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Opposition kritisiert CDU-Denke: Noch mehr Schmalspur-Bildung statt längeren gemeinsamen Lernens

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    Die „Freie Presse“ in Chemnitz wird von der Spitze der CDU-Fraktion im Landtag gern genutzt für Testballons. Hier verraten ihre Vertreter schon mal vorab, worüber die Fraktion brütet und wie sie sich die Zukunft vorstellt. Diesmal war es ein Vorstoß der Bildungsexperten. Und sie machten deutlich, dass sie gar nicht vorhaben, Sachsen ein modernes Bildungssystem zu geben, das allen Kindern gleiche Chancen einräumt.

    Tief ist die sächsische CDU verwurzelt in Bildungsvorstellungen, die aus dem neoliberalen Ideen-Tank kommen. Dort herrscht die Vorstellung, man könnte Kinder in ihrer Schullaufbahn regelrecht sortieren nach Begabung und Erfolg. Deswegen scheiterte ja bekanntlich schon die „Schulreform“ unter Brunhild Kurth, die monatelang durchs Land tingelte und mit ihren Ideen auf vehementen Widerspruch bei Lehrern, Eltern und Fachleuten stieß. Denn ein elitäres Schulsystem, das die Kinder schon frühzeitig auseinandersortiert, passt zwar zu den neoliberalen Vorstellungen eines Teils der Wirtschaftselite. Tatsächlich aber sorgt es dafür, dass Kinder nur noch eine reduzierte Bildung erfahren und immer mehr zu passenden Werkstücken gemacht werden für einen Arbeitsmarkt, der sie in Wirklichkeit gar nicht braucht. Dazu sind die Qualifikationsanforderungen längst viel zu hoch.

    Das Problem ist nur: Es wäre merkwürdig, wenn die SPD als Juniorpartner diesen seltsamen Weg der CDU mitgeht.

    Was aber hat die CDU-Fraktion laut „Freier Presse“ vom 10. April tatsächlich vor? Vorgesehen ist unter anderem, innerhalb der Schülerschaft stärker zu differenzieren. So soll ein Teil der Schülerinnen und Schüler gezielt auf eine Ausbildung, der andere auf den Wechsel an das Berufliche Gymnasium vorbereitet werden. Ein Konzept dazu liegt bislang weder schriftlich vor, noch ist es mit dem Koalitionspartner SPD abgestimmt.

    Es sieht also wie ein Testballon aus.

    Die Kritik aus der Opposition im Landtag gibt es postwendend.

    „Das ist keine Attraktivitätsoffensive für die Oberschule. Vielmehr werden Bestrebungen, in Sachsen das längere gemeinsame Lernen zu ermöglichen, torpediert. Statt die Schulart tatsächlich zu stärken und aufzuwerten, wird sie weiter geschwächt, indem die Schülerschaft noch stärker ausgesiebt wird. Der vielgepriesenen Durchlässigkeit des Bildungssystems wird damit ein weiterer Riegel vorgeschoben“, erklärt Petra Zais, bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag. „Die vielfältige Schülerschaft stellt die Oberschulen vor Herausforderungen. Entscheidend ist es deshalb, die Oberschulen besser auszustatten, damit lernzieldifferent unterrichtet und den Bedürfnissen aller Schülerinnen und Schüler bestmöglich entsprochen werden kann. Eine Schule, die mehrere Abschlüsse anbietet und Anschlüsse garantiert, ist auch attraktiv für Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte.“

    Ganz falsch ist ja der Ansatz aus ihrer Sicht nicht. Nur so, wie ihn die CDU umsetzen will, gehe es wohl wieder schief, findet Zais. „Eine bessere Verzahnung mit der Wirtschaft ist zu begrüßen. Allerdings warne ich vor einer Fokussierung auf die Verwertbarkeit von Absolventinnen und Absolventen. Natürlich muss die Schule die Berufswahlkompetenz der Schülerinnen und Schüler stärken. Dabei darf aber die grundsätzliche Ausbildungsreife, zu der insbesondere die allgemeine Bildung gehört, nicht zu kurz kommen.“

    Denn tatsächlich geht es ja darum, die Oberschule endlich wieder in eine erfolgreiche und für die Schüler attraktive Schulform zu verwandeln. Das funktioniert nicht, indem sie schon wieder staatlich gegängelt werden.

