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Post aus Paidonesien: Ein Inselbriefroman mit einem sehr unheiligen Ende

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    Oriol Canosa ist nicht nur Kinderbuchautor aus Barcelona, er hat auch eine eigene Kinderbuchhandlung. 2017 veröffentlichte er „L'illa de Paidonèsia“. Kristin Lohmann hat diese Insel-der-Kinder-Geschichte jetzt aus dem Katalanischen ins Deutsche übersetzt und Meike Töpperwien hat sie mit witzigen Bildern illustriert. Am Anfang stand ein kleiner großer Ärger, den viele Kinder kennen.

    Vielleicht hat auch eine noch immer aufgeregte Mutter davon erzählt, die in seinen Laden kam und ein Buch suchte, das auch mal darüber erzählt. Wobei dieser schöne Beschreibungssatz aus der spanischen Wikipedia geradezu bezaubert: „La librería está especializada en literatura infantil y juvenil y en gastronomía.“

    Sagen Sie also nie wieder infantil, wenn sich ein Erwachsener dumm benimmt. Es ist eine Beleidigung für Kinder. Kinder sind klug. In der Regel. Und meistens mindestens bis zum sechsten Lebensjahr. Dann wird ihnen die kluge, durch nichts eingeengte Neugier auf die Welt systematisch ausgetrieben. Was Erwachsene natürlich nicht mehr wissen, weil sie in der Regel alle vergessen haben, wie es vorher war. Als man noch nicht parteiisch sein musste und sich nicht blöd stellen musste, um dampfschnaubende Bestimmer, Verbieter und Selbstgerechte milde zu stimmen, nur ja nicht zu reizen.

    Na gut. Manchmal lernen das Kinder auch schon früh, wenn sie mit Eltern zu tun bekommen, die es einfach nicht kapieren, dass das Leben nicht aus lauter Dominanz- und Machtkämpfen besteht. Machtkämpfe, die im Alltag meist ein bisschen gezähmt sind, weil der eine Selbstherrliche den ganzen Tag auf Arbeit ist und die andere vor lauter Kümmernmüssen nicht zum Donnerwettern kommt.

    Aber wenn die Minifamilie dann doch mal zusammen Urlaub macht und wochenlang auf einem dieser schwimmenden Pferche eingesperrt ist, die durch die Meere schippern und den Leuten das Gefühl geben, für einen teuren Luxus ordentlich Geld rausgeschmissen zu haben, dann kann es den kleinen Mitverdammten schon einmal so gehen wie dem neunjährigen Nicolas Pomelo, der seiner Oma aus der Karibik von der andauernden Streiterei seiner Eltern berichtet und schon mal ankündigt, dass er bei nächster Gelegenheit das Schiff heimlich verlassen und auf eine einsame Insel ausbüchsen wird. Was er auch tut.

    Wer noch vage Erinnerungen an dieses Alter hat, der weiß, dass Kinder so etwas ziemlich oft denken, wenn die Eltern ihren Dauerkrieg einfach nicht beenden können. Viele hauen dann wirklich ab. Ob das am Ende hilft und die Älteren zur Einsicht bringt, berichten die Zeitungen nie. Sie hören immer dann auf zu berichten, wenn es eigentlich wichtig und spannend wird.

    Canosa hat zumindest versucht, die Geschichte weiterzuspinnen: Was, wenn dieser Nicolas seine Ankündigung wirklich wahrmacht? Und wenn er das auch nicht nur macht, um die Eltern zu erschrecken, sondern für immer dableiben will – unterstützt von hilfsbereiten Fischern, bald gar noch von anderen Kindern, als die davon erfahren, dass da ein Junge eine ganze Insel in der Karibik quasi besetzt hat und so etwas wie eine Republik der Kinder gründen möchte.

    Was er dann auch tut – mit der cleveren Esther Blitzbirne zusammen, die auch Ahnung von Mathematik hat und den Anstoß gibt, ein riesiges Hochhaus auf der Insel zu bauen, denn mittlerweile sind tausende Kinder auf der Insel. Die UNO schickt Lebensmittel, die UNO-Generalsekretärin Mirabella McTarine unterstützt diesen neuen, winzigen Staat.

    Nur Herbert Ribisl, Journalist bei einer krawalligen österreichischen Zeitung, schießt quer und versucht, das Projekt mit seinen Mitteln zu torpedieren und sich Nicolas regelrecht aufzudrängen, obwohl das erste Gesetz, das das Kinderparlament erlassen hat, lautet: Keine Erwachsenen auf der Insel.

