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Die Lobhudelei des Bildungsmonitors der INSM kommt nur bei der Regierungskoalition noch gut an

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    Sachsen wird nicht regiert. Sachsen wird nur noch verwaltet. Was in den vergangenen Jahren als "Reform" angepriesen wurde, war nie mehr als ein Sparprogramm. Die wichtigsten Themen, die über die Zukunftsfähigkeit des Landes und seiner Regionen entscheiden, bleiben liegen, werden politisch einfach verweigert - der Strukturwandel in der Lausitz genauso wie der soziale Wohnungsbau oder die Bildungsstruktur.

    Und solche Studien, wie sie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) veröffentlicht, helfen natürlich dabei, eine Politik zu verklären, die sich über Jahre regelrecht in die Sackgasse manövriert hat. Denn dass auch im „Bildungsmonitor“ eine kritische Entwicklung im sächsischen Bildungssystem zu beobachten ist, sieht man nur, wenn man sich durch die zusammengewürfelten Details klickt.

    Dass sich die Staatsregierung gleich mal wieder lobt, weil das Spiegelbild so gut passt zur Schönfärberei der letzten Jahre, war zu erwarten.

    Sachsens Kultusministerin Brunhild Kurth erklärte gleich am 3. September, dem Tag der Veröffentlichung des „Bildungsmonitors“: „Die Qualität der Schulbildung, die Förderinfrastruktur für die Schülerinnen und Schüler und die sehr guten Bedingungen zur Vermeidung von Bildungsarmut sind zwar deutschlandweit spitze, aber wir dürfen die Augen nicht vor dem Personalproblem verschließen.“ So sei die Altersstruktur der Lehrer in Sachsen unausgewogen. Das Sachsen fünf Jahre lang selbst die Verjüngung und vor allem Stabilisierung des Lehrerbestandes ausgebremst hatte, Kurths Vorgänger im Amt sogar zurücktrat, weil er das Problem gegen die Erstarrung der Regierungsspitze nicht anpacken konnte – wahrscheinlich vergessen.

    „Im Ländervergleich entscheidet damit die soziale Herkunft der Schüler im Freistaat am wenigsten über den Bildungserfolg. Das ist letztendlich auch dem hohen Engagement der Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken, die die Schüler individuell fördern und fordern“, meinte Kurth. Doch auch wenn der „Bildungsmonitor“ das so behauptet, stimmt es nicht. In den diversen Leistungstest von PISA bis IQM erscheint die soziale Herkunft der Kinder nicht als Leistungshemmer, bei den Bildungsabschlüssen schlägt das gnadenlose Auslesesystem der sächsischen Schule dann umso sinnloser zu.

    Und auch der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Lothar Bienst, feiert seine reformunfreudige Truppe für die leichten Veränderungen der letzten Jahre, die am Grunddilemma gar nichts ändern: „Ich freue mich, dass Sachsen erneut den ersten Platz belegt hat und in den meisten der untersuchten Handlungsfelder sehr gut abschneidet. Dieses positive Abschneiden ist insbesondere angesichts der demografischen Herausforderungen zu würdigen, denn im Vergleich zu anderen Bundesländern haben sich bei uns die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren stark verändert.“

    Dass Sachsens CDU den „demografischen Herausforderungen“ schlichtweg rat- und tatlos gegenüber steht, Schwamm drüber.

    So begreift auch Bienst das Bildungssystem eher als ein Bauwerk, das es zu flicken und abzusichern gilt: „Als wichtigste Herausforderung verbleiben der überdurchschnittlich hohe Anteil von Schülern ohne Hauptschulabschluss und der vergleichsweise ineffiziente Einsatz der Ressourcen, also der hohe Altersdurchschnitt in den sächsischen Lehrerzimmern. Erfreulicherweise hat sich Sachsen hier aber gerade im Bereich der sogenannten Inputeffizienz deutschlandweit im Vergleich zum Vorjahr am meisten verbessert. Mit der Einstellung von 1.000 jungen Lehrerinnen und Lehrern zu Beginn dieses Schuljahrs gehen wir diesen positiven Weg konsequent weiter.“

    Mit Inputeffizienz meint die INSM tatsächlich den Altersdurchschnitt und die Dienstausfälle der Lehrer, auch wenn sie in der Legende behauptet, es ginge um die „Ressourcen im Bildungssystem“. Dass sich das Land schon durch die erste Einstellungswelle junger Lehrer hier massiv verbessern konnte, zeigt eigentlich, wie groß die Probleme durch Überalterung schon längst sind.

