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Wer wählt denn die AfD, wenn es nicht der „kleine Mann“ ist?

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    Es ist nicht völlig neu, was der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld von der Universität Leipzig jetzt mit Zahlen untermauert in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie veröffentlicht hat. Aber es sollte eigentlich den Parteien im Bundestagswahlkampf zu denken geben. Denn AfD-Anhänger sind weder der vielbeschworene „kleine Mann“ noch die „Modernisierungsverlierer“.

    Nicht die „kleinen Leute“ mit eher niedrigem Einkommen und geringem Bildungsgrad sind typische Wähler der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD). In seiner wissenschaftlichen Analyse auf Grundlage neuerer repräsentativer Umfragedaten arbeitete Lengfeld heraus, dass die Wähler dieser Partei vielmehr aus allen Statuslagen kommen – sowohl hohen als auch niedrigen.

    Wer wählt dann tatsächlich AfD?

    Seiner Untersuchung zufolge neigen Bezieher durchschnittlicher oder höherer Einkommen sowie Ostdeutsche und männliche Wahlberechtigte eher dazu, die AfD zu wählen. Die Ergebnisse seiner Studie hat Prof. Dr. Lengfeld gerade in der renommierten Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie veröffentlicht.

    „Meine Analyse zeigt, dass Personen mit niedrigem sozialen Status keine höhere Wahrscheinlichkeit als Personen mit höheren Status haben, sich bei der Bundestagswahl 2017 für die AfD auszusprechen“, sagt der Wissenschaftler.

    Es gebe eher eine leichte statistische Tendenz, dass die sogenannten Bessergestellten mit dieser Partei sympathisieren. Der Grund könne in der Programmatik der AfD liegen.

    „In wirtschaftlichen Fragen ist es eine liberale, den freien Wettbewerb fordernde Partei, die den Sozialstaat klein halten möchte. Das liegt in der Regel im Interesse der Bessergestellten“, erklärt Lengfeld, der derzeit Leiter des Instituts für Soziologie der Universität Leipzig ist. Wobei das Programm der AfD tatsächlich ein stark neoliberales ist, das auch den weiteren Abbau von Staat und Sozialsystemen bevorzugt. Diese Art Wettbewerbsdenken geht einher mit einer starken Verachtung für „schwächere Marktteilnehmer“, „Minderleister“ und vor allem gesellschaftliche Randgruppen. Es befördert in starkem Maße ein Elitedenken, das auf Ausgrenzung setzt.

    Für seine Untersuchung nutzte Lengfeld repräsentative Umfragedaten des Instituts infratest dimap, die im November vergangenen Jahres unter 1.031 in Deutschland wahlberechtigten Personen erhoben wurden.

    Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts stand die sogenannte „Modernisierungsverliererthese“. Diese besagt, dass sich Menschen, die von der wirtschaftlichen Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren wenig profitiert haben oder sich von ihr abgehängt fühlen, von den etablierten politischen Parteien abwenden und aus Protest extremistische Parteien wählen.

    „Vor Beginn des Bundeswahlkampfs haben führende Vertreter von SPD, CDU und Die Linke im Sinne der Modernisierungsverliererthese – ohne diese ausdrücklich zu benennen – das Erstarken der AfD mit der wirtschaftlichen Enttäuschung der sozial Schwächeren in Deutschland begründet. Als Reaktion darauf wurde formuliert, dass man sich um diese Schwächeren nun verstärkt kümmern muss und einen Teil des Wahlkampfs daran ausrichten sollte“, erläutert Lengfeld.

    Seine Analyse zeigt jedoch, dass diese These zur Erklärung des Erstarkens der AfD nicht zutrifft.

    Ein Ziel seiner Arbeit sei es, die politischen Parteien über die Folgen ihrer Entscheidung für eine bestimmte Wahlkampfstrategie zu informieren, betont er. „Mein Beitrag besagt: Wer als etablierte Partei Wahlversprechen an Modernisierungsverlierer abgibt, also zum Beispiel die Steuern für Geringverdiener senken will, um auf diese Weise den ‚kleinen Mann‘ davon abzuhalten, AfD zu wählen, wird damit nicht erfolgreich sein.“

    Lengfelds Untersuchung ist aus seiner Perspektive bisher die einzige, die die Modernisierungsverlierer nicht nur über die Bestimmung des sozialen Status, sondern auch mit einer Selbsteinschätzung der Befragten prüft. Sie sind gefragt worden, ob sie sich als Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung fühlen. Auch diese Messung spreche gegen die Modernisierungsverliererthese.

    Was die AfD im Umkehrschluss zum Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung macht, die neoliberales und Elitedenken in Deutschland salonfähig und wahlfähig gemacht hat. Das Auslesedenken der Erfolgreichen im Erwerbsleben überträgt sich auf die Gesellschaft – und zeigt sich hier auch in seiner Ausgrenzung und Verachtung für andere.

    Eine ziemlich elitäre Partei also, in der man sich besser dünkt als in den anderen Parteien. Was dann irgendwie auch zur sächsischen Überheblichkeit passt, wo diese meist gut situierten Bürger sich als „das Volk“ gerieren und so tun, als seien sie eine Protestpartei.

    Was im Umkehrschluss aber auch heißt, dass die etablierten Parteien sogar gut beraten wären, Angebote für die „Modernisierungsverlierer“ zu machen. Denn die werden ja von der AfD nicht bedient. Und die enthalten sich – wie die jüngste MDR-Umfrage ergab – lieber auch bei der Bundestagswahl.

    Die Partei AfD hat seit ihrer Gründung im Jahr 2013 zahlreiche Wahlerfolge erzielt: Sie ist seither in das Europaparlament und in 13 deutsche Landtage eingezogen. Nach einer aktuellen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen würden bei der Bundestagswahl im September sieben Prozent der Wähler für die AfD stimmen.

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