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Städte wie Leipzig mit sozialen Gemengelagen brauchen deutlich mehr Betreuerinnen in den Kitas

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    Nicht ohne Grund haben die Stadtratsfraktion der Linken in Leipzig und die Landtagsfraktion in der neuen Broschürenreihe zur Bildung "Grünauer Schriften" Leipzig mit den anderen beiden Großstädten des Freistaats verglichen. So wird deutlich, was die Stadt an Elster und Pleiße von den anderen unterscheidet - und warum die sächsische Bildungspolitik so besonders negativ durchschlägt. Und zwar schon im Kindergarten.

    Hunderte Geschichten sind zwar zum Kita-Platz-Mangel erschienen und zu den Schwierigkeiten der Stadt Leipzig, das Neubauprogramm für die zusätzlich benötigten Kitas auf die Reihe zu bekommen. Aber die eigentlichen Probleme fangen erst in der Kita an. Denn über die Finanzierung der Kinderbetreuung entscheidet der Freistaat, der über zehn Jahre das Kunststück fertig brachte, die Kita-Pauschale einzufrieren, während die Kosten für Eltern und Kommunen ständig anwuchsen. Und der Freistaat bestimmt auch über den Betreuungsschlüssel, der für alle Kinder der jeweiligen Jahrgänge in Sachsen gleich ist.

    Dass er zu hoch angesetzt ist, ist seit Jahren Diskussionsstoff. Und auch die Absenkung von 13:1 auf 12,5:1 ändert nicht viel, stellt der Fraktionsvorsitzende der Linken in Leipzig, Sören Pellmann, fest. Denn tatsächlich erfasst der Schlüssel keine Kranken-, Weiterbildungs-, Urlaubs- und Vertretungszeiten und auch nicht den Schichtbetrieb in den Einrichtungen. „Der Regelfall sind dann in Spitzenzeiten eher 20 Kinder auf eine Erzieherin“, sagt Pellmann. Und fügt hinzu: „Das ist fast Klassenstärke.“

    Mit der Folge, dass die notwendige zusätzliche Betreuung für Kinder, die mit Nachholbedarf in die Kita kommen, nicht dargestellt werden kann. Für ihn steht aber auch fest, dass Eltern, die in angespannten sozialen Verhältnissen leben, oft nicht die notwendige Unterstützung leisten können, die Kinder bis zum Schuleintritt auf den notwendigen Stand der Entwicklung bringen. Die heimischen Defizite werden oft auch im Kindergarten sichtbar – Sprachdefizite, motorische Defizite, aber auch körperliche und – für Pellmann geradezu erschreckend – zunehmend Hördefizite. Alles Zeichen dafür, dass sich die Kinder zu Hause nicht genug bewegen, kaum intellektuell gefordert sind und oft genug im reinen Konsum von Filmen und Videospielen versinken.

    Dass das in der Regel mit Einkommensschwäche und Bildungsarmut im elterlichen Haushalt zu tun hat, ist keine neue Erkenntnis. „Ein Drittel der Kinder in Leipzig ist auch heute noch immer arm“, sagt Pellmann. „Deswegen ist das Thema ‚Armutshauptstadt Leipzig‘ für uns ganz und gar nicht gegessen.“ Jedes vierte Kind lebt in Leipzig auch im Jahr 2015 in einer Bedarfsgemeinschaft, also in einem „Hartz IV“-Haushalt. Das wird auch sichtbar, wenn Kinder von Elternbeiträgen freigestellt werden, was in der Regel der Fall ist, wenn Eltern nicht genug verdienen. Noch 2002 lag dieser Anteil in Leipzig bei 20 Prozent, stieg im Krisenjahr 2009 auf über 30 Prozent und lag 2014 noch immer bei 27,4 Prozent. In Dresden lag dieser Anteil in der Regel 4 bis 5 Prozent niedriger als in Leipzig. Für 2014 liegen aber keine Zahlen für Dresden vor. In Chemnitz liegt der Anteil im Schnitt noch einmal 10 Prozent tiefer.

