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Ein CDU-Abgeordneter interessiert sich für Schulabschlüsse und Chancen für den Arbeitsmarkt

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    Beim Thema Bildung gerät die sächsische CDU gern in einen Feiermodus. Wie am 21. März. Da hatte sie in Radebeul zu ihrem 7. Schulpolitischen Forum geladen. Eigentlich vor dem Hintergrund eines wachsenden Nachwuchsproblems in der sächsischen Wirtschaft. Aber am Ende war wieder alles eiapopeia.

    Am Ende des Resümees, das die CDU-Fraktion nach der Veranstaltung zog, durfte der Kieler Bildungsforscher Hans-Carl Jongebloed jubeln: „Wir können bei allem Verbesserungspotenzial auf unser Bildungssystem stolz sein. Es ist im internationalen Vergleich eines der durchlässigsten und chancengerechtesten überhaupt.“

    Entweder hat er in einem anderen Land geforscht oder er hat mit Daten aus einer fernen Zukunft gearbeitet. Das deutsche Bildungssystem ist von Chancengleichheit weit entfernt. Wer aus bildungsferneren Familien kommt, wird früh aussortiert. Auch und gerade in Sachsen. Das beginnt nicht erst mit der Bildungsempfehlung, obwohl die Zahlen dazu mehr als eine deutliche Sprache sprechen. Wer in der falschen Familie im falschen Ortsteil eingeschult wird, hat drei mal geringere Chancen, eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium zu bekommen, als die Kinder in den reicheren Vierteln.

    Aber zumindest gibt es ja in der CDU-Fraktion doch noch ein paar Abgeordnete, die sich durchaus Sorgen machen, wie diese sächsische Schönrederei eigentlich ausgehen soll. Peter Patt aus Chemnitz ist so einer. Der wollte jetzt von der sächsischen Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) mal die Zahlen haben. Hat er bestimmt in der Schule gelernt: Zahlen schwafeln nicht. Zahlen sind konkret. Und 10 Prozent Schulabgänger ohne Zeugnis – das ist für ein „chancengerechtes“ Bildungssystem einfach eine Blamage. Eine Katastrophe noch dazu. Peter Patt: „Neben dem persönlichen Schicksal ist davon auch das Arbeitsplatzangebot von Arbeitgebern betroffen und muss dieses Dilemma bei der strategischen Überlegung zur Zuwanderung zwecks Fachkräftebedarfsdeckung vorrangig behandelt werden.“

    Das klingt für einen sächsischen Landtagsabgeordneten der CDU richtig forsch. Vielleicht schlüpft er ja mal in die Rolle von Thomas Colditz, der sich an der sächsischen Bildungspolitik regelrecht wund gerieben hat.

    Peter Patt wollte es jetzt genauer wissen – nicht nur die Quote der Schulabgänger ohne qualifiziertes Zeugnis, sondern auch die mögliche Rolle, die das Aussortieren auf Förderschulen dabei spielt („Ist es richtig, dass (behinderte und ggfs. andere) Schüler an Förderschulen (und ggfs. anderswo auch) regelmäßig keinen formal mit einem Abgang der Sekundarstufen I und II vergleichbaren Bildungsabschluss bekommen …“). Was dann schon richtig mutig ist, denn bei dem Thema Integration tut sich die sächsische CDU ja seit Jahren schwer.

    Wobei Peter Patt von Brunhild Kurth an dieser Stelle erst einmal Aufklärung bekommt, dass es sich bei Förderschülern eben nur zum kleineren Teil um behinderte Kinder handelt, sondern zumeist um Kinder mit „sonderpädagogischem Förderbedarf“, worunter eben auch viele fallen, die bei der Schuleingangsuntersuchung mit sprachlichen, motorischen, emotionalen und sozialen Schwächen auffallen. Sie machen am Ende eben doch einen erheblichen Teil der 8,6 Prozent der Schulabgänger aus, die 2014 Sachsens Schulen ohne Hauptschulzeugnis verließen. Im Vorjahr waren es 10,1 Prozent, davor 9,8 Prozent. Eine stabile Entwicklung zur Halbierung dieser Quote ist das noch nicht.

    In Radebeul wurde dann von Wirtschaftsvertretern auch noch heftig kritisiert, dass die Hälfte aller Jugendlichen ans Gymnasium gehe und dann studiere.

    Aber die Zahlen zeigen: Das stimmt gar nicht. 29,8 Prozent der Schulabgänger haben 2014 ihr Abitur gemacht, 51,5 Prozent den Realschulabschluss, 10 Prozent den Hauptschulabschluss. Die sächsische Bildungsdiskussion läuft augenscheinlich in weiten Teilen auf völlig falscher Datenbasis ab.

    Die jungen Leute, die es schaffen zu studieren, sind nicht diejenigen, die den Firmen in der Ausbildung fehlen. Das sind eindeutig jene Schulabgänger, die nicht mal einen Hauptschulabschluss bekommen. Eigentlich eine Hauptaufgabe für die sächsische Kultusministerin. Doch dazu müsste sie gezielt für Schulen in sozialen Brennpunkten mehr Lehrer einstellen und tatsächlich Förderprogramme auflegen, die die Chancengleichheit zumindest erhöhen. Denn auch in Sachsen und Leipzig gilt nun einmal: Die Chance für Kinder aus dem Bildungsbürgertum, das Abitur zu machen, sind drei Mal höher als für Kinder aus bildungsfernen Familien. Für Letztere sind dafür die „Chancen“, mit sonderpädagogischem Bildungsbedarf in einer Förderschule zu landen, um ein Vielfaches höher.

    Aber wer gleicht das am Ende aus?

    Der Bildungsbericht einer Stadt wie Leipzig zeigt: Es sind die Kommunen, die am Ende reparieren müssen, was die sächsische Bildungspolitik unterlässt. Sie unterhalten die ganzen Angebote für die Jugendlichen, die ihren Bildungsabschluss nachholen müssen (und zumeist auch wollen) oder die einen höheren Abschluss wollen, weil man mit einem Hauptschulabschluss die Anforderungen moderner Berufsausbildung eben doch nicht erfüllt.

    Aber genau diese Nacharbeit läuft für die sächsische Bildungsministerin quasi im Toten Winkel ab. „Konkrete Angaben hierzu liegen nicht vor, da es sich dabei nicht um ein statistisches Erhebungskriterium handelt“, teilt die Ministerin dem fragenden CDU-Abgeordneten mit. „Tendenziell lässt sich jedoch erkennen, dass im Freistaat Sachsen über die Zuerkennung von Schulabschlüssen, das Berufsvorbereitungsjahr, die Schulfremdenprüfung und die Abendmittelschule deutlich mehr als die Hälfte der Personen, die nicht (mindestens) einen Hauptschulabschluss besitzen, nachträglich zu einem anerkannten Abschluss zumindest auf dem Niveau des Hauptschulabschlusses geführt werden.“

    Sie kann sich dabei auf den Mikrozensus von 2011 berufen, nach dem immerhin 97,8 Prozent der 20- bis 30-Jährigen in Sachsen über einen qualifizierten Schulabschluss verfügen, deutschlandweit waren es nur 95,2 Prozent.

    Was aber noch immer keine Chancengleichheit bedeutet, denn am Ende entscheiden auch hier die höheren Abschlüsse über bessere Berufschancen, bessere Bezahlung und damit auch wieder über bessere Chancen für den künftigen Nachwuchs.

    Die Antworten von Brunhild Kurth auf Peters Patts Fragen.

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