Es klingt so schön, wenn man es auf dem Cover liest: Normalität, Augenmaß, gesunder Menschenverstand. Wer wünscht sich das nicht. Aber – der Mensch hat eine Position. Aus der schaut er auf die Welt. Und vergisst dabei, dass das, was er sieht, nur das ist, was er für normal hält.

Es gibt so viele Normalitäten, wie es Menschen gibt. Auf welche einigt man sich? Welche ist für alle gültig? Antwort: Keine. Das ist das Problem an diesem Buch, das ein Zurück suggeriert, das es nicht gibt. Es ist eine Enttäuschung. Aber das kann passieren, wenn man Bücher mit vielversprechenden Titeln bestellt.

Und von Leuten, von denen man eigentlich denkt, sie hätten sich in ihrem Berufsleben ausgiebig damit beschäftigt. So wie Norbert Bolz, der bis zu seiner Emeritierung 2018 an der TU Berlin Medienwissenschaften lehrte. Was immer das ist. Möglicherweise sind es Verwandte von Kommunikationswissenschaften und Journalistik. Aber das wissen nur diejenigen, die in seinen Vorlesungen saßen.

Wissenschaftlich gibt er sich auch in seinem Buch: Er stellt eine These auf. Das ist schon einmal gut. Eine These muss man gut begründen, bevor man seine Argumente darauf baut. Aber das tut Bolz nicht. Leider. Man hätte ja was lernen können.

Seine These lautet: „Unsere bürgerliche Gesellschaft ist einem Zangengriff auf die Normalität ausgesetzt – einmal durch die ‚Wokeness‘ der Kulturrevolutionäre und zum anderen durch den Alarmismus der politisch-medialen Elite. Die Wokeness stellt das Verhältnis von normal und pathologisch auf den Kopf. Der Alarmismus stellt das Verhältnis von normal und extrem auf den Kopf.“

Ist das so? Nein, ist es nicht. Das ist es nur, wenn man sich in einer Blase aufhält, in der man nur die „Hypermoralisten“, wie Bolz sie nennt, und die Alarmisten sieht. Und zwar nur bestimmte. Dass er sich dagegen verwahrt, sich als „alter weißer Mann“ klassifiziert zu sehen, verrät einiges.

Tatsächlich führt er die Argumentation der „weißen, heterosexuellen Männer“. Er sieht die kleinen Grabenkämpfe. Und hält seine Position für normnal. Was sie nicht ist.

Denn was nimmt unsere Gesellschaft tatsächlich in die Zange? Die „Wokeness“-Bewegung, die bis heute eine rein akademische Angelegenheit ist und die Mehrheit der Menschen nicht die Bohne interessiert? Ganz bestimmt nicht.

Und was Bolz mit dem „Alarmismus der Medien“ bezeichnet, wird später deutlich, wenn er schreiubt: „Stattdessen stehen die Zeichen auf ‚Degrowth‘ und Deindustrialisierung. Man schaltet die Atomkraftwerke ab, erzwingt eine absurde ‚Energiewende‘ und überzieht unsere alltägliche Lebenswelt mit Verboten und Tabus.“

Wessen Alarmismus eigentlich?

Das ist eine Position. Eine weit rechts draußen. Und bedient einen Alarmismus, der ebenfalls von ganz weit rechts kommt. Bolz hat eine Position bezogen und erklärt sie für normal. Er sieht seine Normalität bedroht.

Und glaubt, mit gesundem Menschenverstand zu argumentieren, indem er all die Veränderungen nicht will – die übrigens nicht nur in Deutschland passieren. Die Welt verändert sich. Und die Klügeren suchen Lösungen dafür. Die anderen fühlen sich beleidigt, weil sich vor ihren Augen die empfundene Normalität auflöst.

Er fühlt sich bedroht, will das aber nicht und schreibt es den angstmachenden Medien zu. Das mit den abgeschalteten Atomkraftwerke nach Fukushima ist für ihn reine Panikredaktion. „Es geht hier um die Gefahr der noch unerkannten Gefahr“, schreibt er.

