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Überm Schreibtisch links: Geprüfte Menschlichkeit

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 78, seit 24. April im Handel„Es ist wahr, ich setze meine Personen oft dem Druck einer besonderen Lage aus, bei der sie dann auf diese oder jene Weise reagieren müssen.“ Äußert der damals 40-jährige Siegfried Lenz 1966 gegenüber der Schriftstellerin Geno Hartlaub. Das passt gut zum Schreiben, meint man, damals und heute. Damals? Den im ostpreußischen Lyck geborenen Lenz zwingt man 17-jährig – wie so viele Unwissende und vom „nationalistischen Ressentiment“ (Lenz im Roman „Der Überläufer“) Angesteckte – in den Waffenrock des Soldaten und in den schlimmsten aller Völkerkriege. In das „grausam-lächerliche Abenteuer, in das sich Männer einlassen, wenn sie der Hafer des Wahnsinns sticht“.

    Dies zu bewältigen, dazu musste man erst erkennen, dass Kriege die zutiefst barbarische Form einer Unmenschlichkeit (Rosa Luxemburg) sind, dass man als einfacher Soldat von den „Führern“ des verführten Landes einfach nur verheizt und in einen sinnlosen Kampf um Leben und Tod gejagt worden ist. „Besondere Lage“ eine Lebenszeit zu nennen, wenn man tagtäglich dem Tod ins Auge geblickt hat? Das kann nur kühle Distanz und gereifte Erkenntnis.

    Beides gewann der in britische Kriegsgefangenschaft geratene junge Wehrmachtssoldat Lenz, der nach dem Erschießen des fliehenden Nebenmannes durch eigene Kameraden das deutsche Gewehr fortwarf und zum Feind überlief. „Unerlaubtes Entfernen von der Truppe“ war und ist für viele auch heute noch „Verrat am Eid“ oder „Verbrechen am eigenen Volk“.

    Cover. Quelle: Hoffmann und Campe
    Cover. Quelle: Hoffmann und Campe

    Lenz‘ mitlaufende Unsicherheit glich wohl dem seines Romanprotagnisten Walter Proska, wurde später schwächer – wie auch bei einigen anderen – als er begriff, dass man Verbrechern gefolgt war, dass man die Uniform einer Armee trug, die brutale Angriffskriege führte, um fremde Völker auszuplündern.

    Lenz, der „Überläufer“, fing an, seine Kriegserlebnisse zu reflektieren, ja, sie überhaupt in Dimension, Gefahr und Folgen für die eigene (Un-)Menschlichkeit zu begreifen. Sie auszusprechen („Speak it out!“ forderte ihn ein britischer Offizier kurz nach seiner Gefangennahme auf) und aufzuschreiben.

    Kurz nach Kriegsende, nach der Befreiung vom „Abenteuer“ des Nationalsozialismus, in den Wochen und Monaten nach der furchtbaren Desillusionierung eines Volkes war dies möglich. 1945/46. Denn wie so oft in Zeiten des Umbruchs – in dem Fall: des Zusammenbruchs – eines Systems stellen sich Fragen. Wer wusste es vorher? Wer tat früh etwas dagegen?

    Stattdessen hatten die meisten Deutschen ihre Geschichte parat, die die Zweifel am Geschehenen zurück in die Vergangenheit verlagerte. Das kennt man aus der Geschichte. Wenn man zum mitlaufenden Volk gehörte, nicht zu den Verfolgten oder den offensichtlichen Verfolgern. Dazu gehörten auch die Geschichten der Soldaten, die überliefen, sich versteckten, den Befehl zum Morden verweigerten. Als der Krieg längst verloren war.

    In Siegfried Lenz‘ zweitem Roman „Der Überläufer“ aus dem Jahre 1951 beschreibt der polnische Partisan Bogumil in einer Passage den ängstlichen Mut der am Krieg verzweifelten deutschen Soldaten. Mit entwaffnender Offenheit geradezu: „Sobald ihr besiegt seid, wollt ihr Brüder sein. Das kennen wir. Erst wenn ihr Gnade braucht, wenn euch das schmutzige Leben teuer wird, wenn ihr Angst bekommt, dann redet ihr von Brüderlichkeit.“

    Seine Worte kennzeichnen genau das Gefühl vieler Deutscher in den Stunden der Niederlage, sie spiegeln das Ausgeliefertsein gegenüber den Siegern wider, dabei vergessend und verdrängend, dass es immer auch die anderen gibt, die es vorher wussten und vorher handelten. Proskas Freund und Kamerad Wolfgang Kürschner, Überläufer wie er, weist auf eine winzige Stelle in der scheinbar verrammelten Tür der Menschlichkeit hin. „Wenn wir zu einem festlichen Leben gelangen wollen, muss schon ein aktives Leben in Kauf genommen werden. Wer kontrolliert denn die Werte dieser Welt? Du, du allein.“

    Aktives Leben. Das konnte für den schreibenden Ex-Soldaten und Deserteur Lenz nach anfänglichen Versuchen als Journalist nur bedeuten, die Schicksale von „Personen unter besonderem Druck“ – konkret zwischen Schießen auf Menschen oder wenn schon, dann Kampf mit der Waffe für eine „richtige“ Sache, eben für das „aktive Leben“ sein.

