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Re-Animation oder Welche Chancen Leipzigs Elsteraue hätte, wieder zu einer richtigen Flussaue zu werden

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    „Was ist los im Leipziger Auwald?“, fragt eine Filmreihe, die der NuKLA produziert und in der der Auenökologe Prof. Bernd Gerken mit der Kamera in die Leipziger Flussaue geht und vor Ort erklärt, was eigentlich eine Aue ist und warum Leipzig mit der Elster-Luppe-Aue ein Kleinod direkt vor der Stadt hat – haben könnte. Denn erst so bekommt man einen Begriff davon, warum die tatsächliche Auenwaldpolitik der Stadt mit einer lebendigen Flussaue nicht viel zu tun hat. Und wer es noch genauer wissen will, für den gibt es jetzt dieses Buch.

    Es ist nicht nur ein Aufruf, auch wenn viele Passagen im Buch ein Appell an die Leipziger, an Politik und Verwaltung sind, die einmalige Chance zu ergreifen und Leipzig wieder eine richtige, funktionierende Flussaue zu geben. Denn aktuell hat sie keine. Auch wenn sich die Stadt selbst auf ihrer Website rühmt, eine zu haben, sie gar als Alleinstellungsmerkmal anpreist, obwohl das Wichtigste an einer Flussaue seit über 80, bald 90 Jahren fehlt: die Freiheit der Flüsse, sich ihre Aue selbst gestalten zu dürfen.

    Deswegen fehlt auch der Ausflug in die Geschichte nicht. Denn wer die heutigen Probleme der Leipziger Aue verstehen will, muss wissen, wie natürliche Flussauen eigentlich aussahen. Es gibt in Europa nicht mehr viele davon, denn vor rund 150 Jahren begann eine Entwicklung, deren Folgen heute als tote, verschmutzte und eingesperrte Flüsse zu erleben sind. Bernd Gerken hat sich längst deutschlandweit einen Namen gemacht als Auenökologe.

    Er kennt etliche Projekte zur Revitalisierung einst eingezwängter Flüsse auch im Gebiet deutscher Großstädte. Schon in den 1990er Jahren gingen Städte und Gemeinden dazu über, die in Kanäle eingezwängten Flüsse im Stadtbild wieder zu befreien – auch nach vielen negativen Erfahrungen mit Hochwasser. Denn im 19. und frühen 20. Jahrhunderten glaubte man felsenfest daran, die Flüsse bändigen zu können, indem man ihr Flussbett beschnitt, kanalisierte und hoch eindeichte.

    Das Ergebnis war auch wieder bei den letzten Hochwassern in Sachsen 2003, 2011 und 2013 zu besichtigen: In diesen eingezwängten Flussbetten schießen die Wasser mit hoher Geschwindigkeit zu Tal, steigen zu immer neuen Rekordpegelständen an und entwickeln eine reißende Kraft, die natürliche Flüsse nicht entwickeln. Auch weil in den letzten 150 Jahren viele Bauten mitten in die Flussauen gebaut wurden, die dort nicht hingehören. Denn die Flusstäler sind ja nicht ohne Grund so breit. Die Flüsse haben sie in Jahrtausenden aus dem Untergrund gefräst. Für gewöhnlich begnügen sie sich mit schmalem, mäanderndem Fließen in der Talmitte. Aber bei natürlichen Hochwassern – wie zum Beispiel nach Starkregen oder Schneeschmelzen – schwellen die Flüsse an, treten über die Ufer und überfluten große Teile der Aue.

    Deswegen haben Menschen in der Frühzeit nie in den Auen gebaut, denn sie wussten das noch. Sie siedelten auf den Hochufern, so hoch, dass selbst „Jahrhunderthochwasser“ ihr Dorf nicht gefährden konnten. Das war auch bei Leipzig und allen seinen mittlerweile eingemeindeten Dörfern der Fall. Man findet alle alten Siedlungskerne oben auf den Hochufern, von denen dann das vom Fluss geformte Gelände abfällt in die Aue.

    Die Flüsse haben diese Aue geformt. Und jahrhundertelang hat der Mensch diese Auen auch so bewirtschaftet, dass er dort vor allem Weidewirtschaft betrieb. Die großen Weidetiere gehören seit der Eiszeit zum Bild der Auen, schreiben die beiden Autoren. Neben den Flüssen selbst haben die Wege der großen Weidetiere (einst auch Auerochsen, Wisente, Rothirsche …) die Landschaft geprägt, die Samen der Bäume und Gräser weitergetragen und zur Vielfalt (der Biodiversität) in der nacheiszeitlichen Landschaft beigetragen.

    Man berührt also auch das für Sachsen so ungemütliche Thema Biodiversität …

    Deswegen war der Artenreichtum in den Flussauen auch immer besonders hoch, auch oder gerade, weil durch den Fluss mit seiner ständigen Arbeit am Gelände auch ein gewisser Stressfaktor wirkt, der die dort lebenden Tiere und Pflanzen zu permanenter Anpassung zwingt. Auch das so etwas, was in der Leipziger Auwald-Diskussion fast völlig fehlt: das Wissen darum, dass einige der besonders geschützten (und bedrohten) Tierarten im Leipziger Auenwald gerade deshalb auentypisch sind, weil sie an die ständigen Veränderungen in der Flussaue besonders angepasst sind. Sie brauchen diese Veränderungen sogar, denn erst ihre Angepasstheit an diesen permanenten Wechsel bringt ihnen den Wettbewerbsvorteil gegen einwandernde Arten. Was auf Kröten und Unken genauso zutrifft wie auf Flechten und Moose, aber erst recht auf die typischen Bäume der Aue.

