Alesi bringt auch Leipziger Forscher zum Jubeln

Ein 13 Millionen Jahre altes Kind gibt den frühesten Menschenaffen ein Gesicht

Für alle LeserAuf der Erde ist alles Leben miteinander verwandt – auch wenn es den letzten gemeinsamen Vorfahren vielleicht vor 100 Millionen Jahren gab. Oder vor 10 Millionen – oder vor 3 Millionen Jahren, als sich der Mensch vom Seitenast der Menschenaffen abzweigte. Aber auch ein anderer Abzweig versetzt Forscher bis heute in Aufregung: Wie geschah eigentlich der Übergang von den Affen zu den Menschenaffen?

Die Schätzung ist grob: Vor ungefähr 15 bis 18 Millionen Jahren muss das passiert sein. Die Funde sind selten. Und die Forscher bekommen Kopfschmerzen, wenn sie die winzigen Splitter irgendwo einordnen und das Wesen, von dem sie stammen, genauer beschreiben sollen.

Aber nun sind sie wieder glücklich.

Denn ein Fund von 2014 entpuppt sich jetzt als kleine, handfeste Sensation. Denn jetzt bekommt dieser Vorfahre von Menschenaffen und Menschen ein Gesicht. Wenn auch das eines Kindes, das vor 13 Millionen Jahren in der Region Napudet, westlich des Turkana-Sees im Norden Kenias, lebte.

Der Fund gehört zu einem Affen-Kleinkind, das vor etwa 13 Millionen Jahren lebte. Dem internationalen Forscherteam unter der Leitung von Isaiah Nengo vom Turkana Basin Institute der Stony Brook University und vom De Anza College, USA, gehörte auch Fred Spoor vom UCL in Großbritannien und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig an.

Womit auch wieder die Leipziger Forschungsschiene im großen Vorraum der Menschwerdung ins Bild kommt. Dazu gehört auch die Erkundung jenes spannenden Übergangs von den Affen zu jenen Geschöpfen, die uns schon so nah verwandt sind, dass sie auch Menschenartige genannt werden. Gorillas, Schimpansen, Orang-Utans und Gibbons gehören heute noch dazu.

Irgendwann vor 15 bis 18 Millionen Jahren zweigte dieser Pfad zu den Menschenaffen ab. Der gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse lebte dann noch vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahren in Afrika, bevor sich dann auch der Mensch selbst aus dem Zweig der Menschartigen abspaltete. Viele spektakuläre Fossilfunde haben gezeigt, wie sich die Menschen seitdem entwickelt haben.

Im Gegensatz dazu ist wenig bekannt über die Entwicklung der gemeinsamen Vorfahren der heute lebenden Menschenaffen und Menschen vor mehr als zehn Millionen Jahren. Relevante Fossilien gibt es nur wenige, geht das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie auf die dünne Fundlage ein. Bei ihnen handelt es sich vorwiegend um einzelne Zähne und partielle Kieferknochen. Daher war es bisher schwierig, Antworten auf zwei grundlegende Fragen zu finden: Ist der gemeinsame Ahne der heute lebenden Menschenaffen und der Menschen in Afrika entstanden, und wie sahen diese frühen Vorfahren aus?

Eine neue Art wurde entdeckt

Jetzt können Forscher diese Fragen möglicherweise beantworten, denn das neu entdeckte Menschenaffenfossil, das von seinen Entdeckern Alesi genannt wird und die Museumsnummer KNM-NP 59050 trägt, stammt aus einer kritischen Zeit der afrikanischen Vergangenheit. Im Jahre 2014 wurde es von dem kenianischen Fossiliensammler John Ekusi in 13 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten in der Region Napudet, westlich des Turkana-Sees im Norden Kenias, entdeckt.

