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Dienstag, 19. Januar 2021

Ich brauche nicht mehr: Eine sehr philosophische Suche nach den Wurzeln des Glücks

Von Ralf Julke

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    Wir leben in einer Überflussgesellschaft, einer Konsumgesellschaft, einer Wegwerfgesellschaft - egal, wie man es nennt: Es erzählt von einer Gesellschaft, die nicht mehr weiß, was wirklich wichtig ist und die in ihrer Maßlosigkeit alles verschlingt, auch unsere Lebensgrundlagen. Und das hat mit dem zu tun, was für gewöhnlich als heiliges Wachstum verkauft wird. Die Wachstumsgesellschaft ist kein Gesetz. Man ahnt es bald, wenn man mit Ines Maria Eckermann eintaucht in 3.000 Jahre Geschichte.

    Denn genau das tut sie. Nicht ganz zufällig, denn die Journalistin aus Bochum hat nicht nur Philosophie studiert, sie hat sich auch einen Doktortitel in dieser Disziplin erworben mit einer Arbeit über das Glück. Ein Thema, über das besonders die alten griechischen Philosophen ernsthaft, gründlich und folgenreich nachgedacht haben. Zumindest was all die Menschen betrifft, die heute noch lesen und über die wirklich wichtigen Dinge im Leben nachdenken. Zum Beispiel über die Frage: Was ist Glück? Und wann sind wir wirklich glücklich?

    Deswegen wird jeder, der dieses so nüchtern in Recycling-Papier gepackte Buch anpackt, erstaunt sein, denn mit der Autorin geht es erst einmal zurück zu den Wurzeln, zu Diogenes, Platon, Aristoteles, Aristipp und Epiktet, ihren verschiedenen philosophischen Schulen, die sich alle ein bisschen unterscheiden in den Antworten darauf, wie der Mensch glücklich werden kann, ob er nun einfach alle Sorgen ausblendet und in lauter Hedonismus genießt, was ihm das Leben zu bieten hat, ob er gar lernt, stoisch alles zu erdulden und sich um den Kick zum Seligsein gar nicht besonders bemüht oder ob er gar im Verzicht, in selbst gewählter Armut die Freuden der Bedürfnislosigkeit erlebt.

    Wer die Burschen noch nicht kennt, der wird natürlich animiert, sich die verfügbaren Bücher derselben mal zu besorgen. Eine Freude ist dann schon mal garantiert: Die lustvolle Begegnung mit Leuten, die sich über das wirklich Wichtige im Leben schon sehr gründlich Gedanken gemacht haben. Und die auch wussten, wo die Fallstricke liegen, die uns stolpern lassen. Die liegen nämlich direkt vor unserer Nase, sind in uns angelegt, in einer menschlichen Ureigenschaft, die in Zeiten, wo wir uns um unser Essen wirklich noch sorgen mussten, tatsächlich Sinn machte: dem Willen nach Immermehr.

    Denn je voller die Scheuern waren, je mehr Fleisch man erjagen konnte, je besser unsere Waffen und Werkzeuge waren, umso eher war unser Überleben gesichert. Wobei die Griechen in ihrer Vorstellung vom Goldenen Zeitalter zwar noch nicht so darüber dachten. Aber sie erlebten die Folgen dieser Unersättlichkeit ja schon in ihrer eigenen Welt, die – verglichen mit anderen Weltgegenden – eine reiche und für etliche Menschen luxuriöse Welt war. Auf einem anderen Niveau ganz ähnlich unserer heutigen Welt in Mitteleuropa. Und die alten Philosophen staunten durchaus, dass Wohlstand ganz unübersehbar nicht reichte, die Menschen dauerhaft glücklich zu machen. Augenscheinlich gab es auch damals schon Erscheinungen, die der heutigen Unrast, der Unzufriedenheit, dem Unerfülltsein ähnelten, die viele unsere Mitmenschen heute so unglücklich machen, mit Ängsten und Verzweiflung erfüllen.

