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Überm Schreibtisch links – Ute Freverts „Die Macht der Gefühle“

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    Geschichte und Gefühle – da sind zwar die Anfangsbuchstaben gleich, dennoch stellt sich die Frage, was politische Prozesse und Phänomene der Vergangenheit mit den „Gefühlen der Menschen“ zu tun haben sollen. Ute Frevert, 66, Direktorin des Forschungsbereichs Geschichte der Gefühle am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und Mitglied der Leopoldina-Akademie, versucht Antworten, wie Ereignisse in der Geschichte, die die Seelenhaushalte der deutschen Bevölkerung erfassen, sie bewegen, manipulieren, positiv stimulieren, kurz – sie verändern können.

    „Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung“ ist die alphabetische Reihung des 496 Seiten mächtigen Werkes untertitelt. Die „Deutsche Geschichte seit 1900“ stellt dabei den historisch-zeitlichen Orientierungsrahmen dar.

    Herausgekommen ist ein Geschichtsunterricht der tatsächlich besonderen Art. Frevert kommt ihrem Anspruch, „Vergangenes und Gegenwärtiges in ein anderes Licht zu tauchen“ – formuliert im Vorwort – durchaus plausibel und auf unterhaltsame Weise nach.

    Beginnend mit aktuellen Notizen. Wie wichtig es ist, auf Stimmungen und Stimmen aus der Bevölkerung zu hören, die Akzeptanz politischer Entscheidungen auch exemplarisch und nicht nur aus Sicht der empirischen Wissenschaften zu beachten und kritisch zu reflektieren – all dies zeigt das gegenwärtige Wechselspiel aus pandemiebedingten Einschränkungen und deren Reaktionen im „Volk“ nur allzu deutlich.

    Ob Gefühle nun Geschichte „machen“ bleibt in der Beurteilung dem interessierten Leser und der kritischen Leserin überlassen. Schaut man auf historische Tatsachen, so mag man der Autorin recht geben, dass es sichtbare Wechselverhältnisse von Ereignissen und deren emotionaler Widerspiegelung sind, die mehrheitlich sichtbare Stimmungen in der Bevölkerung erzeugen, auf die zu reagieren wiederum die regierende Politik und die Politiker/-innen gezwungen sind.

    Frevert spricht vom „Druck der Zivilgesellschaft“, welcher katalysierend wirkt und politische Entscheidungen beeinflusst. Auf die mitwirkende Rolle der Medien geht sie nicht explizit ein, es bleibt der Leserin und dem Leser überlassen, die „Macht der Medien“ und der ideologischen „Grundsteinlegung“ in der befördernden Dimension selbst zu beurteilen.

    Gefühle der Menschen seien nach Frevert „erfahrungsgesättigt und kulturell geformt“. Auch die sozial-politische Perspektive lässt die Autorin nicht aus den Augen. Dazu entwirft sie am Beispiel der einzelnen Begriffe auch eine Feldskizze der Veränderung der Begriffsinhalte – Beispiel „Ehre“ – mit Blick auf sozialrevolutionäre Veränderungen in der Vergangenheit. Interessant ist dabei zu lesen und mehrere Gemeinsamkeiten festzustellen:

    – Gefühle sind nicht nur „kulturell geformte“ Zustände, wie Frevert meint, sie werden von herrschenden Systemen, Institutionen und deren Protagonist/-innen bewusst versucht zu erzeugen, sie „brechen“, wie Frevert richtigerweise feststellt, nicht wie „Naturgewalten“ über die Menschen herein (Beispiele wären hier „Neid“ oder „Hass“).

    Die neue „Leipziger Zeitung (LZ)“, VÖ 29.01.2021

    Die Autorin zeigt an verschiedenen Etappen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie „erfolgreich“ Politiker – sei es in demokratischen Versuchen oder diktatorisch dunklen Zeiten – Gefühle als Instrumente der Massensuggestion und -mobilisierung einsetzten (Beispiel: „Hoffnung“). Oftmals sind es Elemente der Kunst und Kultur, derer sich die Herrschenden bedienen, um kampagnenartig Bewegungen im Volk zu erzeugen, die wiederum Massen in Bewegung setzen können.