    Was im Klartext heißt: Leipzig hat ein akutes soziales Problem

    Die Stadt müsste das eigentlich spätestens im Kindergarten auch mit besonderen pädagogischen Angeboten auffangen. „Was aber bei dem Betreuungsschlüssel überhaupt nicht möglich ist“, sagt Sören Pellmann. Es gäbe zwar schon einige Angebote in Leipziger Kindertagesstätten, mit denen versucht werde, die Defizite aufzufangen. Aber wirklich wirksam, so schätzt Sören Pellmann ein, wäre wirklich erst eine radikale Senkung des Betreuungsschlüssels auf 10 Kinder auf eine Erzieherin.

    Und auch bei einem anderen Wert liegt Leipzig deutlich überm sächsischen Schnitt: Das ist der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den Kindertageseinrichtungen. Von 2008 bis 2014 stieg er in Leipzig von 11,4 auf 13,2 Prozent. Dresden liegt derzeit bei 10,5 Prozent. Und auch hier müsste es eigentlich besondere Betreuung in den Kitas geben, damit die Kinder beim Erwerb der deutschen Sprache mindestens den Stand ihrer Altersgefährten erreichen und nicht mit spürbaren Sprachdefiziten in die Vorschuluntersuchung gehen.

    Auch hier versucht zwar die Stadt Leipzig in besonderen Kitas auch entsprechende Zusatzangebote zu schaffen. Aber am Ende geht es um pure Zahlen, die nötigen Finanzen und nicht nur eine Handvoll mehr Betreuerinnen, sondern ein paar hundert. Tatsächlich versuchen viele Einrichtungen mit möglichst wenig Personal über die Runden zu kommen. Während Dresden das Kita-Personal von 2013 zu 2014 von 4.925 auf 5.314 steigern konnte, legte Leipzig nur von 4.311 auf 4.483 zu. Entsprechend schlechter ist dann auch der Betreuungsschlüssel in den Einrichtungen. Statt also mehr pädagogisches Personal zu haben, um gerade Kindern mit Integrationsbedarf zu helfen, hat Leipzig in der Fläche weniger Personal zur Verfügung.

    Und die Unterausstattung mit Personal wird auch noch an einer anderen Stelle sichtbar: bei den ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen im 4. und im 6. Lebensjahr. In beiden Fällen liegt Leipzig deutlich unter den erreichten Werten in den beiden anderen Großstädten. Bei den Schuleingangsuntersuchungen wurden 2011/2012 nur 32,9 aller Leipziger Kinder in der Altersgruppe erfasst. Zu den Ursachen schreibt Dr. Dietmar Pellmann, der die Broschüre verfasst hat: „Oft scheitern flächendeckende Untersuchungen durch den kinder- und jugendmedizinischen Dienst der Landkreise und kreisfreien Städte an zwei Gründen. Zum einen mangelt es an Ärztinnen und Ärzten in den Ämtern und zum anderen an der Einsicht mancher Eltern.“

    Da aber die Broschüre genauso festgestellt hat, dass die Kommune zwingend aktiv werden muss, wenn Eltern ihre Rolle nicht gänzlich ausfüllen können, steht also wieder die Frage: Kann sich ein Land wie Sachsen hier Knauserei sparen und wäre es aus Eigeninteresse nicht in der Pflicht, die nötigen Spezialisten bereitzustellen?

    Denn das Drama der Kindheit beginnt in der Kita leider erst – und zwar meist unbemerkt. Wenn der Schuleintritt naht, werden die Rückstände in der Entwicklung der Kinder in der Regel mit aller Wucht sichtbar.

    Mehr dazu im nächsten Teil.

    Dr. Dietmar Pellmann „Grünauer Schriften Nr. 1. Frühkindliche Bildung in Leipzig“, Leipzig 2015. Die Broschüre ist im Wahlkreisbüro von Dr. Cornelia Falken und Sören Pellmann in der Stuttgarter Allee 16 in Grünau erhältlich.

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