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Leipzigs Auwald – ein Mysterium: Eine richtige Tageswanderung durch die Elsteraue von Zwenkau bis Luppenau

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    Es gibt tatsächlich noch Menschen, die in einem Wald wie dem Leipziger Auwald nicht nur lauter Nutzhölzer sehen, die sogar noch Erinnerungen daran haben, dass dieser Auwald einmal größer und länger war – und wie zerschnitten und zurechtgestutzt er heute ist. Brigitta Lehmann hat diese Erinnerungen. Und deshalb beginnt ihre Wanderung durchs Auenland in Zwenkau, in einem Hafen, den sie gleich mal als öde Betonwüste beschreibt.

    Was sie natürlich besonders verstört, weil auch der Zwenkauer See ziemlich drastisch daran erinnert, was für eine radikale Veränderung die Elsteraue im Leipziger Süden durchgemacht hat. Man sieht ihr nicht mehr an, was für eine beliebte Auen- und Ausflugslandschaft das noch vor 100 Jahren war. Beliebte Ausflugsziele wie das Dorf Eythra sind verschwunden, der Wald der Harth wurde von den Bergbauunternehmen nicht nur gekauft, sondern verschwand komplett. Genauso, wie die natürlichen Mäander der Weißen Elster verschwanden.

    Brigitta Lehmann wandert also auch durch Erinnerungen, teilweise auch noch die Geschichten, die sie von ihrer Mutter hörte damals, als sie als kleines Kind nach Cospuden und zum Gut Lauer wanderte, die ja beide erst vor einem halben Jahrhundert dem Kohlebergbau zum Opfer fielen. Fast ist ja schon vergessen, wie tief sich der Kohlebergbau in den Leipziger Auenwald hineingefressen hatte und wie erst die vehementen Proteste der Leipziger 1990 dafür sorgten, dass die Kohlebagger vor dem Wolfssee zum Halten kamen.

    Dabei wurden nicht nur weite Teile des südlichen Auenwaldes vernichtet (an die eine kahle Eiche am Ufer des Cospudener Sees noch erinnert), sondern auch das Flusssystem massiv verändert und der Grundwasserspiegel drastisch abgesenkt. Darunter leidet der Auenwald bis heute, genauso wie unter den großen Deichbauten, die ihm noch immer das Wasser nehmen.

    Brigitta Lehmanns Spaziergang von Süd nach Nord besteht aus kleinen Erinnerungsgeschichten, verbunden mit liebevollen Würdigungen für die Bäume am Wegrand, zwischendurch gibt es Gedichte, in denen sie ihrer Freude und ihrer Trauer über den Zustand des Auenwaldes Ausdruck gibt. Und da und dort gibt es Verweise auf das kürzlich veröffentlichte Buch „Re-Animation“ von Bernd Gerken und Hannes Hansmann, die auf das Potenzial der Leipziger Auenlandschaft hinweisen. Denn auch wenn er von den vielen Eingriffen gebeutelt ist, ist der Leipziger Auenwald in seiner Dimension für eine deutsche Großstadt etwas Besonderes.

    Und die Chancen, ihn in weiten Teilen tatsächlich wieder zu einem richtigen, ganz der Aue angepassten Wald werden zu lassen, gibt es. Auch wenn selbst Brigitte Lehmann an vielen Stellen vorbeikommt, wo die Stadt so weit in die alte, ursprüngliche Aue hineingebaut wurde, dass hier kaum noch etwas zu machen ist. Sie spaziert am Elstermühlgraben entlang, am Schreberbad vorbei und durchs Sportforum, bedauert im Rosental, dass das nun wirklich kein Auenwald mehr ist, erlebt den Burgauenbach, den sie konsequent Burgauengraben nennt, denn er ist ein vor 20 Jahren angelegtes Kunstgewässer, das im Gelände sogar auffällig die alten, noch vorhandenen Profile der alten Auenwaldgewässer vermeidet. Solche Profile findet man in der Burgaue noch viel mehr, wo sich die Weiße Elster einst in viele verschiedene Luppen aufteilte.