    Die alten Griechen kannten für dieses Gefühl – das ja in den herrlichen Sagen vom König Midas oder vom König Tantalos schön bildhaft erzählt wird – sogar schon ein Wort, das Ines Maria Eckermann mit Freuden aufgreift: Pleonexia, das Immer-Mehr-Haben-Wollen, das auch ganz schnell in ein Nie-Genug-Haben umschlägt. Und man muss unsere Gesellschaft nicht lange analysieren um zu sehen, dass sie genau darauf aufbaut. Sie holt die Menschen nicht nur in ihrem Wunsch nach immer mehr Wohlstand und Besitz ab, sie erzeugt und befeuert diese Wünsche auch. Darauf ist eine ganze riesige Werbeindustrie ausgerichtet: In Menschen den Wunsch zu erzeugen, immer neue Dinge haben zu müssen und gleichzeitig Gefühle zu schüren, die Menschen mit dem, was sie haben und sind, unzufrieden machen.

    Im Wunsch nach Immermehr steckt nämlich auch immer der Vergleich mit anderen. Denn Menschen wollen ja in einer Gesellschaft akzeptiert sein, sie bestimmen permanent ihren Status, vergleichen sich mit anderen und werden regelrecht in den Wettbewerb gedrängt, mindestens all das zu haben, was auch der Nachbar hat, oder gar noch mehr, um richtig Eindruck zu schinden, bewundert zu werden und gar noch ordentlich Neid zu erzeugen. Mit einem größeren Haus, einem, fetteren Auto, dem teuersten Urlaub, der dicksten Uhr, dem edelsten Anzug, der teuersten Schule für die Kinder usw.

    Etliche Beispiele dieses Irrsinns streift Ines Maria Eckermann. Sie hat keinen leichten, fluffigen Ratgeber geschrieben, sondern eigentlich eher ein philosophisches Buch, in dem sie ihre Leser mitnimmt in das Verständnis all dessen, was Pleonexia mit uns anrichtet. Denn wenn sie uns nicht kirre machen würde, würde die Wachstumsideologie nicht funktionieren, würden wir nicht jedem Modegebimmel nachlaufen, nicht jedes neue Smartphone-Modell haben wollen, nicht einen noch größeren SUV, ein noch teureres Fitness-Paket, noch mehr Netflix-Serien und noch größere Packungen mit Popcorn. Die Unersättlichkeit steckt im Kopf.

    Manchmal wird sie gar zur Sucht, hält selbst Menschen im Griff, die eigentlich wissen, wie dieses Konsumverhalten die Welt zerstört, geradezu hinführt zu den Mastfabriken für Tiere, zu gerodeten Urwäldern, vergifteten Flüssen, miserablen Arbeitsbedingungen in Fernost und zu gigantischen Müllbergen mit all dem oft genug giftigen Zeug, das wir – eben gerade gekauft – gleich wieder wegschmeißen, weil wir es wirklich nicht brauchen. Weil es uns eigentlich belastet und der kleine Glücksmoment, wieder etwas Neues gekauft zu haben, oft schon beim Auspacken zu Hause verfliegt.

    Ines Maria Eckermann macht es ihren Lesern nicht einfach. Hätte sie nicht einfach eine kleine Broschüre schreiben können, in der steht, was wir alles nicht brauchen?

    Das hätte wohl nichts gebracht. Denn solche Listen gibt es schon zuhauf. Sie helfen den Ratlosen nicht, weil die Ratlosen nicht wissen, warum sie so unglücklich sind, warum sie so zerfressen sind von Neid und Unzufriedenheit. Dass das ganze Zeug nicht glücklich macht, das wissen sie ja. Aber – und da sind wir bei den alten Griechen – sie wissen nicht, wie man glücklich wird. Sie stehen mit ihren schönen SUVs im Stau, um zur Arbeit zu kommen, um dort Geld zu verdienen, um sich Haus und Auto und Familie und lauter teure Wünsche erfüllen zu können.

    Sie haben nach Fress- und Sauforgien oder ganzen Nächten vor dem Fernseher einen Kater und Augenringe, sie haben tausende Freude in den „social media“, kennen davon aber kaum einen und wissen auch nicht, wie sie ihre echten Freunde im Leben noch in ihrem vollgestopften Kalender unterbringen sollten. Das Immermehr führt zu einem unheimlichen Leistungsdruck. Aber es frisst das Wertvollste, was wir haben: Zeit.

    Wir haben für all die Sachen, die uns wirklich glücklich machen, kaum noch Zeit. Nicht für das Wochenende im Garten, nicht für den Abend mit wirklich guten Freunden, nicht für den Abend mit der Familie, gar die unbeschwerten Stunden mit den Kindern.

