Keine Region in Deutschland erinnert so sehr an das vergangene industrielle Zeitalter in Deutschland wie der Ruhrpott. Nicht einmal das mitteldeutsche Industriedreieck, obwohl hier die Essen noch viel länger qualmten als an der Ruhr. Aber während sich Mitteldeutschland in eine Seenplatte verwandelt, verschmelzen in einer Stadt wie Essen tatsächlich Industrielandschaft und Kultur. Nur eins findet der Essen-Reisende nicht wie anderswo: mittelalterliche Stadtromantik.

So gesehen ist dieser Stadtrundgang in der Reihe des Lehmstedt Verlages durchaus ein Exot, eine Besuchsempfehlung für Leute, die sich auch von den Bausünden des 20. Jahrhunderts nicht abschrecken lassen, die ja bekanntlich viele Architekten ganz und gar nicht als Bausünden empfinden. Aber Steffi Böttger nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie beschreibt, was sie sieht.

Immerhin kann sie vergleichen, weiß, wie andere Städte mit den Herausforderungen des industriellen Zeitalters, den Kriegszerstörungen und dem Wunsch umgegangen sind, ihrem Stadtzentrum ein modernes Flair zu geben. Nicht immer konsequent. Oft vermischt sich das ja mit einer tiefen Sehnsucht nach einer Verortung in gebauter Geschichte.

Das kennen auch die Essener, auch wenn sie erst viel später als andere begannen, das eine oder andere Kleinod der eigenen Geschichte wieder zu restaurieren oder gar neu aufzubauen, sodass wenigstens ein kleines Eckchen entstand, das nicht so kalt und nüchtern wirkt wie all das, was zumeist als Zweckarchitektur gebaut wurde – etwa die Marktkirche oder die Alte Synagoge, ein Schmuckstück, das zwar nach der Brandstiftung der Nazis 1938 seine alte Pracht nicht zurückgewonnen hat, aber zeigt, wie eindrucksvoll eine Großstadtsynagoge in Deutschland vor 100 Jahren aussah.

Eine Erinnerung auch daran, wie radikal das Mord- und Ausmerzungsprogramm der Nationalsozialisten war und wie es in Deutschland bis heute eine Leere hinterlässt, die vielen nicht einmal bewusst ist.

Das betrifft nicht nur die große Präsenz der jüdischen Unternehmen und ihrer Bauten in den Innenstädten. Denn mit ihnen verschwanden ja auch die Unternehmer, Künstler, Intellektuellen. Geblieben ist nur der alte Antisemitismus, eine der vielen Formen, in denen sich die Angst der deutschen Provinz vor dem Fremden manifestiert.

Dabei ist Essen auch ein gutes Beispiel für eine Stadt, die die Herausforderungen der Moderne versucht hat anzunehmen. Auch mit Kunst und Kultur. Das Folkwang-Museum und die Villa Hügel stehen heute für zwei deutschlandweit bekannte Orte der Kulturpflege.

Letzteres war ja bekanntlich der von Alfred Krupp geschaffene Wohntempel im Grünen, in dem er für sich und seine Familie ein fast fürstliches Präsentationsbedürfnis erfüllte, noble Gäste empfing und dem Ruf des Kanonen-Königs auch eine eindrucksvolle Fassade verschaffte. Heute gehört die Villa der Krupp-Stiftung und ist Ort auserlesener Konzerte, umgeben von einem grünen Park, den Alfred Krupp noch auf einem ziemlich kahlen Gelände anpflanzen ließ.

Kaum noch vorstellbar, was für eine rußige Stadt Essen einmal gewesen sein muss, als hier die Stahlwerke mit direkt unter Essen geförderter Steinkohle beheizt wurden. An die Bergbaugeschichte erinnert heute die Zeche Zollverein, einst die größte Steinkohlenzeche der Welt – heute einen eigenen Ausflug in Sachen Kultur, Industriegeschichte und Design wert, im Grunde ein eigener Tagesausflug innerhalb der ersten Stadtrunde, die Steffi Böttger dreht.

