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Unter der Fuchtel der Zeit: Ahne und Gott in den Jahren schwindender Schmetterlinge und besorgter Spießbürger

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    Als das in Berlin mit den ganzen Lesebühnen begann, war auch Ahne einer der ersten Helden der neuen Spoken-Word-Bewegung. Und er war selber jung. Und sein berühmtester Serienheld ist ein gewisser Gott. Der wohnt in der Choriner Straße in Berlin. Und regelmäßig schneit ihm ein gewisser A. in die Wohnung, mit dem er über alles mögliche plaudert – auch über sich selbst.

    Und da Ahne regelmäßig in der Reformbühne Heim & Welt zu erleben ist, wo er seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit frischem Stoff begeistern möchte, entstehen immer neue Zwiegespräche mit Gott, die Ahne dann sammelt und in ein Buch steckt, das dann mit Hör-CD bei Voland & Quist erscheint. Dieses hier ist mittlerweile der fünfte Band mit solchen Zwiegesprächen in Berliner Slang. Benutzer des Hochdeutschen müssen sich also erst einmal ein bisschen einlesen, wenn sie dann aber drin sind, fühlen sie sich wie mittendrin in jenem Berlin, das mit frecher Schnauze und einer gewissen Verachtung auf die seltsamen Entwicklungen im Prenzlauer Berg herabschaut.

    Denn das hat ja nun eindeutig nichts mehr mit dem alten, abgewrackten und schnodderigen Berlin zu tun, in dem A. und Gott eigentlich noch immer zu Hause sind. Auch wenn Gott inzwischen einmal in der Choriner umgezogen ist und Ahne schon lange Vater von zwei inzwischen erwachsenen Kindern ist.

    Natürlich ist Ahnes Gott nicht als netter Greis mit Rauschebart vorstellbar. Eher hat man einen grantigen Berliner Opi vor sich, der sich auch von einem übermütigen Ahne nicht die Butter vom Brot nehmen lässt und schon gar nicht auf Ahnes Sticheleien eingeht, dass er vielleicht bei der Erschaffung der Welt und von Adam und Mendy etwas falsch gemacht haben könnte. Obwohl ja der simple Blick in die Flimmerkiste zeigt, dass zumindest bei Adam und Mendy einiges schiefgelaufen sein muss. Wird Ahne zu frech, gibt’s auch mal eine Kopfnuss.

    Dann wendet Gott ganz und gar nicht zarte Erziehungsmethoden an, um den widerborstigen Atheisten zur Raison zu rufen. Denn ein Grundbestandteil des Spiels ist ja, dass Ahne Gott und seine Allmacht und seine ungemeinen Fähigkeiten nicht infrage stellt. Nur ein bisschen, so weit, dass es als nette Neckerei durchgehen kann, als humorvolles Spiel von zweien, die selber ganz genau wissen, wie der Hase läuft.

    Der eine tut dann einfach so, als nehme er die ganze Sache mit Himmel, Hölle und Sohneman nicht so richtig ernst. Und der andere reagiert halt mit trockenem Humor, wenn A. die Freuden und Leiden der Vergänglichkeit benennt. Aber wirklich verbissen wird es zwischen den beiden nie. Als hätte Ahne hier ein Pärchen erfunden, wie es früher mal selbstverständlich war, als man sich noch foppen konnte, wenn man nicht einer Meinung war. Mit Herz und Schnauze und auch mal einem derben Witz. Wie lang ist das her?

    Schwierig zu sagen, wenn man Ahne so zuhört. Denn die beiden, die eigentlich gar nicht zueinander passen dürften, gehen miteinander so selbstverständlich um, wie es heute oft viele Söhne und Väter nicht mehr fertigkriegen. Sie frotzeln und necken sich. Aber eigentlich geht es bei all diesen Frotzel-Dialogen immer um das ganz Elementare im Leben. Noch viel mehr als in den ersten vier Bänden, denn in die Entstehungszeit dieser 60 Zwiegespräche fallen solche seltsamen Dinge wie Pegida, Besorgte Bürger und eine rechtsradikalisierte AfD, eine ewige Diskussion um Ausländer und Kriminalität.

    Da kommt sich nicht nur Ahne vor, als lebte er im falschen Film, als würden die Leute auf der Straße und in der S-Bahn immer närrischer. Nur dass das Närrischsein sich ja bekanntlich mit zunehmender Aggression und sinkender Gewaltschwelle verbindet. Und dass es eben nicht mehr die prolligen Typen sind, die Ahne früher so in Kneipen oder auf dem Arbeitsamt begegneten, sondern Bürger in feinem Zwirn und einer eitlen Miene der Selbstgerechtigkeit, die auch in der Öffentlichkeit kein Blatt mehr vor den Mund nehmen, um drögen Schwachsinn oder Verächtlichkeiten aller Art von sich zu geben.

    Natürlich sind diese seltsamen Besorgten Thema zwischen Gott und A.. Denn die kleinen Dialoge sind, was gute Gespräche nun einmal sind, Versuche, das ganze Unverständliche zu entwirren. Irgendwie einen Schlüssel zu finden dafür, dass immer mehr Mitmenschen sich immer seltsamer benehmen und dann nicht mal mehr Scham empfinden, wenn sie Lügner, Täuscher und ausgemachte Rassisten in politische Ämter wählen.