Cyprian Nyete (links) und Isaiah Nengo (rechts) schützen Alesi beim Ausgraben mit Zahnstocher, Pinsel und einem Härter. Foto: Isaiah Nengo

Cyprian Nyete (links) und Isaiah Nengo (rechts) schützen Alesi beim Ausgraben mit Zahnstocher, Pinsel und einem Härter. Foto: Isaiah Nengo

Bei dem Fossil handelt es sich um den Schädel eines Jungtieres und den am vollständigsten erhaltenen Schädel eines ausgestorbenen Menschenaffen im gesamten Fossilbericht. Viele der für die Forscher informativsten Teile sind in dem Fossil erhalten. Um diese sichtbar zu machen, wendete das Team eine äußerst empfindliche Art der 3D-Röntgenbildgebung an.

„Wir konnten Hirnhöhle, Innenohr und die noch nicht durchgebrochenen bleibenden Zähne mit ihren täglichen Wachstumslinien sichtbar machen“, sagt Paul Tafforeau von der European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) in Grenoble, Frankreich. „Die Qualität unserer Bilder war so gut, dass wir anhand der Zähne herausfinden konnten, dass das Kind etwa ein Jahr und vier Monate alt war, als es starb.“

Die noch nicht durchgebrochenen bleibenden Zähne im Schädel des jungen Menschenaffen zeigen auch, dass er einer neuen Art angehört, Nyanzapithecus alesi. Der Artenname wurde von dem Turkana-Wort „Ales“ („Vorfahr“) abgeleitet.

 

Alesi im Turkana Basin Insitute nahe Lodwar, Kenia, nachdem der Sandsteinblock, mit dem zusammen das Fossil ausgegraben worden war, entfernt wurde. Foto: Isaiah Nengo, Foto von Christopher Kiarie

Alesi im Turkana Basin Insitute nahe Lodwar, Kenia, nachdem der Sandsteinblock, mit dem zusammen das Fossil ausgegraben worden war, entfernt wurde. Foto: Isaiah Nengo, Foto von Christopher Kiarie

„Bisher waren alle Nyanzapithecus-Arten nur durch ihre Zähne bekannt, und es war offengeblieben, ob es sich bei ihnen überhaupt um Menschenaffen handelte“, sagt John Fleagle von der Stony Brook University. „Wichtig ist, dass der Schädel über vollständig entwickelte knöcherne Gehörgänge verfügt, ein wichtiges Merkmal, das ein Bindeglied zu heute lebenden Menschenaffen herstellt“, fügt Ellen Miller von der Wake Forest University hinzu.

Ganz bestimmt kein Gibbon-Baby

Alesis Schädel ist etwa so groß wie eine Zitrone, und mit seiner besonders kleinen Schnauze sieht er eher aus wie ein Gibbon-Baby.

„Zuerst könnte man denken, es handelt sich um einen ausgestorbenen Gibbon“, sagt Chris Gilbert vom Hunter College, New York. „Allerdings zeigen unsere Analysen, dass dieses Erscheinungsbild nicht ausschließlich bei Gibbons gefunden wird, sondern sich im Laufe der Evolution bei den ausgestorbenen Menschenaffen, Affen und ihren Verwandten mehrfach entwickelt hat.“

Dass die neue Art vom Verhalten her sicher nicht „gibbonartig“ war, konnten die Forscher aber anhand einer Untersuchung des Gleichgewichtsorgans innerhalb des Innenohrs belegen. „Gibbons sind für ihr schnelles und akrobatisches Verhalten in Bäumen bekannt“, sagt Fred Spoor, „aber das Innenohr von Alesi zeigt, dass er sich vorsichtiger fortbewegt haben muss.“

„Nyanzapithecus alesi gehörte einer Gruppe von Primaten an, die bereits seit mehr als zehn Millionen Jahren in Afrika leben“, schlussfolgert Erstautor Isaiah Nengo. „Die Entdeckung von Alesi zeigt, dass diese Gruppe dem Ursprung heute lebender Menschenaffen und Menschen sehr nahe war und dass dieser Ursprung afrikanisch war.“

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MPI für Evolutionäre AnthropologieMenschenaffen
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