Es ist zwar viel von Gleichheit und gleichen Chancen in unserer Gesellschaft die Rede. Und in den großen Medien wird auch gern so getan, als gäbe es diese. Aber auch Leipziger Kinder erfahren recht früh, dass das mit den gleichen Chancen so wohl nicht ganz stimmen kann. Manche bekommen spätestens in der Schule mit, dass es ihnen richtig sauer gemacht wird und sie so ein blödes Gefühl bekommen, dass ihr Fahrplan fürs Leben längst feststeht, ohne dass sie dafür irgendetwas können. Wie das funktioniert, beschreibt die Leipziger Grafikerin Gerda Raidt in diesem Kinderbuch sehr einfühlsam.
Denn natürlich geht es um Gefühle. Und um Geld, um Chancen, um helfende Eltern oder Eltern, die nicht helfen können. Um die kleinen Unterschiede, an denen man schon als Kind merkt, dass man nicht dazugehört. Weil man sich die „richtigen Klamotten“ nicht leisten kann. Weil man die „feine Sprache“ nicht beherrscht. Nicht in die richtigen Urlaubsländer fliegt, kein Musikinstrument beherrscht, weniger Taschengeld hat usw.
Gerda Raidt spielt nicht ganz grundlos mit dem Begriff Klasse, der aus den heutigen politischen Diskussionen so gut wie verschwunden ist, als gäbe es keine Klassen mehr, bestenfalls noch „Schichten“, in denen sich Menschen aufhalten können und aus denen sie – durch Fleiß und Anstrengung – einfach in die nächsthöhere Schicht aufsteigen können.
Es ist regelrecht das Mantra von Politikern aus jenen Parteien, die vor allem die Interessen der obersten Klasse vertreten – der Reichen, Vermögenden und Besitzenden. Der Leute, die sich alles leisten können und „denen da unten“ nur zu gern erzählen, dass ihr Reichtum durch puren Fleiß erarbeitet ist und jeder es schaffen kann, von ganz unten nach ganz oben. Wenn er sich nur anstrengt, fleißig ist, Überstunden macht und vor allem nicht faul ist.
Die da „ganz oben“ behaupten nur zu gern, dass „die da ganz unten“ einfach nur zu faul sind und ansonsten schuld daran, dass die deutsche Wirtschaft nicht läuft. Arroganz und Verachtung gehören zum beliebtesten Inventar der Reichen und damit auch Einflussreichen.
Gleiche Startbedingungen? Nie im Leben.
Nur: Wie lernen eigentlich Menschen, zu welcher Klasse sie gehören, in welche Schublade sie schon als Kind einsortiert werden, ohne daran das Geringste ändern zu können? Werden wir nicht alle gleich geboren: Jedes Baby ein nacktes Bündel unendlicher Möglichkeiten?
Nein. Genau das erzählt Gerda Raidt in diesem Buch, bei dem ihr auch die Arbeiten des französischen Soziologen Piere Bourdieu geholfen haben, der einen ganzen Stapel erfolgreicher Bücher veröffentlicht hat. Und trotzdem selbst im Erfolg das Gefühl nicht loswurde, am falschen Platz zu sein, im falschen Milieu unter lauter Professoren-Kollegen, die sich wie selbstverständlich selbstbewusst und elitär benahmen.
Denn sie stammten und stammen ja in der Regel aus Familien, in denen auch die Eltern schon studiert haben, gut bezahlte (Kopf-)Arbeit hatten und sich um Geld nie große Sorgen machen mussten.
Da verhält man sich anders. Redet anders miteinander. Und das lernen Kinder schon früh, denn in ihren Familien lernen sie, was als „normal“ gilt. Sie verinnerlichen es und merken erst in der Schule, dass das nicht für alle Kinder gilt. Dass andere Kinder aus ganz anderen Welten kommen.
Was man wohl am besten sieht, wenn man selbst von ganz unten kommt – so wie Piere Bourdieu, dessen Vater ein einfacher Bauer war. Da wächst ein Kind in einer ganz normalen Bauernfamilie auf, hat das Glück (oder die Kraft), zu studieren und merkt dann ein Leben lang, dass es sich in der neuen Welt an der Hochschule seltsam fühlt, fremd und immer ein bisschen wie am falschen Platz.
Weshalb sich Pierre Bourdieu sehr viele Gedanken über die „feinen Unterschiede“ gemacht hat, an denen man merkt, dass man eigentlich nicht richtig dazugehört. Und Gerda Raidt übersetzt das in diesem Buch kindgerecht in die Welt, die Kinder spätestens kennenlernen, wenn sie in die Schule kommen. Denn spätestens da machen ihnen die Auslesemechanismen, die dort angewandt werden, klar, wohin sie im Leben einsortiert werden.
