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Immer mehr Lehrer fehlen, Unterrichtsausfall an Sachsens Schulen nimmt zu

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    Da wird am Schulgesetz gebastelt und gebastelt. Am Ende wurde es ein laues Lüftchen und die eigentlichen Probleme im sächsischen Schulwesen wurden nicht gelöst. Es steckt ziemlich tief im Schlamassel, wie eine Anfrage von Petra Zais, der bildungspolitischen Sprecherin der Grünen im Landtag, ergab: "Die größten Baustellen im sächsischen Schulsystem werden immer offensichtlicher."

    „Sachsen hat ’nachweislich ein erfolgreiches, leistungsfähiges und anerkanntes Bildungssystem‘, so Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) in ihrer Rede zur Verabschiedung des Gesetzes zur Weiterentwicklung des Schulwesens im Freistaat Sachsen Mitte April im Landtag.

    Diese Aussage ist nur die eine Seite der Medaille“, stellt Zais fest. „Am Beispiel des zunehmenden Unterrichtsausfalls wird deutlich, dass es der Koalition bisher nicht gelungen ist, eine wirkliche Antwort auf den Teufelskreis aus dem Mangel an Lehrerinnen und Lehrern auf der einen Seite und dem hohen Krankenstand aufgrund zunehmender Belastungen auf der anderen Seite zu finden

    Sie befürchtet wohl zu recht, dass sich die Situation weiter verschlimmern wird. „Denn das neue Schulgesetz soll ein Erfolg um jeden Preis werden. Und der Koalition ist es egal, wer diesen Preis zahlt. Insbesondere die sächsischen Oberschulen sollen nach dem Willen der Koalition eine Reihe neuer Aufgaben erfüllen und können doch schon jetzt kaum noch den planmäßigen Unterricht absichern. Das ist Raubbau an der wichtigsten Ressource des Bildungssystems – den Lehrerinnen und Lehrern“, so Zais. „Die Kultusministerin hat nach wie vor große Probleme, den planmäßigen Unterricht abzusichern. Im Vergleich zum ersten Halbjahr des vergangenen Schuljahres hat sich die Situation weiter verschärft. Die wachsende Zahl der wegen Lehrkräftemangels und aus anderen Gründen ausgefallenen Unterrichtsstunden steht dafür, dass wir in Sachsen nach wie vor zu wenige Lehrkräfte für eine wachsende Zahl von Schülerinnen und Schülern haben und dass die bisherigen Maßnahmen der Landesregierung keine ausreichende Wirkung entfalten.“

    Anstieg der Ausfallstunden in allen Schularten

    Das Grundproblem, das im Grunde von der Unfähigkeit des Kultusministeriums erzählt, die jungen Lehrkräfte in Sachsen zu binden: Die Zahl der Altersabgänge kann weiterhin nicht durch grundständig ausgebildete Fachlehrkräfte ersetzt werden. Die Lücke wird größer. Die Zahl der Mangelfächer wächst.

    „Mit Blick auf die Oberschule sind das vor allem Deutsch, Englisch und die Naturwissenschaften. Dass immer mehr Lehrerinnen und Lehrer trotz großer Zufriedenheit mit dem Beruf den hohen Belastungen Tribut zollen müssen, zeigt die nach wie vor hohe Anzahl der krankheitsbedingten Ausfallstunden. Angesichts einer alternden Lehrerschaft wird sich dieser Trend weiter verstärken“, befürchtet die Abgeordnete.

    Der Unterrichtsausfall stieg laut Angaben der Kultusministerin in fast allen Schularten. In den Förderschulen von 4,46 Prozent im ersten Halbjahr des Schuljahres 2015/2016 auf 5,74 Prozent im ersten Halbjahr des Schuljahres 2016/2017. In den Berufsschulen von 4,78 Prozent im ersten Halbjahr des Schuljahres 2015/2016 auf 5,46 Prozent im ersten Halbjahr des Schuljahres 2016/2017.

    An den Grundschulen fallen die Unterrichtsfächer Deutsch, Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache wegen Krankheit häufiger als die anderen Fächer aus. Das Unterrichtsfach, das an sächsischen Grundschulen noch häufiger ausfällt, ist der sogenannte Anfangsunterricht. Die Ausfallquote liegt hier sachsenweit durchschnittlich bei 20,86 Prozent.