    „Vor vier Jahren hatte die damalige Tillich-Regierung das Lieblingsprojekt der FDP umgesetzt, die ‚Weiterentwicklung der Mittelschule zur Oberschule‘“, geht die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, Cornelia Falken, auf die Vorgeschichte ein. „Es beinhaltete drei Maßnahmen: Erstens wurden Leistungsgruppen in den Klassenstufen 5 und 6 gebildet, zudem eine zweite Fremdsprache angeboten. Beides sollte den Übergang junger Menschen an das Gymnasium optimieren. Drittens sind seitdem sogenannte ‚Praxisberater‘ im Einsatz, die Schülerinnen und Schüler ‚analysieren‘ und ihnen ein ‚maßgeschneidertes‘ Ausbildungsangebot unterbreiten sollen. Für ihren Einsatz an allen Schulen fehlten schon damals das Geld und mithin die Personalstellen. Diese drei Maßnahmen begrüßte die damalige Kultusministerin als ein ‚passgenaues‘ Angebot. Tatsächlich verschärfte die Oberschule lediglich die Auslese unter den Schülerinnen und Schülern. Es ist kein Wunder, dass so viele junge Menschen ans Gymnasium streben.“

    Gelernt haben die „Bildungsexperten“ in der CDU-Fraktion daraus augenscheinlich nichts. Wieder sieht es nach dem Rezept aus: Wenn es schon jetzt nicht geklappt hat, müssen wir die Sache eben noch einmal verschärfen.

    „Nun will die CDU-Fraktion offenbar diese ‚größte Reform im Schulwesen‘ noch überbieten. Eine bessere Verzahnung mit Wirtschaftsunternehmen, etwa durch mehr Praktika, ist wünschenswert“, sagt auch Cornelia Falken. „Ich erinnere an unseren Vorschlag zur ‚Einführung eines modularen Polytechnikunterrichts‘ von 2008 (Drucksache 4/11066). Aber die beabsichtigte ‚Aufwertung‘ der Oberschule wird vor allem die Auslese der Schülerinnen und Schüler verschärfen. Mit der Wahl zwischen zwei Schullaufbahnen – entweder hin zur Berufsausbildung oder zum beruflichen Gymnasium – und den damit verbundenen Abstrichen am Lehrplanniveau will die CDU de facto zur Hauptschule zurückkehren. Das widerspricht dem berechtigten Ziel, die Oberschule eben nicht zur ‚Ramsch-Schule‘ werden zu lassen.“

    Statt umfassend gebildeter junger Menschen bekäme man auf diese Weise schon frühzeitig auf Schmalspur gebildete Dienstleister.

    Wo da auch nur noch ein Zipfel Begeisterung herkommen soll, hat sich in der Runde der Experten wohl niemand überlegt. Oder es saßen nur Leute in der Runde, die in der Schule niemals Begeisterung am Lernen erlebt haben.

    Cornelia Falken: „Wir lehnen Abstriche am Lehrplanniveau und eine sogar noch tiefere Auslese von Schülerinnen und Schülern ab. Auch eine polytechnische Bildung umfasst ein hohes Allgemeinwissen! Talente können sich nur entfalten, wenn sie dafür genug Zeit haben – deshalb sind Schritte in Richtung längeres gemeinsames Lernen so wichtig. Ich bin gespannt, wie die SPD auf die geplante Abkehr der CDU von der allgemeinbildenden Schulform Oberschule reagieren wird.“

    Aber vielleicht hat Petra Zais Recht mit der Vermutung, dass der Vorstoß vor allem dazu da ist, die landesweite Elterninitiative „Für ein längeres gemeinsames Lernen“ zu torpedieren. Denn wer neue Vorstöße auf ein elitäres Auslesesystem abwehren muss, der hat keine Puste mehr, für ein modernes Schulsystem zu kämpfen, in dem alle Schüler möglichst lange und auf hohem Niveau gemeinsam lernen.

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