    Das alles erfahren die Leser/-innen dieses Buches aus Briefen, die hin- und hergehen. Ein rotzfrecher Anwalt aus London kommt zu Wort, sogar die Heiligen drei Könige, die in Spanien die Geschenke bringen, die anderswo Santa Claus durch den Schornstein schmeißt. Und natürlich Nicolas‘ Oma, die nur zu gut versteht, was ihr Enkel da anstellt, während sein Vater Ernesto Pomela regelrecht aufdreht, weil er es absolut inakzeptabel findet, dass Kinder nicht bei ihren Eltern sind. Nicolas habe also bitteschön schleunigst zu Hause aufzutauchen. Die Drohung schwingt mit.

    Die Briefe der meisten Erwachsenen sind ein leuchtendes Beispiel für anerzogene Schwarze Pädagogik: „Wehe, wenn du nicht …“

    Was sie übrigens nicht nur gegenüber Kindern machen, sondern gegenüber allen Menschen, die sie für unmündig halten. Man fühlt sich an ziemlich vieles erinnert, was derzeit in der Welt so grässlich schiefläuft, an alle diese kleinen und großen Autokraten, die den Großen Knüppel immer schon in Reichweite haben.

    Goethe: „Denn bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt …“ Wird der „Zauberlehrling“ eigentlich noch gelesen in unseren Schulen? Lernen die Kinder so die „Zauberlehrlinge“ von heute kennen, die eben keine übermütigen jungen Leute sind, sondern zumeist ziemlich alte Männer in allen Konfektionsgrößen?

    Deswegen ist das Buch auch eher kein Vorbote für „Fridays for Future“, auch wenn Kinder hier ganz ähnlich einem inakzeptablen Zustand ein Ende setzen, indem sie die Sache selbst in die Hand nehmen. Aber so eine Geschichte spornt die Phantasie an. Was kann man machen aus so einer Republik der Kinder? So etwas kann unheimliche Verläufe nehmen, wie wir seit William Goldings „Herr der Fliegen“ wissen.

    Aber da sind die Kinder schon älter und ziemlich eindeutig durch einige rabiate Elternhäuser fürs Leben verdorben. Was wir in unserer Politik austoben, ist im Grunde das ausgegorene Ergebnis von Erziehung aller Art. Und wer Rotzlöffel und Egoisten erzogen hat, bekommt auch eine Rotzlöffelpolitik. Nur so am Rande, oder auch nicht. Denn gerade in dieses Fahrwasser wollte Canosa eigentlich nicht.

    Was man merkt, spätestens, als er Weihnachten als Motiv einführt. Was eigentlich ein ganz hinterhältiger Gedanke ist, fast schon FFF-würdig. Denn auch in Spanien, auch wenn dort die Heiligen drei Könige das machen, was anderswo Knecht Ruprecht oder das Christkind übernehmen, ist das heilige Fest längst zu einem Fest des Konsums geworden, sind Kinder zum Haben-Wollen erzogen worden. Herzlich willkommen im heiligen Kapitalismus mit seinen „Plemozügen“, „ferngesteuerten Autos“, „Robotern, die alles können“ und Kindern, die glauben, dass viele Geschenke ein Zeichen von Zuneigung sind.

    Die Wunschzettel findet man auf den Seien 110 und 111. Kindliche Wünsche scheinbar, aber Zeugnis einer aufs Habenwollen fixierten Welt. Logisch, dass die Heiligen drei Könige sich weigern, für diese Riesenladung von Spielzeugplunder eine Extra-Runde durch die Karibik zu drehen. Womit eigentlich klar ist, wie die Sache endet. Denn da die Geschenke klassischerweise im Elternhaus abgeliefert werden, bekommen die nörgelnden und drängelnden Eltern ein ideales Erpressungswerkzeug in die Hand. Das „Wenn du nicht …“ endet heute eben nicht mehr in einer Tracht Prügel, sondern in einem „… bekommst du nichts zu Weihnachten … keine Schokolade … keinen Hund …“ usw.

    Tatsächlich ist Canosas Buch also eine vorsichtige Kritik an einer irren Haben-wollen-Welt, an einer Welt, in der der Besitz von überflüssigem Plunder als Belohnungs- und Bestrafungsmittel funktioniert. Was einen zum Ende hin zumindest verwirrt: Gibt es denn eigentlich kein einziges Kind, das nicht auf diese Erpressung hereinfällt? Das sich also nicht kaufen lässt?

    Denn nichts anderes ist die Moral von der Geschicht‘. Auch Nicolas und Esther Blitzbirne können diesem Sirenengesang am Ende nicht standhalten, schaffen gerade noch den Jahreswechsel, geben die Insel dann aber trotzdem auf. Da möchte man schon dabei sein, wenn man den Knirpsen diese Stelle vorliest. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie erlöst sind und glücklich, weil sich das doch wie ein übliches Happyend anhört.