    Aber auch die Sprecherin für Wissenschaft und Hochschule der CDU-Landtagsfraktion, Aline Fiedler, jubelte: „Die Ergebnisse sind ein gutes Signal für den Bildungs- und Wissenschaftsstandort Sachsen. Sie bestätigen die hervorragende Arbeit der sächsischen Hochschulen und zeigen deutlich: kontinuierliche und hohe Investitionen in den Forschungsbereich zahlen sich aus. Die Basis dafür bauen wir weiter aus – in dem wir 100 Prozent der Hochschulpaktmittel des Bundes einsetzen und zwei Drittel der freiwerdenden BAföG-Mittel in Höhe von rd. 57 Millionen Euro direkt an unsere Hochschulen weitergeben. Dadurch erhöht sich der Hochschuletat im laufenden Doppelhaushalt um ca. sieben Prozent.“

    SPD und Linkspartei blieben bei solcher Jubelei diesmal einfach die Worte weg.

    Die bildungspolitische Sprecherin der Linken, Cornelia Falken, ist sowieso mit einem neuen Schulgesetz für Sachsen beschäftigt, mit dem das vermurkste alte System endlich abgelöst werden soll.

    Die für die Hochschulen zuständige SPD-Ministerin Eva-Maria Stange äußerte sich freilich auch gleich und feierte das sächsische Hochschulsystem, das längst genauso unter Beschuss steht wie das Schulsystem: „Ich bin sehr froh, dass es uns seit mehreren Jahren gelingt, den Rückgang sächsischer Abiturienten auszugleichen und deutlich mehr jungen Studierenden aus den westlichen Bundesländern und dem Ausland ein gutes Hochschulstudium zu bieten. Damit leisten die Hochschulen einen deutlichen Beitrag zur demografischen Erneuerung im Freistaat. Das betrifft vor allem die Ingenieurswissenschaften, aber auch alle andere gesellschaftlich und wirtschaftlich relevanten Bereiche. Das große Interesse für ein Studium in Sachsen zeugt von attraktiven Studienbedingungen an den Hochschulen, die wir auch weiter konstant auf hohem Niveau halten wollen. Es zeugt aber auch von der guten Lebensqualität in den sächsischen Städten.“

    Dass die Hochschulen aber weiter Stellen kürzen sollen und die Staatsregierung weiter mit sinkenden Studierendenzahlen kalkuliert, lässt sie einfach mal weg. Genauso die Tatsache, dass die gelobten Ingenieure scharenweise das Land verlassen, weil es kaum Anschlussbeschäftigungen in Wirtschaft und Forschung gibt.

    Deutliche Worte zu diesem zusammengestoppelten Ranking von den Grünen

    Aber zumindest die Grünen fanden deutliche Worte zu diesem zusammengestoppelten Ranking, das nun wieder offiziell herhalten muss, eine desolate Bildungspolitik für vorbildlich zu verkaufen.

    „Das reflexartige Bejubeln der erneuten Erstplatzierung Sachsens im Ländervergleich des Bildungsmonitors ist fehl am Platz. Es ist bezeichnend, dass das Institut der deutschen Wirtschaft von ‚Stagnation‘ und Abwärtstrends berichtet, Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) hingegen die frohe Kunde ausruft, Sachsen habe ‚das beste Bildungssystem in Deutschland‘. Da muss man sowohl die Studie selbst als auch ihre Ergebnisse genauer hinterfragen“, erklärte am Donnerstag Petra Zais, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. „Ausgerechnet bei der Integration von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund hat sich die Situation in Sachsen verschlechtert. Mehr ausländische Jugendliche als im Jahr zuvor haben die Schule ohne Abschluss verlassen. Sachsen weist nach wie vor fast doppelt so viele Schulabbrecher auf als im Bundesdurchschnitt. In puncto Bildungsgerechtigkeit besteht erheblicher Nachholbedarf.“

    Nur zur Ergänzung: Die von der Bildungsministerin gefeierten 1.000 neuen Lehrer fangen im besten Fall mit Ach und Krach die Altersabgänge des laufenden Schuljahres auf, stopfen aber weder die in den vergangenen Jahren aufgerissenen Löcher, noch sichern sie den Mehrbedarf für Integration und Förderung.