Unfaire Wettbewerbsbedingungen
Es sind stumme, in aller Stille funktionierende Mechanismen, über die auch Lehrerinnen und Lehrer selten nachdenken. Denn wie sie die Kinder einsortieren, das passiert auch in ihrem Unterbewusstsein. Sie nehmen die Fähigkeiten der Kinder für gegeben und blenden in der Regel aus, ob die Kinder zu Hause Unterstützung beim Lernen bekommen, ob die Eltern überhaupt Zeit haben für ihre Kinder oder sie mit Geld, Musikunterricht und anderen Dingen unterstützen, sodass diese Kinder beim Eintritt in die Schule scheinbar schon mehr können und mehr wissen.
Also auch bessere Noten bekommen. Es ist regelrecht vorgezeichnet, dass Kinder aus reichen und hochgebildeten Elternhäusern ganz automatisch bessere Noten bekommen und am Ende aufs Gymnasium gehen und studieren. Nur: Das hat mit ihren tatsächlichen Talenten und Begabungen nichts zu tun.
In einem großen Bild in diesem Buch vergleicht es Gerda Raidt mit einem Wettkampf, bei dem die einen Kinder schon mit riesigem Vorsprung loslaufen können, während andere mit Rückstand starten und meist auch noch schweres Gepäck buckeln müssen.
Aus den „feinen Unterschieden“, die sie auf den ersten Seiten des Buches zeichnerisch sehr anschaulich herausarbeitet, werden spätestens in der Schule ungleiche Startbedingungen, Höhenflüge für die begünstigten Kinder und eine Kette von Niederlagen für die Kinder, die in Familien aufgewachsen sind, in denen es kaum Unterstützung gab, sondern eher Eltern, die ständig geschafft waren von schwerer Arbeit, und trotzdem nie genug Geld da war.
Man schaut anders in die Welt, wenn man gelernt hat, in Armut zu leben. Und einem spätestens in der Schule klargemacht wird, dass einem niemand etwas zutraut und man einfach nicht dazugehört. Das ist eine frustrierende Erfahrung.
Aber sie durchzieht unsere ganze Gesellschaft. Und schafft ein völlig falsches Bild von Wettbewerb. Denn das beeinflusst auch unser Denken und Fühlen. Wenn uns eingeredet wird, dass wir das nicht schaffen oder uns etwas nicht zusteht, dann verinnerlichen wir das.
Während Kinder, denen beigebracht wird, dass ihnen alles zusteht, schon früh lernen, souveräner aufzutreten. Meist auch rücksichtsloser, weil auch der Blick der reichen Kinder geprägt wird durch die oft nicht einmal formulierte Verachtung ihrer Eltern für die Underdogs.
Trau dir was zu!
Ganz am Ende gibt Gerda Raidt ein paar Tipps. Natürlich nicht den Kindern der Reichen. Sondern für die genauso begabten Kinder aus den Klassen, denen zumeist eingeredet wird, dass ihnen im Leben kein großes Stück Kuchen zusteht.
Das Buch lädt dazu ein, die ganzen feinen Unterschiede, über die sonst keiner redet, einfach mal wahrzunehmen und zu verstehen, wie genau diese Unterschiede dafür sorgen, dass die Kinder schon auf dem Schulhof sortiert werden und Kinder es nur selten schaffen, aus ihrer Klasse herauszukommen.
Denn das hat auch viel mit Selbstbewusstsein und Zutrauen zu tun. Mit der Fähigkeit, sich nicht immer kleinmachen zu lassen. Den Mund aufzumachen und sich nicht einschüchtern zu lassen. „Trau dir was zu!“, schreibt Gera Raidt.
Und man kann nur hoffen, dass dieses Buch nicht wieder nur den Kindern aus Akademikerfamilien vorgelesen wird, sondern auch in die Hände von Kindern kommt, denen ihre Eltern nicht jeden Abend etwas vorlesen und auch sonst nicht viel Zeit und Geld haben, um ihren Kindern ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.
Und es ist – mit freundlicher Unterstützung durch Pierre Bourdieu – eben auch ein Aufklärungsbuch für eine Gesellschaft, die in Medien und Politik so tut, als gäbe es keine Klassen mehr, in denen Menschen steckenbleiben, weil das Märchen vom Aufstieg für die meisten ein Märchen bleibt.
Ein kleiner Spiegel, der zeigt, wie still und selbstverständlich junge Menschen schon früh sortiert werden und nicht einmal ahnen, wie lauter stille Vorurteile dafür sorgen, dass sie ein Leben lang in ihrer Rolle feststecken und nicht wissen, was sie da die ganze Zeit untenhält, frustriert und demotiviert.
Leistungsgesellschaft?
Vergiss es. Das ist die größte Lüge, die über unsere Gesellschaft erzählt wird.
Gerda Raidt Klassenbuch Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026, 22 Euro.
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