„Und mit ihr lähmt eine Politik der Angst die technologische Entwicklung. Unterstützt wird sie dabei von einer medialen Angstindustrie. Ob man fernsieht oder ein Nachrichtrenmagazin liest – überall wird die Apokalypse als Ware verkauft. Katastrophe ist der inflationär gebrauchte journalistische Begriff für Risiko.“

Nun ja: Man kann Dürren, Überschwemmungen, Bergstürze und brennende Wälder auch anders bezeichnen. Wenn die Zahl der durch ein erhitztes Klima ausgelösten Katastrophen zunimmt, dann ergibt das natürlich ein Bild, das Angst macht.

Falsch ist es nicht. Es ist die Welt, in der wir leben. Und es ist eben keine „Angstindustrie“, die diese Phänome ins Bewusstsein rückt. Es ist unsere Wirklichkeit. Und vernünftigere Menschen suchen Lösungen.

Das will der 72-Jährige irgendwie nicht. Beschwört lieber immer wieder das, was konserative Politiker so gern Technologieoffenheit nennen. Als hätten die Ingenieue irgendewo lauter kluge Erfindungen in petto, die uns ersparen würden, auf den Klimawandel Rücksicht zu nehmen. Haben sie aber nicht. Oder sie sind so unpraktikabel, dass kein Konzern sein Geld darauf verwettet.

Handwerkszeug: Skepsis und Zweifel

Journalismus hat eigentlich eine sehr schöne, aber von Lehrstühlen aus oft unsichtbare Seite: Er zwingt zum Nachschauen, was ist wirklich dran an den Versprechen und Verheißungen. Skepsis und Zweifel sind die grundlegenden Handwerkszeuge.

Was nicht heißt, dass die Leser und Zuschauer das goutierten. Denn das sind in der Regel die anstrengenderen Beiträge in der Zeitung und im TV. Die das Aufmerken und Mitdenken verlangen, nicht den süffigen Konsum.

Was zumindest angedeutet wird, wenn Bolz über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wettert: „Aber vor allem die öffentlich-rechtlichen Medien agieren geradezu als Feinde der Meinungsfreiheit und haben sich durch Zensurmaßnahmen des Nichtberichtens und der unverhohlenen Parteinahme für links-grüne Politik die namens ‚Lückenpresse‘ und ‚Staatsmedien‘ durchaus verdient.“

Schaut da einer nur selektiv und verdammt dann alles in Bausch und Bogen? Sitzt er daheim in seinem Kämmerlein und hält es nicht aus, dass seine Meinung nicht immerfort ins Bild kommt?

Da ist er verbissen: „Souverän ist, wer darüber entscheiden kann, was Meinungsfreiheit ist“, schreibt er. Was er darunter versteht, hat er kurz vorher erzählt: „Die deutsche Politik führt den Krieg gegen die abweichende Meinung mit der ‚Brandmauer‘ gegen die AfD mit dem neuen Strafbestand der ‚Hassrede‘ und mit Regulierungsdrohungen gegen unliebsame Medien wie X.“

Das ist die Sicht aus einer ganz bestimmten Position. Und das ist eine sehr rechte. Eine, die Veränderungen fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. Veränderungen, die trotzdem kommen, obwohl sie – erstaunlich, aber wahr – medial und politisch bekämpft wurden.

Denn das Erstaunliche ist: Bolz spiegelt tatsächlich nur mediale Debatten, die gerade das Land aufgewühlt haben. Also gar nicht vertuscht und verschwiegen wurden. Aber aus jener Position, aus der Bolz schaut und schreibt, nimmt das alles eine eigentümliche Farbe an:

„Nun kann man sich fragen, wie es einer Regierung gelingen kann, dauerhaft gegen die Mehrheit der Bürger zu regieren – man denke nur an das Gendern, das Heizungsgesetz und vor allem natürlich die Massenmigration ‚ohne Obergrenze‘. Das kann man nur durch eine Politik der Panik erreichen, die bei Corona getestet und nun auf Klima und Energie übertragen worden ist.“

Stolz und Vorurteil

Erstaunlich: Als hätte er aus einem Parteibuch abgeschrieben, in dem die „Massenmigration“ der Dauerton ist. Aber es bleibt Unfug. Um es einmal so zu formulieren, wie es tatsächlich passiert ist: 2015 hat Deutschland fast 1 Million Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Syrien aufgenommen.

