Woran erinnert sich ein Schauspieler nach 49 Jahren auf der Bühne? Ist es Zeit, Bilanz zu ziehen? Irgendwie muss sich der 1949 in Saas Fee geborene Schweizer Schauspieler, Regisseur und Autor Jörg Reichlin 2022 so gefühlt haben. Vielleicht war es auch die Ruhe nach den zwei Corona-Jahren. Jedenfalls setzte er sich hin und schrieb die Episoden aus seinem Schauspielerleben auf, die ihm so einfielen.

Vieles – eigentlich sogar das Meiste aus seinen ganz frühen Jahren als Schauspieler. So ist das menschliche Gedächtnis ja gestrickt: Wenn man jung ist, brennen sich die Ereignisse noch ein, regt man sich unheimlich auf, ist voller Zweifel und Enthusiasmus. Und legt sich auch schon mal – wie Reichlin – mit einem gerade gekauften schweren Motorrad auf die Straße, weil man unbedingt vorher schon wissen will, wie sich Motorradfahren anfühlt für die erste große Rolle im Film.

Die dann platzt, weil der Held im Krankenhaus liegt. Die Spätfolgen für seinen im Motorblock verklemmten Fuß spürt Reichlin noch heute. Es sind nicht die einzigen Folgen von Unfällen in seiner Schauspielerlaufbahn. Und trotzdem staunt er, dass er tatsächlich so lange in diesem Beruf ausgehalten hat, immer wieder auch bekannt für seine akrobatischen Einlagen, bei denen er auf die Meldungen seines Körpers dann wenig Rücksicht nahm. Denn wenn der Schauspieler auf die Bühne kommt, ist alles vergessen, wird er vollkommen zur Rolle.

Es sei denn, die Kollegen holen vorher die Pfleger, die ihn – nach einem Mauersturz – mit schwerer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus bringen.

The show must go on

Wahrscheinlich können viele Schauspieler und Schauspielerinnen solche Geschichten erzählen. Und zwar gerade die nicht ganz so berühmten. Mehrfach weist Reichlin auf die Welt der freien Schauspieler und Theatergruppen hin, in der er seine ersten Schritte im Beruf tat. Eine Welt, in der es eigentlich keine Sicherheit und keine Förderung gab. Und so viel hat sich ja an der prekären Existenz freier Schauspieler bis heute nicht geändert. Viele erlebten es ja in der Corona-Zeit mit Wucht.

Vielleicht spielte das auch mit bei Jörg Reichlins Erinnerung daran, wie er in dem Metier Fuß fasste und ziemlich schnell lernte, sich nicht einschüchtern zu lassen und sich durchzubeißen. Und auch die Kritik geachteter älterer Kollegen so zu nehmen, wie sie tatsächlich fruchtbar wird: Bei der Generalprobe noch nicht sichtbar als Charakter? Proben, üben, hereinwachsen in die Rolle.

Schauspielerei lebt von Präsenz. Und mit Reichlin lernt man das Gewerbe tatsächlich von innen kennen. Als Zuschauer sieht man ja nur den Helden, das gefeierte Stück, klatscht Applaus. Dass die Truppe da vorn vielleicht mit den Einnahmen gerade so über die Runden kommt und nach einem harten Arbeitstag vielleicht nicht mal mehr eine offene Kantine vorfindet, das vergisst man schnell. Man ist ja beschenkt. Auch wenn man nicht wirklich weiß, was für eine Arbeit dahinter steckt.

Das Bild des leichtlebigen Schauspielers jedenfalls lässt Reichlin so nicht stehen, auch wenn er einige Kollegen kennengelernt hat, die gern einen über den Durst gefeiert haben. Aber tatsächlich besteht der Beruf vor allem aus Fleiß, Konzentration und immer wieder ganzer Hingabe, auch und gerade erst dann, wenn die Bühnenarbeiter zu spät fertig werden und der Vorhang sich trotzdem pünktlich öffnen muss. Denn man kennt den Spruch „The show must go on“ zwar aus Hollywood – aber er gilt für alle Theaterensemble.

Auch und gerade die freien, die oft stundenlange Anfahrtswege haben, bevor sie dann – geschminkt und kostümiert – auf die Bühne gehen und das Publikum für Stunden bezaubern. Oder – was Reichlin öfter gelang – zum Lachen zu bringen. „Der Funke springt über“, heißt es dann. Das Publikum ist ja nur ihretwegen da. Das darf man nicht enttäuschen.

Wozu man Theater braucht

Und gerade weil Reichlin aus dieser Perspektive erzählt, bekommt man so eine Ahnung davon, warum eine Gesellschaft Theater braucht und Schauspieler, die sich Abend für Abend für die Zuschauenden verwandeln, ganz in ein Stück hineinschlüpfen und damit auch den Zuschauern für diesen Moment ermöglichen, sich ganz ihren Emotionen hinzugeben. Auch etwas freizulassen in sich. Denn genau so wirken gute Inszenierungen.

