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Lernen, nur wie eigentlich? Ein Nachklapp zur LEIPZIGER ZEITUNG 39 „Bildunk. Vür alle!“

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug aus Ausgabe 40In der zurückliegenden Ausgabe 39 der LZ stand das Thema „Bildunk. Vür alle!“ auf dem Cover und so manches Thema löste Debatten bei den Lesern aus. So auch die Beschreibung des heutigen Schulsystems von Jens-Uwe Jopp, einem Leipziger Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte. Und es fiel manchem auf, dass keine Lösung in Sicht schien. Mittlerweile ist eine erneute Novellierung des Schulgesetzes in Sachsen durch den Landtag, die Regie­rungskoalition aus CDU und SPD versuchte die Fortschritte herauszustellen. Doch gehen sie weit genug?

    Zumindest mehr Lehrer soll es wieder in Sachsen geben, wenn auch noch immer nicht genug. Deutlich besser bezahlt werden sollen sie erst einmal auch nicht (nach Erscheinen des Artikels gab es eine kleine Erhöhung, d. Red. in ganz Deutschland), obwohl der Kon­kurrenzkampf zwischen den Bundesländern um den jungen Lehrer-Nachwuchs längst begonnen hat. Und das längere gemeinsame Lernen an den Schulen entfiel mal wieder, die SPD konnte sich nicht durchsetzen.

    Doch wäre dies bereits das Allheilmittel gewesen? Jens-Uwe Jopp sucht nach weitrei­chenderen Lösungen, nach neuen Grundlagen im Verständnis Schule und dem, was es eigentlich zu ändern gilt. Wenig überraschend erscheinen zwei Faktoren am Horizont: Zeit und längeres gemeinsames Lernen.

    Alles auf Anfang? Teil 2

    Schule muss sich verändern. Muss den Erfordernissen unserer Zeit entsprechen, nicht wie ein klappriges, am TÜV vorbeigeschum­meltes Wrack dem Gesellschaftsschnellzug hinterherrumpeln. Hier noch ein Weiterbil­dungsbodenblech drangeschweißt, dort noch einen sozial-arbeitenden Nachschalldämpfer erneuert, da ein Spiegelglas der Selbstreflexion ersetzt … und alles husch-husch und ohne visionären Plan.

    Das geht am Kern des Problems vorbei. Unsere Schulen sind Disziplinierungs- und Konditionierungseinrichtungen für Konsu­menten, weniger für kreative und demokra­tisch engagierte Menschen. Sie sind in Raum und Zeit falsch und arhythmisch konstruiert, entzünden zu wenig Feuer, brennen vielmehr aus, prägen sich nicht ein.

    Wir brauchen keine falsche Symptomer­zeugung wie ADHS, Mathe- und Recht­schreibschwächen, Konzentrationsmängel, welche dann kostenintensiv und marktförmig „bekämpft“ werden. Wir müssen vielmehr an die Wurzel, also radikal vorgehen. Dazu brauchen wir eine neue Balance, ein neues Gleichgewichtsverständnis von Be- und Entlastung. Die Schülerinnen und Schüler haben das längst verinnerlicht: In der Woche wird „gearbeitet“ und an den Wochenenden „entspannt“. Wie die Erwachsenen es auch tun.

    Die Arbeit dient zum Lebensunterhalt. Ist das alles?

    Unsere Jugendlichen sollen mit neuen Ideen, neuer Kraft, neuem Denken unsere Gesell­schaft so formen, dass sie dem Erhalt derselben dienen und einen menschenwürdigen Umgang mit den Ressourcen der Erde befördern. Da geht’s nicht weiter mit einem „Weiter so!“.

    Problematisch ist dabei das „Inventar“ der bestehenden Bildungseinrichtungen. Die „Hard- und Software“ gewissermaßen. Erneu­ern kann ich ein Bildungssystem kaum mit „alten“ Kräften. Nichts gegen den erfahrenen Kollegen oder die positiv-routinierte Kollegin, die berechenbar und solide zu unterrichten verstehen. Sie sollen durchaus Anerkennung für die geleistete Aufbauarbeit erfahren, die in den letzten Jahren immer stärker bürokratisch überformt wurde.

    Ihre Erschöpfungszustände waren in der Regel nicht gespielt, sondern echt. Und die wenigen jüngeren Kolleginnen und Kollegen, die neuen „Besen“, die unter Wiederentdeckung des Frontalunterrichts kehren oder andererseits Freunde der „Teamkleingruppenarbeit“ sind, können den neoscholastischen Oldtimer Schule auch nicht alleine für ein hochstilisier­tes Arbeitsplatz- und Einkommenswettrennen „zurechttunen“.

    Evaluierungswellen und „Rankingterror“ können es nicht verdecken: Das Schulsystem braucht einen Paradigmenwechsel.

