Die Lust am Geschichtenerfinden hat sich der Leipziger Autor Pelle Gernot auch in DDR-Zeiten nicht nehmen lassen. Auch wenn es damals keine Chance gab, die Geschichten auch veröffentlicht zu bekommen. Die Zeiten haben sich geändert. Und da man heute auch alles im Selfpublishing in die Welt schicken kann, tut er das auch, schickt Buch um Buch in die Lesewelt. Das jüngste: ein Detektivroman.

Einer mit einem doch recht beleibten Detektiv, der vom Gewicht her an Nero Wolfe aus den Krimis von Rex Stout erinnert. Was sein Auskommen betrifft, ist er eher der Bruder von Philip Marlowe. Und lebt in Leipzig.

In einem dystopischen Leipzig der näheren Zukunft im Jahr 2058. Die Welt hat sich nicht zum Besseren verändert. Im Gegenteil: Eine mysteriöse Seuche hat alle Pflanzen in Mitteleuropa vernichtet. Leipzig ist zur Wüste geworden. Der Klimawandel hat längst zugeschlagen und eine sommerliche Hitze von 40 Grad brütet über der Stadt. Und längst scheinen die Chinesen überall zu sein, kaufen auf, was ihnen vor die Nase kommt, und greifen auch zu brutalen Methoden, um ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen.

Nur dieser Jasper Gerwalt scheint völlig aus der Zeit gefallen, ist ein Detektiv, wie ihn einst Raymond Chandler mit seinem Philip Marlowe gezeichnet hat: hartgesotten, abgebrüht, aber eigentlich auch immer abgebrannt, weil das Detektivgeschäft meist nur daraus besteht, für diverse besorgte Frauen den Ehemann bei Seitensprüngen zu ertappen.

Die dystopischen Träume der Reichen

Nicht zu vergessen: Die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI) ist längst allgegenwärtig. Drohnen überwachen die Stadt. Roboter bringen die Pizza nach Hause. Und im Leipziger Westen stehen fünf riesige Hochhäuser, von denen eines schon einem chinesisch-deutschen Konsortium gehört, aufgemöbelt zu teuren Luxusappartements, die sich Normalsterbliche ohnehin nicht leisten können.

Wer das alles so vor sich sieht, merkt: In Keimen ist das alles heute schon da. Es ist keine so ganz unmögliche Zukunft, die Pelle Gernot sich da ausgedacht hat. Auch wenn es zu dem wahnwitzigen Projekt einer Hochhausstadt im Leipziger Westen in den 1990er Jahren nicht gekommen ist, als der Immobilienkaufmann Manfred Rübesam mit seiner Wolkenkratzer-Idee zumindest die hiesige Presse in Schnappatmung versetzte.

In seinem Roman hat Gernot zumindest fünf solcher Wolkenkratzer entstehen lassen, alle fünf mehr als 100 Stockwerke hoch. Vier davon Bauruinen geblieben, weil der Bauherr pleiteging. Außenseiter aller Art haben in den vier Wohntürmen ein Zuhause gefunden, eine Welt mit eigenen Gesetzen, ein Stück Anarchie, das die Stadtpolitik nicht weiter interessiert.

Und auch Jasper Gerwalt würde die Türme eher meiden, würde ihn nicht ein unverhoffter Auftrag dorthin führen: der mysteriöse Tod eines chinesischen Dissidenten, der eine Wohnung im Daumen, dem luxussanierten Wohnturm, gefunden hatte. Sein Tod beschäftigt ganz offensichtlich auch die Besitzer des Wohnturms, auch wenn die schick gekleidete Dame, die Gerwalt den Auftrag zuschanzt, nicht durchblicken lassen möchte, wer wirklich hinter dem Auftrag steckt.

Unzuverlässige Spuren

Es kann also losgehen. Der Tisch ist gedeckt, das Spielfeld beschrieben. Und fünf Tage hat Gerwalt Zeit, das Rätsel zu lösen und den mutmaßlichen Mörder zu präsentieren. Oder auch nicht. Dann bekommt er auch die fette Prämie nicht, die es nur bei Erfolg gibt. Und wie man das auch von Raymond Chandler kennt: Eigentlich geht es am Ende nicht um den gut verschnürt abgelieferten Mörder.

Es geht um die Beschreibung einer Gesellschaft, die von Profitgier und Drogen beherrscht wird, während die Überwachung allgegenwärtig ist und ganz offensichtlich die chinesischen Teilhaber längst dabei sind, nach Wegen zu suchen, auch die vier verbliebenen Wohntürme räumen zu lassen, um sie in Geldanlagen zu verwandeln.

Alles nur heimlich. Denn die Methoden, die da angewendet werden, sind heimtückisch. Gerwalt bekommt es immer wieder mit Typen zu tun, bei denen unklar ist, für wen sie in den Türmen unterwegs sind und in wessen Auftrag sie es auch auf den Detektiv abgesehen haben, der mit einem zutiefst sportlichen jungen Boten die Stockwerke rauf und runter rennt.

Immer einer neuen diffusen Spur folgend, die ihn zu diversen Dealern führt, die irgendetwas mit dem toten Dissidenten zu tun haben könnten. Wobei so nach und nach auch klar wird, dass auch der Tote eine durchaus fragwürdige Rolle spielte.