    Die eben keine typische Aue mehr ist. Seit rund 90 Jahren ist sie ein Trockenwald. Die notwendigen kleinen und größeren Hochwasser, die relativ häufig dafür sorgen, dass frisches Wasser durch die Auwälder fließt, fehlen, sind mit hohen Deichen ausgeschlossen. Und damit ist die natürliche Lebensgemeinschaft in der Aue gestört, teilweise auch zerstört. Gerade die auentypischen Lebewesen schwinden, werden immer seltener. Und mit ihnen die auentypischen Lebensgemeinschaften, die natürlich jahrhundertelang auch vom Menschen geprägt war.

    Das war in Leipzig nicht anders als anderswo: Wenn die Frühlingshochwasser abgelaufen waren, trieben die Stadtbewohner ihr Vieh auf die Wiesen, aber auch in den Wald. Was zum Beispiel dazu führte, dass das Unterholz stark gelichtet war und der Wald dem ähnelte, was die Forstwirtschaft im 19. Jahrhundert dann Mittelwaldbewirtschaftung nannte. Auch wenn es keine Mittelwaldbewirtschaftung war.

    Nur das Erscheinungsbild ähnelte sich. Mit dem, was heute im Auenwald forstwirtschaftlich versucht wird, hat das nicht viel zu tun. Die Leipziger von damals hatten keine schweren Maschinen, mit denen sie die großen Bäume zu hunderten aus dem Wald holten und den Waldboden auch noch verpressten. Sie mussten mit Axt und Säge arbeiten, deswegen wurden große Bäume immer nur aus dem Wald geholt, wenn man sie direkt zum Hausbau brauchte.

    Manche Waldstücke, in denen sich die Flussarme etwa der Luppe stark verzweigten, wurden wahrscheinlich überhaupt nicht forstwirtschaftlich genutzt. Hier erhielt sich ein richtiger Urwald, in dem auch viele eher urwaldtypische Lebewesen wie einige der ansässigen Fledermausarten überleben konnten. Sie gehören zu den Waldbewohnern, die auf alte Baumstämme mit vielen Höhlen angewiesen sind.

    Als die Landestalsperrenverwaltung 2011 hektarweise die Bäume hinter den Deichen fällen ließ, war auch mindestens ein uralter Fledermausbaum darunter. Und wenn heute Ökologen in den Wald gehen – auch auf die vom Forstwirtschaftsplan vorgesehenen Femelflächen – sehen sie auch unter den zum Fällen vorgesehenen Bäumen viele, die allein schon aufgrund ihrer Ast- und Höhlenstruktur wichtige Biotopbäume sind, oft Überlebende aus einer Zeit, als die Aue noch offen war, also auch an die wechselnden Wasserzyklen der Aue angepasst.

    Gerken und Hansmann nehmen die Leser mit in ein sehr plastisches Bild davon, wie eine gesunde Flussaue eigentlich aussieht. Und dazu gehört ja nicht nur die Befreiung der Flüsse überall dort, wo tatsächlich ganz natürlicher Ausbreitungsraum in ihrer alten Aue ist. Denn die Flüsse werden nicht nur beim Fließen lebendiger, sie gewinnen auch Selbstreinigungskräfte zurück. In der Weißen Elster konnte man vor 100 Jahren noch baden. Und im 18. Jahrhundert sah das Wasser ganz bestimmt nicht so braun und trübe aus wie heute – da lebten noch Muscheln und Krebse darin. Der alte Artenreichtum ist mit dem „Leipziger Allerlei“ ja geradezu kulinarisch geworden. Vom Fischreichtum gar nicht zu reden – viele auentypische Fische sind gar nicht (mehr) da, Fische, die klares Wasser suchen, sowieso nicht.

    Leipzig hat mit der alten Elster-Luppe-Aue ein gewaltiges Kleinod direkt vor der Nase, dem es von Jahr zu Jahr schlechter geht, weil die Deiche das Wasser in Kanäle zwängen.

    Der europäischen Wasserrichtlinie genügt nichts davon, die würde im Grunde eine sofortige Revitalisierung der Aue erfordern. Nicht nur in Leipzig. Aber es geht ja vor allem um den Leipziger Auwald, in dem viele der alten Flussläufe heute noch zu sehen sind, alles wertvolle Bestandteile eines lebendigen Biotops, dem nichts fehlt als das Wasser.

    Hinterher versteht man ein bisschen, worum der NuKLA kämpft und warum viele kleine Maßnahmen nicht wirklich reichen, die Leipziger Nordwestaue, um die es zuallererst geht, auch wirklich wieder in eine lebendige Aue zu verwandeln, die ihr natürliches Gleichgewicht – auch das ist wichtig – selbst findet. Das können Wälder und Auen nämlich, betonen die beiden Autoren. Und appellieren immer wieder an die Leser, sich dafür einzusetzen. Es lohnt sich. Leipzig hat mit seiner Aue eine riesige Chance. Worin sie besteht, erzählt dieses Buch.

    Bernd Gerken; Johannes Hansmann Re-Animation. Ein Aufruf zur Wiederbelebung der Auen, BoD, Norderstedt 2019, 29,99 Euro.

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