    Die Lösung für unser Dilemma liegt nur in uns. Das ist auch nicht neu, aber mit Eckermann sehen wir, warum das so ist, warum wir uns von falschen Wünschen jagen lasen, regelrecht knebeln lassen ins Laufrad und immerzu hetzen, um noch mehr von all dem zu bekommen, von dem wir glauben, dass wir es brauchen, um glücklich zu werden. Doch je mehr wir haben, umso unglücklicher fühlen wir uns, hilfloser, rastloser und ratloser. Denn nichts von dem, was uns mit dem Versprechen aufgeschwatzt wird, es würde uns zu glücklichen Menschen machen, kann dieses Versprechen einlösen.

    Aber wird sich deshalb unsere irrlaufende Wirtschaftswelt ändern?

    Jedenfalls nicht, solange wir alle mitmachen, stellt Eckermann fest. Ohne uns funktioniert dieses irre System nicht. Und wenn wir nicht mehr mitmachen, muss es sich ändern. Und Bewegungen dazu gibt es schon lange. Aber auch hier verweist die Autorin nicht einfach auf andere, quasi als Ersatzvorbilder. Sie erzählt von sich und von ihrem langen Weg, sich von der eigenen Pleonexie zu lösen, von der sie gar nicht ahnte, dass sie auch in ihr saß. Wir machen uns ja so gern etwas vor, sind regelrecht stolz auf umweltgerechtes Verhalten, gesundheitsbewusste Ernährung, Spenden für die „dritte Welt“.

    Aber wir merken oft nicht, wie wir in einzelnen Bereichen unseres Lebens dann trotzdem zu Getriebenen des Immer-mehr-Haben-Wollens geworden sind, bei der Jagd nach noch mehr Geld, der aktuellsten Mode, den schicksten Möbeln, dem aufregendsten Urlaub … Oft merken wir nicht mal, wie uns das belastet, beschwert und knechtet. Wir rennen wie Hamster im Rad und leben auf einmal in einer Wohnung voller Dinge, von denen wir gar nicht mehr wissen, warum wir sie einst gekauft haben.

    Die Erkenntnis ist schwer, das Loslassen fällt noch schwerer. Oder gelingt auch nicht, weil vor der Frage, was wir alles nicht mehr brauchen, die eigentliche Frage steht: Was brauchen wir wirklich? Was ist uns wirklich so wichtig, dass wir es tatsächlich in unserem Leben haben wollen?

    Deshalb kommt am Ende auch der neue Trend des Minimalismus ins Spiel, den Eckermann auch oft wieder für überzogen hält, denn wenn jemand es nötig hat, auf Youtube damit zu prahlen, wie wenig er braucht, darf man wirklich fragen: Weiß er wirklich, was er braucht? Ist das Noch-weniger-Brauchen jetzt auch wieder ein Hochleistungssport?

    Und wo ist die Mitte?

    Denn darum geht es ja letztlich. Wer herausfindet, was er (oder sie) wirklich fürs Leben braucht, wer sich selbst die Muße nimmt, darüber ausgiebig nachzudenken, dem fällt es leichter, sich von Ballast zu trennen, von Kleidungsstücken, die man sowieso nie anzieht, von allen Dingen, die einem nur Kraft und Zeit fressen, aber eigentlich keine Rolle spielen in unserem Leben. Die uns nur beschäftigen und ablenken, uns aber keine Muße lassen, uns auch nur mal für ein Weilchen wie die alten Philosophen an einen schönen Ort zurückzuziehen und nachzudenken über das, was wir uns wirklich wünschen.

    Und wer Menschen nach diesen wirklichen Wünschen fragt, merkt schnell, dass die bunten Versprechungen der Konsumwelt gar nicht oben auf der Liste stehen, sondern erst viel weiter unten. Oben stehen so erstaunliche Dinge wie Kinder, Freunde, Zeit. Und noch einige andere Dinge, für die man Zeit und Aufmerksamkeit braucht, und für die wir keine Zeit haben, weil wir von FOMO gejagt werden.

    FOMO ist die Angst etwas zu verpassen, natürlich aus dem englischen Sprachraum zu uns hereinschwappt: Fear of missing out. Das ist die Panik, die Menschen wie gebannt auf ihre Smartphones starren lässt, weil sie ständig das Gefühl haben, etwas Wichtiges zu verpassen. Die sie zum wilden Bestellen immer neuer Konsumgüter bringt, zur Jagd nach lauter „must haves“, weil sie die ganze Zeit denken, wenn sie das jetzt nicht kriegen, dann verpassen sie was. Etwas, was viele auch bei der Partnersuche kennen, beim Party-Stress, bei der Urlaubsplanung, die genauso in Stress ausartet wie die Helikopter-Umsorgung der Schulkinder.

