Er ist nicht der einzige, der jeden Tag voller Bedauern durch Leipzig läuft und sieht, was die Leute alles so wegschmeißen, weil sie es nicht mehr brauchen, es kaputt ist oder einfach übrig bleibt bei Bauarbeiten. Dinge, die oft leicht wieder repariert werden können. Oder mit ein wenig Handarbeit in neue, stilvolle Gegenstände verwandelt werden können. Und dabei war Staisch, als ihn diese Begeisterung für die fortgeworfenen Dinge packte, gar kein Handwerker. Aber was man nicht kann, kann man lernen.
Sein Buch ist ein Ausflug in eine Welt, die in Leipzig schon längst viele Anhänger und Mitstreiter hat. Denn dieses Bedauern darüber, dass wir zu einer gedankenlosen Wegschmeißgesellschaft geworden sind, teilen immer mehr Menschen.
Erst recht, wenn sie sich auch noch mit dem riesigen Ressourcenverbrauch und der enormen Klimabelastung durch unsere Konsumgesellschaft beschäftigt haben. Was auch Konrad Staisch getan hat, der 1993 in München geboren wurde, an der HGB Leipzig Illustration studierte und hier dann auch ein kleines Haus erwarb, das er dann auch noch selbst renovierte und dabei seine Liebe zum Handwerk entdeckte.
Von der er natürlich auch erzählt in diesem Buch, das selbst ein Stück Handwerk ist und ganz bewusst so aussieht, wie es aussieht: ohne Schutzumschlag, mit sichtbarer Fadenheftung, auf Papier gedruckt, das in der Druckerei übrig geblieben war.
Man erfährt am Ende also auch noch ein bisschen was über das Büchermachen und wie man – wie der Buchverlag Ankerwechsel aus Hamburg – selbst bei der Konzeption eines Buches auf Sparsamkeit, Nachnutzung und eine Minderung der CO₂-Belastung achten kann. So gesehen: ein Buch, das selbst erzählt, wie wir schonender mit unserer Umwelt umgehen können.
Jeder kann klein anfangen
Abee Staisch erklärt es zur Einführung auch noch selbst. Für all jene, die Bücher wie „Befreiung vom Überfluss“ von Nico Paech oder „Weniger ist Mehr“ von Jason Hickel nicht gelesen haben. Und sich auch noch nicht gefragt haben, warum die Besessenheit vom Wachstum der wesentliche Grund dafür ist, dass wir unser Klima, unsere Ozeane, die Artenvielfalt, unseren schönen Planeten systematisch zerstören und ganz offensichtlich niemand in der Lage ist, diesen Wahnsinn zu bremsen.
Weshalb Konrad Staisch seine Leserinnen und Leser auch nicht mit dem Gedanken überfordert, sie könnten ganz allein die Welt retten. Das können wir alle nicht. Und das schlechte Gewissen, das uns verlogene Fossilkonzerne mit dem „ökologischen Fußabdruck“ machen, müssen wir uns auch nicht einreden lassen.
Denn damit versuchen sie einfach, die Schuld an der Zerstörung der Welt auf den Einzelnen anzuwälzen, während sie fette Milliardengewinne einstreichen und fossile Politik finanzieren. Während der Einzelne sich gar nicht wehren kann.
Aber wir können unser Denken ändern über den Umgang mit der Welt und ihren endlichen Ressourcen. Darum geht es Konrad Staisch, der in diesem Buch erzählt, wie er zum Sammler weggeworfener Dinge wurde und voller Aufmerksamkreit durch die Stadt läuft, um eben diese Dinge aufzuheben und mitzunehmen.
Gern mit Kinderwagen. Dazu eigne sich das Gefährt nun einmal bestens, stellt er fest. Das Kind im Wagen schläft ja meist. Und untendrunter ist Stauraum. Für weggeworfene Bretter, Nägel, Lampen, Eimer, Stühle, Vasen. Oft lauter Dinge, die man mit ein bisschen Geschick wieder reparieren kann. Oder die man – mit handwerklicher Kunst – in stilvolle Tische und Regale verwandeln kann.
Können wir nicht anders?
Manchmal wird es auch Staisch zu viel. Dann verhängt er sich einen Sammelstopp. Man ahnt, wie sich das anfühlt, wenn man erst einmal aufmerksam geworden ist auf die Schätze, die andere Leute gedankenlos wegschmeißen. Er ist nicht der einzige in Leipzig, der es begriffen hat.
Der sächsische Reparaturbonus spielt hier eine Rolle genauso wie die Repartaturcafés in Leipzig oder das Projekt der Stadtreinigung Leipzig „Mein Leipzig schon’ ich mir“ mit dem Konzeptladen Wiederschön. Denn auch in den Containern der Stadtreinigung landet so manches, was andere Leute sehr gut gebrauchen können.
Und so diskutiert Konrad Staisch für sich eben auch die Frage, ob wir unsere Art zu wirtschaften nicht ändern können? Raus aus dem wilden Wachstum, hin zu einer Gesellschaft, die wieder langlebige Produkte herstellt und die Dinge lieber repariert, als sie wegzuschmeißen und billigen Ersatz dafür zu kaufen (der dann noch schneller kaputtgeht).
