Am Ende entscheidet wieder der Wohnort darüber, ob Kinder aufs Gymnasium gehen oder auf die Oberschule

„Von rund 28.000 Grundschülern der 4. Klassen an öffentlichen Schulen haben 47 Prozent (13.000 Schüler) in diesem Jahr eine Bildungsempfehlung für das Gymnasium und beinahe 53 Prozent (14.500 Schüler) für die Oberschule erhalten“, meldete das Sächsische Kultusministerium am 21. März. Aber das waren nur die sächsischen Zahlen. Wie sah es eigentlich wieder für Leipzig aus? Schön, dass Landtagsabgeordnete immer noch neugierig sind.
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„Damit setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort“, hatte Kultusministerin Brunhild Kurth noch gesagt. Und damit suggeriert, das Angebot Oberschule (Mittelschule) würde nach all der Reformiererei wieder Zuspruch finden.

Aber tatsächlich besagt der Trend etwas anderes: Nach wie vor versuchen möglichst viele Eltern, ihr Kind auf das Gymnasium zu bekommen. Das ist auch bei den Bildungsempfehlungen ablesbar. „Im Schuljahr 2014/2015 erhielten von rund 28.300 Grundschülern der 4. Klassen an öffentlichen Schulen knapp 47 Prozent (13.100 Schüler) eine Bildungsempfehlung für das Gymnasium und beinahe 53 Prozent (14.800 Schüler) für die Mittelschule“, hatte das Kultusministerium noch gemeldet.

Wobei Bildungsempfehlung noch nicht heißt, dass die Kinder auch tatsächlich zum Beispiel aufs Gymnasium gehen.

Auf eine Anfrage der bildungspolitischen Sprecherin der Grünen, Petra Zais, hat die Kultusministerin jetzt auch die Anmeldezahlen fürs neue Schuljahr bekanntgegeben. Danach wechseln nur 39,6 Prozent der Viertklässler (insgesamt 10.492) im neuen Schuljahr ans Gymnasium, 60,4 Prozent (15.980) aber auf die Oberschule.

Und das hat auch viel damit zu tun, wo sie leben und wo ihre Schule steht. In den Landkreisen ist die Anmeldequote für die Oberschule deutlich höher als in den Kreisfreien Städten – im Landkreis Leipzig etwa gehen 67,5 Prozent der Kinder auf die Oberschule, im Landkreis Nordsachsen sind es 57,1 Prozent.

Der bloße Blick auf die Statistik zeigt, dass sich hier das tatsächliche Leistungsvermögen der Kinder nicht unbedingt widerspiegelt.

In Leipzig zum Beispiel ist das Verhältnis komplett ein anderes: Hier wurden 51,3 Prozent der Kinder fürs Gymnasium angemeldet und nur 48,7 Prozent für die Oberschule. Das sieht in Dresden mit 50,4 zu 49,6 Prozent ganz ähnlich aus, während in Chemnitz wieder 59,7 Prozent der Kinder für die Oberschule angemeldet wurden.

Aber selbst innerhalb Leipzigs gibt es drastische Unterschiede, die sichtbar machen, dass schon Bildungsempfehlung wie auch Anmeldung viel mit den sozialen Gegebenheiten in der Familie und im Ortsteil zu tun haben. Es gibt eine ganze Reihe Schulen, in denen über 70 Prozent der Erstklässler die Empfehlung fürs Gymnasium bekamen.

Die meisten Empfehlungen zu einem Gymnasiumsbesuch gab es in diesen Schulen:

Schule am Floßplatz ‐ Grundschule der Stadt Leipzig 82,2 %
Anna‐Magdalena‐Bach‐Schule ‐ Grundschule der Stadt Leipzig 76,9 %
Schule Rückmarsdorf ‐ Grundschule der Stadt Leipzig 76 %
3. Grundschule in der Südvorstadt 73,1 %
Schule 5 im Stadtbezirk Mitte ‐ Grundschule der Stadt Leipzig (das ist die Containerschule am Waldstraßenviertel) 71,2%
Schule Gundorf ‐ Grundschule der Stadt Leipzig 73,1 %
Lessingschule ‐ Grundschule der Stadt Leipzig 73,8 %

Und dann gab es freilich auch in diesem Jahr Grundschulen, da erhielt nur jedes fünfte Kind (oder weniger) eine Empfehlung fürs Gymnasium.

Die wenigsten Empfehlungen zum Besuch eines Gymnasiums gab es hier:

74. Schule (Anger-Crottendorf) ‐ Grundschule der Stadt Leipzig 20,9 %
Wilhelm‐Wander‐Schule (Neustadt) ‐ Grundschule der Stadt Leipzig 7,5 %
August‐Bebel‐Schule (Neustadt-Neuschönefeld) ‐ Grundschule der Stadt Leipzig 17,6 %
Hans‐Christian‐Andersen‐Schule (Sellerhausen-Stünz) ‐ Grundschule der Stadt Leipzig 21,4 %

Die Schulen konzentrieren sich nicht ganz ohne Grund im Leipziger Osten. Hier muss auch deutlich mehr Integrationsarbeit geleistet werden. Eigentlich sogar noch deutlich mehr als bislang, denn wo die Herausforderungen größer sind, müsste eigentlich das Unterstützungsangebot der Schule deutlich stärker werden. Denn es spricht ja nichts dafür, dass die Kinder aus diesen Ortsteilen dümmer sind als die aus dem Waldstraßenviertel oder der Südvorstadt. Nur haben sie in der Regel nicht dieselbe starke  Unterstützung durch ihr Elternhaus. Hier müsste Schule eigentlich einen Ausgleich schaffen, der dann auch in einen erfolgreichen Schulabschluss mündet. Muss ja nicht unbedingt das Abitur sein. Aber die deutlich auseinanderlaufenden Quoten bei der Bildungsempfehlung zeigen schon hier, wie stark Herkunft und soziales Umfeld zur Selektion in einem Bildungssystem führen, das Bildungsübergänge immer auch als grundsätzliche Entscheidung für die Bildungskarriere organisiert.

Die Antwort auf die Anfrage von Petra Zais – mit ganz vielen Zahlen. Drs. 4412

Bildungsempfehlung
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