    Natürlich stellt sie sich auch die Frage, was das Projekt Lebendige Luppe hier bewirken will, wenn die tief eingeschnittene Neue Luppe das Wasser abführt und regelrecht verhindert, dass überhaupt auch nur kleine Hochwasser für die Burgaue zur Verfügung stehen.

    Die dichtende Spaziergängerin ist dem, was der NuKLA e. V. erreichen möchte, sehr nah. Deswegen hat NuKLA das Buch auch unterstützt. Manchmal muss auch dieser Verein daran erinnern, dass es nicht nur um die Bäume in der Burgaue geht, sondern um die weitestgehende Wiederherstellung der Elsteraue auch oberhalb von Leipzig. Das Hochwasserschutzsystem, zu dem ja mittlerweile auch der Zwenkauer See gehört, funktioniert zwar.

    Aber die Wucht der Hochwasser kann viel leichter gebrochen werden, wenn die Weiße Elster schon ab dem Streckenabschnitt zwischen Zeitz und Gera ihre natürlichen Auen wieder zurückbekommt, jene Flusstäler, in denen sich der Fluss in früheren Zeiten problemlos ausbreiten konnte, sodass die Wassermassen nicht mit der Wucht und in der Höhe zu Tal stürzten, wie das in neuerer Zeit der Fall ist, weil weite Abschnitte der Elster kanalisiert und eingedeicht sind.

    Eigentlich müsste Leipzig als hauptbetroffene Stadt hier selbst aktiv werden und ein regelrechtes Flussbündnis schmieden, um die ursprünglichen Auen am ganzen Flussverlauf möglichst wieder zu für den Fluss offenen Naturräumen zu machen. Ohne Partner in den Kommunen wird der NuKLA e. V. das nicht schaffen, obwohl seit dem „Jahrhunderthochwasser“ von 2002 klar ist, dass die dauerhafteste und nachhaltigste Hochwasservorsorge die Wiederherstellung der alten Flussauen wäre. Es würde auch wieder dem Wachsen der Auenwälder und ihrer Artenvielfalt dienen. Auch das ein Riesenthema in einer Zeit, in der die künstlichen Waldplantagen der Vergangenheit den Wetterextremen nicht mehr standhalten.

    Diese Themen werden alle fast beiläufig berührt. Die liebevolle Sicht der Spaziergängerin auf ihren geliebten Auenwald verschmilzt mit dem Wissen darum, wie gefährdet dieser einmalige Wald ist. Und damit auch seine Artenvielfalt. Im Grunde ist es eine ausgewachsene Tageswanderung, die sie in diesem Buch unternimmt. Am Ende spaziert sie durch die Luppenaue und kommt auch bis Luppenau und Wallendorf. Ein Endpunkt, der die Möglichkeit eröffnet, darüber nachzudenken, wie man große Teile der Elsteraue wieder zu einem natürlichen Flusssystem mit einem natürlichen Auenwald machen kann.

    Natürlich begegnet sie unterwegs auch den aufmerksamen „Klassikern“, die den Wert des Auenwaldes auch verbal zu würdigen wussten – so wie Schiller, Goethe, Paul Fleming oder Emil Adolf Roßmäßler.

    ***

    Buchpremiere ist übrigens im Rahmen der Auftaktveranstaltung zum 3. Internationalen Leipziger Auenökologiesymposium am Montag, 9. September 2019 um 18:15 Uhr in der Alten Börse am Naschmarkt. Die Veranstaltung beginnt schon um 17 Uhr, denn 17:15 Uhr hat dort auch der Film „Leipziger Rosental“ Premiere.

    Brigitta Lehmann Leipzigs Auwald – ein Mysterium, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2019, 13,80 Euro.

    Re-Animation oder Welche Chancen Leipzigs Elsteraue hätte, wieder zu einer richtigen Flussaue zu werden

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