    Sie verlassen die Insel und kehren zu ihren nervigen Eltern zurück, die in ihren Briefen eigentlich nicht gezeigt haben, dass sie irgendetwas daraus gelernt haben oder die Kinder tatsächlich wie vollwertige Menschen betrachten, denen sie nicht irgendwie mit Tricks ihren Willen aufzwingen wollen.

    Da tröstet auch wenig, wenn Esther und Nicolas die Kinder der Welt am Ende einladen, einfach auf die Insel zu flüchten, wenn es mal wieder Stunk zu Hause gibt.

    Klar, so eine Insel wünscht sich jedes Kind. Aber in der Wirklichkeit hat man sie im eigenen Kopf und hoffentlich einen Rückzugsort in der elterlichen Wohnung, wo sie einen dann einfach mal in Ruhe lassen. In der großen Wirklichkeit gibt es keine solchen Inseln. Und wenn es sie gibt, gehören sie einen schwerreichen Mann, der garantiert keine fremden Kinder darauf spielen lässt. Oder ein Frontex-Schiff patrouilliert vor der Küste und drängt die Kinder in ihren Schlauchbooten ab aufs Meer.

    Gerade weil die Phantasie in der Geschichte so übersprudelt und scheinbar Unmögliches ruckzuck möglich wird, fällt die Realität beim Zuklappen des Buches in ihrer ganzen erwachsenen Blödheit wieder über einen her. Spürt man auch im Zwerchfell wieder, was für verbiesterten, nie Kind gewesenen alten Säcken wir unsere Welt anvertraut haben. Und wie feige tatsächlich viele Erwachsene geworden sind, die längst vergessen haben, wie mutig, freundlich und lebenshungrig sie einmal als Kind gewesen sind.

    Es wahrscheinlich auch als Kind nicht wussten, weil sie von ihren Erziehungsberechtigten systematisch eingeschüchtert und in Angst versetzt wurden, bis sie gelernt hatten, dankbar für teure Geschenke zu sein, die sich im Kinderzimmer irgendwann als Plunder türmten. Während das Eigentliche fehlte. Und es deutet in der Geschichte auch nichts darauf hin, dass es die Kinder bei ihrer Rückkehr nach Hause bekommen werden.

    Und am peinlichsten finde ich tatsächlich, wenn Nicolas‘ Mutter Anna Prikose an Nikolas schreibt, um ihren Mann – also Nicolas‘ Vater – zu entschuldigen: „Wenn du wüsstest, was er alles unternommen hat, nur damit du zurückkommst. Manches ist mir richtig peinlich. Aber du darfst ihm das nicht übelnehmen. Er macht das nur, weil er dich so liebhat und weil er dich wieder hier haben will.“

    Wie oft haben wir das über wirklich üble und herzlose Typen sagen hören: „Du darfst ihm das nicht übelnehmen!“?

    Warum nicht? Es gibt überhaupt keinen Grund, ihm das nicht übelzunehmen und ins Gesicht zu sagen. Sonst macht er nämlich einfach weiter. Womit wir tatsächlich bei „Fridays for Future“ wären, das es 2017 noch nicht gab und von dem sich jetzt einige ältere Herren immer mehr angepisst fühlen, weil die Kinder es diesen alten Egoisten ins Gesicht sagen, dass sie ihnen ihr Verhalten übelnehmen.

    Weil es ein übles Verhalten ist. Die Insel Paidonesien säuft nämlich gerade ab.

    Und ich habe das leise Gefühl, vielen Kindern wird es nach Hören und Lesen dieser Briefe ganz ähnlich gehen wir mir: Einschlafen werden sie nicht können. Eher voller Brodeln im Bauch sein und das blöde Gefühl haben, dass sie den Bergen von (Weihnachts-)Geschenken doch lieber misstrauen sollten. Und der tollen Reise auf dem Kreuzfahrtschiff sowieso. Erst recht, wenn die Eltern sich sowieso schon immer zoffen und ihre blöden Machtspiele spielen. „Tut ihnen wohl nicht gut, so viel Zeit miteinander“, schreibt Nicolas.

    Was für eine Kindheit in einer Welt, in der es Erwachsene nicht mal miteinander aushalten.

    Die Welt ist so. Stimmt. Aber die Kinder sind daran eindeutig nicht schuld. Und die armen Kinder, die nie auf ein Kreuzfahrtschiff kommen, erst recht nicht.

    Es ist kein liebes Kinderbuch, gerade weil es am Ende mit einer gewaltigen Erpressung endet. Und das Fest der großen Erpressung steht ja wieder vor der Tür.

    Oriol Canosa; Kristin Lohmann Post aus Paidonesien, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2020, 14 Euro.

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