Es sind alles Gedanken, die auch anderen durch den Kopf gehen, wenn sie vor der Frage stehen, ob man das Lieblingshemd nicht einfach flickt, das Kabel am kaputten Toaster austauscht oder schöne Dinge, die nur in der Schrankwand stehen, vielleicht doch lieber zum Tauschschrank an der nächsten Ecke bringt, wo sie andere Leute finden können. Würde das unsere Wirtschaft kaputtmachen, wenn wir wieder so denken und handeln?
Das ist eine spannende Frage, die auch die vielen Ideen zu einem anderen Wirtschaften – wie Degrowth – noch nicht wirklich beantwortet haben. Aber so wie Konrad Staisch kann jeder agieren. Zumindest, wenn er im Keller genug Platz hat für einen großen Schrank, in dem man die Fundstücke ordentlich sammeln und beschriften kann.
Und auch ein Plätzchen im Haus, an dem er (oder sie) in aller Ruhe fräsen, schleifen, bohren, schrauben kann. Denn eins ist wichtig, betont Staisch: Man muss sich Zeit und Ruhe nehmen. Hektik hilft gar nichts. Gute Arbeit braucht Geduld. Aber das Ergebnis geht zu Herzen. Gerade dann, wenn einem gelungen ist, was man sich vorher handwerklich nicht zugetraut hätte.
Sammeln, Teilen, Tauschen
Also zählt Staisch auf, was er alles so sammelt, und erzählt, wie er es lagert. Und dann gibt er Tipps zu den notwendigen Werkzeugen, die man braucht, wenn man selbst loslegen will. Oder die man sich ausleiht, weil man natürlich nicht jeden Tag eine Schlagbohrmaschine oder einen Schwingschleifer braucht.
Auch das ein Thema von sparsamem Umgang mit Ressourcen: Was man nicht täglich braucht, leiht man sich aus, wenn man es braucht.
Und dann geht es los, erzählt Staisch eben schön akribisch, wie er anfing, Dinge selbst zu bauen – wie Regale, Tische, Garderoben. Wie er anfing, Kleidung selbst zu reparieren, Reißverschlüsse auszutauschen …
Da wird sich manches Kind aus dem Osten an den Kopf fassen: Das kennt man doch alles schon. Das war ja zu Elternzeiten ganz normal. Und es bereichert, wenn man es wieder lernt. Und dabei richtig kreativ werden kann.
Denn wenn man die ganzen Fertigkeiten erst mal drauf hat, dann fallen einem auch Sachen ein, wie man aus leeren Kanistern extravagante Lampen bauen kann, den alten Wäschetrockner wieder funktionsfähig macht, sich ein Sofa Marke Eigenbau zusammenschraubt, Kerzen gießt oder Kompostkisten zusammennagelt.
Wenn Politik nur in Wegschmeiß-Kategorien denkt
Wenn man erst einmal auf diesem Weg ist, wird schon greifbarer, wie eine Reparaturgesellschaft aussehen könnte, in der man die teuren Dinge eben nicht auf den Müll schmeißt, wenn sie einen Defekt haben, sondern repariert.
Und dazu auch die Ersatzteile im Handel bekommt. Denn das ist auch politisch regelbar. Wenn man denn Politiker wählt, die das begreifen und auch wollen. Und die nicht auch Politik und Wähler als Wegwerfprodukte behandeln, was eben leider derzeit Mode zu sein scheint.
Man merkt, dass es die ganze Zeit um Respekt geht, um Achtsamkeit und einen aufmerksameren Umgang mit unserer Umwelt. Und dadurch auch mit uns selbst. Denn unser Empfinden für das, was richtig ist, begründet unsere Moral. Und unser Verständnis davon, wie man auf dieser Erde eine Gesellschaft organisieren kann, die ihre Lebensgrundlagen nicht zerstört, sondern schont und – wo möglich – repariert.
Im Kleinen steckt das Große. Und am Ende zeigt unser Umgang mit den Dingen nun einmal auch, wie wir mit uns selbst umgehen. Das schreibt Konrad Staisch zwar nicht so. Aber man kann es zwischen den Zeilen lesen. Erst recht da, wo er schreibt, wie stolz ihn dann das Selbstgebaute gemacht hat. So wird das ein Buch nicht nur für alle, die selbst anfangen wollen, ihren Alltag wieder nachhaltiger zu gestalten.
Sondern auch für alle, die im Angesicht einer respektlos gewordenen Wirtschaft wieder eine Ermutigung brauchen, sich diesem Kaufen & Wegschmeißen zu entziehen und die Dinge, die man tatsächlich braucht, schonend zu behandeln. Und sie zu reparieren, wenn ein Defekt sie scheinbar zu „Müll” gemacht hat.
Konrad Staisch Das, was da ist Ankerwechsel, Hamburg 2026, 32 Euro.
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