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Forschungsverbund sucht Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Heimen und Jugendwerkhöfen der ehemaligen DDR

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    „Mich kriegt nichts mehr klein.“ Frau Kastrati sagt das mit fester Stimme. Das ist nicht selbstverständlich. Sie war mehrere Jahre in einem Kinderheim und einem Jugendwerkhof in der ehemaligen DDR untergebracht. Sie hat erlebt, unterdrückt zu werden und in rigiden Regeln und Strukturen zu leben, in denen die eigenen Bedürfnisse wenig bis gar keinen Raum hatten. Viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, kennen den Satz „Wenn du nicht brav bist, kommst du nach Torgau.“

    Die Rede ist von dem geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.

    Fast eine halbe Millionen Kinder und Jugendliche lebten zwischen 1949 und 1989 in Heimen und Jugendwerkhöfen. Die Aufarbeitung dessen, was sie dort erlebt haben und welche Folgen das Erlebte für ihr weiteres Leben hatte, steht auch heute noch am Anfang. Wenig ist der Öffentlichkeit bekannt.

    Rund 500.000 Kinder waren insgesamt in diesem Zeitraum in den Heimen der DDR untergebracht, etwa 135.000 davon in Spezialheimen und Jugendwerkhöfen. Die Zahl der Heime schwankt ein wenig: 1952 gab es 662 Heime, 1987 lag die Zahl bei 484 Heimen. Eine Karte der Heime findet man auf dieser Website.

    Damit befasst sich seit April 2019 der Forschungsverbund „TESTIMONY – Erfahrungen in DDR-Kinderheimen. Bewältigung und Aufarbeitung“. Er wird gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

    Prof. Dr. Heide Glaesmer von der Universität leitet den Forschungsverbund. Ziel ist es, erstmalig systematisch die Erfahrungen von ehemaligen DDR-Heimkindern und deren Auswirkungen auf ihr weiteres Leben zu erfassen. Der Forschungsverbund aus verschiedenen Teilprojekten hat den Auftrag Aufarbeitung zu leisten und passende Unterstützungsangebote zu entwickeln. So wurde an der Medical-School Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Birgit Wagner ein Online-Schreibprogramm für ehemalige DDR-Heimkinder entwickelt und wird fortlaufend angeboten.

    „Das wurde ja totgeschwiegen“, sagt Frau Kastrati. „Mein erster Mann wusste nicht einmal, dass ich im Heim war und auch meinen Kindern habe ich erst spät davon erzählt.“

    Das Schweigen hat auch mit der Furcht zu tun, dass die Menschen denken könnten, die Einweisung sei „schon nicht ohne Grund“ passiert. Vor allem, bei den Kindern und Jugendlichen, die in die sogenannten Spezialheime eingewiesen wurden. Frau Kastrati durfte nicht den gewählten Beruf erlernen und brach die Ausbildung ab. Möglicherweise hätte eine Parteizugehörigkeit der Mutter die Einweisung verhindern können, sagt Frau Kastrati.

    Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichten sehr unterschiedlichen Erfahrungen. Manche haben ihre Heimzeit in positiver Erinnerung, waren froh, dass sie vor Gewalt oder Vernachlässigung geschützt werden konnten. Andere hingegen berichten von demütigenden Strafen, Misshandlungen, schweren Arbeiten und wenig schulischer und beruflicher Förderung, was ihre berufliche Laufbahn bis heute stark beeinträchtigt.

    Frau Kastrati unterstützt heute Menschen bei Rehabilitierungsverfahren und der Anerkennung von erlebtem Unrecht. „Es gibt schon sehr Schweres von dem ehemalige Heimkinder berichten, schwere Misshandlungen. Es ist wichtig, dass das anerkannt wird, auch wenn es das nicht ungeschehen macht.“

    Auch darum unterstützt sie den Forschungsverbund TESTIMONY von Beginn an: „Es ist wichtig wachzurütteln. Denn wir leben heute“, sagt sie. Was sie erlebt hat, hat sie dennoch auch stark gemacht. Sie tritt ein für ihre Anliegen und für andere Betroffene.

    Aktueller Forschungsverbund TESTIMONY Erfahrungen in DDR-Kinderheimen. Bewältigung und Aufarbeitung

    Der Forschungsverbund TESTIMONY soll einen Beitrag zur Aufarbeitung leisten. Dafür sind die Zeitzeug/-innen essentiell, aufgrund der Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie ist die Kontaktaufnahme mit Zeitzeug/-innen momentan sehr erschwert. „Wir suchen dringend Menschen, die in Heimen und Jugendwerkhöfen der DDR waren und an der Befragung teilnehmen. Sie können mit ihrer Teilnahme wesentlich zur Aufarbeitung beitragen“, sagt Prof. Dr. Glaesmer.

    Auch an der Medical School Berlin werden Zeitzeug/-innen gesucht, die an einem Online-Schreibprogramm zur Aufarbeitung der Zeit in DDR-Heimen und Jugendwerkhöfen teilnehmen. Das Programm dauert 6 Wochen und kann Betroffene dabei unterstützen, diese Erfahrungen zu verarbeiten.

    Informationen zur Teilnahme an TESTIMONY als Zeitzeug/-in findet man unter dieser Webadresse.

    Ziel Umerziehung: Wie Spezialheime und Jugendwerkhöfe in Sachsen während der DDR-Zeit funktionierten

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