    Doch was war das, Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre? Die „Anti-Hitler-Koalition“ war Geschichte, aus den Verbündeten wurden Konkurrenten, die Blöcke entstanden, die Welt wurde geteilt unter den Siegern. Die einen kehrten zur bürgerlichen Demokratie zurück, ein „Weiter-so-nur-dieses-Mal-besser“-Motto verkündend. Mit mächtigen Volkswirtschaften im Rücken, mit dem „Marshall-Plan“ (1947) vorweg in der Tasche würde man es dieses Mal schaffen.

    Die anderen, auf der anderen Seite des „Eisernen Vorhangs“, teils mit aufrichtigem Enthusiasmus „Auferstanden aus Ruinen“, von schönwortreichen Ideologen beherrscht, zunächst der „Zukunft zugewandt“ und zuletzt um selbige betrogen. Dazwischen neue Grenzen, neuer „kalter“ und heißer (z. B. Korea 1950-1953) Krieg.

    Keine Chance für einen Roman über „Seitenwechsler“. Lenz packte – höflich, zerknirscht und dennoch selbstbewusst – die Ablehnung seines Romanmanuskriptes durch seinen Verlag (Hoffmann und Campe) seinerzeit zurück in den Schreibtisch. Politik prüft Menschlichkeit. Ergebnis: Durchgefallen.

    Zwei Jahre nach Lenz‘ Tod 2014 erschien dann überraschend doch „Der Überläufer“, auch unter dem angeblich so kompromittierenden Titel. Der „Spiegel“ feierte es als „Sensation“ (9/2016), man ließ zu, dass postum der Widerstandsbegriff weiter gefasst werden konnte, klar, wer maßt sich schon an, über „Personen“ zu richten, die „dem Druck einer besonderen Lage ausgesetzt“ waren?

    Immerhin, das Verweigern der Gefolgschaft in einer Diktatur wurde (wieder) Thema. Eigentlich keine Sensation. Man zitiert Lenz in dem Zusammenhang, verweist auf den offenen Schluss des Romans. „Schließlich wird jeder Sinn durch die notorische Interesselosigkeit der Geschichte widerlegt. Was bleibt ist allenfalls die Weisheit der Narben.“ (Lenz über Alfred Andersch)

    Menschlichkeit muss Prüfungen standhalten, gerade angesichts einer Geschichte, die im Moment des Geschehens niemals sicher vorgeben kann, was richtig uns was falsch ist. Das ist und bleibt eine individuelle Entscheidung des einsamen Einzelnen. Siegfried Lenz, Der Überläufer, Hoffmann und Campe (eingereicht 1951, erschienen 2016), 368 S.

    Und heute? Wenige Tage vor dem „Corona-Shutdown“ im März fertiggestellt, versucht Florian Gallenbergers Mini-Serie mit hochkarätiger Besetzung (Jannis Niewöhner, Rainer Bock, Sebastian Urzendowsky u.a.) Siegfried Lenz‘ Roman in der Kulisse masurischer Sümpfe wieder- und weiterzuerzählen. Ergänzt nicht nur um die „dramaturgisch gestreckte“ (Regisseur Gallenberger) Neverending-Story zwischen Walter Proska (Jannis Niewöhner) und Wanda (Malgorzata Mikolajczak).

    Was folgt, ist Geschichtsinterpretation. Die charmante Polin ist Partisanin der „Heimatarmee“ und ebenfalls „Überläuferin“ (Wanda zu Walter: „Wir sind beide Verräter.“), die ihr Überleben nur dem Zufall und der Laune der sowjetischen Sieger verdankt. (Wanda: „Ich glaube, die Russen hassen uns mehr als euch.“) Russisch-polnische Feindschaft. Ins Skript nachträglich implementiert.

    Geht so etwas? Klar, werden die einen sagen. Nach Katyn ´40, nach dem Warschauer Aufstand ´44 und dem Nichthelfen der Russen … und im gespannten Verhältnis beider Nachbarn in der Gegenwart. Der furchtbare Stalinismus darf nicht fehlen in Gallenbergers Drehbuch. Bei Lenz noch sparsam erzählte Randerscheinung, wird er im zweiten Teil der TV-Verfilmung zum NS-Äquivalent aufgebläht. (Walter zum SED-„Überläufer“ Wolfgang Kürschner: „Wir wollten das doch alles nicht mehr. Denunzieren und so.“)

    Erzählte Geschichte wird so zu einem interpretierten Bild-Gegenwarts-Stück, zur Rechtfertigung von gegenwärtiger Politik. Apologetik nennen es die Geschichtswissenschaftler. Neue „Weisheit der Narben“ hätten es vielleicht der sensible Autor und sein Held Walter Proska genannt. Wer weiß.

    Die neue Leipziger Zeitung Nr. 78: Wie Corona auch das Leben der Leipziger verändert hat

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