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Wie aus „Unheimlicher Nähe“ und Sensationsgier erst spät unser Wissen über Menschenaffen reifte

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    Eigentlich ist es kein Katalog, auch wenn das Material natürlich aus den Tiefen der Leipziger Universitätsbibliothek stammt und ein Teil der Bilder auch in der Ausstellung „Unheimliche Nähe. Menschenaffen als europäische Sensation“ zu sehen ist. Tatsächlich ist es ein Forschungsbericht, mit dem Mustafa Haikal tief hinein getaucht ist in die unheimliche Geschichte des Umgangs der Europäer mit den Menschenaffen.

    Und die ist dokumentiert. In hunderten Büchern – auch denen von berühmten Autoren, um nur Buffon, Linné und Brehm zu nennen. Aber schon weit früher tauchten die ersten Berichte und Bilder auf in den Büchern des 16. Jahrhunderts, als die Nachrichten von den menschenähnlichen Wesen noch selten waren, oft aus zweiter oder dritter Hand stammten. Im Grunde ist es eine Forschungsarbeit auf mehreren Ebenen. Ganz zwangsläufig, das liegt am Thema. Und Dr. Jörg Junhold, Direktor des Leipziger Zoos, vermutet wohl nicht zu Unrecht, dass es ein vergleichbares Buch europaweit nicht noch einmal gibt. Wahrscheinlich sogar weltweit.

    Denn da muss man erst einmal drauf kommen, bis in die frühesten Buchdrucke hinein zu erforschen, wie europäische Autoren eigentlich über unsere nächsten Verwandten berichteten. Mustafa Haikal beschäftigt sich mit dem Thema schon ein  paar Jahre. Er tickt nun einmal wie ein echter Historiker: Wenn er Bücher über die moderne Menschenaffenhaltung (wie zuletzt das über den Dresdner Zoo) schreiben will, schaut er, welche historischen Quellen es gibt. Und da stolperte er über die Tatsache, dass eigentlich noch niemand die Geschichte der Begegnung der Europäer mit den klugen Artverwandten anhand der schriftlichen Überlieferungen erforscht hat.

    Vielleicht, weil es niemanden interessierte. Vielleicht auch, weil man erst einmal die richtige Frage stellen muss. Was in der Wissenschaft auch heißt: zu erkennen, dass es da ein Problem gibt. Und eine gewaltige Peinlichkeit. Denn das Verhältnis der Europäer zu den Menschenaffen war nie gut. Und die Ursache dafür kann man tatsächlich in der penetranten Selbstgerechtigkeit der europäischen Eroberer, Kolonialisten und Sammler sehen. Das wird schon in frühen Texten klar, in denen die Autoren zwar mit gutem Willen versuchen, die frühen Nachrichten zu den Wesen, die in ihrem Verhalten so auffällig menschenähnlich waren, einzuordnen, zu klassifizieren und ein Bild zu gewinnen davon, aber sie sahen die Welt durch ihre – durch europäische Mythen verkleisterte – Brille. „Unheimliche Nähe“, wie Buch und Ausstellung betitelt sind, ist ja nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist das „Unheimliche Erschrecken (von Mustafa Haikal in seinem Buch auch als „Verborgene Ängste“ thematisiert), denn von Anfang an hatten die europäischen „Weltentdecker“ gewaltige Schwierigkeiten damit, zu akzeptieren, dass es Wesen gab, die den fest zementierten Glauben, die „Krone der Schöpfung“ zu sein, durch ihre bloße Existenz infrage stellten.

    Das betraf ja bekanntlich die komplette Kolonialgeschichte und den rabiaten Umgang mit allen „wilden“ Völkerstämmen, die man antraf und denen man mit Feuerwasser und Feuerwaffen ziemlich schnell beibrachte, was eine „überlegene Rasse“ ist. Man merkt es hier schon: Die Geschichte der Entdeckung der Menschenaffen lief natürlich immer parallel mit der europäischen Kolonialgeschichte. Und je tiefer die europäischen Entdecker, Eroberer und Händler in die fremden Länder vordrangen, umso mehr erfuhr man natürlich auch von den faszinierenden Tieren in den riesigen Wäldern, die damals noch die Erde bedeckten.

