Zwischen Draperie und Blüte entfaltet Sebastian Schrader eine Malerei, die dem Übersehenen zu Präsenz verhilft. Lappen, Stoffballen, abgelegte Tücher und verwelkte Blumen – das Liegengebliebene wird zum Hauptmotiv. Was scheinbar beiläufig ist, gerinnt zur Form: Der Faltenwurf fungiert als strukturgebendes Prinzip, als topografische Schrift der Zeit. In den floralen Stillleben wiederholt sich dieses Formgesetz: Blätter, Kelche, Stiele falten, kippen, knicken – wie Stoffe, die ihr Eigenleben führen.
So entsteht ein formaler Dialog zwischen Faltenwurf und Blume, in dem das Vergängliche nicht bebildert, sondern als Oberfläche, Haut und Abdruck der Zeit erfahrbar wird.
Schrader begreift seine Bilder als offene Assoziationsräume. Figürliche Fragmente, gelegentlich das neue Mutter-Kind-Motiv, treten neben textile Anhäufungen, ohne ein Narrativ zu fixieren: Die Figuren bleiben Suchende. Das vermeintlich Collagierte ist in Wahrheit durchgängig gemalt.
Malerisches und Grafisches überlagern sich, helle und dunkle Zonen verschieben die Ebene, bis die Dinge zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion schwebend verankert sind. Die dunklen Gründe der Blumenbilder erinnern an barocke Vanitas, doch das Pathos weicht einer präzisen, fast schon nüchternen Erfassung: Überreste ehemaligen Lebens, akribisch vergrößert und ins Licht gerückt.
Zugleich besitzen die Arbeiten eine ausgeprägte physische Qualität. In Schichten aufgetragene Ölfarbe verdichtet sich zu einer glatten, beinahe ledernen Haut, die das Licht gleichmäßig trägt und den Bildern einen objektartigen Charakter verleiht. Dieses sinnliche Beharren auf dem Stofflichen ist Schraders Antwort auf die Flüchtigkeit des Moments: Malerei entreißt der Zeit Augenblicke, ohne sie zu verewigen; sie hält inne, sie fragt.In dieser Konzentration auf das scheinbar Nebensächliche – Falten, Ränder, Brüche, Trocknungsränder, Staub – schärfen die Werke unseren Möglichkeitssinn: Das Kleine wird groß, das Übersehene bedeutend. Schraders Stillleben im weitesten Sinne sind Zustandsbilder einer Gegenwart, die sich im Übergang befindet. Draperie und Blume bilden dabei die beiden Pole eines Systems der Vergänglichkeit – und die Malerei ist das Medium, das diese fragile Gleichzeitigkeit sichtbar macht.
Eröffnung für die Ausstellung „Blaue Blume“ mit Arbeiten von Sebastian Schrader im Rahmen des Frühjahrsrundgangs der SpinnereiGalerien ist am Samstag, 24. April, von 11 bis 20 Uhr in der Galerie Reiter (Spinnereistraße 7, Halle 6).
Zu sehen ist die Ausstellung vom 25. April bis zum 19. Juni.
Öffnungszeiten zum Frühjahrsrundgang:
Samstag, 25. April, von 11 – 20 Uhr
Sonntag, 26. April, von 11 – 16 Uhr.
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![Sebastian Schrader, [ohne Titel], 2026. Öl auf Leinwand, 75 cm x 60 cm. Foto: Reiter Galerie](https://www.l-iz.de/wp-content/uploads/2026/04/blume2.jpg)










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