    „Ausdrücklich weist die Studie darauf hin, dass Sachsen ein Personalproblem hat, aktuell und erst recht in Zukunft“, stellt denn auch Zais fest. „Die Altersstruktur bei den Lehrerinnen und Lehrern ist unausgewogen, sowohl an den allgemeinbildenden als auch an den berufsbildenden Schulen. Zu lange hat die sächsische Staatsregierung tatenlos zugesehen, wie sich der Lehrermarkt leert. Nun sollen die Studienkapazitäten und die Anreize, im sächsischen Schuldienst tätig zu werden, erhöht werden. Dabei verliert Sachsen wertvolle Zeit, was in den nächsten Jahren zu Lasten der Unterrichtsabsicherung und -qualität führen dürfte.“

    Und das ist sogar aus einem „Bildungsmonitor“ herauszulesen, der in seiner Zusammenstellung zur Einschätzung der Qualität eines Bildungssystems eigentlich gar nicht ausgelegt ist.

    „Die Kritik an Auswahl und Gewichtung der Indikatoren des Bildungsmonitors bleibt“, sagt Zais noch. „Schulqualität beispielsweise wird allein anhand der Ergebnisse aus Vergleichsarbeiten gemessen. Bei den Betreuungsbedingungen bleibt die frühkindliche Bildung gänzlich unberücksichtigt. Dabei hatte die Bertelsmann Stiftung in ihrem ‚Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme‘ dem Freistaat erst kürzlich den bundesweit schlechtesten Personalschlüssel bei den unter Dreijährigen bescheinigt. Hier wird die Chance vertan, Grundlagen für einen erfolgreichen Bildungsweg zu legen. Insgesamt fokussiert der Bildungsmonitor einseitig auf die Frage der Arbeitsmarktverwertbarkeit von jungen Menschen. Mindestens ebenso wichtig ist es angesichts der aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die politische Bildung in den Schulen zu stärken. Da gibt es in Sachsen erheblichen Handlungsbedarf.“

    Und heftige Kritik an den falschen Lorbeeren gab es auch vom Landesschülerrat (LSR).

    Aus Sicht der Schüler hinkt die Studie aus mehreren Gründen. Sie versucht, aus der Sicht der Wirtschaft die Effizienz des Bildungssystems zu untersuchen. Dabei stützt sie sich aber nur auf Daten aus dem Jahr 2013. Deswegen handelt es sich für den LandesSchülerRat Sachsen erneut um ein Zahlenwirrwarr und verklärt die Probleme im sächsischen Bildungssystem. Hohe Schulqualität funktioniere nur mit ausreichend gut ausgebildeten Lehrern. Doch gerade der Generationswechsel verlaufe schleppend, von den 1.000 neuen Lehrern, welche dieses Jahr eingestellt werden sollten, konnten nur etwas über 950 ausgebildete Lehrer tatsächlich in den Schuldienst starten. Einige Stellen konnten aufgrund mangelnder Bewerberzahlen nicht besetzt werden. Die Schulabbrecherquote liegt mit 10 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Das Scheitern bei der Bekämpfung der Bildungsarmut wird hier sichtbar, konstatiert der LSR.

    Der stellvertretende Vorsitzende Friedrich Roderfeld dazu: „Diese Studie ist eine Lobhudelei, die für die Bildung in Sachsen schädlich ist. Sie zeigt nur, dass die Menschen im Bildungssystem einen super Job leisten, dazu gehören Lehrer, Eltern und Schüler. Das wussten die Kultusministerin und alle anderen schon vorher. Doch jetzt hilft es den politisch Verantwortlichen, sich zurückzulehnen. Die Probleme werden kaschiert, Investitionen und Reformen verschleppt. Die Landesregierung darf sich nicht auf den Lorbeeren vergangener Leistungsvergleiche und Studien zur wirtschaftlichen Effizienz des Bildungssystems ausruhen. Wenn Frau Kurth angesichts des nicht zu deckenden Lehrerbedarfs von ‚keinem Problem‘ spricht, haben wir tatsächlich den Eindruck, dass die Staatsregierung die ganze Sache zu locker nimmt. 1.000 neue Lehrer können nur der Anfang des Generationswechsels im Lehrerzimmer sein. Wenn der Lehrerarbeitsmarkt aber nicht mal das hergibt, graut es mir vor den nächsten Jahren. Werden die Probleme nicht angegangen, so droht in Sachsen ein in weiten Teilen vor Herausforderungen kollabierendes Bildungssystem.“

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