    Wir brauchen Zeit und Selbstbewusstsein

    Beide Zielgrößen kennt die (un-)moderne Schule nicht mehr. Zum einen verlangt sie von Schülern und Eltern eine frühzeitige Bildungswegbeschreibung zur vorfristigen Lebens- und Arbeitsplanung, zum anderen vergrößert sie mit Lehrplan- und Leistungs­druck mittelmäßiges Anpassungsgehabe und minimiert sach- und anlagenorientiertes Handeln. Was auch noch wenig prosozial daherkommt. Dabei verlieren alle. Klas­senprimus wie Schulabbrecher.

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Ausgabe 40 im Februar 2017. Screen LZ
    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Ausgabe 40 im Februar 2017. Screen LZ

    Länger in der Klasse, im Kurs zusammenzubleiben, würde Schwächere, „Abgehängte“ und „Inselbegabte“ nicht unter den Existenz- und Selbstbewusstseinstisch fallen lassen, sondern wirklich integrieren helfen. Später einsetzende Leistungsdifferenzierung, -klassen, -kurse, helfen Stärken zu stärken und Schwächen zu schwächen.

    Zweitens: Wir brauchen eine stärkere Mischung, Rhythmisierung des Schular­beitsalltags. Theorie muss durch Praxis ergänzt werden (können). Ein kreativ-förderndes außerschulisches Programm muss neu ent­stehen. Schülerinnen und Schüler sollen und müssen sich mit dem Lebensraum Schule identifizieren können. Dafür muss man Geld in die Hand nehmen und das Leben in die Schule lassen. Weniger ehren- vielmehr hauptamtlich.

    Nicht den Eltern ein schlechtes Gewissen bereiten, dass sie nach der Wochenarbeit nicht noch Malerpartisan an Wochenenden oder Ferientagen spielen. Schulen sind Ausdruck der Wertschätzung des jeweiligen Staates, ein Wert der Zivilgesellschaft, welcher zeigt, wie viel Wert man dem Nachwuchs beimisst. Keiner darf dabei zurückgelassen werden!

    Natürlich dröhnt auch mir das neoliberale Mantra, das postmoderne Freiheitsgeklingel in den Ohren – „Das ist Zwang! Jede/r muss selbst entscheiden, was für ihn/sie das Richtige ist!“ – nur braucht man zur Freiheit auch die Befähigung, selbige sozial verantwortlich ausüben zu können. Dazu ist es notwendig, nicht nur irgendeinen, sondern d e n Platz spä­terer Arbeit in der Schule einüben zu können, welcher zu einem Höchstmaß an Leistungsbe­reitschaft inspiriert.

    Der soziale Abstieg beginnt früh – zu früh

    Soziale Abstiegs- und Existenzängste tun das auf sehr gefährliche Art und Weise: Sie fördern eine Mentalität, Rattenfängern der einfachen Erklärungen und menschenfeind­lichen Auslese auf den rassistischen und sozialdarwinistischen Leim zu gehen. Indivi­duelle Lernpläne, praxisnahe Klassenarbeiten, konsequente Entrümpelung der Lehrpläne ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten, Flexibilität des Einzelnen bei der Fächer- und Kurswahl – all das könnte helfen, auch dem „Schwachen“ ein Selbstbewusstsein zu geben, das sich dann wiederum zu einer Art „Stand-by“ der Leistungs- und Produktivitäts­willigkeit entwickeln kann.

    So wie sich die sächsische Bildungslandschaft momentan darstellt, geht alles zum Gymna­sium, um später „alle Chancen“ zu haben. Zur Not unter derart hohem elterlichen Druck, dass auch das „Fast-Fünfer-Abi“ besser ist, als ein Abschluss der 10. Klasse mit einem Notendurchschnitt von 2. Denn „nach den Schulnoten fragt später keiner mehr“, irgend­ein Orchideenfach wird sich auch an der Uni noch finden lassen.

    Das Handwerk sucht derweil händeringend Nachwuchs. Denn die andere, schon nach Klasse 4 zurückgelassene Hälfte, also die, deren Eltern lehrerseitige Bildungsempfehlun­gen ernst nehmen, ist zum „DDR-Schicksal“ verurteilt, der „Der doofe Rest“ zu sein. Was schlussendlich zum Sozialdarwinismus zurückführt. Und zum Leim der Populisten.

    Die neue „Leipziger Zeitung“ liegt seit Freitag, 17. Februar 2017, an allen bekannten Verkaufsstellen aus. Besonders in den Szeneläden, die an den Verkäufen direkt beteiligt werden. Also, support your local dealer. Da es vermehrt zu Ausverkäufen kam, ist natürlich auch ein LZ-Abonnement möglich, um garantiert nichts mehr zu verpassen.

    Im Monat Februar 2017 befasst sich die LEIPZIGER ZEITUNG ua. mit der Frage „Wem gehört die Stadt?“

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