    Und wie die Europäer so waren und sind: Was sie glaubten, wegschleppen zu können, das schleppten sie auch weg. Das betraf auch die Menschenaffen, die seinerzeit genauso gejagt und gefangen wurden wie die Bewohner der exotischen Länder, um dann auf langen Seereisen gen London oder Amsterdam verschifft zu werden. Doch diese Reisen – auf die Haikal gerade in den Kapiteln „Die Riesenaffen von Paris“ und „Wachsende Importe“ detaillierter eingeht – überlebten die meisten Schimpansen, Orang Utans und Gorillas nicht. Und selbst wenn sie die Reise nach Europa überlebten, stand ihnen nur ein kurzes Leben in Menagerien, Tierschauen oder – im 19. Jahrhundert – den ersten Tierparks bevor. Was natürlich auch daran lag, dass kaum etwas über ihre Lebensbedürfnisse bekannt war.

    Aber selbst das war nur die – sichtbare – Spitze des Eisbergs. Tatsächlich wurden die Tiere in ihren Heimatregionen zu Hunderten gejagt und starben oft schon bei diesen Jagden oder beim Transport zur Küste, wo die europäischen Händler oder auch auf eigene Faust agierende Kapitäne die Preise bestimmten für die Tiere, die sie in Europa teuer verkaufen wollten.

    Im Grunde begegnet man hier der gar nicht so neuen europäischen Gier nach dem Besitz von Allem, was sich irgendwie beschaffen lässt. Genauso sind die Europäer mit den Staaten und Kulturen der unterworfenen Völker umgegangen.

    Und es dauerte lange, bevor die Kolonialverwaltungen reagierten und die Menschenaffenjagd verboten, weil schon damals das regionale Aussterben vieler Populationen drohte. Doch diese Aspekte wurden erst spät in Reiseberichten und kritischen Artikeln niedergelegt. Auch das kennt man ja: Wie lang unsere arroganten Gesellschaften immer wieder brauchen, um die dramatischen Folgen ihres Tuns zu begreifen, zu akzeptieren und dann gar noch das eigene Handeln zu ändern. Viel zu lange – und das auch, weil wir bis heute immer noch glauben, wir wären so eine Art Missionare der Moderne und müssten allen anderen Ländern und Völkern unsere zivilisatorische Weisheit überhelfen. Oder gar unsere Raffinesse, die ganze Welt in einen Markt zu verwandeln. Denn nichts anderes ist „Globalisierung“.

    Was den nächsten Aspekt dieses Buches berührt: Dass es bis heute eigentlich an wirklich breit angelegter Forschung zur Globalisierung und ihren Folgen fehlt.

    Komplett fehlt.

    Zu den hohen Kosten der Globalisierung gehört natürlich auch der weltweite Export unserer Lebensweise. Und natürlich auch der Export unserer Grundlagenwirtschaft – egal, ob Sojaplantagen in Südamerika oder Palmölplantagen in den asiatischen Tropen – immer werden dafür gigantische Urwälder gefällt. Und damit werden die Lebensräume der darin lebenden Tiere vernichtet. Und so verschwinden auch die Lebensräume der Menschenaffen.

    Zumindest die Wissenschaftler haben eine Menge gelernt. Davon erzählt Mustafa Haikal in vielen Kapiteln. Das Buch ist auch eine Wissenschaftsgeschichte, denn Haikal zeigt, wie lange es dauerte und wie schwer es den Wissenschaftlern fiel, sich von alten, mythischen Vorstellungen und falschen wissenschaftlichen Legenden zu trennen, wie mühsam die Rekonstruktion der Menschenaffen war, solange sie in der Regel nur als Skelett oder als in Weingeist konservierte Leiche in London oder Paris eintrafen. Erst das späte 19. Jahrhundert mit seinen schnelleren Dampfschiffen brachte erstmals eine größere Zahl von Menschenaffen in die europäischen Zoos, so dass die Tiere, ihre Verhaltensweisen und ihre Intelligenz erstmals umfassender erforscht werden konnten.

    Aber das 19. Jahrhundert ist auch das Jahrhundert der heftigsten Auseinandersetzungen um die Einordnung der klugen Tiere. Natürlich spielte da das 1859 erschienene „On the Origin of Species“ (Über die Entstehung der Arten) von Charles Darwin eine zentrale Rolle, auch wenn Darwin gar nicht über die Abstammung des Menschen vom Affen schrieb, sondern erstmals darlegte, wie Evolution eigentlich funktioniert.