Selbst solche, die scheinbar aus dem Ruder laufen, wie es Reichlin auch schon erlebt hat. Da kann selbst ein nicht mehr zu bremsendes Lachen dazu führen, dass die Schauspieler zwar völlig aus der Rolle fallen – aber wenn dann auch das Publikum lacht, ist trotzdem passiert, worum es im Theater immer geht.

Dennoch erzählt Reichlin natürlich von ziemlich vielen kleinen und großen Bühnenunfällen, manchmal aus Leichtsinn passiert, manchmal in der Hektik des Betriebes. Manchmal funken – gerade bei den beliebten Freiluftinszenierungen – Regen und Hagel dazwischen. Manchmal landet einer auch in einer Rolle, die er nie im Leben gespielt hätte, hätte er das ganze Drehbuch vorher gekannt. Was auch Reichlin nicht daran hinderte, selbst aus einer frustrierenden Rolle etwas zu machen, was die Zuschauer in Bann schlägt. Oder atemlos macht.

Denn auch dazu ist Theater ja da: Das Frappierende zu zeigen, das unser Menschsein ausmacht, das Unheimliche und auch das Böse, das immer da ist. Und mit dem wir so ungern rechnen. Sind denn nicht alle Menschen gut? Nicht wirklich.

Nie klein beigeben

Manchmal sind es auch Staaten und Regierungen, die das Unheil über die Menschen bringen. Manche Helden sind tragisch. Manchmal hilft auch eine bis dahin nicht dagewesene DDR-Schweizer-Filmproduktion dabei, dass der junge Jörg Reichlin den heruntergewirtschafteten Osten kennenlernt und mit einem durchgehenden Pferd fast eine Katastrophe erlebt. Auch ein Fenstersprung als Mackie Messer wäre beinah schlimm ausgegangen.

Aber man merkt, dass auch diese vielen kleinen Katastrophen dazu gehören. Sie zeigen, dass so ein Schauspielerleben nicht ohne Gefahren ist. Manchmal auch ganz menschliche wie Aussetzer auf der Bühne. Motto: „Wäre ich doch nur durch eine Falltür verschwunden.“ Aber Reichlin erzählt so, dass man immer wieder mit ihm in seiner Haut steckt und die Welt, die Bühne und die vom Scheitern bedrohte Aufführung aus seiner Perspektive sieht.

Und er lässt es nicht dabei, sondern erzählt auch, dass Schauspieler auch jenseits von Bühne und Tourenbus ein Privatleben haben. Sie müssen, wenn sie eine Familie ernähren wollen, genauso hart ranklotzen wie andere Leute. Manchmal noch härter, weil es für den Schauspielerberuf deutlich weniger Absicherungen gibt als für die meiste anderen, „normalen“ Berufe. Da spürt man auch einiges an Stolz darauf, nie aufgegeben zu und es tatsächlich geschafft zu haben, eine Familie zu gründen und für sie auch etliche harte Engagements auf sich zu nehmen.

Hätte ich ihn nur angerufen …

Gerade weil es ein so persönliches Buch geworden ist, ist es einer der seltenen wirklichen Einblicke in die Welt eines Schauspielers, der sich nicht hinter seinen Rollen und auch nicht hinter seinem Ruhm versteckt. Oder gar einen Ghostwriter für sich aufschreiben ließ, wie er gern von der Welt gesehen werden möchte. Da und dort erwähnt er Kolleginnen und Kollegen, mit denen er immer wieder gern zusammengearbeitet hat.

Aber er erspart sich das übliche Erwähnen von Stars – außer an einer Stelle, wo sie dann am Bett des wieder mal heftig Verunglückten stehen und mit ihm für das aktuelle Stück proben, denn alle glauben fest daran, dass er wieder dabei sein wird und keinen Ersatz braucht.

Nur über eins ärgert er sich auch noch Jahrzehnte später: Dass er Dürrenmatt nicht angerufen hat, als er Dürrenmatts Hörspiel „Der Prozess um des Esels Schatten“ für die Bühne bearbeitete. So kann er nur vermuten, dass Dürrenmatt die Bearbeitung wahrscheinlich doch gut gefunden hätte. Aber bevor er sich den Anruf zutraute, starb der berühmte Dramatiker.

Aber ein bisschen Wehmut gehört nun einmal dazu, wenn man zurückschaut auf so ein langes Schauspielerleben. Manches hat man verpasst, das gehört dazu. Aber anderes hat viel besser geklappt, als man es sich selbst zugetraut hat. Das stellt auch Reichlin immer wieder fest. Und wer ihn bisher aus Film und Fernsehen oder gar von der Bühne noch nicht kannte, lernt ihn jetzt kennen in einem Buch voller „verrückter Episoden aus Theater und Film“.

Jörg Reichlin „Im Rampenlicht. Verrückte Episoden aus Theater und Film“, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2023, 18 Euro.

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