kooperativen Lebensmodelle auch deshalb von außen so schwer zu verstehen sind, weil der heutige Kapitalismus seine Insassen daran gewöhnt hat, dass alle Dinge einfach, primitiv und eindimensional sind. So einfach, dass auch der Dümmste zum dienstbaren Rädchen wird. Komplexität ist der radikalen Marktwirtschaft fremd. Komplexität aber macht das menschliche Dasein aus. Und gerade im Gemeinsamen und Kooperativen wird diese Komplexität sichtbar und erlebbar. Da kann man dann auf einmal wieder über das Verhältnis von Geld und Glück reden. Und meistens merkt man, dass man sich mit Geld kein Glück kaufen kann, dass es bestenfalls ein Synonym ist für das, was man selbst sich nicht zu leben traut.

    Am Ende kommen auch noch Partner und Kinder zu Wort – und die finden diese zweite Familie irgendwie auch bereichernd und entspannend. Na ja, bis auf die, die andere Vorstellungen vom Leben hatten. Oder andere Vorstellung von Solidarität. Die Finanzcoop (es gibt ja mehrere davon) ist ja nur eine besondere Form des kooperativen Miteinanders. Aber halt auch eine, die auf beharrliche Weise die weltzerstörerische Art unserer heutigen Marktwirtschaft infrage stellt. Dazu gehört auch eine gewisse Beharrlichkeit und Standfestigkeit, wie bei allen Dingen, die die Besessenheit vom wilden Wachstum infrage stellen.

    FC-Kollektiv Finanzcoop oder Revolution in Zeitlupe, Büchner Verlag, Marburg 2019, 18 Euro.

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