    Die deutsche Geschichte ist tragischerweise doppelt „reich“ an Versuchen, die Landkarte Europas mit dem Griff nach den Ressourcen der Welt zu verändern. Gefühle, welche Millionen von Menschen bewusst, überzeugt und willentlich in die Schützengräben Frankreichs und Belgiens oder in die eiskalten russischen Weiten und zuletzt in den Tod marschieren ließen, mussten emotional verspürte „Defizite“ der Menschen ansprechen, „antriggern“ wie man neudeutsch formulieren würde.

    – Gefühle sind individuell und zugleich kollektiv in ihrer Erscheinung. Sie entstehen nicht nur in einem dialektischen Verhältnis zwischen Basis und Überbau, sondern auch in einem Wechselspiel zwischen „Masse“ und einzelnem Menschen. Frevert reichert ihr Werk mit unzähligen persönlichen Lebenszeugnissen der Beteiligten an, zitiert aus Briefen an Präsidenten, dem „Führer“ und dem Generalsekretär.

    Dadurch erhält ihre Darstellung eine konkret-fassbare Note, man schüttelt beim Lesen ein ums andere Mal den Kopf, mit welcher Vehemenz Gefühle und Emotionen Menschen zu rühren, bewegen, zu trauern und zu erfreuen, ja zu be-feuern verstehen.

    – Gefühle sind in ihrer Gerichtetheit und auf der Bedeutungsebene dynamische Phänomene. Sie unterliegen Veränderungen im Hinblick auf ihre Objektbezogenheit. Verehrten die Massen zu Beginn des 1. Weltkrieges „Kaiser und Vaterland“, übernahm im schrecklichen 2. Akt des Welteroberungsversuches der „Führer“ die Rolle der Autorität, schwand das Vertrauen später, was die Hoffnung in die Führung der SED-Parteispitze betraf; im Westen Deutschlands hingegen hoffte man auf das „Wirtschaftswunder“ und zeigte materielle „Solidarität“ mit den „Brüdern und Schwestern“ im Osten.

    Apropos Hoffnung. Hier offenbart sich ein breites Spektrum, lassen sich doch der Bevölkerung unseres Landes optimistisch betrachtet und unter Umständen Erkenntnis- und soziale Verhaltensfortschritte attestieren. (?) Von vagen Zukunftshoffnungen und kaiserlicher „Nostalgie“ nach dem 1. Weltkrieg bis hin zur hoffnungsvollen Bewegung „Fridays for Future“, die sich der Rettung des Weltklimas zuwandte.

    Letztes Beispiel: Für die lehrenden Pädagogen bleibt die „Neugier“ ein im besten Sinne spannendes Begriffsfeld. Zunächst verteufelt im späten Mittelalter, bekam die „Gier nach Neuem“ im beginnenden Zeitalter der Aufklärung eine fortschrittliche Seite. Und dies bis heute. Brauchen wir nicht die „wissenschaftliche Neugier“, Substanzen zu finden, um tückische Krankheiten zu besiegen, um uns anschließend und vor allem nachhaltig weiteren Bedrohungen der Menschenexistenz zuzuwenden? Frevert als erfahrene Historikerin versteht es, ihre Leser/-innen mit Geschichte zu interessieren. Gibt stets den Überblick über die Begriff UND Geschichte, vergisst dabei nicht den Bedeutungswandel der „mächtigen Gefühle“.

    Die Reihung des Alphabets gibt dieser Gefühlssammlung die notwendige Struktur. Egal, ob „Scham“ oder „Angst“ – man kann sich das passende und interessierende Gefühl heraussuchen, ohne den Überblick über das Gesamtwerk zu verlieren. Beinahe ein „Nachschlagewerk“ der Gefühlsgeschichte, verbunden mit der Historie des 20. Jahrhunderts. Absolut lesens- und empfehlenswert.

    Ute Frevert, Mächtige Gefühle, S. Fischer-Verlag 2020, 496 S, 28 Euro.

    „Überm Schreibtisch links – Die Macht der Gefühle“ erschien erstmals am 29. Januar 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 87 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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