    Wobei Gott eine durchaus eigene Version parat hat für diese Erscheinungen: „Heulende Männa sind keene Vabrecha, ich weeß, trotzdem: Wat is passiert? Pah Kaspahköppe eina Spießbürgapatei sind neu in Bundistach einjezogen, und Leute an rechten Rand sind so, wie Leute an rechten Rand nu ma sind. Ma äußan se ‚t lediglich hinta vorjehaltina Hand, mal brülln se ‚t so laut, dit vanünftijet Lehm im Umkreis mehrira Quadratkilometa unmöglich würd, und dit weltweit. Is ’ne Prüfung, die ich euch uffalegt hab.“

    Vielleicht ist es ja tatsächlich so – und ich neige dazu, Ahnes Gott da beizupflichten: Spießbürger sind von Natur aus rechtsradikal. Und dass sie andere Menschen nicht mögen, hat mit ihrem Selbstbild zu tun. Auch wenn es in diesem Buch Ahne ist, der lieber nicht mehr in den Spiegel guckt. Aber eher deshalb, weil er sich selbst für so unzumutbar unschön hält, dass er deshalb lieber nicht aus Berlin wegzieht. Er will andere Städte nicht noch runterziehen. Aber das ist ja eindeutig die bekannteste Eigenart der Berliner: Sie mögen eine große Klappe haben, aber sich selbst nehmen sich eigentlich nicht so wichtig.

    Hauptsache, es gibt ein ordentliches Bier und man kann abends noch irgendwo richtig abhängen. Wobei es in diesen Band auch mal um Schmetterlinge, Bienen und durstige Bäume geht. Nicht nur die Bundestagswahl 2017 ist mitten hineingeplauzt in Ahnes Zwiegespräche, auch der Dürre-Sommer 2018. Da macht sich auch Ahne Sorgen. Und ist zumindest auch der Überzeugung, dass der Schöpfer von alledem sich auch Sorgen machen sollte. Denn wie gesagt: Irgendetwas scheint ihm ja da bei der Konstruktion von Adam aus dem Ruder gelaufen zu sein.

    Aber so ein Gott sieht das alles viel größer. Er hat schon ganz andere Klimawandel erlebt und ganz andere Artensterben. Und eigentlich war diese Erde auch nicht sein erster Versuch, wie wir erfahren dürfen. Eher der zweite, bei dem aber das Drehmoment der zusammengeklebten Erde bei ihrer Reise um die Sonne mal geklappt hat. Wen interessieren da ein paar aus Knete gemachte Menschlein, die in ihrem Beleidigtsein immer nur alles Gute in der Vergangenheit sehen?

    Motto: Früher war alles besser. Beim Kaiser, bei den Rittern oder damals, als alle vergnügt am Lagerfeuer saßen und an Mammutknochen kauten. Wer so einen Blick auf die Welt hat, den beunruhigen die paar Schnösel in Bürouniform nicht, die sich in der Bahn in Gewaltphantasien gegen Schwächere ergehen. Kommt einem irgendwie bekannt vor. War das nicht der Sinn der Wettbewerbsgesellschaft, dass hinterher die blutigen Sieger voller Häme auf die Besiegten herabgucken?

    Kann es sein, dass in der radikalisierten Wettbewerbsgesellschaft der kleine Faschismus quasi ein zwangsläufiges Beiprodukt ist? Und dass natürlich gerade die am schnellsten zu Menschenverächtern werden, die ihren Aufstieg als Erfolg eigener Erlesenheit begreifen? Was ja nun einmal für den spießigen Bürger typisch ist.

    Aber man merkt auch, dass in Gott auch ein gewaltiges Stück Ahne steckt, der ja nun auch schon die 50 hinter sich gelassen hat und den die Frage umtreibt, ob er da nun wirklich das richtige Vorbild für seine Kinder ist. Und ob er diese Zeit auf Erden eigentlich auch richtig nutzt. Da werden die Narreteien aus den Nachrichten oft nur zum Anlass, um über das eigene Dasein und Tapfersein nachzudenken.

    Immerhin ist es einfach, jeden Tag im Internet irgendeine Petition runterzuladen, aber auch im Alltag tapfer zu sein und den Kopf nicht einzuziehen? Das ist nicht so einfach. Was bei Ahne nun einmal auch damit zusammenhängt, dass er sich selbst nicht so wichtig nimmt. Auch wenn sein A. sich immer wieder von einem durchaus renitenten Gott in denselben Topf mit den anderen Spezies der Gattung Homo in eine Schüssel geworfen sieht.

    Gott: „Eine Amöbe und Professor Doktor Doktor Dingsdabums, dit is ein und dieselbe Grütze! Bloß in eure Einbildung nehmtee euch ’ne Sondastellung raus. Fakt!“

    Und das mit der „Krone der Schöpfung“ stamme auch nicht von ihm, wie so vieles in der Bibel nicht. Ist ja von Menschen geschrieben. Zum Abschied frotzeln sich die beiden dann jedes Mal. Denn das letzte Wort zu behalten, das ist natürlich eine Berliner Urtugend. Eine Urtugend, die den eitlen Herren in ihren Büroanzügen seit Jahren gewaltig auf den Keks geht. Aber da können sie nichts machen. Jeder Schwabe oder Anhaltiner, der nach Berlin zieht, wird irgendwann zu einem richtigen Berliner.

    Und dann gehen die Gesprächsenden alle etwa so:

    „Sach noch ma, dit niemand hier wat Bessirit is.“

    „Niemand is hier wat Bessirit. Also, bis uff mir natürlich, klah.“

    Da darf jetzt jeder mal raten., wer dabei welchen Part hatte.

    Ahne Zwiegespräche mit Gott, mit Audio-CD, Voland & Quist, Dresden, Leipzig und Berflin 2019, 18 Euro.

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