    Das rüttelte zwangsläufig am Selbstbild vieler von ihrer besonderen Rolle als Weltbeglücker berauschter Weißer. Da standen auch in den Tierschauen der Zeit viele Besucher mit der ganz und gar nicht darwinschen Frage: „Ich soll von einem Affen abstammen?“

    Dabei zeigte gerade die Erforschung der Menschenaffen erst, wie differenziert und faszinierend die Entwicklung der Arten ist und dass der Mensch einen gar nicht so schlechten Platz im riesigen Stammbaum der Evolution hat. Das Verblüffende für einige heutige Leser wird eher sein, wie lange europäische Zeichner und Autoren versucht haben, die fremden Geschöpfe regelrecht zu vermenschlichen und als „Satyr“ oder „Waldmensch“ darstellten. Viele längst überholte Bilder wurden immer wieder neu kopiert und neu einsortiert.

    Logisch, dass die begabten Tiere auch im späten 19. Jahrhundert noch Furore machten, Titelseiten eroberten und die Menschen in Scharen in die Ausstellungen zogen, wo sie zu sehen waren. Auch da waren noch viele Berichte sensationell aufgemacht, dominierte die Überzeichnung, auch wenn jetzt zunehmend mehr Nüchternheit in den Umgang mit den Tieren, mehr Wissen um ihre Bedürfnisse und Haltungsbedingungen einzog.

    Natürlich ist das der Punkt, an dem das Buch abbricht. Denn fortan dominierte die Fotografie das Bild von unseren nächsten Verwandten. Die aufwendigen Zeichnungen verschwanden – überdauerten aber zum Glück in den zum Teil opulenten Bildwerken, durch die sich Mustafa Haikal akribisch durchgearbeitet hat. Er hat damit auch sehr genau den Lernprozess der Wissenschaft erfasst, die erst einmal begreifen musste, womit sie es da eigentlich zu tun hatte, bevor sie in die spannende Kognitions- und Verhaltensforschung der jüngeren Zeit übergehen konnte.

    Ist so etwas eigentlich auch mal für andere wissenschaftliche Forschungsbereiche gemacht worden? Wenn ja, dürften diese Arbeiten Seltenheitswert haben. Auch wenn sie wichtig sind für unser eigenes Verständnis vom Begreifen. Denn der Mensch wird ja gern als wissendes oder weises Tier bezeichnet. Aber weise und wissend sind wir im Umgang mit unserer Welt eher selten. Und wenn wir etwas wirklich wissen, dann geht dem in der Regel ein langer, mühsamer – und in diesem Fall für die Menschenaffen sehr verlustreicher Weg voraus, bis aus der „unheimlichen Begegnung“ ein verständnisvoller Umgang geworden ist. Einen Weg, den auch heute viele homo sapiens nicht bereit sind zu gehen, weil sie ihre alten Vorstellungen vom „richtigen Zustand“ der Welt für Wissen halten und nicht bereit sind, sich wirklich auf die Welt und ihre anderen Bewohner einzulassen.

    Natürlich spiegelt sich in dieser Geschichte der Erforschung der Menschenaffen unser eigener Umgang mit der Welt. Und wenn man sich die Welt so anschaut, dann haben wir mit einer gewaltigen Menge Ignoranz irreparable Schäden angerichtet, die wir auch nicht wieder reparieren können. Weise sind wir mit den Schätzen der Erde nicht umgegangen. Viel zu oft eher mit Gefühllosigkeit und Überheblichkeit. Und da der Passage Verlag das Buch mit 170 Illustrationen reich bebildert hat, wird dieser zähe und verstörende Lernprozess auch anschaulich, sieht man die Mühe der wirklich bemühten Forscher, zu verstehen, was sie da vor sich haben, sieht man aber auch die Sensationshascherei einiger Akteure, die vielleicht sogar tatsächlich noch glaubten, die Reichtümer der Welt seien unerschöpflich.

    Und da zu einigen der porträtierten Tiere auch die überlieferten Lebensgeschichten existieren, werden viele Schicksale der in Europa gestrandeten Menschenaffen greifbar. Bis hin zu Max und Moritz, den beiden Orang Utans, die der Leipziger Zoodirektor Ernst Pinkert 1893 erwarb und die dann in Paris starben. Oder dem kleinen Gorilla M’Pungu, dessen Geschichte Haikal schon in einem eigenen Buch beschrieben hat. Denn wenn die Europäer den Tieren erst wirklich nahe kamen, dann wich die „unheimliche“ Nähe zumeist einer Vertrautheit, die wieder auf andere Weise die Grenzen verwischte, die aber auch sichtbar macht, dass Empathie augenscheinlich direkt davon abhängt, ob wir uns auf das Fremde einlassen oder es lieber in bleicher Überheblichkeit von den Bäumen schießen.

    Mustafa Haikal Unheimliche Nähe, Passage-Verlag, Leipzig 2016, 25 Euro.

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