    FOMO ist die reine Umsetzung von Pleonexia. Mit allen schlimmen Folgen. Und mit dem Ergebnis, dass immer mehr Menschen das verzweifelte Gefühl haben, nicht mehr mitzukommen. Denn das irre Tempo wird immer schneller, immer schneller verschleißen Produkte, Stars, Serien und die Maßstäbe für das, was man haben muss. Mitten im dicksten Wohlstand macht sich die Angst breit, er könnte uns unter den Händen zerrinnen, wenn wir nicht noch schneller rennen und noch mehr Leistung erbringen.

    Und nichts ist so fern dabei wie das Gefühl, einfach mal glücklich zu sein.

    Natürlich gibt es trotzdem kleine Listen in diesem Buch, eher sanfte Stubser hin zu etwas, was Ines Maria Eckermann forsch JOMO nennt, die Freude darüber etwas zu verpassen. Es sogar ganz bewusst verpassen zu wollen, weil es von all den Dingen, die uns glücklich machen sollen, eigentlich viel zu viele sind, so viel, dass wir vor lauter Abarbeiten gar nicht mehr dazu kommen, die wirklichen Momente des Glücks zu genießen.

    Dafür braucht man nicht nur Zeit, sondern auch Gelassenheit, eine große schöne Furchtlosigkeit, dass nichts von all dem, was wir bewusst verpassen, für uns irgendein Verlust ist. (Und wer einfach mal darüber nachdenkt, was im letzten oder vorletzten Jahr so ungemein wichtig war, dass man es auf keinen Fall verpassen durfte, der weiß, was es ist – und wie viele wertvolle Stunden man für diese falsche Hatz geopfert hat).

    Es geht genau um das, worüber sich Diogenes und seine Kollegen so viele Gedanken gemacht haben. Jeder muss für sich selbst herausfinden, was ihn (oder sie) wirklich glücklich macht, was einen bereichert und ausfüllt. Und genau dafür sollte man dann auch Platz schaffen in seinem Leben – zeitlich und räumlich. Es geht tatsächlich darum, sein eigenes Maß fürs Glücklichsein zu finden und all die Dinge, die einen nur belasten, abzuschaffen, wegzuschenken, auszuräumen. Und damit auch Klarheit zu schaffen und Prioritäten zu setzen.

    Was auch wieder mit den alten Griechen zu tun hat: Gnothi seauton, erkenne dich selbst. Denn ganz augenscheinlich führt der Weg zu einem glücklichen Leben nicht durch den Supermarkt, sondern durch die eigenen Wünsche und das Gefühl für das eigene richtige Maß, für all das, was einen wirklich lebendig und froh sein lässt. Wenn man das weiß oder sich mutig drauf hinarbeitet, folgt die Erleichterung auf dem Fuß, wenn man zu vielen Dingen in unserer von Konsum geplagten Welt einfach sagen kann: Brauche ich nicht. Fast übermütig, denn wer so weit ist, der merkt, wie lächerlich es ist, sich über Geld, Besitz und Aussehen als etwas darstellen zu müssen, was man gar nicht ist und auch gar nicht sein möchte.

    Wovon der entfesselte Wachstumsglaube aber lebt. Deswegen sind unsere Ökonomen ja so panisch, wenn sie das Wachstum auch nur vage in Gefahr sehen. Es ist ihre eigene Panik, ihr blinder Glaube daran, nur mit immer Mehr würde diese Gesellschaft funktionieren. Ein Teil dieser Maschine sicherlich, nämlich der, der diese Gier permanent in Gewinn ummünzt.

    Nur wir als Menschen gehen dabei verloren. Aber wir müssen da nicht mitmachen. Das ist die sehr philosophische Botschaft dieses Buches. Wir können anders, wenn wir nur wollen. Kaufen können wir das Glück nicht. Aber es findet uns, wenn wir nur mal innehalten und es wahrnehmen lernen. Und wenn wir unsere Kraft und unsere Zeit wirklich dem widmen, was uns wichtig ist. Alles andere? Brauchen wir nicht.

    Maria Eckermann Ich brauche nicht mehr, Tectum Verlag, Baden-Baden 2019, 25 Euro.

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