Das war eine Menge. Und es war ein verdammter humanitärer Akt. Auf den die Deutschen durchaus einmal stolz sein könnten. Denn wenn man seine Sichtweise ändert, sieht man die Herausforderungen. Und einen Zipfel der Wirklichkeit, in der wir tatsächlich leben.

Am Ende beruft sich Bolz gar auf die Aufklärung, „den Mut, selbst zu denken, sich auf den eigenen Menschenverstand zu verlassen und den Mut zur Normalität“. Da geht es, wie man sieht, munter durcheinander.

Und Immanuel Kant würde sich die Haare raufen, denn mit dem „Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen“, meinte er ganz gewiss nicht, sich „auf den eigenen gesunden Menschenverstand zu verlassen“.

Genau das hat er in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ nämlich hinterfragt. Denn der so gern zitierte „gesunde Menschenverstand“ irrt so gern. Weil er ungern nachfragt, prüft, gar sich selbst hinterfragt.

Weshalb auch Bolz’ Bild von Wissenschaft sehr eigentümlich anmutet. „Wir beherrschen die Welt also mit Techniken, die aus einer Wissenschaft hervorgegangen sind, die sich vom Maß des Menschen völlig abgelöst haben. Mit anderen Worten: Der Wahrheitsbezug dieser Wissenschaft wird in der Moderne zunehmend gelockert. Nicht die Suche nach Wahrheit, sondern die Selbstbehauptung des Menschen leitet die Forschung.“

Inszenierte Betroffenheit

Da dürften sich eine Menge Wissenschaftler ziemlich veralbert vorkommen. Und ihre Forschung gleichsam diskreditiert sehen. Welche Wissenschaft meint Bolz da eigentlch? Die Physik? Die Chemie? Die Biologie? Oder die Klimatologie, die längst mit hohem wissenschaftlichen Aufwand beschreibt, was passiert, wenn man die Atmosphäre eines Planeten so aufheizt, wie wir das tun?

Aber für Bolz sind „Tsunami, Wirbelstürme und Überschwemmungen, Hungersnot und Krieg“ nur „sichtbare Unglücke“, die wir am Bildschirm verfolgen. Ergebnis für ihn: „inszenierte Betroffenheit“.

Womit er letztlich von sich spricht, von seiner eigenen kleinen Normalität. Nicht von der all jener, die sich tatsächlich betroffen fühlen. Es ist die Position eines alten Mannes, der daheim vor seinem Fernseher sitzt und sich über die Welt ärgert.

Was er sogar selbst beschreibt: „Andererseits steigert die Informationsflut die Stimmungsschwankungen der Menschen ins Extreme. Frei flottierende Angst und extreme Reizbarkeit sind gleichwertige Affekte zur Verarbeitung dieser allgemeinen Unsicherheit.“

Aber die Wahrheit ist: Die zunehmenden Klimaextreme sind unsere neue Normalität. Das mag die alten weißen Männer nicht kümmern, die gern eine Normalität zurückhätten, die es auch früher nicht gab. Die Welt verändert sich. Ständig. Und die Normalität der einen ist ganz bestimmt nicht die der anderen.

So gesehen scheitert Bolz auch an seiner grundlegenden These: Es gibt nicht die eine, für alle gültige Normalität, die er im Zangengriff glaubt. Eher macht er deutlich, wie die gefühlte Normalität einiger alter weißer Männer aussieht, denen die Krisen der Gegenwart Angst und Bange machen.

Ein Buch, das leider überhaupt nicht hilft, die Widersprüche unserer Gegenwart besser zu verstehen. Schade drum.
Norbert Bolz Zurück zur Normalität Langen Müller Verlag, München 2025.

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