    „Der Anfangsunterricht ist vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund, Lernschwierigkeiten sowie für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf für die ersten Schritte im Schulleben enorm wichtig. Der hohe Unterrichtsausfall macht einen erfolgreichen Schulstart für diese Kinder noch schwieriger“, erläutert Zais.

    Besonders gebeutelt sind die sächsischen Oberschulen mit einem durchschnittlichen außerplanmäßigen Unterrichtsausfall von 4,7 Prozent. Im Vorjahreshalbjahr waren es noch 3,7 Prozent. Rechnet man den planmäßigen Unterrichtsausfall und die fachfremden Vertretungen dazu, sind es bei den Oberschulen mittlerweile 8,7 Prozent der Gesamtstunden, die nicht oder nicht fachgerecht gehalten werden. Im Vergleichshalbjahr 2015/2016 waren es noch 7,4 Prozent. Ein Wert, der aus der Sicht der Eltern und Schülerinnen und Schüler bereits außerordentlich hoch war.

    Besonders dramatisch: Die Situation in Leipzig

    „Die neuerliche Steigerung zeigt, wie wenig ernst die Koalition ihr Mantra von der Oberschule als dem Rückgrat des sächsischen Bildungssystems wirklich nimmt“, kritisiert die Abgeordnete. „Als mittlerweile dramatisch ist die Situation in der Stadt Leipzig einzuschätzen.“

    Dort liegen die außerplanmäßigen Ausfallstunden der Oberschulen mit 6,2 Prozent deutlich über dem Sachsen-Durchschnitt von 4,7 Prozent. Rechnet man für Leipzig die Vertretungsstunden, die fachfremd gehalten werden, hinzu, werden mittlerweile zehn Prozent der Gesamtstunden an Leipzigs Oberschulen nicht oder fachfremd gehalten. Bezogen auf die fünf Regionalstellen gehört beim Unterrichtsausfall auch die Regionalstelle Dresden mit 5,1 Prozent außerplanmäßigem Ausfall, 3,7 Prozent fachfremder Vertretung und 0,3 Prozent planmäßigem Ausfall zur Negativ-Spitze in Sachsen. Bautzen und Görlitz führen die Ausfallliste in den ländlichen Regionen an.

    Auch die Gymnasien sehen sich zunehmend mit einem steigenden Anteil an planmäßigem und außerplanmäßigem Unterrichtsausfall sowie fachfremder Vertretung konfrontiert. Während im 1. Halbjahr 2015/2016 5,4 Prozent der Stunden ausgefallen bzw. fachfremd vertreten wurden, stieg dieser Wert für die Gymnasien sachsenweit im 1. Halbjahr 2016/2017 auf 6,1 Prozent. Insbesondere die Regionalstellen Dresden (6,8 Prozent), Leipzig (6,6 Prozent) und Bautzen (7,1 Prozent) liegen in dieser Schulart deutlich über dem Durchschnitt.

    Löcherstopfen mit fatalen Folgen

    „Der sich abzeichnende Lehrkräftemangel an den Gymnasien ist zum Teil hausgemacht. Denn zunehmend werden Studienabgängerinnen und Studienabgänger mit dem Abschluss für das Gymnasium an anderen Schularten eingesetzt. Angesichts der großen Lehrernot insbesondere bei den Oberschulen eine zunächst nachvollziehbare Maßnahme. Wenn die Einstellungspolitik des Kultusministeriums jedoch nicht wieder die Gymnasien auch in den Ballungszentren in den Blick nimmt, werden wir es in absehbarer Zeit mit einer ähnlichen Situation wie an den sächsischen Oberschulen zu tun haben. Diese Entwicklung gefährdet den Schulfrieden erheblich“, erklärt Petra Zais. Und stellt dann fest: „Die Decke, an der zur Absicherung des Lehrerbedarfs an den sächsischen Schulen gezogen wird, ist nach wie vor an allen Ecken zu kurz und auch das 213 Millionen Euro schwere ‚Maßnahmenpaket zur Lehrergewinnung‘ vom Oktober 2016 entfaltet bisher nicht die erhoffte Wirkung. Ein weiterer Anstieg des Unterrichtsausfalls ist auch angesichts der nun in das begleitende Studium gehenden Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger sowie der ab dem neuen Schuljahr in Kraft tretenden Reduzierung der Wochenstunden der Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer vorprogrammiert.“