Hier kann man noch einmal den Atem des gigantisch denkenden und arbeitenden Industriezeitalters spüren und gleichzeitig erfahren, wie sich eine junge Stadtgesellschaft der Sache annimmt, um sie in die Moderne zu transformieren. Also ein ganz ähnlicher Prozess wie in Leipzig. Nur dass die Zeche Zollverein quasi mitten im Stadtgebiet liegt und viele Essener sich noch lebhaft mit der Pott-Vergangenheit identifizieren.

Wer im Essener Hauptbahnhof aussteigt, landet quasi in einer Großausstellung der gebauten Moderne des 20. Jahrhunderts. Denn auch wenn die Stadt im 2. Weltkrieg gründlicher bombardiert und zerstört wurde als viele andere deutsche Städte, haben auch Zeugnisse jener kurzen Zeitspanne überdauert, in der Deutschland sich gerade zu einem wirklich modernen Industriestaat zu entwickeln anschickte.

Das wird oft vergessen, wenn über den Aufstieg des Nationalsozialismus geschrieben wird, dass er von Anfang an eine Gegenbewegung gegen alles war, was als modern und „multikulti“ verstanden wurde. Obwohl er mittelalterliche Bilder benutzte, um sein rassistisches Gedankengut zum Mainstream zu machen, war das Ziel immer eine Revolte gegen den Geist der modernen Metropolen, gegen die westliche Welt, gegen ein modernes Freiheitsverständnis, gegen moderne Literatur und moderne Kunst. Das Folkwang-Museum erzählt ja davon bis heute. Auch hier plünderten die Nationalsozialisten die Bestände, verkauften wichtige Kunstwerke der nur aus ihrer Sicht „entarteten Kunst“, die nach dem Krieg mühsam wiederbeschafft werden mussten.

Etliche Gebäude in der Stadt erzählen auch architektonisch von diesem Hass der Rückwärtsgewandten auf jede Veränderung, jeden mutigen Entwurf. Und dabei hat Essens Innenstadt einige markante Gebäude aufzuweisen, die von diesem Wandel der Stadt erzählen – den Handelshof etwa (den eine kurze Zeit lang die Eltern von Heinz Rühmann führten), das Haus der Technik und das Glockenspielhaus, von der Lichtburg, dem wohl schönsten deutschen Kino, ganz zu schweigen.

Verglichen mit den vielen schönen mittelalterlichen Märkten in deutschen Städten ist Essen einerseits ein Schock – andererseits auch ein Beispiel dafür, dass man seinen Kaiser Wilhelm genauso stehen lassen kann wie gleich daneben moderne Bauten wie Bischofshaus und Volkshochschule. Und ein Stückchen weiter den Dom, der die über 1.200-jährige Ortsgeschichte greifbar macht drinnen mit Goldener Madonna und Altfrid-Krypta. Hier bekommt der Liebhaber der ganz alten Geschichte seine Belohnung. Und die ganz Hingebungsvollen besuchen auch gleich noch die Domschatzkammer und St. Johann Baptist.

Immer wieder begegnet man freilich dem alten Herrn Krupp, der einst mit Kanonen für Preußen zu seinem Reichtum kam und zeitweilig mit Denkmalsturz rechnen musste. Um die große Frage der Rolle der deutschen Industriellen in den deutschen Kriegen kommt man in Essen einfach nicht herum. Es ist die Frage der jüngeren deutschen Geschichte.

Der zweite Teil des Rundgangs mit dem Aalto-Theater, der Philharmonie, dem Museum Folkwang und der Villa Hügel rückt die Krupps (auch in ihrer Rolle als Stifter) ins Zentrum, während im ersten Teil des Rundgangs die Zeche Zollverein quasi Höhepunkt und Angebot ist, hier deutlich mehr Zeit einzuplanen als nur einen Tag.

Wenn man sich erst mal dran gewöhnt hat, dass Essen so anders wirkt als die meisten anderen Reiseziele in Deutschland, wird man doch neugierig, weil hier Fragen architektonisch in den Raum gestellt sind, an denen keine Stadt vorbeikommt, wenn sie nicht zum begehbaren Museum werden will. Manche Fragen sind ungelöst. Aber das liegt nicht immer an den Architekten.,

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