Einer von draußen

Im Grunde lässt Pelle Gernot seinen Detektiv fünf Tage lang durch die Wohntürme eilen, immer Cassie hinterher, Puzzle-Teile für das Rätsel zu suchen. Das Misstrauen begleitet ihn. Denn er ist ja ein „Außenweltler“, der nicht wirklich zu dem bunten Völkchen in den Türmen gehört. Gernot hat – für die an Rätseln Interessierten – auch noch ein paar Fragebögen zwischen einzelne Kapitel gepackt, mit denen die Knobelverrückten selbst versuchen können, den Mörder zu identifizieren, anhand der Fakten, die er mit Gerwalt und Cassie schon gesammelt hat.

Das ist für all die Leser, die gern selbst Detektiv spielen. Obwohl Detektivromane eigentlich davon leben, dass man nicht mal ahnt, wer am Ende ertappt wird.

Sie leben – in der Tradition von Stout und Chandler – von der bärbeißigen Kritik an einer verlogenen Gesellschaft, in der Kriminalität eigentlich nur dadurch definiert wird, wer wie viel Geld, Macht und Einfluss hat. Wer Politiker bestechen und die modernste Hightech einsetzen kann, um seine Interessen durchzusetzen. Auch die KI, deren Missbrauch heute schon zu sehen ist. Wie wird aber erst eine Welt aussehen, in der die KI überall eingesetzt wird – auch zum Ausspionieren von Menschen?

Nicht ohne Grund hat Pelle Gernot auch extra ein Label aufs Cover gepackt, dass dieses Buch ein Mensch geschrieben hat und keine KI. Denn längst überfluten mit KI erstellte Bücher ja auch die großen Verkaufsportale, diebische Ramschware, die die Ideen und Erzählweisen von echten Autoren kopiert, neu zusamenbaut und als neue Story verkauft. Das Klauen und Kopieren ist längst gegenwärtig.

Oft erkennt man den Ramsch schon daran, dass er von billiger Moral und erwartbaren Handlungsfolgen geprägt ist. Einschlafstoff für simple Gemüter.

Ein Pflänzchen Hoffnung

Da ist Gernots Detektivroman schon von anderem Kaliber. Und in der Tradition vieler bekannter Dystopien malt er eine Welt, die schon heute in Ansätzen da ist. Und die es möglicherweise ganz ähnlich so geben wird, wenn wir uns die Disruptionen riesiger Konzerne weiter so gefallen lassen und der elektronischen Übergriffigkeit keine Grenzen setzen.

Jasper Gerwalt überlebt eigentlich nur, weil er eine Art siebten Sinn für die gut getarnten Drohnen und für die Gefahren in den verwahrlosten Wohntürmen hat und in brenzligen Situationen richtig reagiert. Im Herzen ist er ohnehin eine Type wie Marlowe. Und das zeigt er am Ende so richtig, als sich abzeichnet, dass der Tote auf ziemlich raffinierte Weise zu Tode kam, aber vorher in den Türmen selbst eine sehr zwielichtige Rolle spielte.

Und ein Pflänzchen der Hoffnung gibt es natürlich auch noch. Anders kann es gar nicht sein. Denn wenn wir eine irgendwie noch lebenswerte Zukunft haben wollen, dann funktioniert das nur, wenn wir uns menschlich zeigen. Manchmal auch Vertrauen aufbauen, Versprechen halten. Und uns von den Reichen und Mächtigen nicht kompromittieren lassen.

So gesehen ist dieser Gerwalt aus demselben Holz geschnitzt wie Philip Marlowe. Auch bereit, auf eine fette Belohnung zu verzichten, wenn er das Gefühl hat, dass damit ein wenig mehr Gerechtigkeit in der Welt hergestellt werden kann. Also das zu tun, was wir selbst immer wieder zu entscheiden haben, wenn wir im Leben wählen müssen zwischen dem „leicht verdienten Geld“ und der Frage, wie sehr wir alle käuflich sind.

Und wie viel von unserem Stolz wir bereit sind zu verkaufen, wenn uns die verlockenden Angebote gemacht werden.

Ein mahnendes Bild

Das Leipzig, das Pelle Gernot hier zeichnet, ist vielleicht nicht mehr aushaltbar, regelrecht verwüstet und zum schäbigen Tummelplatz rücksichtsloser Investoren verkommen. Aber es ist auch ein mahnendes Bild, das der Autor hier zeichnet. Eine Zukunft, die wir haben können, wenn wir unsere Seele verkaufen.

Oder die wir vielleicht vermeiden können, wenn wir bereit sind, das Lebens- und Liebenswerte an dieser Stadt zu verteidigen. Egal, mit welchen verdrehten Engelszungen die Ausverkäufer unserer Welt uns ihre tollen Aussichten verkaufen.

Auch wenn das für einen wie Jasper Gerwalt bedeutet, dass er – auch wenn er den Fall am Ende tatsächlich löst – doch wieder in seinem kleinen Detektiv-Büro sitzt und lange auf den nächsten Auftrag warten muss, der ihm vielleicht die Miete für die nächsten Monate einbringt.

Pelle Gernot „Wo die Zukunft endet“, Selbstverlag, Leipzig 2026, 15,99 Euro.

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