    Das im Herbst 2016 endlich beschlossene Maßnahmenpaket sei aufgrund der monatelangen Blockadehaltung des Finanzministeriums viel zu spät gekommen. Damit verzögere sich auch der zeitliche Spielraum für das Inkrafttreten einzelner Maßnahmen und für das Nachsteuern.

    „So kann die freiwillige Erhöhung der Wochenstundenzahl für vollbeschäftigte Lehrkräfte aufgrund der noch durch das Finanzministerium zu klärenden tarifrechtlichen Einzelheiten erst zu Beginn des neuen Schuljahres in Kraft treten. Da die Zustimmung der Tarifgemeinschaft der Länder längst vorliegt erwarte ich, dass der Finanzminister im Interesse der sächsischen Schülerschaft endlich zu Potte kommt“, formuliert es die Landtagsabgeordnete. „Es ist an der Zeit, dass die Themen Lehrkräftemangel und Unterrichtsausfall nicht nur als ein Problem des Kultusministeriums gesehen werden, sondern als Aufgabe des gesamten Kabinetts. Dazu gehört auch, das Thema Lehramtsausbildung im Blick zu halten. Der beschlossene Hochschulentwicklungsplan darf – wenn sich neue Erkenntnisse ergeben – nicht als ‚in Stein gemeißelt‘ betrachtet werden.“

    Sachsen ist kein attraktives Land für Lehrer

    Nachsteuerungsbedarf sieht die Grünen-Bildungspolitikerin auch bei der Maßnahme „Gewinnungszulage“ für rückkehrende verbeamtete Lehrkräfte, die den Beamtenstatus in Sachsen aufgeben müssen. Diese konnte bisher lediglich an sechs Zurückgekehrte gezahlt werden.

    „Ich bin überzeugt, dass ein für zwei Jahre befristetes, auf 200 Stellen und Mangelfächer begrenztes Rückkehrprogramm unter Beibehaltung des Beamtenstatus sinnvoller gewesen wäre und zur schnellen Linderung der größten Not beigetragen hätte“, erklärt Zais.

    Und schaut dann auf die deutlich zurückgegangenen Bewerbungszahlen aus anderen Bundesländern für den sächsischen Schuldienst. Der Rückgang zeige, wie wenig attraktiv Sachsen in dieser Hinsicht ist. Hatten sich im Schuljahr 2015/2016 noch 556 Lehrerinnen und Lehrer mit einem Lehramtsabschluss aus einem anderen Bundesland für den Schuldienst in Sachsen beworben, waren es in diesem Schuljahr nur 404 Lehrerinnen und Lehrer. Von den Bewerberinnen und Bewerbern konnten im vergangenem Schuljahr 223 Lehrkräfte in den sächsischen Schuldienst übernommen werden, im ersten Halbjahr 2016/2017 waren es nur 145 Lehrkräfte.

    „Sachsen ist nach wie vor ein wenig attraktives Land für Lehrkräfte aus anderen Bundesländern“, resümiert Zais.

    Insgesamt würden von dem Maßnahmenpaket die jungen und neu eingestiegenen Lehrkräfte stärker als die älteren Lehrkräfte profitieren. Neue Ungleichbehandlungen hinsichtlich unterschiedlicher Einstufungen bei gleichem Unterricht und die Reduzierung der bisherigen Altersabminderung für die 55- bis 62-Jährigen würden schlicht zu neuen Ungerechtigkeiten und damit weiter sinkender Motivation bei denen führen, die das Schulsystem seit Jahren am Laufen halten. Zur Zeit arbeitet etwa ein Drittel der rund 32.000 sächsischen Lehrkräfte in Teilzeit. Dieses Potential bleibe de facto bisher ungenutzt, da die freiwillige Mehrarbeit bisher nur für vollbeschäftigte Lehrkräfte gilt.

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